Ausgabe 03/2013 - Schwerpunkt Grenzen

„Lernen machte plötzlich Spaß”

Alia Ciobanu, 21, studiert inzwischen Philosophie – und will eine eigene Universität gründen

• Methodos heißt der Verein, den 2007 zehn Waldorfschüler gründeten, um ihrer Rebellion einen institutionellen Rahmen zu geben. Aus Unzufriedenheit meldeten sie sich ein Jahr vor dem Abitur von ihrer Schule ab, sammelten Spenden, mieteten einen Raum, engagierten Lehrer und bestimmten fortan selbst, wann und wie sie lernen.

Seither findet sich in Freiburg im Breisgau jedes Jahr eine neue Methodos-Gruppe zusammen. Der Verein und die Idee, sich selbstständig auf das Abitur vorzubereiten, sind die einzigen Konstanten. Den Lernalltag organisiert die jeweils aktuelle Gruppe nach eigenen Vorstellungen und sorgt auch dafür, dass das nötige Geld zusammenkommt.

Für die Hochschulreife müssen die Freigeister an einem Gymnasium, das ihnen zugeteilt wird, eine Prüfung für Externe ab legen, die deutlich umfangreicher ist als das gewöhnliche Abitur. Gedacht war diese externe Prüfung eigentlich für Mütter, Berufstätige und andere Menschen, die ihr Abi auf dem zweiten Bildungsweg nachholen wollen.

Ein paar Tische und Stühle, ein altes Sofa, eine voll geschriebene Tafel. Auf Gemütlichkeit legen die jungen Leute offenbar nicht viel Wert. In diesem Jahr sind es drei Schüler, die sich seit vergangenem Sommer dem Schulsystem verweigern und selbst organisiert für die Abiturprüfung 2014 arbeiten. Zwei von ihnen diskutieren gerade über Hitlers Machtübernahme, der Dritte hat irgendetwas Persönliches zu erledigen. Er kommt heute nicht in den Lernraum im Haus der Jugend. Für das Gespräch mit brand eins unterbrechen Indra Marquard und Simon Valentin, beide 18, ihre Geschichtsstunde. Hinzugekommen ist Alia Ciobanu, 21, die 2012 ihr Abitur mit der Note 1,7 bestanden und danach ein Buch über das Lernen in Eigenregie geschrieben hat: "Revolution im Klassenzimmer. Wenn Schüler ihre eigene Schule gründen."

brand eins: In Deutschland machen jedes Jahr rund 300 000 Jugendliche an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule Abitur. Warum haben Sie sich für einen anderen, viel aufwendigeren Weg entschieden?

Indra Marquard: Weil mir die Regelschule nicht guttat. Ich lerne gern neue Dinge. Auf dem Gymnasium ist mir die Freude daran jedoch vergangen. Ich habe mir viel Stress gemacht, weil ich die Lehrer nicht enttäuschen wollte. Außerdem habe ich mich in der Klasse oft nicht getraut, mein Interesse an Themen zu zeigen.

Wer oder was hat Sie eingeschüchtert?

Marquard: Es passt nicht zur Rolle von Schülern, wirklich interessiert zu sein. Man wird gleich als Streber abgestempelt. Hier bei Methodos haben wir uns in Bio kürzlich gefragt, warum ein Wissenschaftler ein Experiment so angelegt hat und nicht anders. Seine Methode leuchtete uns nicht ein. Das haben wir dann mit unserem Lernbegleiter diskutiert. In meiner damaligen Schule wäre das nicht möglich gewesen. Da interessierte man sich höchstens für das, was in der nächsten Klausur vorkommen könnte.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Marquard: Es liegt nicht an den Schülern – auch ich habe auf dem Gymnasium nicht für mich, sondern für die Lehrer und ein gutes Zeugnis gelernt. Ebenso wenig darf man den Lehrern die ganze Schuld zuschieben. Bestimmt haben die meisten einmal den Beruf gewählt, weil sie Kindern etwas beibringen wollten. Ich glaube, dass das System zu einem Gegeneinander aller Beteiligten führt. Die Lehrer zwingen die Schüler zum Lernen, die Noten dienen als Druckmittel. Und die Schüler lernen nur, um Ärger und ein schlechtes Zeugnis zu vermeiden.

Simon Valentin: Es macht halt einen großen Unterschied, ob man zu etwas gezwungen wird oder ob man sich aus freien Stücken dafür entscheidet. Ich war bis zur zehnten Klasse auf der Freien Demokratischen Schule "Kapriole" hier in Freiburg. Bis zur neunten habe ich mich kaum mit Schulthemen beschäftigt, sondern fast nur Schlagzeug gespielt. Die Schule hat mich darin bestärkt. Zwischendurch war ich dank eines Stipendiums, das ich von einem amerikanischen Musiker bekam, einen Monat lang in New York. Zudem bin ich häufig nach Istanbul geflogen zu einem bekannten Jazz-Percussionisten, der dort an der Uni lehrte. Das war mir wichtiger als Mathe und Deutsch. Erst als es auf die Prüfung zur Mittleren Reife zuging, habe ich mich allein sehr intensiv darauf vorbereitet. Gezwungen hat mich keiner. Aber ich wollte unbedingt den Abschluss machen, um weiterzukommen. Das hat gut geklappt.

