Ausgabe 11/2013 - Kolumne

Manfred Klimek Kolumne

Der Wein der Weisen - Ganbei!

• Ich steige nur selten in Flugzeuge, weil ich sicher bin, dass mehrere Hundert Tonnen Stahl auch mithilfe domestizierter Raketen nicht fliegen können. Mit dieser Gewissheit ertrage ich nur Kurzstrecken. Und die auch nur mit Medikamenten, die aus mir ein willenloses Nichts machen.

Nach Amerika fuhr ich mit dem Schiff. Ungelogen! Und in den Iran mit dem Zug. In China war ich noch nie. Da fährt zwar auch ein Zug hin, doch das testosterongeschwängerte Putin-Regime hat den wunderbaren altsowjetischen Funktionärs-Schlafwagen abgeschafft. Den mit Bad und Toilette im Abteil. Jetzt liegt man auf harten grünen Pritschen, und die hygienischen Verhältnisse gleichen jenen im Balkan-Orient-Express der späten Siebzigerjahre. Das tue ich mir dann doch nicht an.

Aber irgendwann muss ich nach China. Ich beobachte ein chinesisches Weinunternehmen namens Changyu, das es schon seit 1892 gibt und das den letzten Kaiser, die marodierenden Japaner und auch die maoistische Kulturrevolution überlebt hat. Merke: Auch die größten Verbrecher wollen saufen (außer der aus Braunau), Alkoholverbote werden immer nur von gottgefälligen Puritanern ausgesprochen, und erst die Prohibition ließ die Mafia eine Weltmacht werden.

Die Chinesen trinken Alkohol, um dem allgegenwärtigen Druck zu entkommen. Unterordnung, Fetisch und Tausende Verpflichtungen machen das Leben des gemeinen Bürgers tagtäglich zur selbstlosen Herausforderung. Deswegen trifft er sich nach Sonnenuntergang gern zum Abspannen mit Freunden aus dem geschäftlichen Umfeld und kippt gleich zu Beginn des gemeinsamen Essens mehrere Schnäpse auf ex. Die Welt, sie soll verschwinden.

Das klingt tragisch. Und ist es auch. Trinken in China heißt die Bewusstlosigkeit suchen. Schnell. Das ist bislang das einzige Ziel der Alkoholisierung. Trotzdem soll China so etwas wie eine Weinkultur bekommen. Dafür sorgt Sun Liqiang, der Chairman von Changyu, der seinen Landsleuten die Bräuche der Europäer einbläuen will. Uns Europäern hingegen will er zeigen, wie großartig chinesischer Wein schmecken kann. Das geht nur in Schritten.

Sun Liqiang lädt zum ersten Schritt in ein chinesisches Restaurant in Düsseldorf. Mit ihm kommt seine Entourage, ohne die sich Mr. Chairman nicht außer Landes begibt. Die Begleiter sollen erzählen, wie weit es Sun Liqiang gebracht hat, wie angesehen er im Ausland ist, wie respektvoll ihm seine Gesprächspartner begegnen.

Man sitzt im Rund am Tisch, Weinhändler, -makler und -journalisten, eine Platte mit Speisen kreist, und jeder nimmt sich runter, was er essen will. Aufgegessen wird nicht, denn das bedeutet, dass der Gastgeber zu wenig aufgetragen hat. Die Chinesen wissen inzwischen, dass der Deutsche keine halb vollen Teller zurückgehen lassen kann und sehen darüber hinweg, obwohl es einen Gesichtsverlust darstellt, die wohl größte Sünde.

Überhaupt Gesichtsverlust: Der droht dauernd. Politische Belehrung: Gesichtsverlust. Ansprechen der Menschenrechte: Gesichtsverlust. Kritik an der Louis-Vuitton-Rolex-Kopierindustrie: Gesichtsverlust. Am Tisch sitzt heute auch ein Deutscher, der in China Wein macht. Seine Spitzenkreation wird sich am Ende des Abends als die beste herausstellen. Gesichtsverlust. Leider weiß er von seiner Überlegenheit und erklärt die Gründe, ohne gefragt worden zu sein. Also: sauber arbeiten, die Leute mehr fordern, mehr auf die Böden achten, die Fässer selber mitbringen. Gesichtsverlust. Ich beende den Horror mit einem Trinkspruch.

Überhaupt Trinkspruch: Der chinesische Toast ist tradierte Trinkkultur und verschafft den Anwesenden die Gelegenheit, etwas schneller gesellig zu werden. Ich trinke auf „das Gedeihen der chinesischen Provinzen“ (da macht man nichts falsch), alle heben ihre Gläser und lassen sie in der Mitte zusammenkrachen. Dazu schreien wir „Ganbei“ und stürzen den Wein mit einem Schluck hinunter. Das macht man mit Plörre genauso wie mit einem Château Latour, Jahrgang 1961. Die Welt, sie soll verschwinden. Ist sie weg, droht kein Gesichtsverlust.

