Ausgabe 12/2013 - Schwerpunkt Zeitgeist

Nie mehr allein

• Tür auf. Kind rein. Tür zu. Keine großen Absprachen. Weil seine Mutter kurz etwas besorgen muss, hockt Gustav jetzt still auf dem Küchenboden der Nachbarin Ella Carina Werner. Die 36-jährige Buchautorin sitzt zusammen mit zwei Nachbarinnen im Gewusel von fünf Kleinkindern. Auf eines mehr oder weniger kommt es nicht an. „Wir parken unsere Kinder oft gegenseitig beieinander, holen sie bei der Kita ab oder nehmen die anderen mit zum Spielplatz“, sagt Werner und lässt nebenbei Smarties für alle auf den Tisch prasseln. In der Baugruppe gebe es 18 Kinder. „Davon haben wir oft sechs bis acht im Haus.“

Christin Hinrichs, 35, und Projektmanagerin, streichelt die blonden Locken ihrer Tochter, sagt: „Wenn die irgendwo Kuchen schnuppern, stehen die sofort in der Bude.“ In den Neubauten, die Werner und Hinrichs vor einem halben Jahr im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg bezogen, verschwimmen die Grenzen zwischen Privatheit und Gemeinschaft.

Das ist gewollt. Vor vier Jahren schlossen sich 76 Personen zur Baugruppe Neue Hamburger Terrassen zusammen, weil sie sich eine lebendige, familien- und seniorenfreundliche Nachbarschaft in Naturnähe wünschten. Darunter viele junge Familien, kinderlose Paare und einige alleinstehende Senioren. Ein großer Teil der Mitglieder arbeitet in einem gestalterischen Beruf, als Designer, Künstler oder Architekt. „Wir sind schon kompromissbereiter als die meisten Menschen“, sagt Ella Carina Werner. „Eine sozial getrimmte Truppe“, die sich entschieden habe, aus idealistischen Gründen ihre Kinder im armen Wilhelmsburg aufzuziehen, statt bei der Wahl des Wohnbezirks auf „die optimalen Schulen zu schielen“.

Nach Sozialprojekt sieht die Siedlung jedoch nicht aus, im Gegenteil: Das Pariser Architekturbüro LAN Architecture setzte sich mit seinem Entwurf in einem international ausgeschriebenen Wettbewerb durch. Die vier Mehrfamilienhäuser mit Fassaden aus Holzlamellen entsprechen in ihrer Formensprache den aktuellen Trends der Architektur. 2011 begann der Bau der Mehrfamiliensiedlung, seit diesem Frühjahr ist alles fertig. Die um eine Spielstraße gruppierten vorderen Hausreihen bieten ihren Bewohnern aus bodentiefen Panoramafenstern einen unverstellten Blick auf einen malerisch herbstlichen Park mit einem Wasserlauf und einem Schwimmteich. Es gibt Kanäle zum Kanufahren und drei Spielplätze. Gewöhnliche Investoren hätten Makler mit der Aufgabe betraut, die einzelnen Wohnungen der Siedlung als „hochklassige Architektur mit Parkblick“ anzupreisen und für einen möglichst hohen Quadratmeterpreis zu verkaufen. Doch als Investoren fungierten die Baugruppenmitglieder selbst, und auf einen Makler verzichteten sie.

Eine Idee, die immer mehr Anklang findet. Allein in Hamburg haben sich bei der Agentur für Baugemeinschaften 140 Gruppen registriert, die Projekte zwischen drei und 100 Wohnungen realisieren wollen. Durchschnittlich 15 Prozent der Kosten lassen sich so sparen. Schon bei der Finanzierung entstehen Bündelungseffekte, die den Kreditzins senken und gesonderte Tilgungskonditionen ermöglichen. Zudem ist der Quadratmeterpreis ohne die Gewinnmarge des Investors um 500 bis 1000 Euro niedriger. Außerdem machen städtische Zuschüsse und Eigenleistungen wie Bodenverlegen oder Elektroplanung das Eigenheim günstiger.

Für die Bauphase gründeten die Mitglieder der Neuen Hamburger Terrassen eine GbR, die gemeinsam einen ausführenden Architekten und Handwerker beauftragte. Jede Partei konnte den Grundriss des eigenen Heims individuell gestalten. Das Spektrum reichte vom 60 Quadratmeter großen Single-Apartment bis zu dreigeschossigen Wohnungen auf 165 Quadratmetern. Auch Sonderwünsche wie Loggien oder Dachterrassen wurden verwirklicht. In Arbeitsgruppen einigte man sich auf die Standard-Optionen für Türen, Steckdosen und Armaturen. Beim Kauf etwa von Wasserhähnen profitierten so alle vom Mengenvorteil. Für den Fußboden gab es die Wahl zwischen Stäbchenparkett, geschliffenem Beton oder Kautschuk. Gebunden war man an derartige Standards nicht. „Bei Küchen braucht man gar nicht erst versuchen, Einheitlichkeit anzustreben“, sagt die Projektmanagerin Hinrichs.

