Ausgabe 06/2012 - Schwerpunkt Risiko

"Alles wird gut"

- Die wichtigste Regel für einen Degeto-Film lautet: Mach es simpel, sonst schalten die Zuschauer ab oder - schlimmer noch - um! Also versuchen wir den Aufstieg des Unternehmens zur "heimlichen Supermacht des Kitschfilms" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") so einfach wie möglich zu erzählen.

Ein großes Fest soll gefeiert werden.

Doch dunkle Wolken ziehen auf

Die ARD war zur Jahrtausendwende 50 geworden. Doch den Anstaltsoberen, vorneweg dem damaligen Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, war nicht nach Feiern zumute. Die private Konkurrenz jagte der ARD zur Primetime mit populären Programmen immer mehr Marktanteile ab. Ebenso die Wettbewerber vom ZDF, die unter anderem Rosamunde Pilchers Hausfrauenträume bebilderten.

So konnte es nicht weitergehen. Man musste etwas für die Quote tun, die trotz gegenteiliger Behauptungen längst auch im gebührenfinanzierten Fernsehen zum Fetisch geworden war. Denn wer ein großes Publikum anlockt, braucht keine Debatte über Zwangsbeiträge für Funk und Fernsehen zu fürchten.

Besonders ärgerlich für die ARD-Hierarchen: Sie konnten, anders als die Kollegen vom ZDF, nicht durchregieren. Die ARD wurde föderal organisiert - als Gegenmodell zu den gleichgeschalteten Medien Nazi-Deutschlands. Die einzelnen Landesrundfunkanstalten kümmern sich um ihre dritten Programme und liefern Sendungen für das gemeinsame Erste. So kann im Idealfall ein buntes, vielseitiges Programm entstehen. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass eigensinnige Redakteure gelegentlich Stoffe in Auftrag geben, die nicht massenkompatibel sind. Problemfilme mit heiklen Themen und Schauspielern, die keiner kennt. Quotengift. Dieses Risiko wollte man ausschalten.

In höchster Gefahr setzt sich einer an die Spitze.

Und weist den Weg ins gelobte Fernsehland

Die Aufgabe übernahm der ARD-Fernsehfilmkoordinator Jürgen Kellermeier. Er ließ ein Manifest erarbeiten, das von den Programmdirektoren der anderen Anstalten im Jahr 2000 abgenickt wurde. Darin ist nachzulesen, woran man sich bei der Produktion von TV-Movies zu orientieren hat: an den "Reichweitenzielen" (vulgo: Quote). Wie ein solcher Film auszusehen hat, ist in einer Anlage detailliert beschrieben. So hat der Stoff "attraktiv, unterhaltsam und/oder interessant/relevant (möglichst generationenübergreifend)" zu sein.

Für den Titel gilt die Vorgabe: "einladend, anziehend, mit attraktivem und interessantem Assoziationsfeld". Ganz wichtig: "Emotionalität" und eine Erzählweise, die "unkompliziert, einfach, klar, auf keinen Fall verwirrend" sein darf. Außerdem "Hauptdarsteller mit möglichst hohem Bekanntheitsgrad", die sich in einem "attraktiven, zumindest interessanten, nicht abstoßenden" Milieu zu bewegen haben. Auf die Frage, ob dieses Schema mit anspruchsvoller Unterhaltung vereinbar ist, gibt das Papier eine überraschende Antwort: "Die Vorgaben sind zugleich die Maßstäbe für die Qualität der Filme."

Damit war die programmatische Grundlage für die später Süßstoffoffensive genannte Verflachung des Ersten gelegt. Es fehlte nur noch das Instrument, um sie zu realisieren.

Die Zeit der Irrungen und Wirrungen ist vorbei.

Nun regiert der weise Quotenkönig

Die 1928 gegründete Deutsche Gesellschaft für Ton und Film vertrieb zu NS-Zeiten Propagandafilme. 1959 wurde sie von den Landesrundfunkanstalten neu gegründet: Ihre Aufgabe war der zentrale Einkauf von Filmen für die ARD. Die Bedeutung der Degeto mit Sitz beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main wuchs, als ihre Gesellschafter zur Jahrtausendwende entschieden, mehr selbst zu produzieren - und mit dem Quotenoptimierungspapier das Format vorgaben. Der Etat liegt bei rund 400 Millionen Euro im Jahr, davon werden rund 250 Millionen Euro für eigene Produktionen aufgewendet. Das ist ein gewaltiger Batzen und die Degeto mit ihren rund 70 Mitarbeitern damit eine Macht. Ohne sie läuft kaum etwas in der überschaubaren deutschen Filmwirtschaft.

