Ausgabe 06/2013 - Schwerpunkt Motivation

Detecon Unternehmensberatung

Kunst wirkt

- Angerostete Bistrostühle unter Siebzigerjahre-Retrolampen erwartet man nicht unbedingt in der Teeküche einer Hightech-Unternehmensberatung. Ebenso wenig wie ausrangierte Kinosessel, üppige Barockmöbel, Comiczeichnungen an den Wänden oder der detailgetreue Nachbau einer bayrischen Bauernstube samt Bierseidel-Sammlung, Hirschgeweihen und am Garderobenhaken baumelnder Lederhose. Die Inneneinrichtung der Kölner Detecon-Zentrale sorgt für Überraschungen, und das ist gewollt. Bei den Installationen und Wandbildern handelt es sich um Kunst, die etwas mehr will, als für etwas Farbe im Büroalltag zu sorgen. Die weltweit tätige Unternehmensberatung mit rund 1000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 168 Millionen Euro, eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Telekom, ließ sich mit dem Kunstberater und Galeristen Bernhard Zünkeler auf ein wagemutiges Projekt ein. 15 junge Künstler aus den USA, Deutschland, Afrika und Japan entwickelten für die Detecon-Zentrale Installationen und Bilder mit Irritationspotenzial.

Der Maler und Bildhauer Caspar Pauli montierte aus alten Glaslampen in der fünften Etage einen wild aus einer Säule herauswuchernden "Lampenbaum", ein paar Meter weiter hängen seine abstrakten Gemälde. Die Bildhauer Ludger Krause-Sparmann und Paul Jonas Petry bescherten dem Foyer einen aufsehenerregenden Empfangstresen. Das Rohmaterial: Stahlrohre, wie sie im Pipelinebau verwendet werden. Die Bildhauer formten sie wie die mathematische Figur der Möbiusschleife und überzogen sie mit weißem Kunststoff. Jetzt sitzen die Kollegen vom Empfang inmitten einer futuristischen Skulptur, die dem Besucher signalisiert, dass das hier ein Unternehmen ist, das für ungewöhnliche Lösungen gut ist.

Der Weg von der Idee zur Realisierung war vertrackt, schließlich ist die Skulptur nicht nur moderne Kunst, sondern auch ein Arbeitsplatz, dessen Gestaltung das Plazet von Betriebsrat und Arbeitsschutzverantwortlichen erforderte. Daher mussten die Künstler einige Änderungen akzeptieren - vom Einbau einer Holzablage bis zu einem Durchgang in der eigentlich nach außen geschlossenen Möbiusschleife: Skulptur trifft Wirklichkeit.

Spricht man knapp ein Jahr nach dem Umzug in das neue Gebäude mit Unternehmensverantwortlichen, mit dem Kunstvermittler Zünkeler und beteiligten Künstlern, hört man lauter Geschichten einer erstaunlichen Begegnung. Es klingt, als wären sie noch im Nachhinein stolz auf ihr kleines Abenteuer und auf das, was dabei herausgekommen ist. Einfach einen Designer zu engagieren, ein paar Wände poppig anzumalen oder die üblichen Plakate von Andy Warhol oder A.R. Penck schön gerahmt aufzuhängen wäre unkomplizierter gewesen. Aber auch langweiliger und weniger charmant.

Offenbar ist es Zünkeler gelungen, sowohl die Künstler aus seinem Netzwerk als auch Telekom-Manager und die Detecon-Spitze mit seiner Begeisterung anzustecken. Er sagt: "Unsere Arbeitshypothese war: Kunst ist viel mehr als Dekoration und Statussymbol, auch in Unternehmen. Interessant wird es, wenn man das Potenzial der Kunst entdeckt, grenzüberschreitende Kommunikation aufzubauen." Es geht um eine besondere Arbeitsumgebung, um ein Signal an Kunden, Besucher und Mitarbeiter, um einen schwer messbaren, aber offenkundig vorhandenen Nutzen für die Firma. Gabriele Kettl, als Personalverantwortliche bei Detecon eher an zufriedenen Mitarbeitern als an Höhenflügen der Kunsttheorie interessiert, ist begeistert von dem Projekt: "Ich fand das wunderbar. Wenn man das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen verstärken will, muss man auch die entsprechenden Räumlichkeiten schaffen."

