Ausgabe 11/2012 - Was Wirtschaft treibt

Wasser-Mythen

- Dieser Artikel über die globale Wasserknappheit beginnt nicht mit alarmierenden Zahlen, nicht mit der Beschreibung skelettierter Kuhkadaver auf verdorrtem Land und nicht mit dem apokalyptischen Szenario drohender Kriege um die letzten Trinkwasserreserven. Auch die Meldung, dass der Schauspieler Leonardo DiCaprio sich aus Sorge um die weltweiten Wasserreserven nur noch sehr selten duscht, soll hier nicht näher erörtert werden. Stattdessen der profane Gedanke, mal wieder einen herzhaften Eintopf zuzubereiten. Weil der Körper jetzt im Herbst nach etwas verlangt, das von innen wärmt. Ein Stifado vielleicht, so wie es der moderne Grieche liebt, mit Fenchel und Aprikosen gemischt, mit Ouzo und Thymian abgeschmeckt und vielleicht einem Hauch Kreuzkümmel. Und natürlich mit Fleisch. Ein Stifado ohne Fleisch, das ist wie eine Bouillabaisse ohne Fisch. Wir nehmen Rindfleisch aus der Keule, für vier Leute gut ein Kilo.

Schon hat uns das Problem des globalen Wassermangels eingeholt. In jedem Kilo Rindfleisch, das irgendwo auf der Welt herangemästet wurde, stecken nämlich 15500 Liter "virtuelles Wasser". Den Begriff hat der inzwischen emeritierte Londoner Geografieprofessor John Antony Allan Mitte der Neunzigerjahre geprägt. Die Menge entspricht etwa 80 Badewannen, gut gefüllt. Natürlich ist nur ein Bruchteil dieser Flüssigkeit, rund 700 Milliliter, in dem Kilo Gulasch real enthalten. Gerade einmal 100 bis 200 Liter, umgerechnet aufs Schlachtgewicht, hat das Rind während seines kurzen Lebens bis zum Tod im Schlachthaus getrunken. Den Löwenanteil von bis zu 79 Wannen benötigten das Gras und das Getreide, mit dem unser Stifado-Rind gefüttert wurde, für ihr Wachstum.

Sind Fleischesser schuld an Dürren?

Vielleicht werfen wir vor dem Gang zum Metzger oder zum Supermarkt noch einen Blick in die Zeitung oder in eines der Online-News-Portale. Oder geben "Trinkwasserknappheit" bei Google ein. Sofort stürzt ein Schlagzeilen-Stakkato auf uns ein: Dürre am Horn von Afrika! Dürre im Mittleren Westen der USA! Dürre in Indien! Eine Milliarde Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser! WWF fordert weltweiten Aktionsplan zur gerechteren Verteilung von Süßwasser! Und immer wieder die gleiche Frage: Droht ein Krieg ums Wasser?

Und dann 15500 Liter für ein Kilo Rindfleisch. Rein rechnerisch reicht das aus, um mindestens zehn Menschen irgendwo auf der Welt ein Jahr lang mit Trinkwasser zu versorgen. Ist der Kauf von Fleisch also ein Frevel an den Dürstenden in Somalia? Sind Rindfleischesser, wie eine Schlagzeile suggeriert, "Wüstenmacher"? Sind sie schuld an trockenfallenden Flusstälern, verdurstenden Viehherden und der Kloake, die Menschen vielerorts trinken müssen, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben?

Eine ganze Armada von Wasseraktionisten, Lobbyisten, NGOs und Forschungsinstituten legt einen solchen Zusammenhang nahe. "Unser gigantischer Konsum von Reis, Kaffee, Soja, Rindfleisch, Orangen und die zahlreichen Textilien-Importe", beschreibt etwa Felix Gnehm, Projektleiter Wasser bei der Schweizer Sektion des WWF, die Logik des vermeintlichen Wasserkolonialismus, "machen uns mitverantwortlich für Regionen mit Wasserknappheit."

Am eindrucksvollsten illustriert der auf dem Konzept des virtuellen Wassers aufbauende "Wasser-Fußabdruck" die behauptete Kausalität. Analog zum CO2-Fußabdruck, der die individuelle Umweltlast in Tonnen Kohlendioxid umrechnet, addiert der Water Footprint all das Wasser, das in anderen Teilen der Welt genutzt wurde, um die hier konsumierten Güter zu produzieren. Auf Waterfootprint.org kann sich jeder seinen virtuellen Wasserkonsum ausrechnen lassen, differenziert nach Ernährungsgewohnheiten (Fleischesser oder Vegetarier?), Körperpflegegewohnheiten (Wie oft duschen Sie pro Tag? Lassen Sie beim Zähneputzen und Rasieren das Wasser laufen?) und nach Einkommen.

