Ausgabe 07/2013 - Schwerpunkt Fortschritt wagen

Wie nützt das Neue?

1. Der Toilettentest

Disruptive Technologie – das rufen sie alle. Zumindest fast alle, die Forschungsgeld für Grundlagenforschung beantragen. Die auf der Suche nach Risikokapital für ein Start-up sind. Die Kunden mit einem Produkt der angeblich ganz neuen Art umwerben. Der Durchbruch ist überall. Im Genom, im ultraleichten Verbundstoff, im mobilen Endgerät mit revolutionärer Benutzeroberfläche. Wenn er noch nicht da ist, dann steht er unmittelbar bevor. Zum Nutzen des Einzelnen, der Gesellschaft, der Menschheit.

Neue Techniken kommen als Großmäuler auf die Welt. Sie versprechen viel. Ob der Behauptung auch der Beweis folgt, werden die Erfinder in der Regel erst mit grauen Haaren erfahren. Das war schon immer so. Vermutlich muss es so sein. Ein Problem der Gegenwart ist allerdings: Die Frequenz der disruptiven Zukunftsversprechen erinnert eher an ein Phänomen der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts: die Hyper-Inflation. Um abzukühlen, empfiehlt der US-amerikanische Ökonom Robert J. Gordon den Toilettentest. Der geht so:

Sie haben die Wahl.
Option 1: Sie haben einen Laptop aus dem Jahr 2002 oder einen Personal Computer, auf dem Windows XP und die üblichen Programme laufen. Sie haben Zugang zum Internet mit dem Standard des Jahres 2002. Zudem verfügen Sie über eine Toilette in Ihrer Wohnung.
Option 2: Sie haben das iPad mit Internetanbindung überall. Sie haben natürlich ein Smartphone der neuesten Generation, Facebook, Twitter und alle sozialen Medien, die wir heute kennen. Ihre Toilette befindet sich draußen auf dem Hof.

Wenn Gordon den Test bei Vorträgen macht, kommt für die Mehrheit Option 2 nicht in Betracht. Seine Grundthese hingegen ist bestätigt. Der technische Fortschritt ist zurzeit alles andere als revolutionär. Vielmehr hinkt er dem von gestern im Schneckentempo hinterher. Anders formuliert: Der zusätzliche Nutzen, den uns die Technik in den vergangenen zehn Jahren gebracht hat, ist viel geringer als der von Dampfmaschine, Glühbirne, Automobil, Flugzeug, Telefon, Radio oder Antibiotika. Oder eben als der Komfortnutzen des Wasserklosetts, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Einzug in die eigenen vier Wände hielt.

Die Innovatoren der ersten industriellen Revolution (Dampfmaschine, Eisenbahn) und der zweiten (Elektrizität, Verbrennungsmotor, Sanitär, Chemie und Pharmazie) hatten es einfacher, das Leben des Einzelnen leichter, bequemer, sicherer zu machen und damit auch die Volkswirtschaft voranzubringen. Die Früchte des technischen Fortschritts hingen vergleichsweise tief. In eingeschränkter Form galt das auch noch für die digitale Revolution, bis das Internet für die Masse nutzbar war. Bis 2002 waren auch die tief hängenden Früchte der Digitalisierung geerntet. Seit rund zehn Jahren kämpfen die Neuerer aller Disziplinen mit Grenznutzen-Effekten. Aus denen leitet Gordon keinen Vorwurf, sondern eine Warnung ab: Wir werden in den kommenden Jahren keine vergleichbaren Wohlstandsgewinne mehr mithilfe von technischer Erneuerung erzielen können wie in der Vergangenheit.

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs „disruptive Technologie“ wäre demnach eher als ein Warnsignal zu deuten. Fachleute spüren, dass Revolutionen gerade nicht in der Luft liegen. Sie merken, dass sie eher in Trippelschritten vorankommen – im eigenen Jargon heißt das dann inkrementell. Und das Mantra lautet: Technik wird die Welt weiter revolutionieren, was zudem logisch ist, weil es in der Geschichte des Menschen im Allgemeinen und in den letzten 200 Jahren im Besonderen auch so war. Logik geht anders.