Der große Vorteil für ihre Eigentümer: Mit der Degeto lässt sich unternehmerisch agieren, ohne dass Redakteure, Rundfunkräte und andere notorische Störenfriede hineinreden können. Zudem ist sie als GmbH gegenüber der Öffentlichkeit nicht auskunftspflichtig. Hans-Wolfgang Jurgan, einer der Degeto-Geschäftsführer, setzte die von der ARD-Spitze beschlossene Süßstoffoffensive mit großem Eifer um. Der Mann, der mit Vollbart und Brille wie ein gemütlicher Oberstudienrat aussieht, ließ am laufenden Band Rührstücke im Stil der Fünfzigerjahre produzieren, die zunächst freitags zur Primetime und später auch an anderen Abenden ausgestrahlt wurden.

Dazu zählt die Serie "Das Traumhotel". Sie läuft seit 2004 und entspricht exakt den Vorgaben des Kellermeier-Papiers. Gedreht wird stets an exotischen Orten wie etwa dem brasilianischen Salvador da Bahia. Die Bilder - gern Luftaufnahmen - sind so kitschig, dass sie ohne Weiteres für die Fremdenverkehrsreklame taugten. Die Einheimischen treten grundsätzlich exotisch gewandet auf, sprechen aber Deutsch, außer es gibt einen dramaturgischen Grund dafür, dass man sich einmal nicht verstehen soll. Hauptfigur ist Markus Winter (gespielt von Christian Kohlund), der lebenserfahrene Besitzer eines Hotelkonzerns, der vor allem durch seine sonore Stimme auffällt.

Die Storys um ihn sind so simpel gestrickt, dass die FSK-Freigabe "ab 0 Jahren" auf den DVD-Fassungen durchaus wörtlich zu nehmen ist. Irritierend nur, dass im "Traumhotel Brasilien" ständig unmotiviert Schönheiten im Tanga durchs Bild laufen, womöglich weil der österreichische Regisseur Otto Retzer seine Karriere einst mit Sexfilmchen begann. Die hölzernen Dialoge, die auch von denjenigen Schauspielern, die es eigentlich besser könnten, teilnahmslos aufgesagt werden, kann man als Zuschauer leicht mitsprechen, denn es wird Phrase an Phrase gereiht und kein Klischee ausgelassen. Hier ein Ausschnitt aus dem "Traumhotel Brasilien" (Erstausstrahlung Januar 2012):

Ricardo, ein junger Mann mit Gelfrisur, der für die Hotelgäste aufspielt, liegt abends allein an einem Lagerfeuer am Strand, spielt Ukulele und singt dazu. Seine Freundin Leonie, die süße blonde Tochter des Hotelbesitzers, betritt die Szene, umarmt ihn und fragt irgendwann:

"Wann studierst du eigentlich weiter?"

Ricardo (weiter klampfend): "Kann sein, dass ich das nächste Semester auslasse."

Leonie: "Wegen mir?"

Ricardo: "Auch."

Leonie: "Auch?"

Ricardo: "Vielleicht inszeniere ich in Bahia 'n Musical mit Kindern."

Leonie: "Was für Kinder?"

Ricardo: "Mit Straßenkindern. Ich bin auch ohne ein Zuhause aufgewachsen."

Leonie: "Was war denn mit deinen Eltern?"

Ricardo: "Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern."

Leonie: "Das muss schwer für dich gewesen sein."

Ricardo: "Ich hab's überlebt."

Er schmiegt sich mit dem Kopf an sie und spielt weiter Ukulele.

Das ist Entertainment für Leute, die gern gründlich abschalten - auch ihr Gehirn -, war aber lange erfolgreich. Die Degeto erreichte mit dem Freitagsfilm zu ihren besten Zeiten verlässlich rund sechs Millionen Zuschauer und lag damit deutlich über dem ARD-Schnitt. Das war nun ein Grund, zu feiern und der Degeto immer mehr Einfluss auf das Unterhaltungsprogramm zu gewähren. Die setzte unter dem Quotenkönig Jurgan streng auf das Schema F. Die Devise hieß: nur keine Experimente. Das allerdings ist für ein Medienunternehmen auf Dauer ungesund.

"Man meinte, den Stein der Weisen gefunden zu haben", sagt Professor Peter Henning vom Verband Deutscher Drehbuchautoren, der seit den Neunzigerjahren immer wieder Filme im und mit dem WDR gemacht hat. So wurde immer mehr Lore-Romanstoff produziert: "Neue Chance zum Glück", "Liebe, Lüge, Leidenschaften", "Sehnsucht nach Liebe" und so weiter und so fort - Schmalz ohne Ende. Der Bundesverband Regie beklagte die "Degetoisierung" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Henning sagt: "Die Degeto hebelt das Prinzip ARD aus. Die Kultur, die dort gepflegt wird, ist eine Monokultur."

