Ausgabe 11/2012 - Schwerpunkt Zweite Chance

Glücksfall Knast

- Tom strahlt: "Ich fliege nach Italien." Wohin die Reise genau geht, kann der 40-Jährige nicht sagen. "Irgendwas mit Centerama", meint er sich zu erinnern. Viel muss Tom allerdings auch gar nicht wissen, denn die Tour ist durchorganisiert und wird von seinem Arbeitgeber, einem großen südafrikanischen Unternehmen, bezahlt - die Belohnung dafür, dass Tom als Angestellter außergewöhnliche Leistungen vollbracht hat.

"Er erreicht sein Ziel in allem, was er tut", heißt es auf einer Urkunde, die über dem riesigen Flachbildschirm in seinem Wohnzimmer hängt. Und: "Er ist ein geborener Gewinner." Nur eines könnte Toms Reisepläne noch durcheinanderbringen: Sollte sein Arbeitgeber auch nur Bruchstücke von dem erfahren, was er in den nächsten zweieinhalb Stunden erzählen wird, wäre der geborene Gewinner seinen Arbeitsplatz los. Denn die Firma stellt aus Prinzip keine Vorbestraften ein. Deswegen können wir Tom auch nicht bei seinem wahren Namen nennen.

Die Tatsache, dass er in Soweto geboren wurde, verrät noch nicht allzu viel. Dieses Schicksal teilt Tom mit Millionen anderer Südafrikaner, die in der größten Schwarzensiedlung des Landes das Licht der Welt erblickten. Wer wie er schon lange vor dem politischen Gezeitenwechsel am Kap als Dunkelhäutiger geboren wurde, hat ein Handicap. Die Apartheidspolitik verwehrte ihm Berufe wie Ingenieur oder Premierminister, andere Karrieren wie die eines Arztes oder Rechtsanwaltes waren unerschwinglich teuer. Als zweitältester Sohn von sieben Kindern konnte Tom bis zur neunten Klasse die Schule besuchen. Dann ging seinem Vater, einem mit zwei Frauen verheirateten Lastwagenfahrer aus Swasiland, das Geld aus. Tom musste seiner Mutter beim Gemüseverkauf auf der Straße helfen, was ihn nicht begeisterte.

Weil Tom alles andere als dumm ist, merkte er bald, dass er auf andere Weise schneller zu Geld kommen konnte. Gemeinsam mit ein paar Freunden klaute er auf Flohmärkten zum Verkauf ausgestellte Waren. Und weil er schnell rennen konnte, wurde er niemals geschnappt. Es folgte eine Karriere wie aus dem Kriminologen-Lehrbuch. Toms Gangsterbande ging bald zu lukrativeren Autodiebstählen über und verlegte sich schließlich auf bewaffnete Überfälle. Beim Ausrauben einer Tankstelle erbeuteten sie 34000 Rand, umgerechnet rund 3000 Euro. Um solche Summen beim Gemüseverkaufen zu erzielen, muss man schon viele Monate lang auf dem Asphalt sitzen.

Südafrika hat eine der höchsten Verbrechensraten der Welt. Um die Ursachen zu verstehen, braucht man kein Soziologiestudium zu absolvieren. "Natürlich wegen der Armut", sagt Tom. Ein Drittel aller Südafrikaner müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, während in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft dem Luxus in prächtigen Villen, beheizten Schwimmbädern und protzigen Limousinen gefrönt wird. Am Kap der Guten Hoffnung verzeichnet man auch einen der höchsten Gini-Koeffizienten der Welt. Der drückt das Gefälle in der Verteilung des Einkommens aus. Tom drückt es so aus: "Wenn Sie von zweiten Chancen sprechen, dann ist das etwas irreführend. Denn genau genommen hatten wir gar keine erste Chance."

Irgendwann ging auch in seiner Verbrecherkarriere etwas schief. Bei einem Überfall auf einen Geldtransport wurde Tom von einem Wachmann mit einer Schrotflinte angeschossen und gemeinsam mit einem Freund verhaftet. Eine Schrotkugel traf ihn ins rechte Auge, eine andere zerschlug einen Schneidezahn, viele weitere kann er noch heute in seinem Körper spüren. Wäre er kein Verbrecher gewesen, hätten die Ärzte sein Auge bestimmt zu retten versucht, ist Tom überzeugt. So nahmen sie es kurzerhand heraus - ohne ihn um Erlaubnis zu fragen.

Das Gerichtsverfahren zog sich mehr als ein Jahr lang hin. In guter südafrikanischer Manier kamen ständig Dokumente abhanden oder erschienen Zeugen nicht zum Termin - ein ums andere Mal wurde der Prozess vertagt. Unterdessen hatte der Häftling mit dem Alltag in Sowetos berüchtigtem Sun-City-Gefängnis fertig zu werden. Dort versuchte der Führer einer der zahlreichen Gangs in der rund 80 Gefangene beherbergenden Zelle, ihn zu vergewaltigen. Dem Novizen gelang es, eine Neonröhre aus der Fassung zu reißen und dem Gangsterboss in den Leib zu rammen: Die Gefängniswärter beendeten den anschließenden Tumult mit einer Prügelorgie.