2. Nutzen der Zukünfte

Rund 1,4 Billionen US-Dollar investieren Regierungen, Universitäten und Unternehmen jährlich in Forschung und Entwicklung. Das ist mehr denn je. Was es bringt? „Ich fürchte, die ernüchternde Antwort lautet schlicht und einfach: Wir wissen es nicht.“ Das sagt ausgerechnet Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie, KIT. Er leitet zudem das Institut für Technikfolgen-Abschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe, das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags und ist Sprecher des Programms „Technologie, Innovation und Gesellschaft“ der Helmholtz-Gemeinschaft.

„Eine Prognose über den Nutzen von Technologie sagt nur etwas über uns heute aus. Über unseren aktuellen Wissensstand. Aber wenig bis nichts über die Zukunft“, sagt Grunwald. Das gelte grundsätzlich für alle Formen des technischen Fortschritts. Erst recht gilt das für große Sprünge, die so gern mit dem Begriff Disruption belegt werden.

Zu ihrem Wesen gehört die Unberechenbarkeit. Das Neue, schon gar nicht das radikal Neue, lässt sich nicht aus den Daten der Vergangenheit und Gegenwart berechnen. Denn das setzte erstens voraus, dass nichts Unerwartetes passiert. Zweitens wäre das Neue dann, zumindest in der Theorie, schon immer da und die Technik dazu allenfalls eine Umsetzungsfrage. Die Zukunft bleibt auch im Zeitalter von gigantischen Datenmengen, Supercomputern und Vorhersage-Software unberechenbar. „Gesetzesbasierte Prognostik für Menschliches ist nicht möglich, da menschliches Verhalten immer überraschende Elemente hat“, sagt Grunwald. Und im Übrigen wäre das auch nicht wünschenswert, da wir sonst in einer vorherbestimmten Welt lebten. „Die Zukunft der Technik, und damit der Nutzen neuer Technologien lässt sich nur in Szenarien mit unterschiedlicher Plausibilität denken.“

Aus der Gegenwart betrachtet, haben wir es nicht mit Zukunft zu tun, sondern mit unterschiedlichen „Zukünften“. Die können mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit eintreten. Und natürlich werden sie es nie genauso tun, wie wir uns das vorstellen oder wünschen. Man kann sich ihnen aber mithilfe von Szenarien annähern. Es geht darum, Gedanken zu sortieren und den potenziellen Nutzen neuer Technik abzuschätzen oder die ungeliebten Brüder des Nutzens, also Geldverschwendung oder direkten Schaden.

Grunwalds Lieblingsbeispiel der Annäherung an die Zukunft mit Szenarien ist ein europäisches Weltraumfahrzeug, das es nur auf dem Papier gab. Ende der Achtzigerjahre machte in der europäischen Raumfahrt die Idee die Runde, einen eigenen Raumtransporter zu entwickeln, der viel größere Lasten viel schneller und billiger als bislang möglich in den Orbit bringt. Das Raumschiff sollte „Sänger“ heißen, nach dem Raumfahrtpionier Eugen Sänger. Das Konzept, entwickelt von Messerschmitt-Bölkow-Blohm, schien vielversprechend. Der Steuerzahler subventionierte die Prototypen. 1995 wurde das Projekt eingestellt. Denn Szenario-Berechnungen hatten gezeigt: Der „Sänger“ würde nur in einem relativ unwahrscheinlichen Fall technischen und wirtschaftlichen Mehrwert bringen, nämlich wenn die bemannte Raumfahrt in absehbarer Zeit deutlich zunähme. Amerikaner und Russen strichen aber gerade ihre Programme zusammen.

Von heute aus betrachtet war die Entscheidung richtig. Denn die bemannte Raumfahrt gewann seit dem Ende des Ost-West-Konflikts keine zusätzliche Schubkraft. Die „Ariane 5“ war die billigere technische Lösung, die alle europäischen Transportzwecke erfüllt. Der „Sänger“ hängt als Modell in Technikmuseen. Technikfolgenabschätzung konnte in diesem Fall richtig vorhersagen, was im Verhältnis zum Aufwand zu wenig Nutzen bringen würde. Doch wann nutzt das technisch Neue? Wie nützt es? Und wem?

