Ausgabe 08/2013 - Schwerpunkt Privat

Bargeldloses in Schweden

Total durchsichtig

• Von Banken geht selten eine Revolution aus. Genau das aber kann man derzeit in Schweden erleben. Dort beenden wichtige Geldinstitute das Bargeldgeschäft in immer mehr ihrer Filialen – und die Bevölkerung zieht mit, als wäre das ein längst überfälliger Schritt. Ganze Regionen haben sich dem Umsturz bereits angeschlossen. Münzen und Geldscheine verschwinden aus Linienbussen. Geschäfte verweigern die Annahme von Barem. Und das Abba-Museum in Stockholm proklamiert: „Wir können und sollten die erste bargeldfreie Gesellschaft der Welt werden.“

Was ist da los, haben wir Niklas Arvidsson gefragt, Dozent an der Königlich Technischen Hochschule KTH und Autor der Studie „The Cashless Society“, die von der Forschungsstelle des Handels und einer Bank in Auftrag gegeben wurde.

brand eins: Schafft Schweden das Bargeld ab, Herr Arvidsson?

Niklas Arvidsson: Darauf könnte es hinauslaufen. Allerdings nicht ganz so schnell, wie man gelegentlich meint. Richtig ist: Die Verwendung von Bargeld nimmt kontinuierlich ab. Die Schweden zahlen viel bereitwilliger mit Karte als die Deutschen oder Südeuropäer. Bei uns werden mittlerweile selbst kleine Summen für ein Eis oder einen Kaffee elektronisch beglichen. Vor Kurzem dachte man noch, die Karte werde erst bei Preisen ab etwa 70 Kronen (8 Euro) eingesetzt. Jetzt dürfte die Grenze bei 20 Kronen (2,30 Euro) liegen. Nach 2030 könnte es mit dem Bargeld vorbei sein. Dann haben wir eine Gesellschaft, in der kaum noch bar bezahlt wird. Es wird einen „tipping point“ geben, an dem Bargeldverkehr zu aufwendig wird.

Liegt es nur daran, dass das Bezahlen mit Karte so praktisch ist?

Das spielt zweifellos eine wichtige Rolle. Aber noch haben wir es nicht mit der Generation zu tun, die quasi mit dem Mobiltelefon in der Hand geboren wurde. Die hat nicht mehr das emotionale Verhältnis zu Banknoten und Münzen wie noch ihre Eltern. Und sie wächst in einer globalisierten Welt auf. Doch weit stärker als von den Verbrauchern wird die Entwicklung von den Banken vorangetrieben. Die versuchen schon seit den Neunzigerjahren, ihren Kunden das bargeldlose Geschäft schmackhaft zu machen. Geldautomaten und Karten sind für sie billiger als Kassen, an denen ein Mensch steht, der bezahlt werden muss. Außerdem dürfen Banken für den bargeldlosen Zahlungsverkehr Gebühren erheben, für das Auszahlen von Münzen und Banknoten aber nicht. Auch deshalb wollen Banken, dass die Kunden ihr Bargeld nur noch „smart“ einsetzen – „kontantsmart“ sagt man in Schweden, „kontant“ bedeutet Bargeld.

„Jeden Tag werden mehr als 26 Überfälle begangen“, heißt es auf der Internet-Seite einer Bank. „Wenn wir die Bargeld-Menge in der Gesellschaft verringern, wird es sicherer für alle.“ Oder: „Der Transport von Münzen und Zetteln belastet die Umwelt. Allein die Swedbank-Transporter stoßen 700 Tonnen Kohlendioxid aus.“ Das klingt nach Kampagne. Der zugehörige Film zeigt Räuber beim Überfall auf einen Shop.

Das sind ja auch Kampagnen. Wobei die Banken nicht die Einzigen sind, die das Thema vorantreiben. Eine Zeit lang machte etwa eine Kampagne namens „Kontantfritt Nu“ (Bargeldfrei - jetzt!) von sich reden. Dahinter standen eine Gewerkschaft für Angestellte der Finanzbranche, „Finansförbundet“ und die Lobbyorganisation „Svensk Handel“. Ähnliche Kampagnen gibt es auf lokaler Ebene mit „Kontantfritt Uppsala“ oder „Kontantfritt Landskrona“. Auch die Polizei ist dafür. Dass sich die Steuerbehörden für das Thema interessieren, liegt auf der Hand. Der bargeldlosen Gesellschaft fällt der Kampf gegen Schwarzarbeit und die organisierte Kriminalität leichter. Oder anders: Solange man am Bargeld festhält, kommt die Gesellschaft für die „social costs“ auf.

