Ausgabe 06/2013 - Schwerpunkt Motivation

Tonali: Amadeus Templeton und Boris Matchin

Auf dem Klassik-Trip

- Mit lauter Musik begrüßt die Stadtteilschule Bergedorf in Hamburg Amadeus Templeton. Bässe wummern über den Schulhof, bunt verkleidete Abiturienten wippen zum Takt. "I'm eating at the beat like you gave a little speed to a great white shark on shark week", tönt US-Rapper Macklemore aus den Boxen. Amadeus Templeton, blaues Hemd, schwarzes Sakko, hört nicht so richtig hin. Er hat Werbeplakate und Tickets für ein Klavierkonzert im Gepäck, die er hier unters Volk bringen will - Mozart statt Macklemore.

Templeton hat eine Passion, seit er ein Cello halten kann: klassische Musik. Und er hat eine Mission, die ihn zuletzt häufig vom Cellospielen abgehalten und an Schulen wie die in Bergedorf geführt hat: Er will junge Musiker fördern und Schüler für ihre Konzerte begeistern. "Wir brauchen mehr Nachwuchshörer", sagt Templeton, "wenn wir in Zukunft nicht nur noch für Omas und Opas spielen wollen."

Schon heute liegt das Alter von Besuchern klassischer Konzerte im Schnitt bei etwa 55 bis 60 Jahren. Das zeigt eine Studie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle von der Zeppelin Universität. In den vergangenen 20 Jahren ist das Durchschnittsalter der Klassikhörer demnach dreimal so schnell gestiegen wie das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung. Deutschland altert - besonders in seinen Konzertsälen.

Für Amadeus Templeton ein Warnsignal: "Wenn das so weitergeht, gibt es in 30 Jahren nur noch halb so viele Klassikhörer wie heute." Also hat er überlegt, was er unternehmen könnte. Er hat Cello studiert, das Kammerorchester Hamburg Sinfonietta mitgegründet und tritt seit Jahren zusammen mit seinem Studienfreund Boris Matchin als das Hamburger Cello-Duo auf. Er sagt oft Sätze wie: "Eine Sinfonie klingt dann gut, wenn Bass und Diskant zueinanderpassen."

Aber in ihm steckt auch ein Unternehmer und Kulturmanager. Im Jahr 2005 gründete er das Klassikmagazin "Concerti". Und 2009 kamen er und sein Cello-Partner Matchin auf die Idee mit Tonali. Das gemeinnützige Hamburger Unternehmen soll junge Musiker mit neuen Musikhörern zusammenbringen. Denn Studien zeigen auch: Wenn Jugendliche einmal ein klassisches Konzert besucht haben, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie es wieder tun. Klassik kann süchtig machen - nur als Einstiegsdroge ist sie out.

Die Musiker müssen spielen - und erklären

Um Jugendliche auf den Klassik-Trip zu bringen, fahren Templeton und Matchin seit der Gründung von Tonali im Jahr 2010 regelmäßig an Hamburger Schulen vor - darunter die Stadtteilschule Bergedorf, wo Bernd Ruffer auf die beiden wartet. Er ist Lehrer für Geschichte, Politik, Englisch und Theater sowie Kulturbeauftragter der Schule. Und ein Mann, der mit seiner Begeisterung andere anstecken kann. Ruffer organisiert zum Beispiel die Kulturtage, eine viertägige Veranstaltung, zu der jeder Schüler beitragen kann und die sich jeder ansehen muss. Aber längst nicht jeder hat dazu Lust, das weiß Ruffer, zudem bedeutet das Fest viel Arbeit. Er organisiert es trotzdem, kümmert sich um alles, was gerade anliegt, von der Technik bis zum Toilettenpapier. Weswegen tut er das? "Dabei wird so viel kreative Energie freigesetzt", so seine Antwort, "die fließt in mich zurück und pumpt mich wieder auf."

Damit ist er der richtige Verbündete für Templeton und Matchin und ihren "Tonali Grand Prix". Ruffer trommelt die sogenannten Schülermanager zusammen, die den beiden Musikern bei ihrer Mission helfen. In diesem Jahr sind es Sandra Springborn, Kim-Sarah Böttger, Helen Paust, Mohamad Ahmadi und Elias Nabi aus der Jahrgangsstufe zwölf. Während auf dem Schulhof die Abiturienten feiern, gibt Amadeus Templeton alles, um sie für klassische Musik zu begeistern.

