Ausgabe 03/2012 - Schwerpunkt Relevanz

Flotter Dreier

- Eines vorweg: Dies ist keine Geschichte über Genies. Keiner der drei jungen Männer kann im Kopf die 17. Wurzel einer 13-stelligen Zahl berechnen. Keiner hat einmal gelesene Bücher jederzeit abrufbar im Gedächtnis. Keiner spielt Simultanschach gegen mehrere Gegner. Die drei sind vor ihrem Studium nie sonderlich aufgefallen. Sie haben in der Schule keine Klasse übersprungen und auch kein Super-Abi gemacht. "Der eine oder andere meiner früheren Lehrer würde staunen, wenn er wüsste, wie ich studiert habe", sagt einer von ihnen. Die anderen nicken.

Eine Wohnung in Castrop-Rauxel. Robert Grünwald, Marcel Kopper und Marcel Pohl, alle 21 Jahre alt, bereiten ihr Frühstück zu. Grünwald kocht Kaffee. Kopper, der hier wohnt, richtet den Aufschnitt an. Pohl deckt den Tisch. Ein eingespieltes Team. "Manche Leute nehmen uns unsere Geschichte gar nicht ab", sagt Pohl, während er zwei Brotscheiben in den Toaster steckt. Dann erzählt er von seiner Bewerbung beim Volkswagenwerk und einer Personalmanagerin, die wenige Tage später anrief, um sich zu erkundigen, ob er in seinem Lebenslauf nicht ein wenig fantasiert habe. "Ich wollte ihr alles erklären, aber sie ließ mich nicht ausreden. 'Ich glaube Ihnen nicht', sagte sie und legte auf." "Vielleicht liest sie ja den Artikel über uns. Dann ärgert sie sich erst recht", ruft Kopper. Alle drei lachen.

Sie sind stolz. Sie haben geschafft, was ihnen keiner zugetraut hätte. In der Rekordzeit von zwei Semestern absolvierten sie einen auf sieben Semester angelegten Bachelor, danach in zwei Semestern einen an sich viersemestrigen Master. Für diese Extremleistung braucht es einen mächtigen Willen. Zumal die drei zur gleichen Zeit noch eine Berufsausbildung absolviert haben - in anderthalb statt der üblichen drei Jahre. Allein, beteuern sie, hätten sie es nicht zustande gebracht. Tatsächlich sind sie ein starker Beleg für die Dynamik der Teamarbeit. Und: Jeder wusste, wofür er sich abrackert. Das war nötig, denn ihre Leistung verlangte Verzicht - auch auf all das, was Studentenjahre so frei und unvergesslich machen kann. Die drei wirken, als staunten sie immer noch über sich selbst, als sie beim Frühstück ihre Geschichte erzählen.

Es sind weder Träumer noch Weltverbesserer. Sich auf schnellstem Weg für einen gut bezahlten und interessanten Job zu qualifizieren - dieser Entschluss war es, der sie nach dem Abitur verband. Robert Grünwald nahm sich dabei seinen Vater zum Vorbild. Der hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen mit Fleiß und Disziplin zum leitenden Ingenieur hochgearbeitet. Man kann alles erreichen, wenn man bereit ist, hart dafür zu arbeiten - so hat Grünwald junior es im Elternhaus gelernt. "Diese Einstellung hat mich stark geprägt", sagt er. "Nichts geht mir mehr gegen den Strich, als unnötig Zeit zu verplempern."

Marcel Kopper tickt ähnlich. In seiner Familie herrscht ein pragmatischer Geschäftssinn. Die Eltern stellten im eigenen Betrieb Solariumbänke her. Als die Bräune aus der Röhre aus der Mode kam und es mit dem Geschäft bergab ging, wechselten sie kurzerhand die Branche und sind seither als Network-Marketing-Berater tätig. Dieser Pragmatismus habe auf ihn abgefärbt, sagt Kopper. "Monetäre Ziele sind für mich ein starker Antrieb. Ich habe mir nach dem Abitur überlegt, wie ich schnell viel erreichen kann." Dann sei er auf die Idee mit dem berufsbegleitenden Studium gekommen. "Ich dachte: Warum Zeit verschwenden, wenn man zwei Abschlüsse gleichzeitig machen kann?"

Marcel Pohl, der Dritte, ist Sohn eines Gabelstaplerfahrers und einer Altenpflegerin. Der frühe Tod seines Vaters habe ihn stark beeinflusst, sagt er. "Von da an war ich sehr zielstrebig." Er wechselte von der Realschule in die gymnasiale Oberstufe eines Berufskollegs, verdiente nebenbei Geld, machte Praktika und griff der Mutter daheim unter die Arme. Verantwortung übernehmen, das war für ihn das Wichtigste. Nach dem Abitur wollte er sich weiterqualifizieren und auf eigenen Beinen stehen.