Chairman Liqiang wiederholt das Ritual von nun an jede Viertelstunde. Und weil bei ihm und seiner Entourage das für Saufgelage überlebenswichtige Enzym Aldehyddehydrogenase 2 nicht richtig arbeitet, sind sie nach drei Ganbeis schon ordentlich breit. Nach dem fünften dämmern sie ein. Schulter an Schulter. Das sieht niedlich aus: Chinesen, die leise schnarchend, aneinander lehnend ihren Rausch in Windeseile ausschlafen. Wer jetzt Fotos macht und sie in sozialen Netzen teilt, kann sich seinen Millionenauftrag an den Hut stecken. Gesichtsverlust.

Der Konzern Changyu hat mehrere Weingüter in vielen chinesischen Provinzen. In die Mitte jedes dieser Weingüter hat die Firma ein Schloss hingestellt. Über die Schönheit und Zweckmäßigkeit dieser Neuschwansteins sollte man nicht zu diskutieren beginnen. Gesichtsverlust.

Toast und prost!

Sun Liqiang hat sich für den langen Marsch nach Westen einen Österreicher an seine Seite geholt: Laurenz Moser V., genannt Lenz, Abkömmling einer großen Weinbaufamilie. Der dritte Moser erfand die in unseren Breiten übliche Hochkultur der Rebenerziehung und prägte so das europäische Landschaftsbild.

Wer einen solchen Verbündeten hat, ist auf dem richtigen Weg, denn die konfuzianische Lehre schreibt vor, dass man Älteren und Weisen stets gehorchen soll. Moser ist zwar nicht alt, er zieht sich mitunter auch nicht ehrenwert an (lila Hosen). Doch Moser ist ungemein taktvoll (Österreicher eben), verkörpert die europäische Weinbau-Tradition und erklärt diese in ruhigen und bedachten Worten. Tradition macht in China immer großen Wind, eine Person, die Tradition teilen will, ist ungeteilt beliebt. Doch kann Mosers Rat in China Berge versetzen?

Zum Beweis stellt Chairman Liqiang mehrere Jahrgänge Changyu-Weine auf den Tisch. Und es ist erschreckend, wie schnell die chinesischen Önologen Fortschritte machen. In den Kellern der barocken Märchenschlösser wird erstaunlich guter Wein gekeltert, die Eisweine aus dem Norden kann man sensationell nennen. Weil die Weine so gut sind, wird die Hälfte mit Ganbei geleert. Die andere Hälfte trinken alle, bei denen das Enzym arbeitet, in Ruhe zur Neige. Dann wachen Mr. Chairman und seine Entourage auch wieder auf und verlangen neue Flaschen.

Die Deutschen neigen bei solchen Treffen gern zum Niedermachen des eigenen Landes. Das steht oft im krassen Gegensatz zu der stets unterschwellig betonten kulturellen Überlegenheit. Ein namhafter Weinkritiker erzählt dem Vize von Chairman Liqiang jetzt hinter vorgehaltener Hand, dass auch Deutschland wieder eine Partei brauche, die all die faulen Menschen zur Arbeit zwinge. „Hahaben Siehi ihin Deuheutsland keiheine kohommunistische Parteihei?“, fragt der Vize. „Doch“, sagt der Deutsche, „aber die wollen, dass alle Menschen Geld ohne Arbeit bekommen.“ „Dahas ihist nicht kohommunistisch“, erklärt der Vize. „Dachte ich’s doch“, bemerkt sein inzwischen knallrot angelaufenes Gegenüber, dreht sich zu einem anderen Deutschen um und schreit: „Der Chinese da sagt, die Linke ist gar nicht kommunistisch.“ Gesichtsverlust.

Beliebt ist auch der Hinweis, dass „die Chinesen“ in zehn Jahren alle überholen werden. Wieder drängt sich ein Medienmitarbeiter in die Mitte der Kommunikation. „Da wird sich der Amerikaner noch wundern! Was sagen Sie, Mister Yang?“ Der blickt zu Boden und schweigt. Später fragt er mich, ob alle Deutschen Amerika hassen. Jetzt schaue ich zu Boden und schweige. Gesichtsverlust.

Wie geht das weiter mit dem chinesischen Wein? Der Fragende gehört zur Botschaft der Volksrepublik China in Berlin. Ich versuche die üblichen Umschreibungen, damit ich ja in kein Fettnäpfchen trete. „Es werden sich Wege finden, dass die großen Weine des großen Chairman Liqiang ihren Weg nach Europa und Deutschland finden. Und viele Millionen Chinesen werden sich freuen, wenn sie die einfachen und wunderbar geradlinigen Kreationen von Changyu trinken dürfen.“ Die Augen meines Gesprächspartners werden noch schmaler. „Darauf trinken wir. Aber Ganbai. Die ganze Flasche.“ Besinnungsverlust? Here we go! ---

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