Ausgabe 10/2013 - Schwerpunkt Normal

Ganz normale Leute

• Normal ist, was wir dafür halten. In der Regel ist es das, was wir kennen oder mit den meisten Menschen unserer Umgebung teilen. Normalität ist beruhigend, wir müssen nicht über sie nachdenken, sie ist so selbstverständlich, dass wir sie kaum wahrnehmen. Ihre Voraussetzungen bleiben in der Regel unausgesprochen. Hier berichten vier Medienmacher darüber, wie sie Bilder der Normalität herstellen.

Der Drehbuchautor

Nirgends ist Deutschland so beruhigend normal wie im Vorabendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Damit das so bleibt, geben sich die Verantwortlichen große Mühe, jede Irritation zu vermeiden. Martin Muser schreibt seit acht Jahren Drehbücher, für eine wöchentliche ZDF-Serie waren es fast 40 Folgen. Daneben hat er als Drehbuchberater und als Co-Autor für Kinofilme gearbeitet. Hier seine Analyse der ungeschriebenen Gesetze des Vorabendprogramms.

„Es ist klar, dass bestimmte Themen nicht vorkommen dürfen: Prostitution, Politik, Menschenhandel, Kindesmissbrauch. Mord ist überhaupt kein Problem. Bei einer neuen Serie war die Frage, ob im Titel das Wort Mord auftaucht oder das Wort Totschlag. Totschlag ging nicht, es hieß, das klinge zu brutal, weil es so konkret sei. Mord klingt als Genrekonvention eigentlich nett: ,Mord mit Aussicht‘, ,Heiter bis tödlich‘.

Behinderte zu zeigen wäre theoretisch möglich, scheitert aber am erhöhten Drehaufwand, das Gleiche gilt für Kinder. Alles, was mehr Drehzeit bedeutet, fliegt raus. Ehebruch ist möglich, auch Themen wie Altersarmut, Arbeitslosigkeit oder Drogen. Ich erinnere mich an eine Folge, in der eine im Alter verarmte Apothekengehilfin anfängt, Drogen herzustellen. Aber das Bild der Altersarmut war genretypisch weichgezeichnet. Besetzt war die Figur mit einer höchst adretten, gepflegten Schauspielerin, der man keine Form von Verlebtheit oder Verzweiflung angesehen hat. Sie wohnte in einem malerischen Haus mit Blick aufs Meer. Es soll ja schön aussehen. Daran scheitern in Vorabendserien oft Versuche, prekäre Milieus zu zeigen. Sie dürfen zwar im Drehbuch vorkommen, aber die Umsetzung sieht dann nach Idyll aus.

Rechtsradikale dürfen nach 20 Uhr vorkommen, aber nur als Einzeltäter, deren Verbrechen wie die anderer Krimineller sauber aufgeklärt werden. Am Vorabend gehen Nazis oder Skinheads eigentlich nicht, dann heißt es: Wir schaffen es nicht, der Problematik in 45 Minuten gerecht zu werden. Soziale Konflikte zu zeigen ist möglich, ein gemobbter Arbeitnehmer, der im Affekt seinen Chef umbringt, vorabendtauglich. Der deutsche Fernsehkrimi erzählt ja immer die Wiederherstellung der Ordnung, das macht ihn so beruhigend. Die Störungen der Ordnung sind überschaubar, und am Ende ist wieder alles Harmonie. Was da gezeigt wird, fühlt sich nach der Bundesrepublik der Fünfzigerjahre an.

Im deutschen Fernsehkrimi, erst recht am Vorabend, wird die Dichotomie gut–böse, Ordnung–Störenfried, Normalität–Abweichung konsequent durchgehalten. In der Sphäre der Polizei ist alles gut, es gibt keine moralischen Ambivalenzen. Korrupte, gewalttätige, unfähige, süchtige Polizisten kommen höchstens als neu eingeführte Nebenfiguren vor, die dann enttarnt werden, nie als Stammfiguren der Serie. Es wäre unmöglich, dass wie in der US-Serie ,The Wire‘ die Grenzen zwischen Polizei und Verbrechen verschwimmen, das geht auch im ,Tatort‘ nur ganz selten.

Einerseits zeigt der deutsche Fernsehkrimi ein gemütliches Land, andererseits gibt es immer wieder berechtigte Kritik von Staatsanwälten und Richtern, die monieren, dass die Polizei in Fernsehkrimis geltendes Recht mit Füßen tritt. Ermittler nehmen Leute willkürlich fest, bedrohen Verdächtige und Zeugen, durchsuchen spontan Wohnungen, arbeiten mit brachialen Verhörtechniken. In der Fiktion ist es offenbar kein Problem, wenn der Rechtsstaat mal brutal wird. Das wird als normal empfunden, weil es ja im Dienste des Guten geschieht.