Alia Ciobanu: Die Regelschule versucht, allen Schülern, egal wie unterschiedlich ihre Charaktere und Talente sind, zur gleichen Zeit auf die gleiche Weise den gleichen Stoff beizubringen. Das verhindert die individuelle Entwicklung, verhindert Kreativität.

Indra Marquard, 18, schätzt, dass ihr keiner sagt, was zu tun ist
Simon Valentin, 18, macht Musik und zwischendurch Prüfungen

Auffällig viele Methodos-Schüler haben vorher eine Reformschule besucht. Die Gründergeneration kam sogar vollständig von einer Waldorfschule in Freiburg. Zufall?

Ciobanu: Auf einer reformpädagogischen Schule lernt man, bestehende Verhältnisse kritisch zu hinterfragen. Man ist schon einmal vom normalen Weg abgewichen. Der Schritt, es noch einmal zu tun, ist dann vielleicht nicht mehr ganz so groß. Ich selbst war auf einer Waldorfschule und hatte dort lange eine total schöne Zeit. Ab der neunten Klasse aber wurde alles anders. Die vorher geförderte Selbstentfaltung wurde durch straff organisierten Unterricht abgelöst. Die Lehrer standen unter dem Druck, uns jetzt fit für die Oberstufe zu machen. Freunde von mir wurden von der Schule geschmissen, weil sie ihre Hausaufgaben nicht machten. Die Entscheidungen der Lehrerkonferenz waren intransparent und oft ungerecht. Letztlich wurde die Schule ihrem eigenen Anspruch, alle Schüler mitzunehmen, nicht gerecht. Ich habe mehrfach probiert, mich einzubringen – vergeblich. Gerade als ich mich entschieden hatte, die Zeit einfach nur noch abzusitzen, hörte ich von Methodos. Ende der elften Klasse habe ich mich dann von der Schule abgemeldet.

Die meisten Jugendlichen scheinen mit dem bestehenden Schulsystem klarzukommen.

Valentin: Ich kenne viele Gymnasiasten, die Lernen für ein unvermeidliches Übel halten. Dass wir uns hier bei Methodos hinsetzen und arbeiten, obwohl keiner etwas sagen würde, wenn wir stattdessen ins Kino gingen, ist für die unvorstellbar.

Hatten Sie keine Angst vor dem Ausstieg aus dem Schulsystem?

Valentin: Nein, wobei sicher von Vorteil war, dass schon mehrere Schüler meiner alten Schule zu Methodos gewechselt hatten. Auf der "Kapriole" kann man nämlich kein Abi machen.

Marquard: Ich bin ein sehr selbstständiger Mensch. Daher hatte ich keine Angst vor diesem Schritt.

Ciobanu: Mir fiel die Entscheidung schwer. Ich hatte Bedenken, ob ich genug Selbstdisziplin aufbringe. Dann erfuhr ich, dass die neue Methodos-Gruppe zwei Wochen vor Beginn des Schuljahrs loslegen wollte. Ich konnte also zur Probe mitmachen. Danach war ich total überzeugt. Mir machte einfach alles unglaublich viel Spaß: herumzutelefonieren, um einen Raum zu finden, Texte für Flyer und die Website zu schreiben, stundenlang darüber zu diskutieren, wie wir unseren Alltag gestalten wollen. Am allerbesten gefiel mir der Unterricht. Lernen machte plötzlich Spaß.

Dabei mussten Sie für das Abitur denselben Stoff durchnehmen, der auch in der gymnasialen Oberstufe gelehrt wird und den die Lehrpläne vorgeben. Wo ist da der Unterschied?

Marquard: Dass einem keiner sagt, was man tun muss.

Ciobanu: Vom ersten Tag an ist man raus aus der Position des passiven Konsumenten. Man hat Verantwortung für sich und die Organisation. Das motiviert, und dadurch fühlt sich Methodos nicht wie Schule an, sondern wie ein gemeinsames Projekt.

Wie sieht der Alltag bei Methodos aus?

Valentin: Immer anders. Mal liest jeder für sich in Büchern, mal tauschen wir uns zu dritt über Themen aus. Manchmal lerne ich auch mit einem Youtube-Video oder gehe zu einer Vorlesung in die Uni. Und dann gibt es noch die Lehrerstunden. Wir haben für jedes Fach einen Profi engagiert – Leute, die hauptberuflich am Gymnasium unterrichten oder inzwischen pensioniert sind und Methodos so gut finden, dass sie für einen Stundenlohn von 25 Euro zu uns kommen. In der Regel haben wir in jedem Fach eine Lehrerstunde pro Woche.