Im Herbst 2009 schrieben sich die drei an der FOM in Dortmund ein. Die Fachhochschule für Oekonomie und Management ist die größte private Hochschule in Deutschland. Ihre Studenten lernen nur abends oder an den Wochenenden, weil sie einen Beruf ausüben oder wie Grünwald, Kopper und Pohl noch in der Ausbildung stecken. Jeder begann mit hoher Motivation. Im Trio gewann ihr Ehrgeiz zusätzliche Dynamik.

Ehrgeiz verbindet

An einem Tag im Januar 2010 kam ihnen zum ersten Mal der Gedanke, das Studium zu beschleunigen. Das Semester lag in den letzten Zügen. Sie waren mit der Doppelbelastung spielend fertig geworden und standen nun im Foyer der Hochschule vor den Aushängen für die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters. "Meint ihr nicht, wir könnten ein Modul aus dem dritten Semester schon im zweiten machen?", fragte Grünwald. "Zeitlich dürfte das machbar sein", erwiderte Kopper, "aber darf man das überhaupt?" - "Man kann ja mal fragen", sagte Pohl.

Grünwald und Kopper sind alte Schulfreunde. Pohl, der Dritte im Bunde, stieß erst später hinzu. Er kennt Grünwald von der Bankausbildung. Beide waren besonders ehrgeizig, darum verstanden sie sich von Anfang an gut. Im ersten Semester belegte das Trio dieselben Kurse und übte gemeinsam für die Klausuren. Sie bekamen sehr gute Noten.

"Nein", sagte der Studienberater, "das geht nicht." "Warum nicht?", wollte Pohl wissen.

"Theoretisch geht es schon, ist aber neben der Ausbildung nicht zu schaffen."

"Wir glauben aber, dass wir es schaffen", beharrte Grünwald.

"Dann macht es, in Gottes Namen. Mehr als abraten kann ich euch nicht."

Das ist der Startschuss. Im folgenden Semester gehen die drei nicht mehr nur am Wochenende, sondern auch nach Feierabend in die Hochschule. Als sie merken, dass sie trotz des Zusatzmoduls noch Luft haben, suchen sie sich einen weiteren Kurs aus, dann noch einen und noch einen. Irgendwann packt Grünwald die Neugier: Er will wissen, wie viele Lehrveranstaltungen für den Bachelor sich theoretisch in ein einziges Semester stopfen lassen. Das Problem: An der FOM in Dortmund überschneiden sich Kurse aus dem zweiten zeitlich mit denen der höheren Semester. Zudem fallen fast alle Klausurtermine auf dasselbe Wochenende. Aber wieso muss es nur Dortmund sein, denkt Grünwald, besorgt sich das Programm aller 23 FOM-Standorte und arbeitet einen Stundenplan aus, der aus sechs Semestern eines macht.

Im Blick zurück fühlt sich merkwürdig leicht an, was sie durchgemacht haben. Die Quälerei, das Herumhetzen, die Momente der Verzweiflung, all das verblasst in der Erinnerung. Grünwald weiß noch, dass "der Kopf manchmal dicht war". Pohl hatte am Tag vor einer Klausur in Wirtschaftsrecht einen Weinkrampf. Kopper fühlte sich wochenlang "fix und fertig" - doch was sie damals belastet und erschöpft hat, liegt scheinbar weit zurück.

So sieht zum Beispiel ein ganz gewöhnliches Wochenende im April 2010 aus, so wie sie es schildern: Am Freitag beginnt Grünwald um 7.45 Uhr in seiner Dortmunder Bank den Ausbildungstag. Etwa zur gleichen Zeit trifft Pohl in seiner Filiale in Arnsberg im Sauerland ein. Und Kopper ist unterwegs zu dem Großhändler für Medizinprodukte in Lünen bei Unna, wo er eine Lehrstelle hat. Die Ausbildung endet an diesem Tag für alle schon am Mittag, denn Grünwald, Kopper und Pohl haben einen Klausurtermin. Sie treffen sich um 13.30 Uhr am Flughafen Dortmund, verdrücken einen Burger mit Pommes und fahren mit Grünwalds Auto nach Stuttgart. Um 17.30 Uhr betreten sie die FOM, von 18 bis 21 Uhr schreiben sie die Klausur zum Thema Märkte. Im Anschluss gibt es wieder Burger mit Pommes, dann zurück nach Dortmund, wo sie nachts um 1.30 Uhr ankommen.