„Allen gehört alles“ ist out

Manchmal bedeutet Baugemeinschaft aber auch, dass man sich zähneknirschend von eigenen Vorstellungen verabschieden muss. Ella Carina Werner zeigt auf ihre zum Park gelegenen Fenster, die keinen Sichtschutz haben: „Die Baugruppe hat entschieden, an den Nordfenstern keine Rollos zu verbauen – da sind vier betroffene Parteien leider überstimmt worden, weil 15 Parteien davon profitiert haben.“ Am Ende eines diskussionsreichen Abends hätten sich manchmal die Hartnäckigsten durchgesetzt. „Das war oft zäh, manches habe ich nur noch abgenickt.“ Doch das Gesamtergebnis versöhnt: Mit Kosten in Höhe von 2550 Euro pro Quadratmeter liegt die Baugruppe weit unter dem Minimum von 3000 Euro, die man in Hamburg üblicherweise zahlt – und wohnt überdurchschnittlich schön und hochwertig.

„Besser zu bauen als der freie Markt“, sagt Lars Straeter, „das ist eigentlich das Ziel.“ Der 41-Jährige ist Architekt, ein ausgeglichen wirkender Typ mit rötlich schimmerndem Dreitagebart. Er sitzt im Großraumbüro seines Arbeitgebers Conplan. Das Beratungsunternehmen begleitet norddeutsche Baugruppen vom ersten Treffen bis zum Einzug. Straeter ist seit elf Jahren Projektentwickler. In dieser Zeit ist das Büro von sechs auf 18 Mitarbeiter gewachsen – der Beratungsbedarf für Baugemeinschaften ist stark gestiegen, sagt er. Weil die Vorstellung vom ökologischen und gemeinschaftlichen Wohnen sowie der Wunsch, das direkte Umfeld aktiv mitzugestalten, inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien.

Gingen die ersten Baugruppen in den Achtzigern oft aus illegalen Hausbesetzungen hervor, habe sich seit den Neunzigerjahren die Szene immer weiter vergrößert und zudem professionalisiert: „Die Leute wollen heute eine Steigerung von Lebensqualität ohne soziale Experimente. Ein Verein baut ein Haus, und allen gehört alles – das ist out. Das hat historisch nicht funktioniert.“

Gleiches gelte für die jahrelangen Entscheidungs- und Planungsprozesse. Rangen die Gemeinschaften in den Neunzigerjahren noch bis nachts um drei um Konsens und brauchten bis zum Bau oft acht Jahre, werden Sitzungen heute von Profis gesteuert, die mit Zweidrittelmehrheiten und modernen Moderationsmethoden arbeiten. Üblicherweise fallen rund 30 Gruppensitzungen über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren an. So wie Conplan haben sich in Hamburg verschiedene Architekturbüros, das Unternehmen Stattbau und die Lawaetz-Stiftung auf die Begleitung dieses Prozesses spezialisiert. Einige Genossenschaften setzen als Bauträger ebenfalls Konzepte von Gruppen um. Gemeinsames Bauen dauert dank der professionellen Unterstützung nicht wesentlich länger als im Alleingang.

Ab 20 Wohneinheiten entstehen ökonomische Spielräume. Wie viele andere Baugruppen auch nutzen die Neuen Hamburger Terrassen diese für die Einrichtung von Gemeinschaftsflächen. Acht Parteien teilen sich jeweils einen Garten; es gibt eine große Wiese für Grillfeste; mehrere Nachbarn bauten eine Dachterrasse zur gemeinsamen Nutzung. Zum Niedrigenergie-Konzept gehört, dass in einem zentralen Heizungsraum vier mannshohe Motoren brummen, die Gas in Strom und Wärme für die Siedlung umwandeln. Das sogenannte Zuhausekraftwerk beheizt auch die darüber liegende Gemeinschaftswohnung, die von allen sowohl für Besuch aus der Verwandtschaft als auch für das „offene Wohnzimmer“ genutzt werden kann. Einmal im Monat finden dort Lesungen, Filmabende oder Kindergeburtstage statt.