Der Zwang, dass sich am Vorabend alles gut weggucken lassen muss, zerstört Erzählmöglichkeiten. Alles, was brüchig oder ambivalent ist, lässt sich nur sehr schwer durchsetzen. Natürlich haben die Sender Besetzungslisten, es wird klar gesagt: ,Nein, das ist kein ZDF-Vorabendgesicht‘, ,Das ist kein Sat.1-Gesicht.‘ Ich kann diese glatten Fernseh-Fressen nicht mehr sehen. Ich hätte gerne Schauspieler mit Gesichtern, die auch von ihrem Leben gezeichnet sind. Gelegentlich gibt es Ausnahmen, aber die werden dann auch gerne klischeehaft eingesetzt.

Was sich im Vergleich zu den Siebzigern geändert hat, ist, dass es in den Serien selbstverständlich weibliche Polizisten gibt. Trotzdem empfinde ich die Darstellung von Geschlechterbeziehungen, gerade im öffentlich-rechtlichen Vorabend, als extrem verkürzt. Der Klischeetypus der ,starken Frau‘ wird inflationär eingesetzt. Sie müssen stereotyp an einem Punkt schwach sein, in ihrer ganzen Stärke warten sie am Ende doch wieder nur darauf, dass der Märchenprinz auf dem weißen Pferd angeritten kommt.

Zu den unausgesprochenen Regeln gehört immer noch, dass Homosexualität praktisch nicht vorkommt, und wenn, dann nicht als die Normalität, mit der sie heute in der Gesellschaft weitgehend gelebt und wahrgenommen wird, sondern immer als irgendwie exzentrische, seltsame Abweichung. Dass einer der Ermittler im Team mit einem Mann verheiratet ist, ohne dass das groß zum Thema gemacht wird, ist unmöglich. Wenn ich so eine Figur in ein Drehbuch schreibe, kommt von der Redaktion die Reaktion: Wir wollen das nicht, man müsste viel zu viel über diese Figur erklären, dafür fehlt uns in diesem Format die Zeit, außerdem sitzen Kinder vorm Fernseher. Die betuliche ,Lindenstraße‘ ist da eine Ausnahme.

Auch Migranten kommen eher nicht selbstverständlich vor, immer muss dann erklärt werden, wo kommt der her, weshalb ist der hier. Figuren wie der türkische Gemüsehändler kommen vor, aber dann als etwas buntere Farbe, nicht als Selbstverständlichkeit. Bei Figuren, die von der weißen, deutschen, heterosexuellen, monogamen Normalität abweichen, haben die Verantwortlichen immer das Gefühl, dass sie ein ganz besonderes Augenmerk darauf richten müssen, damit diese Abweichung auch ja genau und deutlich erklärt wird, weil sie sonst vielleicht für Irritationen sorgen könnte. Ab und zu gibt es Ausnahmen, wenn ein Schauspieler besetzt wird, der offensichtlich ausländischer Herkunft ist, ohne dass das zum Thema gemacht wird. Das macht die Figuren oft interessanter.

Es müsste eigentlich immer so sein, dass der Cast den Pool der deutschen Durchschnittsdurchmischung bei ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung selbstverständlich abbildet, ohne dass man extra begründen muss, weshalb eine Figur nicht weiß und heterosexuell ist. Aber der Alltag ist eher so, dass man endlos diskutieren muss, ob in einer Vorabendserie, die in Norddeutschland spielt, ein China-Restaurant vorkommen kann, oder ob das das ,Lokalkolorit‘ trübt.“

Der Werbefotograf

Auch die Werbung arbeitet mit Bildern einer Normalität, die deutlich süßlicher ausfällt als die Wirklichkeit (Der Klassiker: die Rama-Familie). Wie beliebig Klischees mit Markenbotschaften kombiniert werden, zeigte eine peinliche Episode des jüngsten Bundestagswahlkampfes: Die FDP warb mit dem selben Bild einer fahrradfahrenden Familie im Sonnenschein wie die NPD und zuvor ein Quarkhersteller. Auch die Abweichung vom scheinbar Normalen wird genau kalkuliert und gern leicht ironisch weichgezeichnet (der Rocker in der Müller-Milch-Reklame, ein Punk in der Sparkassen-Werbung) oder für Reize benutzt.