Arjen Y. Hoekstra, Professor für Multidisciplinary Water Management an der Universität Twente und Erfinder des Wasser-Fußabdrucks, plädiert für Verzicht. "Jeder von uns kann seinen Wasser-Fußabdruck ganz einfach reduzieren, indem er weniger Fleisch, Zucker, Kaffee, Schokolade oder Baumwolle kauft." Der WWF listet auf: In dem Buch "Harry Potter und der Halbblutprinz" etwa stecken 1650 Liter virtuelles Wasser, in einem Fast-Food-Menü mit Burger, Pommes und Softdrink 6000 Liter, in einem Paar Lederschuhe sogar 8000 Liter. Außerdem, mahnt die Naturschutzorganisation, fasse ein 50-Meter-Schwimmbecken 2100 Kubikmeter Wasser - mehr als das Doppelte dessen, was ein Mensch jährlich für seine Nahrungsmittelversorgung benötigt.

Aber was folgt daraus? Sollen wir zukünftig alle in Plastiksandalen gehen? Unseren Kindern den Gang zu McDonald's verbieten? Schwimmbäder abreißen? Nur noch geliehene Bücher aus der Bibliothek lesen?

Beliebtestes Anschauungsobjekt der Wasserspar-Aktionsfront ist die Tasse Kaffee. Für Röstung, Verschiffung und Zubereitung, vor allem aber für den Anbau der Kaffeebohnen werden 140 Liter virtuelles Wasser benötigt. Muss der Kaffeetrinker ein schlechtes Gewissen haben, weil er mit jeder Tasse Kaffee 140 Liter Wasser verschwendet? Anders gefragt: Hilft Kaffeeverzicht gegen die Dürre? Sollte man über Handelsbeschränkungen nachdenken, vielleicht sogar über eine weltweite Steuer auf virtuelles Wasser, die Produkte wie Kaffee oder Fleisch drastisch verteuert und den Handel mit solchen Gütern abwürgt?

Besser wäre es wohl, man ließe solche Gedankenspiele. Das Konzept des virtuellen Wassers ist griffig, einprägsam und anschaulich - aber als Entscheidungsgrundlage absolut ungeeignet. Es ist nämlich ökologisch blind. Der Gehalt an virtuellem Wasser beschreibt eine rein quantitative Relation, beispielsweise zwischen einer Kaffeepflanze und der Menge Wasser, die diese Pflanze zum Wachsen braucht. "Möglicherweise fehlt dieses Wasser bei der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung vor Ort oder beim Anbau dringend benötigter Nahrungsmittel", sagt Erik Gawel, Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement an der Universität Leipzig. "Es kann aber auch sein, dass der Wassereinsatz für das Wachstum der Kaffeepflanze nachhaltig erfolgt ist. Dem virtuellen Wassergehalt kann man diese Information nicht entnehmen."

Die Kurzsichtigkeit der Aktivisten

Man müsste schon genauer hinschauen. Kaffee wird fast ausschließlich in Gegenden mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von üppigen 1500 bis 2000 Millimeter angebaut. Nur neun Prozent der weltweiten Kaffeeanbaufläche, vor allem Monokulturen in Brasilien, Vietnam und Indien, werden künstlich bewässert. Mehr als 90 Prozent der Kaffeepflanzen wachsen also mit Wasser, das im Überfluss vorhanden ist. Niemand in Costa Rica muss Durst leiden, weil dort im Hochland Kaffee angebaut wird.

Zurückhaltung beim Kaffeekonsum oder gar ein Boykott wäre ökologisch sinnlos, hätte allerdings desaströse wirtschaftliche Folgen für die Anbauregionen und damit für Millionen von Kaffeebauern. Der südostasiatische Inselstaat Osttimor beispielsweise, eines der ärmsten Länder der Erde, erwirtschaftet 98 Prozent seiner Außenhandelseinnahmen mit dem Export von Kaffee. "Angesichts der reichlichen tropischen Niederschläge wäre es interessant zu hören, wie der Wasseraktivist dem Tropenbauern erklärt, dass man ihm aus Sorge um das Wasser seinen Kaffee und Kakao nicht mehr abkaufen könne", warnt der Basler Agraringenieur Christian Strunden vor falschen Schlussfolgerungen aus der Debatte um das virtuelle Wasser.

