Ausgabe 03/2012 - Gute Frage

Horten Unternehmen zu viel Geld?

• Apple glänzt mit Rekordgewinnen - und möchte möglichst wenig davon wieder hergeben. Seit Jahren hortet der Konzern sehr viel Geld. Nach dem Weihnachtsgeschäft hatte das Unternehmen aus Cupertino mehr als hundert Milliarden Dollar gebunkert, und nicht wenige hoffen, dass Apple damit bald einen großen Konkurrenten wie Google schluckt. Oder dass der Konzern endlich anfängt, seine Aktionäre am Gewinn zu beteiligen. Anleger bekommen nämlich keinen Cent Dividende überwiesen. Sie müssen sich seit Langem mit dem steigenden Börsenkurs zufriedengeben.

Nicht nur Apple hortet Geld. Laut Federal Reserve Bank sitzen US-Unternehmen auf mehr als zwei Billionen Dollar an liquiden, das heißt flüssigen Mitteln. Auch bei deutschen Firmen ist diese Form der Knauserigkeit weitverbreitet. Kapitalgesellschaften außerhalb der Finanzbranche kamen im dritten Quartal 2011 auf 332 Milliarden Euro an Barem und Sichteinlagen, rechnete die Deutsche Bundesbank nach - das entspricht fast dem halben Bruttoinlandsprodukt. Vater Staat hatte zur gleichen Zeit gerade mal 66 Milliarden Euro flüssig. Dieser Geldberg könnte weiter wachsen. "Viele Unternehmen haben sehr gut verdient, zum Teil überraschend gut, und häufen hohe Cash-Reserven an", sagt Johannes Wirth vom Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität Saarbrücken. Die 25 größten Produzenten, Händler und Dienstleister im Dax verdienten 2011 rund 60 Milliarden Euro netto, weniger als die Hälfte fließt den Aktionären zu.

"Cash-Reserven" klingt zunächst erfreulich. Gemeint sind die Teile des Geldvermögens einer Firma, auf die sie schnell zugreifen kann. Diese Mittel machen Unternehmen ein Stück weit unabhängig davon, ob und zu welchen Zinsen die Banken Kredite gewähren. Bei Engpässen oder Gelegenheiten, andere Firmen zu übernehmen, können sie schnell reagieren. Die Sicherheit bezahlen sie allerdings mit totem Kapital. Heißt es nicht, dass Geld in den Wirtschaftskreislauf gehört? Dass es in neue Maschinen, Mitarbeiter und Ideen gesteckt werden sollte, um das Kapital zu mehren und Jobs zu schaffen? Wie passt das zu den Bergen an Erspartem?

Das passt ganz prima, beteuern die Unternehmen. Jedes einzelne nennt gute Gründe, große Summen zu horten. Top-Sparer in Deutschland ist der Volkswagen-Konzern. Er verbuchte Ende September 2011 gut 21 Milliarden Euro Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente, wie der Posten auf Bilanzdeutsch heißt. Die Cash-Position sei eine "atmende Größe", die man "weitsichtig managen" müsse, heißt es in Wolfsburg. Aber muss es gleich so viel sein?

Sicher, Bares ist sinnvoll. Denn Unternehmen haben ja auch Schulden, die zum Teil sehr bald zurückzuzahlen sind. Oder sie werden von Rechnungen überrascht, wie sie jüngst der Deutschen Post ins Haus flatterte: Das Unternehmen hat rund 3,4 Milliarden Euro flüssig, soll aber bis zu einem Drittel davon für unerlaubte Beihilfen zurückerstatten, entschied die Europäische Kommission.

Unternehmen müssen Mitarbeiter entlohnen, die Produktion am Laufen halten, und zwar auch dann, wenn Kunden Aufträge stornieren oder Produkte floppen. Oder wenn Preise für Energie und Rohstoffe in den Himmel schießen. Für all das gilt es vorzusorgen.