Birgit Herrmann, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, eine resolute Frau, schwärmt von den Installationen, auch wenn nicht alle in ihren Augen bedeutende Kunstwerke sind. Aber darum gehe es ja nicht, sondern um die Arbeitsumgebung: "Ich finde das cool. Wenn alles durchdesignt wäre, das wäre langweilig. Wenn man hier mit offenen Augen durchgeht, kann man viel entdecken, mir macht das Spaß. Viele setzen sich gern zum Essen unten in die schöne orientalische Küche. Ich denke schon, dass das die Stimmung hebt." Sie sitzt auf einem asiatischen Sofa, auf dem wie zufällig ein paar "Tim und Struppi"-Comics liegen, daneben eine große chinesische Vase, an der Wand, sehr groß, das Gemälde eines schwarzen Drachen auf rotem Grund, die Vergrößerung eines berühmten "Tim und Struppi"-Covers. Auch diese Installation ist ein Kunstwerk, aber Herrmann geht eher pragmatisch als ehrfurchtsvoll damit um: "Das ist für mich zum Beispiel keine Kunst, aber es passt hier rein. Die Piazza mit den rostigen Stühlen ist für mich auch keine Kunst, aber der Kabelbaum, der da steht, das ist für mich Kunst, den finde ich toll."

Das Unternehmen

Dafür, dass sich die Telekom-Verantwortlichen und die Detecon-Geschäftsführung auf das Abenteuer eingelassen haben, gab es zwei Gründe: Vertrauen und ein echtes Problem. Für das Vertrauen sorgten Ingrid Blessing, die kunstinteressierte Leiterin der Unternehmenskommunikation, und der Galerist Bernhard Zünkeler. Am alten Detecon-Sitz in Bonn hatten Zünkeler und sein Bruder Ulrich, früher Werbetexter unter anderem bei Springer & Jacoby, regelmäßig Ausstellungen im Foyer der Firmenzentrale organisiert. Schon damals mit dem Anspruch, nicht nur einfach schöne Bilder an die Wand zu hängen. "Wir wollten in einen Dialog kommen. Wir zeigten Kunstwerke zu Business-Themen: Transparenz, Geschwindigkeit, Kommunikation", sagt Bernhard Zünkeler.

Sein Vorteil ist, dass er beide Welten kennt. Bevor er vor sechs Jahren die Kunstvermittlung zu seinem neuen Beruf machte, hat der promovierte Wirtschaftsjurist lange in großen Unternehmen gearbeitet, zuletzt für die Citygroup. Seine Wirtschaftskompetenz sorgt jetzt für das nötige Vertrauen auf Firmenseite.

Das Problem der Detecon war ein unattraktives Backsteingebäude in der Kölner Innenstadt, in das die Zentrale aus dem beschaulichen Bonn ziehen sollte. Die Freude in der Belegschaft hielt sich in Grenzen - allein, weil kaum jemand gern jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit fährt. Die Geschäftsführung musste etwas für die Atmosphäre im Unternehmen tun. Zünkeler nutzte die Situation und überzeugte Künstler und Unternehmen, den nächsten Schritt zu gehen. "Das war eine gemeinsame Suche", erinnert er sich. "Es gab viele informelle Gespräche, weil wir rauskriegen wollten, wie das Unternehmen tickt und was es von uns brauchte. Für die Detecon ging es darum, eine emotionale Nähe zu dieser neuen Arbeitsumgebung jenseits der rein funktionalen Ebene herzustellen. Und es ging sicher auch darum, ein Aufbruchssignal zu schaffen: Hier geht jetzt etwas Neues los. Wir suchten Künstler, die sich auf diese Umgebung einlassen und sich in diese neuen Bereiche hineinbegeben wollten. Für einige war die Auseinandersetzung mit der Belegschaft ein Teil des Werkprozesses."

Der aber erstreckte sich nicht in die Büros, die nüchtern und funktional gestaltet wurden. Mit den Installationen und Bildern wurden Flure und Lichtachsen bespielt, die toten Winkel und großzügigen Teeküchen - und können da umso bunter und eigen williger sein, weil sie keine Rücksicht auf Arbeitssituationen nehmen müssen. "Keine Kompromisse zwischen Funktion und Kunst, sondern räumliche Trennung", sagt Zünkeler. "Am besten kommen die Werke mit der stärksten Brechung an, zum Beispiel die bayrische Bauernstube." Besonders Besucher und Kunden aus Asien fotografieren sich begeistert in der Bauernstuben-Installation.

Bei der Detecon war die Unternehmensberaterin Constanze Ludwig, bei der Deutschen Telekom die Architektin Dagmar Ecken für die Projektleitung beim Gebäudeumbau zuständig. "Ich fand das Kunstprojekt wunderbar", sagt die Architektin. "Das ganze Projekt ist total erfrischend. Es ist Low Budget, hat aber trotzdem eine hohe Qualität." Vom bei der Telecom für die Kunst Verantwortlichen habe es geheißen: Ist nicht unsere Richtung, aber okay, könnt ihr machen, erzählt Ecken.