Ohne einen genauen Blick auf die Produktionsbedingungen vor Ort erlaubt der virtuelle Wassergehalt keine Aussage über die ökologische Bedenklichkeit von Kaffee, Schokoriegeln oder Burgern. Entscheidend ist, ob die Landwirtschaft den Wasserhaushalt einer Region destabilisiert und das Nass an anderer Stelle fehlt, insbesondere bei der Trinkwasserversorgung. Natürlich gibt es solche Fälle üblen Frevels. Baumwolle aus Usbekistan ist eines der bekanntesten Beispiele. Nur weil den Zuflüssen des Aralsees seit Jahrzehnten riesige Mengen für die künstliche Bewässerung der Baumwollfelder entnommen werden, konnte das Land zu einem der größten Baumwollproduzenten der Welt aufsteigen. Die sozialen, ökonomischen und ökologischen Kosten dieser Raubbaustrategie, also der entgangene Nutzen, der durch eine andere Verwendung des Wassers erzielbar gewesen wäre, sind immens. Der einst viertgrößte Binnensee der Welt verschwindet allmählich. Das Trinkwasser ist durch Pestizide und Entlaubungsmittel verseucht, außerdem versalzt es zunehmend. Letztlich hinterlässt der Baumwollanbau eine fast unbewohnbare Region.

Wie aber soll der Kunde all dies bei seiner Kaufentscheidung berücksichtigen? Dass die Produktion eines T-Shirts für 4,95 Euro nur durch die Ausbeutung der Fabrikarbeiter in den Herstellerländern möglich ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aber ob die Felder, auf denen die Baumwolle für das T-Shirt gewachsen ist, in einer wasserarmen Region liegen, ob sie künstlich befeuchtet werden mussten - mit Wasser, das als Lebensmittel oder zum Anbau von Mais oder Hirse für die eigene Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung steht -, all das erfährt der Kunde in den meisten Fällen nicht. Das Kleidungsstück gibt lediglich preis, wo es zusammengenäht wurde. Nicht die Konsumenten, sondern die Hersteller sind hier gefordert. Kein Fabrikant ist gezwungen, Baumwolle aus Usbekistan oder anderen wasserarmen Regionen zu vernähen. Und wenn ein Produzent einem problematischen Lieferland partout treu bleiben will, könnte er - gemeinsam mit Wissenschaft, Weltbank, Hilfsorganisationen und den Behörden vor Ort - zumindest versuchen, die knappe Ressource effizienter zu nutzen.

Sparen kann schaden

Für diesen Weg hat sich Puma entschieden. Als weltweit erster Hersteller legte das Sport- und Lifestyle-Unternehmen 2011 eine umfassende ökologische Gewinn- und Verlustrechnung für CO2 und Wasser vor, die auch den Bezug von Baumwolle aus wasserarmen Regionen in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Bislang zahlten viele Baumwollfarmer in Trockengebieten für die Bewässerung ihrer Felder kaum mehr als die Produzenten in wasserreichen Gebieten, manchmal auch gar nichts. Die Ermittlung der wahren Wasserkosten durch Pumas Öko-Bilanzierung zeigt die tatsächliche Knappheit des Wassers an.

"Die Daten aus der ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung liefern uns einen Anhaltspunkt, aus welchen Gebieten wir den Rohstoff beziehen sollten und aus welchen eher nicht", sagt der Vorsitzende des Verwaltungsrats Jochen Zeitz. "Gebiete, in denen Wasser sehr knapp und der wahre, unter Einbeziehung ökologischer Folgen errechnete Wasserpreis entsprechend hoch ist, sind in dieser Hinsicht natürlich problematisch." Der Hersteller trennt sich von solchen Baumwollproduzenten nicht; er berät sie, damit sie zukünftig effizientere Bewässerungsmethoden einsetzen oder auf eine weniger durstige Pflanzensorte umstellen.

Den Menschen in diesen Regionen, die unter Trinkwassermangel leiden, mag das nützen, wenn auch auf lange Sicht. Was nicht hilft: die gut gemeinte Betätigung von Millionen Wasserspar-Klospültasten zwischen Flensburg und Oberstdorf. Egal wie viel Wasser wir sparen - durch selteneres Duschen und noch selteneres Baden, sofortige Reparaturen tropfender Wasserhähne, Abdrehen des Wasserhahns beim Zähneputzen und Nassrasur oder eine Regenwasser-Zisterne auf dem Dach für die Bewässerung des Gartens im Sommer -, die Menschen in den wasserarmen Gebieten der Welt haben nichts, aber auch gar nichts davon. Das beim Hinabspülen der Notdurft gesparte Wasser lässt sich nicht in die Notstandsgebiete beamen.