3. Wem nützt was?

Rote Gentechnik hat es in der Öffentlichkeit gut. Grüne Gentechnik tut sich in wohlhabenden Gesellschaften vergleichsweise schwer. Erstere soll Krankheiten heilen. Jeder erkennt den potenziellen Nutzen für sich, wenn das Versprechen lautet: Wir werden Alzheimer oder Parkinson besiegen können. Wenn es einer neuen Technik gelingt, so etwas zu suggerieren, werden Forschungsbudgets groß und Widerstände klein.

Grüne Gentechnik züchtet unter anderem Pflanzen heran, die mit weniger Wasser auskommen, widerstandsfähiger gegen Schädlinge sind oder mehr Nährstoffe in sich tragen. In Gesellschaften, in denen ein erheblicher Teil des Essens im Mülleimer landet und sich die Lebensmittelchemie über Jahrzehnte einen zweifelhaften Ruf erarbeitet hat, ist das nicht sehr attraktiv. Global betrachtet fällt die Chancen-Risiken-Bewertung der Agrogentechnik anders aus.

Wenn sich einzelne Gesellschaften von ihr keinen Nutzen versprechen, bedeutet das nicht das Ende einer Innovation. Sie findet nur woanders statt, im Fall der grünen Gentechnik in Schwellenländern, in denen Hunger noch aus der jüngeren Vergangenheit bekannt und dessen Bekämpfung mit den Mitteln der Technik ein akzeptiertes Geschäftsmodell ist.

Vermutlich sind die Risiken der Roten Gentechnik deutlich größer als die der Grünen. Ein Horrorszenario wäre, dass zu Forschungszwecken gentechnisch veränderte Krankheitserreger aus Laboren in die Umwelt gelangen und Epidemien um den Erdball wandern könnten, gegen die es keine Gegenmittel gibt, weil der Erreger gerade erst erfunden wurde. Geklonte Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten oder Rechten wäre ein anderes. Diese Szenarien werden von Gentechnik-Gegnern immer wieder entworfen. Aber sie verfangen nicht. Eine Genkartoffel wiederum, die zu einem wertvollen Rohstofflieferanten für die chemische Industrie werden könnte, wird hingegen zur „Monster-Kartoffel“.

Individueller Nutzen schlägt Angst. Angst schlägt gesellschaftlichen oder globalen Nutzen. Rote Gentechnik ist gut, Grüne ist böse. Diese Mehrheitsmeinung hat sich in Deutschland durchgesetzt, auch wenn das in vieler Hinsicht unlogisch ist und die technische Realität natürlich auch viel zu komplex, als dass sich die Mehrheit ein faktenbasiertes und nicht von Emotionen bestimmtes Urteil erlauben könnte. Daraus folgt: Moral schlägt Logik. Das Spiel der Doppelmoral mit unter Tarnkappen versteckten Interessen beherrschen freilich sowohl Technik-Freunde als auch Technik-Skeptiker. Erschwerend kommt hinzu: Es ist gar nicht so einfach, objektive und zugleich sinnvolle Kennzahlen zu finden, die den Nutzen von junger, bereits eingeführter Technik greifbar machen. Mehr Prozessorgeschwindigkeit als solche bringt die Welt bekanntlich nicht voran.

Birger Priddat, Ökonom an der Universität Witten/Herdecke, empfiehlt: "Wir müssen zunächst die verschiedenen Spieler und ihre Interessen im großen Innovationsspiel identifizieren. Dann können wir zumindest kontextabhängig Nutzen quantifizieren." Mögliche Nutznießer seien:
- Forschungseinrichtungen
- Unternehmen / Branchen
- Nutzer von innovativen Produkten
- Volkswirtschaften / Staaten
- Menschheit