Im Verlauf des Tonali Grand Prix gibt an jeder der zwölf Hamburger Schulen ein junger Nachwuchsmusiker eine Kostprobe von Beethoven, Mozart & Co. Im ersten Jahr des Wettbewerbs waren es Violinisten, vergangenes Jahr Cellisten, in diesem Jahr sind es zwölf Pianisten. Es ist für alle Beteiligten eine ungewohnte Situation: Auf der einen Seite die Künstler, die an altes Publikum gewöhnt sind - auf der anderen die Schüler, die von alter Musik wenig halten. Das ist der zentrale Kontrapunkt in der Tonali-Partitur.

Ende August stellen sich die zwölf Nachwuchsmusiker dann einer Jury, die zur einen Hälfte aus Schülern besteht, zur anderen aus gestandenen Pianisten und Dirigenten. Die Jury bewertet dann nicht nur "das künstlerische Niveau des Instrumentalspiels", sondern auch die "Vermittlungsfähigkeit": Kann der Musiker erklären, was er da gerade gespielt hat?

Denn darum geht es Templeton und Matchin: "Der Künstler muss von seinem Ross steigen und sich einen Weg zum Publikum bahnen." Damit junge Menschen sich für Klassik begeistern, reicht es aus ihrer Sicht nicht, die Stücke einfach vorzuspielen. Besser ist es, wenn die Zuhörer den Künstler und seine Kunst verstehen; wenn sie begreifen, was ihn antreibt.

Die drei besten der zwölf Jungmusiker treten Ende August schließlich im Finale des Wettbewerbs in der Hamburger Laeiszhalle in einem Konzert gegeneinander an - als Hauptpreis winken 10000 Euro. Im Publikum: Hunderte Schüler, die einem der Finalisten per SMS-Abstimmung zusätzlich einen Publikumspreis verleihen. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen begleitet die jungen Pianisten. "Ein Weltklasse-Orchester und eine unglaubliche Atmosphäre", sagt Templeton den fünf Schülern im kleinen Besprechungszimmer der Stadtteilschule Bergedorf. "Das kann ein fantastisches Event werden - wenn Ihr uns helft."

Die Schülermanager sollen dafür sorgen, dass das Schulkonzert gut besucht ist. Und sie sollen Tickets für das Abschlusskonzert in der Laeiszhalle verkaufen. Wenn sie es schaffen, mehr Karten an den Mann zu bringen als die Schülerteams an den anderen Schulen, winkt auch ihnen ein Preis. „Das wird locker so spannend wie ,Deutschland sucht den Superstar‘“, verspricht Templeton.In einem flotten Allegro erklärt er die Wettbewerbsidee, verteilt Broschüren und zeigt einen kurzen Film; dann legen die fünf Schüler los. Sie stellen einen Plan auf, wie sie das Konzert ihres Pianisten vorbereiten, es anmoderieren und inszenieren; sie machen sich übers Bühnenbild Gedanken. Später ziehen sie von Klasse zu Klasse, machen eine Durchsage über den Schullautsprecher und hängen Plakate auf. „Josef Frei“, steht darauf, „sei dabei!“

Zwei Welten treffen aufeinander

Josef Frei aus Rödinghausen ist Pianist und sieht auch so aus: schwarzer Anzug, weißes Hemd, die dunklen Haare elegant nach hinten gestrichen. Der 18-Jährige ist einer von 40 Musikern, die sich beim Tonali Grand Prix beworben haben, und er ist einer der zwölf, die es in die Finalrunde geschafft haben.

Das hat er sich hart erarbeitet: Frei spielt Klavier, seit er sieben ist, mit dreizehn wurde er an der Musikhochschule in Detmold angenommen, als Jungstudent. Er hat Preise gewonnen und übt drei bis vier Stunden am Tag, manchmal mehr. Dafür darf er auch mal Unterricht an seiner Schule ausfallen lassen. Den Stoff muss er nachholen; zwischen Unterricht, Üben und Konzerten hat er dazu oft wenig Zeit. "Das alles geht nur, wenn man sein Instrument liebt", sagt Frei, "und mir geht das so: Wenn ich eine Weile nicht gespielt habe, dann habe ich Entzugserscheinungen, es kribbelt richtig in den Fingern."

Als der Pianist an der Gesamtschule Bergedorf eintrifft, kribbelt es gehörig. Die "Arena" ist vorbereitet: Das Foyer der Schule ist in der Mitte trichterartig abgesenkt, unten steht der Flügel. Scheinwerfer beleuchten den Saal. Templeton und Matchin sehen vom Rand aus zu. Die beiden überlassen den Schülern das Feld. Nach dem Konzert müssen sie auf einer Beerdigung spielen; tags darauf in St. Petersburg; die Proben stecken ihnen in den Knochen.