Solche Kritik ließen die Verantwortlichen an sich abperlen. In der ARD verwies man routiniert auf die wenigen anspruchsvollen Projekte, die die Degeto auch schon gefördert oder verantwortet hat ("Das weiße Band", "Der Baader Meinhof Komplex", "Buddenbrooks"). Jörn Klamroth, der zweite Geschäftsführer der Degeto, führte demografische Argumente ins Feld zur Rechtfertigung der Schmonzettenfabrikation: "Nicht nur dem Fernsehen, auch der Bundesrepublik insgesamt fallen die Zähne aus." Es seien "die älteren Damen, die bei uns den Ton angeben".

Am offensivsten verteidigte sein Kollege Jurgan die Geschäftspolitik: "Wir verkaufen am Freitagabend Träume und Märchen. Unsere Zuschauer wollen sich vom Alltag wegtragen lassen." Und: "Ich bin grundsätzlich glücklicher, wenn ich sehe, dass ich mehr Zuschauer erreiche. Mein persönlicher Ansatz lautet: je mehr, desto besser." Argumente, die nicht zufällig an die des Privatfernseh-Pioniers Helmut Thoma erinnern, von dem das Bonmot stammt: "Im seichten Wasser kann man nicht ertrinken!" Nur dass Hans-Wolfgang Jurgan seine Seichtgebiete mit den Millionen der Gebührenzahler befeuchtete.

Seine Kräfte scheinen magisch zu sein.

Alles hört auf ihn. Sein Wort ist Gesetz

Wer Quote macht, hat recht. Jurgan stieg in der ARD zum König des Kitsches auf und nahm sich manche Freiheit heraus. So reiste er gern höchstpersönlich zu schönen Drehorten, logierte dort in erstklassigen Hotels und griff auch eigenhändig ein, wenn gegen seine Gebote verstoßen wurde. Ihm gefiel beispielsweise nicht, dass in einer Folge der Serie "Geld. Macht. Liebe." Mutter und Tochter auf dem Balkon Bier aus der Flasche zischten. Die Szene wurde deshalb nachgedreht, und weil kein Balkonwetter mehr war, mussten die Schauspielerinnen nun Mineralwasser im Wohnzimmer trinken.

Kritik an dem "zuverlässigen Wächter über das Mittelmaß" (so ein Insider gegenüber der "Süddeutschen Zeitung") trauten sich nur wenige offen zu äußern - schließlich wollte man mit Degeto und ARD weiter im Geschäft bleiben. Aber die Verzweiflung von Fernsehproduzenten, die nach Jahren der Degetoisierung noch nicht zynisch geworden waren, wuchs. Die Welt, die Sehgewohnheiten des Publikums und das Fernsehgeschäft hatten sich verändert. Hochklassige amerikanische TV-Serien hatten gezeigt, dass Unterhaltung auch anspruchsvoll sein kann.

Nur in Frankfurt machte man mit den immer selben Stoffen, Produktionsfirmen und Darstellern - das mittlerweile erschlankte ehemalige Vollweib Christine Neubauer war der absolute Superstar - unverdrossen weiter. Und übernahm gern auch andere Aufgaben für die ARD-Spitze. So plauderte Jurgan gegenüber der "Zeit" stolz aus, dass Harald Schmidt 2004 via Degeto fürs Erste angeheuert wurde. "Nicht das zuständige Haus, das die Sendung hinterher redaktionell betreute, hat den Vertrag abgewickelt. Stattdessen wurde ich gebeten, das über die Degeto zu machen." Es sollte nämlich nicht herauskommen, wie viel Schmidt kassierte. "Wenn das in den Häusern ist", so Jurgan, "geht es durch so viele Hände und Gremien, dann ist es nicht mehr vertraulich."

Auch Thomas Gottschalk wurde jüngst über die Degeto für das ARD-Vorabendprogramm (anstaltsintern die "Todeszone" genannt) verpflichtet - in der Hoffnung, dass der Sonnyboy dort Jung und Alt massenweise vor die Glotze locken würde. Weil das nicht der Fall war, wurde seine Live-Sendung rasch wieder eingestellt. Die Qualität war kein Thema.

Sein Zauber wirkt nicht mehr.