Dass das Projekt mit einem mittleren sechsstelligen Betrag billiger war als die Beauftragung eines namhaften Innenarchitektenbüros, dürfte die Diskussionen erleichtert haben. Kompliziert wurde es bei der Umsetzung. "Im Einkaufsprozess war das schwierig", erinnert sich Ecken. Die Künstler kauften das Zubehör für ihre Arbeiten unter anderem auf Flohmärkten. Das ist in einem Konzern, der beim Einkauf an Rahmenvertragspartner gewöhnt ist, intern nicht ganz einfach in die Buchhaltung zu übersetzen. Zünkeler musste alles detailliert auflisten, "schon wegen der Inventur". Ecken und ihre Mitarbeiter mussten das Kunstprojekt zudem irgendwie in die Excel-Tabellen der Verwaltung bringen. Der Konzernbürokratie Genüge zu tun war mühsamer als das Kunstprojekt selbst.

Der Kunstvermittler

Bernhard und Ulrich Zünkeler haben, so hört man, an dem aufwendigen Projekt kaum etwas verdient. Ihnen ging es um ein Referenzprojekt. "Natürlich haben wir die Hoffnung, eine Art Virus zu erzeugen", sagt Ulrich Zünkeler und sieht dabei ziemlich optimistisch aus. Das Langzeitprojekt der Zünkelers, für die Kunst neue Orte und Funktionen jenseits der klassischen Galerien und Museen zu finden, nimmt gerade erst Fahrt auf. "Man kämpft gegen Berge an Vorurteilen, auch bei Galeristen und Künstlern, die sagen: Wir machen uns doch nicht zur Nutte der Wirtschaft."

Das Duo setzt auf Beharrlichkeit und Vermittlung. Zum Beispiel bei den Kunstführungen durch die Detecon-Zentrale, sei es für andere Konzerneinheiten, sei es für den Lions Club eines Mitarbeiters. "Ich will ja testen, wie die Leute das empfinden", sagt Bernhard Zünkeler.

Und der Virus steckt offenbar an. Ein Nachfolgeprojekt ist in Eschborn in Vorbereitung. Auch dort zieht ein Detecon-Unternehmensteil um. Die Eschborner, die in Köln gesehen haben, was mit Kunst alles geht, wollen jetzt etwas Ähnliches für ihre Arbeitsumgebung.

Die Galeristen fragen Besucher der neuen Detecon-Zentrale gern, was sie denken, weshalb zum Beispiel ein Kunstwerk grün sei. Ist das a) die Lieblingsfarbe des Vorstandsvorsitzenden, b) die Lieblingsfarbe der Künstlerin, c) die Farbe, die im Baumarkt im Angebot war, d) die Farbe der Hoffnung? "Natürlich", so Bernhard Zünkeler, "ist nichts davon die richtige Antwort, es gibt bei Kunst nicht die eine richtige Antwort, sondern nur die Antworten des jeweiligen Betrachters. Es geht darum, außerhalb der alten Muster zu denken. Vielleicht lässt sich Unternehmenskultur ja mit solchen kleinen, kreativen Nadelstichen beleben und öffnen. Wir sind erst am Anfang. Welche Aufgaben hätten zum Beispiel Kunstwerke, die in einem Krankenhaus in der Onkologie hängen, also an einem Ort, an dem die Patienten und Ärzte mit existenziellen Problemen konfrontiert sind? Funktionierte das besser, als Kalenderblätter oder Kinderzeichnungen hinzuhängen, wie es üblicherweise gemacht wird? Das müsste für viele Künstler eine großartige Aufgabe sein."

Die Künstlerin

Amely Spötzl nimmt mit ihren Werken eine ganze Etage ein. Von ihr stammt die Bauernstube und eine Installation in einem grellen Grün. "Ich habe das Ganze wie eine Kunstaktion verstanden. Es ist nicht mehr das einzelne Objekt, sondern ein ganze Serie, ein Gedankengang", sagt sie über ihre Arbeit. Es ging nicht darum, ein paar Bilder aufzuhängen, sondern darum, auf den Ort zu reagieren. "Ich bin da durchgegangen und hatte das Gefühl, ich möchte überrascht werden, flüchten, rausfallen aus dieser Situation, ich möchte eine deutliche Irritation. Ich arbeite mit kleinen Spielereien. Dieser grüne Raum ist eigentlich wie ein Nadelstich. Ich habe Führungen für die Mitarbeiter gemacht. Es freut mich, dass sie gesagt haben, dass sich diese kurze Irritation, wenn man daran vorbeiläuft, nicht abnutzt. Das sind keine Museumsstücke, man kann sich in diese Räume reinsetzen. Viele waren zuerst sprachlos, sicher fragten sie sich, was das jetzt wohl soll. Da kommt ein Prozess in Gang, eine Suche nach Erklärungen."

Es war ihre erste Arbeit außerhalb des klassischen Kunstbetriebs, und wenn sie über diese neue Erfahrung spricht, wird sie sehr entschieden: "Ich hätte das nicht machen können, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, ich verrate mich hier. Ich habe genug Selbstbewusstsein, um mich auf so ein Experiment einzulassen. Ich würde gern noch einmal so ein Experiment machen. Beim nächsten Mal wäre ich viel mutiger." -

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