Denn auf die Banken ist nicht immer Verlass. Besonders krass zeigte sich das, als die Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 pleiteging. Damals drehten Finanzinstitute auf der ganzen Welt über Nacht den Geldhahn zu. So manchem Manager wurde das zum Trauma. Seitdem halten viele ihr Pulver lieber trocken. Die fünf Dax-Größen etwa haben ihren Cash-Bestand seit damals um knapp zwei Drittel erhöht, errechneten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young.

Das Sicherheitsdenken der Manager ist verständlich - nur schadet es der Gesellschaft. "Die Gelder werden nicht investiert und dadurch dem gesamtwirtschaftlichen Kreislauf vorenthalten", sagt Daniel Stelter, Strategie-Experte bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), "das kann zum Problem werden."

Das gaben 1050 Finanzvorstände bei einer Umfrage der Duke Universität sogar ganz offen zu. Sie halten ihre dicken Geldpolster für eine Konjunkturbremse, 43 Prozent meinen sogar, die Sparsamkeit sei ein entscheidender Grund für die Wirtschaftsschwäche. Die Reserven abbauen wollen sie aber nicht. Es sei keine Lösung, nun Geld in den Markt zu pumpen und dadurch die eigene Pleite zu riskieren. "Wir investieren wieder mehr, wenn es der Wirtschaft besser geht, aber der geht es erst besser, wenn wir mehr investieren", beschreibt ein Befragter den Teufelskreis.

Auch in Deutschland fehlt es an Investitionen. Unterm Strich kommen kaum neue Maschinen und Fabriken dazu, warnt der Industrieverband BDI. Deutschland sei "kurz davor, von der Substanz zu zehren". Die Sparsamkeit trifft Deutschland besonders. Denn wenn hiesige Konzerne schon mal investieren, dann meist im Ausland. "Wir exportieren Kapital", sagt der BDI-Präsident Hans-Peter Keitel.

Die Chemieindustrie - Deutschlands drittgrößte Branche hinter Auto- und Maschinenbau - ist hierfür ein gutes Beispiel. Allein in China hat sie schon 150 Ableger. Und der Weltmarktführer BASF will in den nächsten Jahren zehn Milliarden Euro investieren - in Schwellenländern. Aus Sicht des Konzerns ist das durchaus sinnvoll. Die deutschen Chemieunternehmen "haben gelernt, ihr Geld effizient anzulegen", sagt Matthias Born, Portfoliomanager bei Allianz Global Investors.

Doch wer Geld im Ausland ausgibt und im Inland hortet, der schafft sich auch Probleme. "Hohe Ersparnisse wecken Begehrlichkeiten", warnt BCG-Mann Stelter, "zum Beispiel beim Finanzminister."

Auch andere wollen ran an den Speck. Das bekommt Siemens gerade zu spüren. Die Münchner überwiesen ihren Aktionären für das vergangene Jahr 2,6 Milliarden Euro - und sitzen trotzdem noch auf neun Milliarden Euro Cash. "Die Firma wird wieder zur Bank mit angeschlossenem Elektrokonzern", meckert ein Aktionär, der bei Siemens Investitionen in Zukunftsbranchen vermisst.

Andere pochen auf höhere Dividenden, und die Gewerkschaft fordert finanzielle Verantwortung, da doch hierzulande gerade 2900 Jobs bei Nokia Siemens Networks wegfallen. Finanzchef Joe Kaeser verteidigt sich: Liquidität sei "schwer zu verdienen, und wir werden sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen", sagte er auf der Hauptversammlung. Erst recht nicht nach dem schlechten ersten Quartal und bei der Sorge um die Weltkonjunktur 2012.

Was also tun? Den Top-Managern die Angst zu nehmen dürfte schwierig sein. So bleibt der Versuch, durch staatliche Anreize mehr Investitionen im Land zu halten oder sie ins Land zu locken. Für Unternehmen attraktiv sind zum Beispiel hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte.

Aber das wird nicht reichen, um beispielsweise Apple zu verführen, in Deutschland zu investieren, oder der deutschen Chemieindustrie den Standort Deutschland attraktiv zu machen. Die Unternehmen verschaffen sich erst einmal ihre eigene Sicherheit - solange es rundherum unsicher ist.

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