Im regenreichen Deutschland ist Wassersparen - abgesehen von Ausnahmesituationen wie der "großen Dürre" im Sommer 1976 - nicht nur überflüssig, es schadet sogar. Durch die immerwährenden Appelle ist der durchschnittliche tägliche Pro-Kopf-Wasserverbrauch der Deutschen von 147 Liter in den Neunzigerjahren auf mittlerweile 122 Liter zurückgegangen. Für die Spülung des Kanalsystems ist das nach Ansicht der Wasserwerke vielerorts eindeutig zu wenig. Werden die Rohre nicht ausreichend gespült, bleiben Fäkalien liegen; es bildet sich Schwefelsäure, die Löcher in die Leitungen frisst. In Berlin etwa rücken in trockenen Sommermonaten die Versorger aus, um aus den Hydranten bestes Trinkwasser direkt in die Kanalisation zu pumpen. Die Kosten trägt der Bürger - der zuvor einiges darangesetzt hat, seine Wasserrechnung niedrig zu halten.

Wer solcherlei klar und deutlich sagt, macht sich unbeliebt. Nachdem der Agraringenieur Christian Strunden im August in der "Neuen Zürcher Zeitung" unter der Schlagzeile "Wasser wird nie knapp" die "abstrusen Konstruktionen" der Erfinder des Wasser-Fußabdrucks gegeißelt hatte, musste der zuständige Redakteur wochenlang wütende Anrufe und Leserbriefe über sich ergehen lassen.

Strundens mit detailliertem Zahlenwerk untermauerte Kritik an der "zunehmenden Hysterie wegen der angeblich knapp werdenden Ressource Wasser" ist eine Provokation und eine Kampfansage an die Apokalyptiker. In der Tat ist Wasser, anders als beispielsweise Erdöl, eine unerschöpfliche Ressource. Es wird genutzt, aber nicht verbraucht. Der ewige Kreislauf sorgt dafür, dass kein Liter verloren geht: Die Sonne lässt das Wasser aus den Meeren verdunsten, es kondensiert zu Wolken, wird vom Wind manchmal über Tausende von Kilometern weggetragen, geht als Regen nieder, der im Boden versickert, in ein Gewässer oder in die Kanalisation fließt oder verdunstet - und am Ende wieder im Meer landet.

Sämtliches Wasser, das wir nutzen - zum Trinken, Kochen, Putzen, Spülen, Waschen oder als Kühl- und Prozessmittel in der Industrie -, fließt früher oder später als Abwasser in die Kanalisation. Im Idealfall wird es in einer Kläranlage gereinigt, im ungünstigeren Fall fließt es verschmutzt und mit Schadstoffen belastet wieder in den natürlichen Kreislauf zurück. Die Qualität kann sich also ändern, die Menge nicht. Auch das Wasser, das die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen, wird nahezu vollständig wieder abgegeben - per Evapotranspiration in die Luft und per Versickerung in den Boden.

Rechnerisch gesehen ist genügend Wasser für alle da. Ein Mensch benötigt pro Tag rund 45 Liter Wasser - als Trinkwasser sowie für den Abtransport von Fäkalien und Abfällen durch die Kanalisation. Ein Tausendstel des weltweit fallenden Regens oder drei Promille des Wasservolumens der Flüsse würde demnach ausreichen, die gesamte Menschheit zu versorgen. "Die Basisversorgung von sieben Milliarden Menschen mit Trinkwasser und Wasser für die grundlegenden sanitären Einrichtungen hält die Erde für uns leicht bereit", resümiert der Münchner Geografieprofessor Wolfram Mauser. Christian Strunden wiederum hat ausgerechnet, dass die 300 Milliarden Kubikmeter Regen, die Tag für Tag auf die Landmassen der Erde niedergehen, einer täglichen Wasserration von 43000 Litern für jeden Erdbewohner entsprächen - wenn man sie gleichmäßig über den Globus verteilen könnte.