Wie verlief die Debatte, die von diesen Kampagnen angestoßen wurde?

Im Grunde recht verhalten. Die Öffentlichkeit hat das Thema vor allem im Zusammenhang mit einem spektakulären Überfall in Stockholm beschäftigt. Die Täter kamen mit einem gestohlenen Hubschrauber, wie im Film. Sie stürmten ein Bargeld-Depot in Västberga und luden säckeweise Geld ein. Danach flackerte das Thema Bargeld und Sicherheit ein bisschen auf. Sonst aber blieb es still. Die Politik hält sich zurück. Vielleicht liegt es daran, dass man ja noch immer an Bargeld herankommt, und sei's nur dank der Supermärkte. Die bevorzugen zwar ebenfalls das elektronische Bezahlen. Sie nehmen aber Bargeld an, solange der Kunde es will. Auf Wunsch zahlen die Supermärkte sogar Bares aus, um nicht zu viel Cash in den Filialen zu haben. Sie sind eine Alternative zum Geldautomaten.

Durch Umstellung auf Kartenzahlung an digitalen Terminals lässt sich ein wichtiger Teil des Privatlebens eines Menschen durchleuchten. Gab es bisher Lücken, so schließt sie nun das System. Bald wird jeder Taxifahrer verdächtig sein, der auf Barzahlung besteht.

Wir Schweden sind neuen Techniken gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir vertrauen dem Staat, den Behörden und im Grunde auch den Banken. Da sind wir trotz allem sehr loyal. Auf die Idee der bargeldlosen Gesellschaft haben wir daher zunächst sehr positiv reagiert. Wenn es Kritik gibt, hat sie nicht mit der Furcht vor dem Überwachungsstaat zu tun, sondern mit dem Leben auf dem Lande, wo die IT-Infrastruktur und die Mobilfunknetze noch nicht gut genug ausgebaut sind. Dort wären die Leute aufgeschmissen, würde der Bargeldverkehr ausgeschlossen. Das beginnt mit dem kleinen Einzelhändler, der seine Tageseinnahmen irgendwo einzahlen möchte. Und natürlich die Senioren, die mit der neuen Technik nicht umgehen können. Sie protestieren. Sie sind es gewohnt, ihr Geld unter das Kopfkissen zu legen.

Es gibt gar keine Sorgen vor totaler Kontrolle?

In Schweden bekommt jeder bei der Geburt eine "Personnummer", die Behörden und Firmen beim Abgleich von Daten hilft. Die Eckdaten der Steuererklärung sind transparent. Wir sind ein Rechtsstaat mit klaren Regeln. Deshalb, glaube ich, ist die Gruppe von Kritikern sehr klein, die vor einer Überwachung der Gesellschaft warnt und das Bargeld verteidigt. Sie ist heute vermutlich noch kleiner als damals, als die schwedische Polizei umfassende Rechte zur Überwachung des E-Mail- und Telefonverkehrs erhielt. Die Kritik am bargeldlosen Geschäft entzündet sich eher daran, dass man öffentliche Toiletten nicht mehr mit Münzen bezahlen kann. An den Gebühren, die der Handel an die Banken zahlen muss. Oder an mobilen Bezahlsystemen, die manchmal noch etwas umständlich zu bedienen sind. Die bargeldlose Gesellschaft muss sicherstellen, dass ein jeder in jeder nur vorstellbaren Situation ein Zahlungsmittel verwenden kann, das funktioniert. Das ist nicht leicht.

Wie sehen Sie persönlich die bargeldlose Gesellschaft?

Solange wir in einer Demokratie leben, kann man das akzeptieren. Ich verfolge die Entwicklung durchaus fasziniert, weil sie zum Beispiel innovative Kartenleser hervorbringt, die es jedem per Tablet oder Smartphone ermöglicht, Zahlungen entgegenzunehmen. So kann man dann zum Beispiel den Babysitter bezahlen. Oder den Straßenkünstler, theoretisch. Aber mit der Vorstellung von einer bargeldlosen Gesellschaft müssen eben auch die Risiken diskutiert werden. Einem Staat, der kein Geld mehr druckt oder prägt, kann die Kontrolle über das Zahlungssystem entgleiten. Und spätestens mit dem Internet und den Smartphones, mit denen ja zunehmend bezahlt werden soll, gibt es neue private Akteure wie Google, das eigene Bezahlsysteme entwickelt. Damit stellt sich auch hier die Vertrauensfrage.