Der Fotograf Steffen Jagenburg hat unter anderem für Adidas, Apollinaris, Bayer, Coca-Cola, 
Deutsche Bahn, 
Deutsche Bank, Levi’s, 
Morgan Stanley, 
Samsung, Siemens und Toyota gearbeitet. Er sagt von sich, er werde oft gebucht, „wenn es etwas glaubwürdiger und komplexer sein soll“, etwa wenn statt mit professionellen Models mit Laien gearbeitet wird. „Was ich am liebsten mache, ist, komponierte Bilder der Wirklichkeit zu erzeugen. Ich mag einen klaren Bildaufbau.“ Jagenburg hat feste Vorstellungen davon, was ein gutes Bild ist und wie Werbung funktioniert, und nimmt beim Gespräch über die Branche kein Blatt vor den Mund.

„Ich fotografierte die Kampagne einer Bank, die günstige Kredite für energieeffiziente Gebäudesanierung anbietet. Man sieht echte Kunden, eine Familie in einem Vorort, die mit diesem Kredit ihr Haus umgebaut hat. Meine Aufgabe, wenn für Kampagnen sogenannte echte Menschen, also keine Models eingesetzt werden, ist unter anderem, die Leute zu beruhigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie für die Kamera nichts anderes tun müssen als in ihrem Alltag. Bei dieser Familie hat man gemerkt, dass sie das Produkt wirklich gut findet. Ich glaube, das merkt man den Bildern an. Aber natürlich wurde auch diese Familie ausgesucht. Was authentisch wirkt, ist inszeniert. Man hätte vermutlich kein Schwulenpaar genommen oder eine Familie, in der ein Kind behindert oder einer der Ehepartner Migrant ist. Man will Nebeninformationen vermeiden, die vom Produkt ablenken. Auch bei Laiendarstellern werden beim Casting Leute ausgesiebt, die zum Beispiel keine sympathische Ausstrahlung haben. Sogenannte echte Menschen – die meistens natürlich auch Models sind – haben in der Werbung die perfekt aussehenden Fotomodelle fast abgelöst, die findet man fast nur noch in der Mode.

Heute ist beim Casting oft ein Ausschlusskriterium, wenn jemand zu gut aussieht. Man möchte Menschen, die eine sehr positive Ausstrahlung haben und trotzdem wirken wie aus dem wirklichen Leben. Darüber herrscht dann intern, bei der Agentur und beim Kunden, oft sehr schnell Einigkeit. Das sind Gesichter, die Offenheit ausstrahlen. Schwierig ist es zum Beispiel, dicke weibliche Models zu finden, die als Sympathieträger funktionieren. Ganz schwer ist das Casting für Bier-Werbung: Zeig mir einen Mann, der sehr bier-affin wirkt, aber natürlich keinen Bierbauch hat. Männer, die für Baumärkte oder Bier werben, müssen ja meistens auch ziemlich heterosexuell aussehen, aber nicht zu oldschool-macho-mäßig.

Eine Frau, die etwas maskuliner rüberkommt, ist kompliziert. Man geht davon aus, dass es von der Markenbotschaft ablenkt, wenn man anfängt, über die Models auf dem Bild nachzudenken. Eigentlich soll das Model in seiner glatten Gefälligkeit im Prinzip unsichtbar sein. 90 Prozent von dem Zeug, das man so sieht, ist genau so, der Versuch, eine wünschenswerte, irritationsfreie, klischeehafte Mitte darzustellen.

Viele Entscheider in den Unternehmen sind unsicher und wollen vor allem keine Fehler machen. Das führt zu Risikovermeidung und zur Entscheidung für relativ uninteressante Gesichter. Das Gegenmodell, so was wie der tätowierte, aber trotzdem nicht verlebte Szene-Typ, ist auch schrecklich. Wenn Werbung versucht, etwas – in Anführungszeichen – Abseitiges darzustellen, die schlagzeugspielende oder skateboardfahrende Oma, wird es schnell ganz peinlich, weil es natürlich verlogen ist und weil das auch jeder spürt.“

Der Dokumentartheater-Regisseur

Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi haben die Normalität auf die Bühne geholt. Ihr Format „100 Prozent Zürich“ (oder eine andere Stadt) versucht, mit 100 Einwohnern den statistischen Durchschnitt dieses Ortes abzubilden. In den Aufführungen zeigt sich, dass die Vorstellung von Normalität darauf beruht, nicht so genau hinzusehen. Was für die Statistik ein Regelfall ist, kann für den Einzelnen eine Tragödie sein, etwa der Tod eines nahen Angehörigen. Die drei Regisseure, die sich als Gruppe Rimini Protokoll nennen, haben dieses Theaterformat unter anderem in Melbourne, Berlin, Braunschweig, Kopenhagen, Köln, Wien, London, Dresden, San Diego und Karlsruhe recherchiert und gezeigt. Die Abende sind streckenweise komisch und auf eine nüchterne Weise berührend: Man erfährt staunend, was für komplizierte, schöne, traurige Lebensgeschichten ganz normale Mitbürger haben und wie vielschichtig die Stadt ist, in der man lebt.