Kann man aber nicht. "Die Realität schert sich nicht um globale Betrachtungen", sagt Wolfram Mauser, "sie kennt nur regional Betroffene." Die Niederschläge fallen oft nicht dort, wo die Menschen wohnen. Rund eine Milliarde Menschen leben in Trockengebieten. Sie sind den Klimarisiken voll ausgesetzt; ihre Versorgung ist durch Dürren ständig gefährdet. Eine jahrelang anhaltende Trockenheit kann ihre Herden dezimieren, die mageren Ernten verdorren lassen und Hungersnöte auslösen.

Selbst in regenreichen Gebieten gibt es nicht automatisch genug trinkbares Wasser. Auf Haiti beispielsweise, mit tropischem Klima und durchschnittlich 1300 Millimeter Regen pro Jahr gesegnet, hatten bereits vor dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 nur 19 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sanitären Einrichtungen. Kaum irgendwo existiert eine funktionierende Kanalisation. Die Slumbewohner versorgen sich aus Dachrinnen, Abläufen und Pfützen mit einer trüben Brühe, die hochgradig mit Cholera- und Escherichia-coli-Bakterien verseucht ist. 90 Prozent des Abwassers in Entwicklungsländern fließt ungeklärt in die Wasserläufe zurück.

Mit Knappheit hat dieses Problem nichts zu tun. "Die Diskussion um Wasserarmut beschränkt sich weitgehend auf die Abwesenheit von Wasser, anstatt die Nutzungsmöglichkeiten allen vorhandenen Wassers zu berücksichtigen", kritisiert Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre. Seiner Ansicht nach gehen "enorme Reserven unproduktiv verloren". In Kenia zum Beispiel. "Wenn dort die Nutzung gut geregelt wäre", urteilt Holger Hoff vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, "könnte das Land bis zum Jahr 2050 und trotz Klimawandels Wasserknappheit vermeiden."

Weizenanbau in der Wüste - Wahnsinn

Vielerorts wird das vorhandene Nass schlichtweg für den falschen Zweck eingesetzt - und fehlt dann der Trinkwasserversorgung. So sind beispielsweise trockene Regionen mit dem Anbau "durstiger" Agrargüter wie Baumwolle oder Weizen schlecht beraten. Die Felder müssen bewässert werden - mit Grundwasser, Wasser aus Flüssen, aus Stauseen oder aus dem Meer. Dabei, so der Agraringenieur Strunden, "wird in vielen Trockengebieten zeitweise mehr aus dem Grundwasser entnommen, als via Regen nachgeliefert werden kann". Irgendwann trocknen dann in den Dörfern die Brunnen aus.

Strunden weiß, wovon er redet. Vor einigen Jahren leitete er den Aufbau der ersten Weizenfarm in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo jetzt auf 1600 Hektar Weizen und Futterpflanzen mit entsalztem Meerwasser versorgt werden. Ein Meisterstück der Agrartechnik - mit fraglicher Wirtschaftlichkeit: "Wenn die rund 7000 Kubikmeter Wasser, die ein Weizenfarmer im arabischen Raum zur Produktion von sechs Tonnen Getreide braucht, aus entsalztem Meerwasser stammen, kosten sie etwa 20000 Dollar; wenn sie aus 500 Meter Tiefe hochgepumpt werden, 3000 bis 4000 Dollar", rechnet Strunden vor. "Die sechs Tonnen Weizen, die er erntet, bringen ihm derzeit einen Erlös von gerade einmal 2350 Dollar." Macht durchschnittlich einen Verlust zwischen 100 und 3000 Dollar pro Tonne.

Regenarme Länder sollten Nahrung importieren

Solche Investitionen werden meist unter dem Banner der Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln betrieben. Allerdings sind nicht nur die Kosten für die Entsalzung des Meerwassers oder das Hochpumpen aus großen Tiefen immens. Die von Strunden für den Weizenanbau zugrunde gelegten 7000 Kubikmeter Wasser fehlen nämlich bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. "Bei solchen Investments kommt man schnell in den Bereich, wo Wohlstand und Ressourcen, beispielsweise Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl, einer fragwürdigen Selbstversorgungsdoktrin geopfert werden müssen", sagt der Fachmann und zeigt die Alternativen an einem Beispiel auf: "Der Verzicht auf die Bewässerung von 6500 Hektar Weizenfeldern erlaubt die Versorgung einer Millionenstadt mit Trinkwasser nach europäischem Standard."