Noch einmal bäumt er sich auf

So überrascht es wenig, dass für den einst so nützlichen und unantastbaren Jurgan mit sinkenden Quoten die Götterdämmerung einsetzte. Er hatte das Degeto-Prinzip totgeritten, die einst so sichere Nummer funktionierte nicht mehr. Das hat man auch in der Firma erkannt, und so gab es erste zaghafte Versuche eines etwas anderen Wohlfühlfernsehens. Jüngst war ein Freitagsfilm zu sehen ("Dann kam Lucy"), in dem eine Jugendliche die Hauptrolle spielte. Sie wirbelt nach dem Tod ihrer Mutter das Leben ihrer Patentante durcheinander, zu der sie zieht. Torsten Reglin von der kleinen Kölner Produktionsgesellschaft Ester-Reglin-Film ist voll des Lobes über die zweijährige Zusammenarbeit mit der zuständigen Degeto-Redakteurin. Und betont, dass das Werk auch ohne Christine Neubauer und Veronica Ferres die mittlerweile als akzeptabel geltende Vier-Millionen-Zuschauer-Hürde nahm (13,6 Prozent Marktanteil) und sogar von Jüngeren geschaut wurde (7,2 Prozent Marktanteil).

Die Erkenntnis, dass es höchste Zeit für Veränderungen bei der Degeto war, setzte sich irgendwann auch an der Spitze der ARD durch. Nachdem im vergangenen Jahr Jurgans Co-Geschäftsführer Jörn Klamroth gestorben war, wurde der Posten im Mai 2011 mit Bettina Reitz, zuvor Fernsehspiel-Chefin beim Bayerischen Rundfunk, besetzt. Sie gilt als geschmackssicher und ambitioniert. Nun sollte also eine vergleichsweise junge Frau - sie ist Jahrgang 1962 - einen neuen Ton bei der Degeto angeben und die Produktion verantworten, Jurgan sich um die Lizenzen und das Finanzielle kümmern.

Sie selbst teilt mit, dass sie vorhatte, das Image der Degeto, die besser sei als ihr Ruf, zu verbessern. Zum Beispiel mit "Unterhaltungsfilmen, die modern und zeitgemäß sind und zugleich wichtige Themen unserer Gesellschaft erfolgreich erzählen". Das Gegenteil des Traumhotels sozusagen.

Doch die Chance dazu bekam sie nicht. Denn schon kurz nach ihrer Amtsübernahme stellte sich zu ihrer großen Überraschung heraus, dass Hans-Wolfgang Jurgan Schnulzen für etwa zwei Jahre im Voraus bestellt und Reitz damit ausgebremst hatte. Sie hatte also kaum inhaltlichen Gestaltungsspielraum. Die ARD musste sogar noch kurzfristig rund 24 Millionen Euro lockermachen, weil der Degeto-Etat überschritten war. Die einstige Quotenkönigin hatte sich als brandgefährlich für ihre Eigentümer erwiesen, weil dort ein alter Platzhirsch, so sieht es aus, ohne Rücksicht auf Verluste sein Revier zu behaupten suchte.

Der früher so redselige Jurgan schreibt auf Anfrage, dass er sich - "nach reiflicher Überlegung" - entschlossen habe, nichts zu dem Thema zu sagen. Eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte "gravierende organisatorische Mängel" ergeben, Jurgan wurde im November freigestellt und zum Jahreswechsel in den Ruhestand versetzt.

Die Degeto hat sich mittlerweile offiziell bei all den Filmproduzenten entschuldigt, die wegen der Überproduktion bis auf Weiteres keine Chance mehr auf Beschäftigung haben - und die "das alles andere als lustig finden", so Torsten Reglin. Einige könnte das die Existenz kosten. Für die ARD ist das alles mehr als peinlich.

Aber am Ende wird alles glücklich ausgehen.

Es kann nicht anders sein bei der Degeto

Bettina Reitz, die sich ihren Job bei der Degeto ganz anders vorgestellt hat, bricht ihre Zelte dort wieder ab und kehrt im Juni zum Bayerischen Rundfunk zurück, wo sie einen schönen Karrieresprung macht und Fernsehdirektorin wird. Ihre Nachfolgerin bei der Degeto wird Christine Strobl, Fernsehfilmchefin des Südwestrundfunks (SWR), die auch einen guten Ruf hat und anspruchsvolles Programm mag. Da sich Strobl selbst zu ihrem neuen Job noch nicht äußern will, zitieren wir, was ihr der SWR-Intendant Peter Boudgoust mit auf den Weg gegeben hat: "Bei der Degeto wird sie den Beweis erbringen, dass Quote und Qualität in der ARD zwei Seiten derselben Medaille sind." Das ist ein großes Versprechen - für die Zeit, wenn die Schnulzen-Halde abgebaut sein wird.

Der Traumhotel-Inhaber Markus Winter würde es übrigens volkstümlicher so ausdrücken: "Alles wird gut!" -

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