Ausgabe 11/2012 - Schwerpunkt Zweite Chance

Spiel auf ein Tor

• Das Mädchen an der Bar ist hübsch, wirklich hübsch. Sein Blick kreuzt für einen Moment meinen. Sie kneift ihre weich bewimperten Augen leicht zusammen, als winke sie damit.

Russinnen trauen sich was, auch beim Flirten. Es passiert nicht selten, dass dich eine Schönheit von der Tanzfläche rempelt, um sicherzugehen, dass du sie wahrgenommen hast. Das weibliche Russland macht den Männern freigiebig Avancen.

So viele Möglichkeiten gibt es in diesem Riesenland. Vor allem die Hauptstadt Moskau kokettiert mit ihren Traumfrauen, Millionären und lukrativen Geschäften. Aber immer weniger Russen glauben an den vaterländischen Chancenreichtum. Vorsichtig geschätzt, gibt sich ein Viertel der Dorfbevölkerung dem Suff hin, nach neuesten Umfragen wollen 31 Prozent der Menschen, die in Städten leben, ihr Land verlassen. Bei den jungen Leuten sind es 48 Prozent, bei den Absolventen der Moskauer Elitenschulen 80 Prozent.

Zweite Chancen? Die gibt es selten. Die russischen Eliten sind seit Jahrzehnten bemüht, Chancen zu monopolisieren, das heißt für andere zu unterbinden. Spätestens seit Wladimir Putin an der Macht ist, bemüht man sich, die Konkurrenz auszuschalten, sie erst gar nicht zu Wahlen oder bei Ausschreibungen zuzulassen. „Spiel auf ein Tor“ bedeutet hier nicht, dass eine Mannschaft drückend überlegen ist. Sondern dass eine Mannschaft ihr Tor abgebaut hat und deshalb alle Chancen auf ihrer Seite sind.

Es ist ein System der alten Kumpels und Spezis. Söhne von Topbeamten steigen als stellvertretende Bankdirektoren ins Berufsleben ein, während Arbeiterkinder aus der Provinz trotz Wirtschaftsdiploms Autobatterien verkaufen.

Manch einer sieht Parallelen zu den Zeiten des feudalen zaristischen Russlands, in denen ganze Dörfer das Weite in Richtung Sibirien suchten, ganze Landstriche sich verzweifelten Rebellionen anschlossen. Ausnahmen? Der charismatische Bauernsohn Grigori Rasputin brachte es bis zum Beichtvater der Zarenfamilie. Und endete von Kugeln zerlöchert unter dem Eis der Newa.

Für Außenseiter sind Russlands Chefetagen auch knapp hundert Jahre später unzugänglich. Wer trotzdem sein Glück versucht, riskiert viel. Jungunternehmer mit neuen Ideen laufen Gefahr, dass Beamten zuständiger oder nicht zuständiger Behörden sie freundlich auffordern, ihr Geschäft teilweise oder ganz abzugeben. Wer ablehnt, riskiert unangenehme Steuerprüfungen oder gar eine Anklage wegen Vergewaltigung.

Wer aber zum System gehört, darf sich haarsträubende Fehler erlauben. Ihm ist nach der zweiten auch die dritte, vierte oder die hundertste Chance sicher. Bürokraten oder ihre Söhne, die auf dem Bürgersteig Babuschkas oder Kinder totgefahren haben, werden oft in keiner Weise belangt. Auch Korruptionäre verurteilt man selten, falls doch, werden sie in Sanatorien verlegt, der Gesundheit wegen. Danach folgen Amnestie und Beförderung.

Nicht viel anders funktioniert das Showgeschäft: Ein Dutzend Popsänger hat ein Quasi-Monopol auf Fernsehauftritte unter dem Vorsitz der sowjetischen Schlagergöttin Alla Pugatschowa. Sie ist längst aus dem Leim gegangen und singt wegen ihrer völlig ruinierten Stimmbänder seit Jahrzehnten nur noch Playback, präsentiert sich der TV-Nation aber praktisch jedes Wochenende.

Wem sich in diesen Verhältnissen eine Gelegenheit bietet, der hat es tatsächlich oft mit einer Versuchung zu tun. Da ist der Manager, dem zum ersten Mal das Angebot gemacht wird, gegen Schmiergeld die eigene Firma zu betrügen. Oder die Kindergärtnerin, die den 2500-Dollar-Umschlag annimmt und im Gegenzug einen Schützling wohlhabender Eltern an der Warteliste vorbei aufnimmt. "Weil es hier nicht um Moral, sondern um Geld geht", sagt der Moskauer Medienmanager und Schriftsteller Igor Simonow. "Reich wirst du hier, indem du eine Aussage unterschreibst, die deinen Geschäftspartner hinter Gitter bringt."

Die Hübsche von der Bar ist jetzt auf der Tanzfläche. Wieder fange ich einen Blick von ihr ein. Und mir ist klar, dass schleunigst etwas passieren muss: So zahlreich die Möglichkeiten bei russischen Frauen auch sind, sie spielen sich in einem zeitlich engen Zeitfenster ab. Das Mädchen, das heute Abend mit dir liebäugelt, will auch heute Abend von dir geküsst werden, zumindest auf die Hand.

Keine Bedenkfrist, keine Gnade für den, der hier die Frau seines Lebens trifft und aus Angst vor ihr das Schicksal vertagen möchte. Sicher, angesichts des vaterländischen Männermangels bleiben Russinnen manchmal doch an einem Zauderer hängen, der sie erst beim zweiten oder gar dritten Mal angesprochen hat. Aber wehe ihm! Ihn erwartet Verachtung, und zwar eine ganze Beziehung lang, sowie Launen, horrende Ausgaben, Betrug und Spott.

Mein Mund aber ist trocken. Jetzt oder nie, auch diese Russin gibt mir keine zweite Chance. ---

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