Daniel Wetzel erklärt, wie das Trio arbeitet: „Wir gehen zu den statistischen Ämtern und fragen, welche Parameter sie anlegen würden. Wir benutzen die Zensus-Daten und fragen nach Altersgruppen, Geschlecht, Wohnbezirken, Nationalität, Migrationshintergrund, Familienstand, Wohnsituation. In Kopenhagen haben wir nach dem Einkommen der Beteiligten gefragt. Dann hat man 100 Leute auf der Bühne, die rein statistisch etwa den Durchschnitt der Bevölkerung abbilden, und Statistiker sagen uns, um die Stadt zu spielen, ist das okay. Wissenschaftlich würde man eine größere Gruppe fragen. Es geht darum, der Querschnittsnormalität Gesichter zu verleihen. Man hört von 100 Leuten, wie sie heißen und ihre Geschichten. Sie sind zugleich Darsteller, Menschen und Prozentpunkte. Es gibt verschiedene Spielanordnungen, das Stück besteht vor allem aus einem Fragenkatalog. Es geht letztlich darum, Teilmengen zu erzeugen und Leuten dabei zuzuschauen, wie sie sich jeden Abend aufs Neue selbst positionieren – nicht jeden Abend gleich. Plötzlich stehen alle, die schon mal im Gefängnis waren, zusammen, oder alle, die eine schwere Krankheit haben, alle, die gerne Kinder hätten, alle, die schon mal gesehen haben, wie ein Mensch stirbt.

Wer hat eine Erfahrung mit Krieg gemacht? Wer ist auf der Flucht vor Gewalt in diese Stadt gekommen? Wer denkt, dass unter uns Rassisten sind? Wer ist nicht sicher, ob er selbst dazugehört? Wer hat das Gefühl, einer Minderheit anzugehören? Wer würde töten, um seine Familie zu verteidigen? Wer ist dafür, dass sofort alle Ausländer abgeschoben werden? Wer hat schon mal ein Leben gerettet? Wer ist in einer politischen Partei? Wer glaubt, dass er in den nächsten zehn Jahren sterben wird? Wer fährt regelmäßig schwarz? Wer ist arbeitslos? Bei diesen Teilmengen-Szenen ist man oft erstaunt darüber, wer wo steht. In Kopenhagen zum Beispiel war eine Frage, wer für die Todesstrafe ist. Da stehen dann Leute, von denen man das nicht gedacht hätte, darunter viele junge Frauen. In Wien war die Gruppe derer, die für die Todesstrafe sind, klein und etwas verschämt. In Melbourne war sie groß und ziemlich selbstbewusst. Weil viele Fragen intim sind, lautet eine Frage: Wer hat heute schon gelogen? Dann sagt die Hälfte: ich.

Bei normal und Durchschnitt denkt man immer: nichts Besonderes. Aber in dieser Durchschnittsnormalität gibt es viele heftige Ausschläge, extreme Ansichten und Erfahrungen. In Berlin zum Beispiel gibt es durch die Flüchtlinge und durch alte Menschen ein kollektives Gedächtnis für alle Kriege der vergangenen 70 Jahre – hier leben auch noch jüdische Berliner, die den Krieg in U-Bahn-Tunneln der Stadt überdauert haben. Das Gesamtbild bei den 100-Prozent-Projekten ist die statistische Normalität. Aber es besteht aus lauter Menschen, lauter Bildpunkten, Pixeln. Wir lösen das Gesamtbild in diese Pixel auf. Das Bild der Normalität funktioniert nur als Konstrukt.“