"Trockenregionen wären besser beraten, ihren Bedarf an Grundnahrungsmitteln durch Importe aus den wasserreichen Gebieten der Erde zu decken", so Strundens Fazit. Im Großen und Ganzen geschieht das auch schon. Nach Unesco-Berechnungen werden weniger als ein Fünftel der weltweit genutzten Acker- und Plantagenflächen bewässert. Wenn man - wie Strunden - die Weideflächen hinzurechnet, sind es sogar nur fünf Prozent. Vor allem die weltweiten Agrar-Handelsströme zeugen von dieser Konzentration der Landwirtschaft auf regenreiche Gebiete. Forscher des Institute for Water Education der Unesco haben schon vor einigen Jahren errechnet, dass durch den Handel mit Agrarprodukten jährlich rund acht Prozent der gesamten Wassermenge eingespart wird, die für die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln aufgewendet wird.

Auch zwischen trockenen und regenreichen Regionen ein und desselben Landes ist ein solcher virtueller Wasserhandel möglich. Wenn etwa der wasserreiche Süden Chinas seine Agrarproduktion ausweitet, könnte der wasserarme Norden seine knappen Ressourcen schonen. Teure und ökologisch bedenkliche Investitionen zur Wassergewinnung und Bewässerung, beispielsweise gigantische Staudämme oder eigens angelegte Flussrouten, über die Wasser vom Süden in den Norden gelenkt werden soll, würden überflüssig.

Ein weitgehender Verzicht auf Landwirtschaft in trockenen Regionen wird aber kontrovers diskutiert. Die Kritiker wenden ein, dass die meisten wasserarmen Entwicklungsländer nicht in der Lage seien, das Geld für die Nahrungsmittelimporte zu erwirtschaften. Logistik und Infrastruktur für die Verteilung der Nahrungsgüter seien nicht vorhanden. Außerdem drohe bei einer Abkehr von der Landwirtschaft die Verödung ganzer Regionen, Landflucht und Arbeitslosigkeit.

Die ökonomische Theorie hilft in diesem Fall nicht recht weiter. Zwar dekretierte der englische Ökonom David Ricardo schon vor fast 200 Jahren, die Arbeit so zu verteilen, "indem jedes Land jene Waren produziert, für die es durch seine Lage, sein Klima sowie seine natürlichen oder künstlichen Vorteile geeignet ist". Allerdings setzt dies Preise voraus, die das tatsächliche Angebot und die entsprechende Nachfrage widerspiegeln. Das ist in vielen Ländern aber nicht der Fall. Selbst in extrem trockenen Regionen, wo Wasser eigentlich extrem teuer sein müsste, wird es gratis oder für einen symbolischen Preis an die Farmer abgegeben. Nur so ist etwa der Weizenanbau in der Golfregion bezahlbar.

Außerdem ist Wasser nicht der einzige Produktionsfaktor in der Landwirtschaft. Immer bedeutender wird unter den Vorzeichen des Klimawandels die Verfügbarkeit fruchtbarer Böden. Im Ackerland, so der Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert, "liegt zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr Profit als auf den Goldfeldern". Der Wert des Bodens wiederum bemisst sich vor allem am Wasser. Große Ländereien in niederschlagreichen Regionen wecken die größten Begehrlichkeiten. Allen voran betreiben die Chinesen und Inder sehr aktiv "Land Grabbing" in fruchtbaren Regionen Afrikas; sie wollen sich so von einer zunehmend unsicheren und mit Preisrisiken behafteten Lebensmittelversorgung abkoppeln (siehe brandeins 03/2007: "Die neuen Herren Afrikas").

Eine alternative Strategie des Zugangs zu wasserreichem Land verfolgt das Emirat Abu Dhabi. Seit dem vorigen Jahr sind die Scheichs des Wüstenstaats mit einer Milliarde Dollar am Rohstoffgiganten Glencore beteiligt - und haben so dauerhaft Zugriff auf die Erträge von weltweit 270000 Hektar Anbaufläche in der Ukraine, in Australien und in Paraguay. Für das gleiche Geld könnten sie auch selbst Weizen anbauen und - bei realistischen Wasserkosten von 5000 Dollar pro Tonne Weizen - 200000 Tonnen Getreide ernten, allerdings nur ein einziges Mal. Dann wäre das Geld aufgebraucht. Der Weizen, dessen Bewässerung eine Milliarde Dollar gekostet hat, hätte auf dem Weltmarkt einen Wert von gerade mal aktuell 70 Millionen Dollar. Die Machthaber in Abu Dhabi haben sich gegen diese Methode der Geldvernichtung entschieden. -

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