Schüler als Arbeitgeber von Lehrern: Wie wirkt sich das auf das beiderseitige Verhältnis aus?

Marquard: Die Lehrer genießen, dass sie nicht mehr in der Rolle sind, Druck ausüben zu müssen. Die Lehrerstunden sind für uns wertvoll, deshalb bereiten wir uns immer gut auf sie vor. Das Verhältnis ist viel vertrauter und kooperativer. Wir sprechen daher lieber von Lernbegleitern.

Was kostet das, und woher nehmen Sie das Geld?

Valentin: Insgesamt brauchen wir etwa 12.000 Euro pro Jahr. Etwa die Hälfte bringen wir aus Eigenmitteln auf. Den Rest kriegen wir durch Spenden vor allem von Stiftungen zusammen.

Wünschten Sie sich schon mal in das Schulsystem mit seinen klaren Regeln zurück?

Marquard: Ich habe die Schule noch keinen Tag vermisst.

Valentin: Ich bin auch sehr froh, diese Freiheiten zu haben.

Ciobanu: Manchmal machte ich mir Sorgen. Wenn zum Beispiel die Organisation auf der Kippe stand, weil uns aufgrund einer unerwarteten Nachforderung mal wieder 2000 Euro in der Vereinskasse fehlten. Oder als das Abitur näherrückte und ich mich von der Fülle des Lernstoffs überfordert fühlte. Bereut habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit aber nie.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Sobald den Schülern klar wird, dass sie sich auf dem Holzweg befinden oder sich Zwängen beugen, die sie nicht weiterbringen, machen sie sich daran, sie zu überwinden." Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Ciobanu: Es gab eine Situation, in der wir das panische Gefühl hatten, mit der Zeit nicht hinzukommen. Wir fingen plötzlich an, wie die Irren den prüfungsrelevanten Stoff zu pauken – eine Haltung, die wir immer abgelehnt hatten. Irgendwann wurde uns das bewusst. Wir beschlossen, den vermeintlichen Sachzwang zu ignorieren. Wir fingen wieder an, uns nach unseren wirklichen Interessen zu richten, und nahmen uns sogar die Zeit für eine Exkursion. Bei Methodos haben wir gelernt, dass Grenzen oft nicht so unverrückbar sind, wie sie zu sein scheinen.

Was bleibt, ist die Abiturprüfung. Empfinden Sie die als Einschränkung oder eher als Halt, ohne den Sie sich im grenzenlosen Wirrwarr der Möglichkeiten verirren würden?

Ciobanu: Auch das Abi und mit ihm die von oben auferlegten Lehrpläne sind eine Grenze, die wir bei Methodos immer wieder hinterfragt haben. Wozu die Zeit mit Pauken von theoretischem Stoff verschwenden, wo wir sie überall auf der Welt sinnvoller einsetzen könnten? Warum immer nur oberflächlich am Wissen kratzen? Ich hatte durchaus meine Sinnkrisen. Trotzdem entschied ich mich wie die meisten von uns, diese von außen gesetzte Grenze nicht zu überwinden, sondern das Beste daraus zu machen. Schließlich braucht man das Abi, um studieren zu dürfen.

Valentin: Manchmal stört es mich schon, dass ich aus Zeitgründen gewisse Themen nicht so vertiefen kann, wie ich will. Auf der anderen Seite bin ich froh, mit dem Abitur ein klares Ziel vor Augen zu haben. Dass die Lehrpläne und auch unsere Lernbegleiter den Stoff eingrenzen, empfinde ich als hilfreich. Tiefgründiger lernen kann ich auch nach dem Abitur noch.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Valentin: Die stehen noch nicht hundertprozentig fest. Vielleicht erst ein Jahr nur Musik machen und dann studieren. Psychologie interessiert mich sehr.

Marquard: Ich will auf jeden Fall studieren und schwanke im Moment zwischen Bio und Informatik.

Ciobanu: Seit dem Herbst studiere ich in Freiburg Philosophie. Ich hatte mir vorher fest vorgenommen, mir das Studium nicht von Sachzwängen wie der Studienordnung vermiesen zu lassen – aber ich habe es nicht geschafft. Gegen die Anwesenheitspflicht in den Seminaren und die vielen Hausarbeiten kam ich nicht an. Ich bin darum dabei, mit Freunden eine Uni zu gründen. Wir wollen einen offenen Raum schaffen, in dem wir selbstbestimmt studieren und uns nur von unseren Fragen leiten lassen. Gerade starten wir ein Experiment, begrenzt auf 15 Leute. Durch Methodos weiß ich, wie viel es ausmacht, sich nicht in etablierte Institutionen zu begeben, sondern selbst etwas aufzubauen. Man brennt viel mehr.

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