Draußen stehen Hasan, Raschied und Sipan, drei Schüler aus der zehnten Klasse. Sie waren schon im vergangenen Jahr dabei, als der Cellist Benjamin Lai in der Arena aufgetreten ist. "Eigentlich nicht meine Musik, höre eher Hip-Hop", sagt Hasan, "aber letztes Jahr war's interessant, tolle Musik, richtig schön."

Um zehn öffnen sich die Türen, ein paar Minuten später ist jeder Platz besetzt. Zwei der Schülermanagerinnen stellen Josef Frei vor, der verneigt sich, nimmt Platz und spielt: erst ein ruhiges Stück Mozart, dann ein schnelleres von Karol Szymanowski.

In den hinteren Reihen blinken Mobiltelefone, Gemurmel, vorn gebannte, unbewegliche Gesichter. Frei wiegt den Kopf zum Rhythmus, mal streichelt er die Tasten, dann jagt er die Klaviatur hinauf, überschlägt sich fast, dann wieder wirkt er in die Musik versunken. Am Schluss ein tiefer, langer Ton - erst jetzt macht sich ein Lächeln in seinem Gesicht breit. Wolkenbruchartiger Applaus.

Und eine Flut von Fragen: Wann hast du angefangen? Wie lange übst du am Tag? Hast du Hobbys? Wie bringst du Klavierspielen und Schule unter einen Hut? Was hörst du für Musik? Schulmanager Mohamad Ahmadi fragt: "Würdest du dein Klavier für deine Freundin verlassen?" "Eine gute Frage", antwortet Josef Frei und überlegt. "Ich glaube nicht."

Nun zieht die Idee Kreise

Wer Mohamad Ahmadi zum ersten Mal trifft, dem fallen sie sofort auf: große weiße Kopfhörer, die er entweder auf den Ohren sitzen oder um den Hals baumeln hat. Musik, meistens R&B, begleitet den 18-Jährigen, wohin er auch geht. Zum Beispiel auf den langen Busfahrten zu Burger King, wo er an der Kasse arbeitet. Dann hört er zum Beispiel Jay Sean und wie der übers Verlassen und Verlassenwerden singt. Mohamad Ahmadi bedeutet das etwas: Er und seine Familie sind im Jahr 2000 aus Afghanistan nach Deutschland ausgewandert.

Vergangenes Jahr war der Jugendliche zum ersten Mal beim Finale des Grand Prix dabei. "Ich dachte vorher, das wird sicher langweilig", erzählt er. "Aber es war faszinierend, wie viel Leidenschaft da drinsteckt."

Das ist hängen geblieben. In diesem Jahr hat Mohamad Ahmadi als Schülermanager das Konzert von Josef Frei vorbereitet, und er will dafür sorgen, dass beim Finale viele seiner Mitschüler dem Pianisten die Daumen drücken. Und nach dem Konzert in der Bergedorfer Arena ist er Josef Frei in den Proberaum gefolgt, hat sich erklären lassen, welchen Rhythmus Mozarts Rondo hat und wie linke und rechte Hand bei Szymanowski zusammenwirken.

Es sind solche Szenen, die Templeton und Matchin zeigen, dass ihr Konzept funktioniert. Diese Bestätigung ist wichtig, denn sie haben nicht nur Arbeit und Überzeugung in ihr Projekt gesteckt, sondern auch Geld. Inzwischen haben sie auch Sponsoren und Spender gefunden, die Tonali jedes Jahr rund 300000 Euro zur Verfügung stellen. Genug, um die Laeiszhalle zu mieten, das Orchester zu bezahlen, zwei Mitarbeiterinnen zu beschäftigen und sich selbst etwas auszuzahlen.

Aber stört es ihn nicht, auch noch um Spenden zu bitten für ein Projekt, das ohnehin schon so viel Kraft kostet? "Geld hat für mich eine Ermöglicherfunktion", sagt Templeton, "es zu akquirieren und in Kulturarbeit zu stecken macht mir unheimlich Spaß."

Wenn dann noch Menschen wie Raphael Paratore bei ihm anrufen, dann weiß er, dass er auf dem richtigen Weg ist. Paratore ist 20, studiert an der Musikhochschule Stuttgart und war im vergangenen Jahr mit seinem Cello im Finale von Tonali dabei. Gewonnen hat er nicht, aber die Idee hat ihn infiziert. Am Telefon erzählt er Amadeus Templeton, dass er die Tonali-Partitur nachspielen und ein ähnliches Projekt in Stuttgart und Umgebung aufziehen will. "Das ist doch der beste Beweis", sagt Templeton, "dass der Funke übergesprungen ist." -

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