Der Werber

Claudia (43) und Thomas Müller (46) und ihr Sohn Jan (18) sind deutscher Durchschnitt. Im Sommer fahren sie mit ihrem VW Golf an die Ostsee oder nach Bayern. Ihr Haushaltseinkommen, netto 2766 Euro, ist so durchschnittlich wie ihre Wohnung, 3,5 Zimmer, 90 Quadratmeter, 410 Euro Kaltmiete. Kommendes Jahr stehen einige Veränderungen in ihrem Wohnzimmer an. Die Schrankwand wird durch ein modulares System ersetzt. Statt des grauen Teppichs liegt ab Januar Laminat auf dem Boden. Der PC auf einem kleinen Holztisch in der Ecke weicht einem Laptop, weil das in den meisten Haushalten der Fall ist. Die Katzenfiguren in der Schrankwand, die Harry-Potter-Bände, die Bücher von Thilo Sarrazin und Dan Brown dürfen vorerst bleiben, auch die Familienfotos und die blau gerahmt hinter Glas an der Wand hängenden „Starlight Express“-Eintrittskarten („zu unserem 10. Hochzeitstag“). Und solange die Scheidungsrate der Deutschen unter 50 Prozent bleibt, ist auch die Ehe des Paares nicht in Gefahr.

Die Müllers sind eine Erfindung der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. „Deutschlands häufigstes Wohnzimmer“, detailgetreu eingerichtet, ist eine datenfundierte Installation der Normalität – künstlich und doch vertraut. Der vor neun Jahren eingerichtete Raum wurde selbst zu einem kleinen Star. Knapp 90 Medienberichte über das Wohnzimmer der fiktiven Familie hat man in der Agentur gesammelt. Ein schönes Paradox: In der bunten Medienwelt bekommt dieses Bild der Normalität den Reiz des leicht Skurrilen. Das gilt erst recht, wenn man von den modernen Werberbüros hinter Glaswänden in einem alten Industriebau im hip gentrifizierten Karolinenviertel kommt und plötzlich in Familie Müllers Kleinbürgergemütlichkeit steht.

Peter John Mahrenholz ist als Strategiechef und Partner bei der Werbeagentur auch für das Wohnzimmer zuständig. Zum Gespräch empfängt er selbstverständlich auf der beigen Kunstleder-Couch der Müllers. „Wir in der Medienwelt leben in Großstädten und in anderen Milieus als die Müllers. Das ist ein Grund, uns mit dem Wohnzimmer immer wieder einen mentalen Reset zu geben, was normal ist in Deutschland. Unsere strategischen Planer sollen sich nicht primär für die Sicht ihrer eigenen Peergroup interessieren, sondern für die der jeweiligen Zielgruppe.

Marketingfachleute sprechen von der Individualisierung und Ausdifferenzierung der Lebensstile, das heißt, es wird rein theoretisch schwieriger, die bundesrepublikanische Normalität abzubilden. Ich halte das für eine falsche Perspektive. Ich kann die Welt in 5 oder in 150 Milieus beschreiben. Aber für uns ist viel wichtiger zu fragen: Wie stehen Konsumenten zu einem bestimmten Produkt? Bezogen auf diese Frage gibt es eine begrenzte Zahl von Einstellungen, die vielleicht überhaupt nicht mit bestimmten Milieus deckungsgleich sind. Im zweiten Schritt ist interessant, wo Zielgruppen soziologisch verortet sind, daraus ergeben sich Überlegungen, welche Kommunikationswege ich nutze. Unser Job ist es, unter den vielen Perspektiven die adäquate zu finden: Wo liegen die Motivationen und Einstellungen, bezogen auf das jeweilige Produkt?

Was dieses Wohnzimmer lehrt, ist, dass es eine strukturelle Normalität gibt und dann die jeweilige Erscheinungsform. Alle haben ein Sofa, das in der Regel auf den Fernseher ausgerichtet ist. Es gibt in irgendeiner Form eine Schrankwand, ein Regal, ein Sideboard, auf dem ich Dinge ausstellen, zeigen und andere in Schubladen oder Fächern verbergen kann. Jeder sammelt irgendetwas, Frau Müller sammelt Katzenfiguren, andere vielleicht Auto-Modelle oder, wenn sie mehr Geld haben, Kunstwerke.

Jeder findet seine Wohnung individuell, aber die Muster und Strukturen sind nicht so unterschiedlich. Wir beobachten, dass die Zyklen kürzer werden, das Wohnzimmer wird im kommenden Jahr deutlich anders aussehen. Und wir beobachten, dass es schwieriger wird, im Wohnzimmer die Normalität abzubilden, weil der Variantenreichtum steigt. Der aktuell beliebteste Bodenbelag, Laminat, liegt vielleicht in 30 Prozent der deutschen Wohnzimmer, nicht in 60 Prozent. Aber die Individualisierung ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass man keine Normalität mehr definieren könnte.“ ---

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