Ist die nicht sowieso unvermeidlich, schon mit Blick auf die Sicherheit bei Transaktionen? In Geschäften und Banken mag es ohne Bargeld weniger Überfälle geben. Im Internet aber breitet sich die Kriminalität weiter aus.

Natürlich gibt es auch in der digitalen Welt viel Kriminalität. Die Polizei aber kann dem Verbrechen hier eben auch viel besser auf die Spur kommen. Sollten wir schlechte Erfahrungen machen, müssen wir die Entwicklung stoppen. Aber dazu sehe ich derzeit keinen Anlass.

Wird es nicht alternative Währungen geben, wenn das Bargeld verschwindet? Dann handelt man einfach wieder mit Zigaretten. Oder Alkohol. Oder Dienstleistungen.

Ja, besonders wohl mit Dienstleistungen. Aber natürlich auch mit jeder Art von Waren, die man herumtragen kann. Was genau passieren wird, ist schwer vorauszusagen. Es gibt Leute, die gerade sehr viel von virtuellen Währungen wie Bitcoin reden. Ich kann mir vorstellen, dass eines Tages auch Zugangszeiten zum Mobilnetz oder Internet zum Zahlungsmittel werden.

Und wie zahlen Sie selbst mittlerweile?

Das Taschengeld meiner beiden jüngsten Kinder zahle ich noch bar aus; die größere Tochter bekommt es per Überweisung. Bei Festen und Flohmärkten im Ort und beim Sport zahle ich bar und bei den meisten Gemüsehändlern auch. Wie gesagt: So wird es noch eine Weile bleiben. Sonst würde die schwedische Reichsbank nicht in diesem Herbst noch neue, fälschungssichere Kronenscheine herausbringen. In Italien, wo ich gerade eine Zeit lang war, hätte ich meinen Kaffee schon ganz gerne einfach mit Karte bezahlt wie in Schweden. Überhaupt Europa. Da ist viel mehr Bargeld im Umlauf als in Schweden, und gerade in Krisenzeiten halten sich die Menschen daran fest. Einige Krisenstaaten wie Irland beginnen nun zwar auch hier mit Reformen, sie zahlen zum Beispiel ihr Arbeitslosengeld nicht länger bar aus. Auch die EZB redet von den Kosten des Bargeldverkehrs. Aber in Europa ist der Weg zur bargeldlosen Gesellschaft noch weit. ---

Ein Sprecher der Swedbank beteuert auf Anfrage, man sei nicht auf die völlige Abschaffung des Bargeldes aus: "Wir wollen nur die negativen Auswirkungen verringern." Das klingt beruhigend. Doch die Entwicklung ist rasant. Die Handelsorganisation Svensk Handel teilt mit: "Ein Problem ist, dass viele Banken in Schweden kein Bargeld mehr annehmen. Kredit- und Bezahlkarten stehen für mehr als 70 Prozent aller Bezahlungen. (...) Wir glauben, dass künftig immer mehr Geschäfte die Annahme von Bargeld verweigern werden." Eine lokale Initiative erklärt: "Wir setzen die Kampagne 'Bargeldloses Landskrona' fort. Wir werden uns unter anderem anschauen, wie man im Vereinsleben den Bargeld-Einsatz verringern kann." Die Idee stammt aus Kalmar. Weitere Initiativen gibt es zum Beispiel in Uppsala, Luleå, Helsingborg, Borås, Svalöv und Bjuv. Und in einer deutschen Zeitung lesen wir: "Mit Bedauern spricht der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der privaten Banken vom langsamen Wachstum unbarer Zahlungsarten. (...) Die Banken sollten künftig die Kosten der Bargeldwirtschaft transparenter machen und sich auch nicht scheuen, dafür Preise zu stellen: "Es muss das Bewusstsein geschaffen werden, dass Geld Geld kostet." Vermutlich werden auch sie bald von den "social costs" und von der Sicherheit reden.

Die "Polizeiliche Kriminalstatistik" 2012 des Bundeskriminalamtes erfasste für Deutschland unter dem Stichwort "Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer" 48711 Fälle, darunter 202 Überfälle auf Banken, 4748 Überfälle auf Geschäfte und 808 Überfälle auf Tankstellen.

Was wir in der bargeldlosen Gesellschaft vermissen werden: das Sparschwein, das Kleingeldklingeln, die Münzmotive, die Sammelbüchsen, den Zehner von Opa, die Freude über einen unerwartet gefundenen Geldschein. Und vielleicht ein Stück Freiheit.

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