So betrachtet fallen die Antworten auf die Frage „Wem nützt welche Technik wie?“ deutlich leichter:
- Es gehört zu den Aufgaben des Leiters einer Forschungseinrichtung, laut für eine neue Technik zu trommeln. Denn die ist der Zweck seiner Organisation. Wenn der Chef erfolgreich trommelt, kann er mehr Mitarbeiter einstellen, und er selbst macht Karriere.
- Der Zweck eines Unternehmens wie General Electric ist es, mit neuer Technik Geld zu verdienen. Die Kennziffer kann lauten: Gewinn mit Produkten, die jünger als zwei Jahre und noch weitgehend patentgeschützt sind.
- Ein gut gereiftes Fahrrad mit Elektrohilfsmotor kann für einen Berufspendler einen klar quantifizierbaren Nutzen bringen. An 150 Tagen im Jahr, an denen es nicht regnet, kommt er 15 Minuten schneller zur Arbeit als mit dem Bus. Mit einem klassischen Fahrrad konnte er gar nicht fahren, da es in seinem Büro keine Dusche gibt.
- Die Aufgabe einer Volkswirtschaft ist es, für Wohlstand zu sorgen. Es lässt sich relativ genau berechnen, wie viel davon auf volkswirtschaftlichen Umsätzen mit Produkten beruht, in denen junge Technik steckt.
- Kennziffern des Nutzens für die Menschheit sind zum Beispiel: sinkende Säuglingssterblichkeit, wachsender Zugang zu Bildung durch digitale Vermittlung, steigende Lebenserwartung auf allen Kontinenten.

Es gibt aber auch Kennziffern für den Erfolg von Technik-Skepsis: Eingeworbene Spenden nach Zerstöraktionen von Gen-Maisfeldern mit Presseeinladung wäre eine.

Auch Birger Priddat kann die Frage nach dem künftigen Nutzen nicht beantworten. Natürlich nicht, denn siehe oben, das kann niemand. Priddat hat aber eine Vorahnung, wer darüber entscheidet, ob eine Gesellschaft einen Technologiepfad für erkundenswert hält: „Die Interessengruppe mit dem besseren Narrativ einer besseren Zukunft.“ Diese Erzählung kann technikdominiert sein. Oder so technikarm wie möglich. Die Fraktion mit dem Wunsch nach Technikarmut kann dabei einige Kapitel aus der Vergangenheit erzählen, in der neue Technik Erwartungen enttäuscht hat.

4. Hype-Zyklen

1995 war noch nicht ganz klar, ob das Internet eine revolutionäre Neuerung sein würde. Die ersten Browser machten es gerade für Nichtexperten zugänglich. In jenem Jahr malte Jackie Fenn, Software-Analystin und Beraterin des Marktforschungsinstituts Gartner, eine Kurve auf ein Flipchart. In der Sprache der Physiker beschreibt die Kurve eine Sprunganregung einer stark exponenziell gedämpften Schwingung mit Annäherung in einer erhöhten Gleichgewichtslage. In die Sprache der Fachleute ging sie als "Gartner's Hype Cycle" ein.

Jackie Fenn beschrieb mit ihrem Diagramm den Weg, den Software-Produkte der Firma Microsoft auf den Markt nahmen. Wie sie zunächst sprunghaft ansteigende Aufmerksamkeit erfuhren, angefeuert von den Marketingversprechen des Herstellers. Wie sich damit auch die Erwartungen an das Produkt nach oben schraubten – auch wenn die eine Software in ihrer ersten Version nie und nimmer erfüllen kann und nahezu zwangsläufig die hochgeschraubten Erwartungen bitter enttäuschen muss. Wenn das innovative Produkt aber technische Substanz hat, wird es bald verbesserte Versionen geben. Den Entwicklern wird es gelingen, Kinderkrankheiten zu kurieren und neue Funktionen einzubauen, an die ursprünglich niemand gedacht hat. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Produkt ist in dieser Phase deutlich niedriger, dafür werden die Einschätzungen seines Potenzials realistischer. Erfolgreiche Software erreicht dann irgendwann das „Plateau der Produktivität“. Kunden wissen, was sie bekommen. Und sind dann mehr oder weniger mit der Leistung zufrieden.

Fenn erkannte wiederum in einer frühen Phase ihrer eigenen Produktentwicklung: Ihr innovatives Analysewerkzeug hat einen deutlich größeren Anwendungsbereich. Der Hype Cycle nahm den Werdegang des Internets selbst vorweg, dem (je nach Definition) letzten wirklichen technischen Durchbruch. Fenn sagte mit einem halben Jahr Vorlauf voraus, dass die Dotcom-Blase platzen würde. Sie war aber auch immer der Meinung, dass die Silicon-Valley-Tekkies mit ihrem Großmaulspruch „Wette nie gegen das Internet“ mit (teils erheblicher) Zeitverzögerung ihre Wetten auf eine digitalisierte Zukunft gewinnen werden.