„Ab 160 Wohnungen macht es dann richtig Spaß“, sagt Lars Straeter, der selbst seine Wochenenden in einem Baugemeinschaftsprojekt am Stadtrand verbringt und für sein künftiges Zuhause unter der Woche mit einer zweiten Gruppe gerade eine Schule umbaut. Er blättert durch einen Prospekt mit fertiggestellten Siedlungen, zeigt aufwendig bepflanztes Gelände, eine projekteigene Beerdigungsstätte und schließlich einen 6000 Quadratmeter großen Wildnisspielplatz mit einer 45 Meter langen Seilbahn: „Dagegen ist eine kleine Plastikrutsche im parzellierten Garten doch was für Loser.“

Wegen ihrer Gemeinschaftsorientierung und ihres überdurchschnittlichen Engagements sind Baugruppenmitglieder in vielen Kommunen gern gesehen. Passivhäuser, Siedlungen mit organisiertem Car-Sharing, seniorengerechtes Wohnen, spezielle Wohnformen für Sehbehinderte, schalldichte Musikerhäuser – vieles, was sich Gemeinden neuerdings wünschen, wurde zuerst von den Pionieren verwirklicht. In Hamburg werden sie seit zehn Jahren gefördert. Die Neuen Hamburger Terrassen markieren eine neue Entwicklungsstufe: Sie ist die erste Baugruppe, die nicht aus eigener Initiative, sondern gezielt vonseiten der Stadt initiiert wurde.

2013 richtete Hamburg die Internationale Bauausstellung IBA und die Internationale Gartenschau IGS aus. Weil damit auch der vernachlässigte Stadtteil Wilhelmsburg entwickelt werden sollte, warben IBA und IGS für das Parkgrundstück mit einer gemeinsamen Kampagne um Mitglieder für eine Baugruppe. Junge, mittelständische Familien sollten aus den nördlich der Elbe gelegenen Quartieren zur Umsiedlung bewegt werden. Dadurch ergab sich für die Firma Conplan ein neues Betätigungsfeld. Sie organisierte im Auftrag der IBA die Gruppenbildung und wurde dann von den Mitgliedern als Baubetreuer engagiert.

Indirekt lösen Berater wie Conplan eines der größten Probleme von Baugruppen: In den Innenstadtlagen der Großstädte finden sie kaum Grundstücke. Private Flächen gehen fast immer an große Investoren, schon allein deshalb, weil Banken das aufwendige Geschäft mit Gemeinschaften ungern finanzieren. Die meisten Baugemeinschaften konkurrieren daher um die wenigen, für den Geschosswohnungsbau geeigneten Flächen, die Städte wie Hamburg, München, Stuttgart, Freiburg oder Zürich für sie reservieren.

Die Städte knüpfen die Vergabe jedoch an hohe Umwelt- und Energiestandards sowie an die Umsetzung von Mobilitätskonzepten, Sozialkomponenten oder die Integration von Gewerbeflächen und öffentlich zugänglichem Gelände. Beim Bundesverband Baugemeinschaften e.V. begrüßt man das steigende Interesse der Kommunen, warnt aber vor einer „sozial- und wohnungspolitischen Überfrachtung“. Den Gruppen fehle zunehmend die Expertise, die komplexer werdenden Auflagen allein zu bewältigen.

„Immer öfter entwickelt sich eine Baugemeinschaft rund um ein verfügbares Grundstück“, sagt Straeter. „Die Initiativen, denen es um die Verwirklichung einer gemeinsamen Idee geht, werden weniger.“ Ein Grundstück gibt es oft nur durch die Hilfe der Beraterbüros: Conplan etwa akquiriert in Vorleistung städtische Flächen, kümmert sich gegen geringe Gebühr um die Bewerbung – und wird bei Erfolg als Baubetreuer engagiert.

Demokratie pur

Darum hat Straeter an einem lauen Oktoberabend vierzehn Menschen in den Keller von Conplan eingeladen. Etwa die Hälfte sind Vertreter der Generation 50plus, die sich zum Verein „Gemeinsam älter werden“ zusammengeschlossen haben. Sie wollen ein Heim, das nicht nur barrierefreies Duschen und eine Gemeinschaftswohnung für Pflegepersonal bietet, sondern vor allem eine starke und aktive Nachbarschaft mit jungen Familien. Die machen die andere Hälfte der Besucher im Keller von Conplan aus: Vertreter der Baugruppe „Die Bake“.