Immerhin entging Tom dem sexuellen Missbrauch. Mit seiner Gegenwehr verschaffte er sich Respekt, der ihm in den folgenden Monaten noch zugute kommen sollte. "Ich bin eigentlich nicht aggressiv", sagt der tatsächlich eher schüchtern wirkende ehemalige Verbrecher von sich selbst. "Aber wenn ich keine andere Wahl habe, dann kämpfe ich."

Er wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt und in der Haft zum ersten Mal in seinem Leben nach seinen Ambitionen befragt. Er würde die Zeit gern nutzen, um seinen Schulabschluss nachzuholen, antwortete Tom und wurde daraufhin in die Johannesburger Haftanstalt Leeuwkop verlegt. Dort legte er das Fundament für seine zweite - oder vielleicht doch besser - seine erste Chance. Er lernte Englisch und Algebra, machte das Abitur und studierte Betriebswirtschaft.

Im Gefängnis kam er mit Mitarbeitern der Nichtregierungsorganisation Khulisa in Kontakt, die sich um die Resozialisierung von Straftätern kümmern. "Wir sind der Auffassung, dass jeder Mensch ein Recht auf eine zweite Chance hat", sagt Lesley Ann van Selm, die Gründerin von Khulisa. Mehr als 2000 neue Chancen hat die Organisation im Laufe ihres 15-jährigen Bestehens bereits eröffnet. Durchschnittlich werden 80 Prozent der derzeit mehr als 160000 in südafrikanischen Gefängnissen sitzenden Straftäter rückfällig. Dagegen bleiben drei Viertel aller von Khulisa begleiteten Delinquenten sauber.

Es ist eine lange Reise, die Khulisa ihren Klienten zumutet. Es gilt, eingefahrenes Verhalten zu ändern und Lebenslügen zu entlarven. Über Tom sagt van Selm, ihm sei "wohl vor allem seine ungewöhnliche Ehrlichkeit zugute gekommen". Er selbst sagt, die Gesprächsrunden und Workshops hätten ihm geholfen, "mich selbst besser kennenzulernen. Ohne Khulisa hätte ich die Kurve womöglich nicht gekriegt."

Wie entscheidend das war, wird am Schicksal seines Freundes deutlich. Der setzte nach der Entlassung seine kriminelle Karriere fort, überfiel am Zahltag eine Baustelle, wurde von den Arbeitern überwältigt und mit Backsteinen zu Tode gesteinigt.

Einem Sonntagmorgenspaziergang kam Toms zweite Chance allerdings auch nicht gleich. Als er nach sieben Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er erst einmal auf sich selbst gestellt. Seine Familie hatte während der gesamten Haftzeit so gut wie nichts von sich hören lassen. Lediglich sein ältester Bruder war ein paar Mal zu Besuch gekommen. Einmal hatte sich seine streng katholische Mutter blicken lassen, aber während der gesamten Besuchszeit vor lauter Schluchzen keine Worte gefunden, sodass beide beschlossen, von solchen Kontakten in Zukunft lieber abzusehen.

Khulisa vermittelte Tom einen Job bei einem kleinen IT-Unternehmen. Doch die Firma ging ein gutes Jahr später in Konkurs, Tom musste auf sein Gehalt von drei Monaten verzichten. Dem angeblich "geborenen Gewinner" blieb nichts anderes übrig, als wieder einmal Gemüse auf der Straße zu verkaufen. "Es war hart", sagt der Vater von zwei Kindern leise. Während einer der berüchtigten Johannesburger Gewitterstürme wurden seine Zwiebeln und Tomaten immer wieder in den Gulli geschwemmt.

Schließlich zahlte sich einmal mehr Toms Verbindung zu Khulisa aus. Die Organisation brachte ihn mit einer Zeitarbeitsfirma in Verbindung, die ihn an ein großes Unternehmen verlieh. Tom bewährte sich und wurde bereits wenige Monate später von dem Unternehmen übernommen. Inzwischen wird er auf eine Manager-Position vorbereitet, besucht abends Kurse, um sich weiterzubilden, und hat sich zwei Pick-ups als Grundstock für ein eigenes kleines Bauunternehmen gekauft, das er am Wochenende aufzubauen versucht. Was er am Monatsende übrig hat, überweist er an seine Familie, die sich des "schwarzen Schafs" nun wieder gern erinnert.

Seinen außergewöhnlichen Werdegang wollte Tom einst selber zu Papier bringen. Er kaufte sich einen Computer und legte los. Doch eines Tages war der Rechner weg - mitsamt seinem Neffen, den er damals bei sich wohnen ließ. Die Enttäuschung über den Verlust und das gebrochene Vertrauen ist Tom noch immer anzumerken. Doch er habe seinem Neffen inzwischen verziehen, sagt er. Denn Zorn sei ein destruktives Gefühl, das dem persönlichen Wachstum nur im Weg stehe.

"Und außerdem hat auch mein Neffe eine zweite Chance verdient."-

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