Andere Techniken haben die Wetten auf ihren Zukunftsnutzen verloren. Das prominenteste Beispiel ist die Kernfusion. Seit rund 50 Jahren verspricht sie, unser Energieproblem in 25 Jahren sicher, sauber und für immer zu lösen. „Moving targets“, sich bewegende Ziele, nennen das die Innovationsforscher ironisch. Auch die Nanotechnik tut sich schwer, endlich den „Pfad der Erleuchtung“ Richtung „Plateau der Produktivität“ einzuschlagen. Vor zehn Jahren fesselte sie mit Bildern von Kleinst-U-Booten, die durch unsere Adern tauchen, um irgendwo im Körper irgendetwas zu reparieren. Windschutzscheiben, an denen dank Mikrostruktur Wasser schneller abläuft, sind wohl eher als inkrementeller Fortschritt zu sehen. Auf dem Gipfel überzogener Erwartungen des aktuellen Gartner's Hype Cycle stehen gerade 3-D-Druck, Hybrid Cloud Computing und Social-Media-Analyse. Big Data hat nach Einschätzung der Gartner-Analysten bei den Erwartungen noch Luft nach oben.

5. Das Alte und das Neue

„Innovation hat immer eine bestimmte Historizität“, sagt Marion Weissenberger-Eibl. Der Satz hängt in der Luft ihres Büros im Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Die Professorin und Beraterin der Bundeskanzlerin holt etwas weiter aus, um ihn zu erden. Das Datenkompressionsverfahren MP3 kam zur richtigen Zeit. Unabhängig von der viel diskutierten Frage, wer es erfunden hat und wer damit Geld verdient, verkleinerte MP3 die Dateigrößen von Musiktiteln, sodass sie auf bezahlbare Flash-Speicher passten und bei der verfügbaren Daten-Übertragungsgeschwindigkeit schnell im Internet heruntergeladen werden konnten. Heute wäre MP3 als Technik gar nicht mehr so wichtig. Denn auch die Datenmengen von Musik in CD-Qualität passen auf Flash-Speicher und sind im Netz transportfähig. MP3 hat sich clever und zum richtigen Zeitpunkt in unseren Alltag gemogelt, ist aber voraussichtlich kein Standard für die Ewigkeit, sondern unterliegt dem immer wiederkehrenden Zyklus der Innovation. Sein Nutzen nimmt ab. Etwas Neues mit höherem Nutzen wird kommen. Woher? Wir wissen es nicht. Weissenberger-Eibl bringt es auf die Formel: „Es gibt keine natürliche Erbfolge der Innovation.“ Der Kugelschreiber wurde nicht von einem Füllfederhalterhersteller erfunden, sondern von einem ehemaligen Versicherungsmakler und Rennfahrer.

Wirklich Neues entsteht meist an den Schnittstellen der Technologien und Disziplinen. Zum Beispiel an den Berührungspunkten von IT, Biologie und klassischen Ingenieurswissenschaften. Sie unterwandern alle möglichen Felder von Alltag, Arbeit und Wertschöpfung. Sie machen das Leben des Einzelnen einfacher und mehren den Wohlstand vieler. Sie schaffen das, wenn sie sich nach den Phasen der Ernüchterung in frühen Entwicklungsstadien als lernfähig erweisen. Und wenn ihre Erfinder und Entwickler sich darüber austauschen, wo die neue Technik Mehrwert bringen könnte. Oft kommen die Innovationen gar nicht laut auf die Welt, sondern verstecken sich zunächst hinter den Großsprechern. Leise Kandidaten wären die Sensorik oder die synthetische Biologie.

Armin Grunwald sagt: „Wir sind zu Hype-Junkies verkommen.“ Kaum habe eine Technik die Erwartungen an sie nicht erfüllt, gierten wir nach der nächsten. "Die Schere zwischen Hype und technischem Fortschritt geht immer weiter auseinander." Den gleichen Eindruck hatte schon ein anderer kluger Beobachter des Zeitgeists vor rund drei Jahrzehnten. Der Philosoph Odo Marquard, ein Konservativer, ein Lobbyist der Bewahrung der Gegenwart. Marquard war der Überzeugung: Das Neue muss beweisen, dass es besser ist als das Alte. Nicht umgekehrt. Die Toilette ist dafür das beste Beispiel. ---

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