Die Beratungsfirma hat die beiden Baugruppen aus einem Pool von Interessierten ausgewählt. Straeter möchte ihre Bewerbung in Kooperation mit anderen Baugruppenbetreuern, einer Genossenschaft und einem Projektentwickler einreichen. Es geht um ein Grundstück in der prestigereichen Hamburger Hafencity, um eine seltene Chance auf ein innerstädtisches Großprojekt. Auf ehemaligen Hafenflächen sollen 160 Wohnungen entstehen. Dafür treibt Straeter die Gruppe an diesem Abend durch einen straff organisierten Themenplan: Eigentumswohnungen und sozialer Wohnungsbau sollen unter ein Dach; der Kooperationspartner fragt, ob „Gemeinsam älter werden“ ein Patenprogramm für alleinerziehende Mütter übernehmen will. Und wie sieht es mit Elektroautostationen in der Tiefgarage, einer bepflanzten Dachterrasse mit Gemeinschaftsbar und einem öffentlich zugänglichen Biokistenlagers aus?

Souverän fängt Straeter aufflammende Diskussionen um vorläufige Grundrisse und Liftschachtanordnungen ab, erklärt nebenbei Fachbegriffe wie TGA-Planung und Rettungstreppen, weist auf notwendige Entscheidungen angesichts der Planungsabläufe hin und regt Ideen für Gemeinschaftsräume an. Trotzdem nimmt nach zwei Sitzungsstunden das private Getuschel unüberhörbar zu. Als ein Vertreter des Vereins „Gemeinsam älter werden“ bereits zum zweiten Mal die „Gretchenfrage“ stellt, blickt sich ein Mitglied der „Bake“ hilfesuchend um. Zwei Frauen greifen zu ihren Jacken und verlassen stumm den Raum.

„Dieser Prozess ist Demokratie pur“, freut sich Straeter später. „Viele Leute müssen erst mal lernen, einander ausreden zu lassen, Rednerlisten einzuhalten und vor allem, auch mal überstimmt zu werden.“ Dieses Wissen um die Selbstorganisation bliebe auch dann, wenn sich Conplan als Moderator längst zurückgezogen habe. In Straeters Lieblingsprojekten „Allmende“ und „Wilde Rosen“, zwei dorfähnlichen Wohnanlagen mit rund 500 Bewohnern, haben sich die Bewohner sieben Jahre nach Einzug drei Gemeinschafts-Ponys organisiert, sie betreiben einen Zirkus, einen Elektroauto-Carpool und einen regen Tauschring, in dem sie gegenseitige Dienstleistungen mit der eigens geschaffenen Währung „Rosentaler“ bezahlen. Sogar ein Sozialfonds für in finanzielle Not geratene Nachbarn wurde ins Leben gerufen. Straeter strahlt, sagt: „So etwas kann man nicht kaufen.“

Gemeinsam stark

Wer über drei Jahre hinweg in langen Sitzungen das Aushandeln gelernt hat, ist auch für Krisen besser gewappnet. Eine solche erlebt gerade die Baugruppe Neue Hamburger Terrassen: Elf Parteien aus zwei Häusern mussten teilweise nur einen Monat nach Einzug aus ihren Wohnungen flüchten, weil die Wände schimmelten; ihre frisch verfliesten Küchen wurden aufgerissen.

„Das ist unsere erste richtige Krise seit dem Einzug“, sagt Christin Hinrichs. „Das Schöne ist aber, dass wir gelernt haben, konstruktiv zu bleiben.“ Einige der unfreiwillig Ausgezogenen kamen in Gästezimmern der Nachbarn und in der Gemeinschaftswohnung unter. Zwei Nachbarinnen packten Care-Pakete, ein anderer kontrolliert abends für alle, ob die Baustellen gesichert sind. Zwar deckt die Versicherung den Schaden. Aber alle müssen nun, anteilig je nach Größe ihrer Wohnung, eine rund 100 000 Euro teure Drainage nachfinanzieren.

Ein herkömmlicher Investor deckt derlei unvorhergesehene Kostensteigerungen beim Bau aus seiner Gewinnmarge – bei Baugruppenmitgliedern, „die wenig Puffer eingeplant haben, wird es hingegen eng“, sagt Hinrichs. Einige der besser gestellten unter ihnen erwägen, ihnen im Fall von Zahlungsunfähigkeit Privatkredite zu geben. „Wir wollen alle verhindern, dass jemand ausziehen muss, weil ihm auf den letzten Metern der Atem ausgeht“, sagt Hinrichs.

Die Projektmanagerin tritt auf die Straße. Einige Kinder bemalen den Asphalt mit bunter Kreide, andere schieben auf Inlineskates eine Schubkarre umher. Zwei ausquartierte Nachbarn stehen zusammen und beobachten die Bauarbeiter. „Wäre mir das alleine passiert, ich hätte die Krise bekommen“, sagt der eine. „Tja“, sagt der andere, „wir teilen eben nicht nur die Kosten, wir teilen auch den Stress.“ ---

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