Zeit zum Ausschlafen bleibt nicht. Grünwald verlässt schon früh um fünf wieder das Haus und bricht mit dem Auto nach Hamburg auf. Von 8.30 bis 11.45 Uhr besucht er eine Vorlesung über Corporate Communication, nach der Mittagspause folgt bis 15.45 Uhr das Fach Banking. Zur gleichen Zeit befasst sich Kopper an der FOM in Köln mit Management sowie Information, Technology & Processing. Pohl ist unterdessen nach Frankfurt gefahren für zwei Vorlesungen über Kostenmanagement.

Am späten Nachmittag treten alle drei die Heimreise an. Unterwegs schalten sie sich per Handy zusammen und berichten einander, was sie gelernt haben. Am Sonntag geht es weiter. Zwar ist es für das Trio der einzige vorlesungsfreie Tag. Da aber in der folgenden Woche wieder drei Klausuren anstehen, treffen sie sich im Haus der Grünwalds zum Lernen. Vormittags geht es los, nachts hören sie auf.

Für Studenten der FOM gibt es keine Präsenzpflicht, darum konnten die drei die Veranstaltungen unter sich aufteilen. 38 Klausuren schrieben sie in einem halben Jahr, im Schnitt sechs pro Monat, manchmal zwei an einem Tag. Zudem mussten sie regelmäßig Aufsätze und die eine oder andere Hausarbeit schreiben. Alles neben der Berufsausbildung, die an sich schon ein Fulltime-Job ist. Auf den Bachelor folgte der Master. Der Sprint durchs Studium ging weiter. Es war ein Sprint auf der Langstrecke.

"Eine absolut außergewöhnliche Leistung", sagt Christian Averkamp voller Anerkennung. Der Professor lehrte Strategie und Management an der FOM und kennt die drei aus seinen Veranstaltungen. Normalerweise sei man allein mit dem Bachelor mindestens sieben Semester lang gut gefordert. Bachelor und Master in nur vier Semestern - so etwas hat er noch nicht erlebt. Wie er es sich erklärt: "Die drei haben perfekt harmoniert und zusammen eine bemerkenswerte Zielstrebigkeit und Selbstmotivation an den Tag gelegt."

Liegt also das Erfolgsgeheimnis im Teamwork? Heinz Mandl ist emeritierter Professor der pädagogischen Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat lange über kooperatives Lernen geforscht. Er sagt: "Das Potenzial von Teamwork ist riesig." Die Gruppe könne die Lernmotivation steigern und dazu animieren, länger durchzuhalten. Manchmal entwickle sie zudem eine ungeheure Kreativität bei der Suche nach Problemlösungen. "Prinzipiell ist die Gruppe dem Einzelnen klar überlegen." Doch dafür müsse sie funktionieren. Ob in der Uni oder im Beruf - häufig bleibe sie leider hinter den Zielen zurück, weil die Voraussetzungen nicht stimmten.

Sie scheitere zum Beispiel am sogenannten Freerider-Effekt: Die Arbeit wird weitgehend dem Streber in der Gruppe überlassen. Das wiederum berge die Gefahr für den Succer-Effekt: Derjenige, der die Hauptlast trägt, wird zunehmend sauer und verliert die Lust. Nicht weniger problematisch der Matthäus-Effekt: Das Gruppenmitglied mit der größten Motivation und Begabung macht alles allein, weil ihm die Beiträge der anderen nicht gut genug sind oder ihm das Projekt zu langsam vorangeht.

Lässt sich verhindern, dass Gruppenarbeit auf solche Weise ihren Nutzen verliert? Professor Mandl zählt auf: Eine Gruppe dürfe nicht zu groß sein. Drei bis fünf Mitglieder, hätten Studien ergeben, seien ideal. Die Effizienz sei dann am höchsten, der organisatorische Aufwand noch gering. "Wichtig ist zudem, dass jedes Teammitglied nicht nur die Bereitschaft zur Gruppenarbeit mitbringt, sondern von deren Vorzügen überzeugt ist." Eine kreative Dynamik entfalte sich besonders, wenn die Einzelnen einander ergänzende Fähigkeiten hätten. Zudem sollte jeder im Laufe der Gruppenarbeit mal die Lehrerrolle, mal die Schülerrolle einnehmen. Die Bedingungen für funktionierendes Teamwork müssten also stimmen. "Das A und O aber ist, dass jedem Einzelnen viel am Erfolg der Gruppe gelegen ist."

Es ist die Frage nach dem Ziel: Wofür mache ich das? Grünwald, Kopper und Pohl waren sich einig. Sie wussten, wonach sie streben und worauf sie sich konzentrieren müssen, um ihrem Ziel so schnell wie möglich näherzukommen. "Wir sind alle drei sehr ehrgeizig. Wir wollen einen Job, der gut bezahlt ist, aber auch Spaß macht und Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Und darum haben wir im Studium richtig Gas gegeben", sagt Pohl.

Zugute kamen ihnen dabei ihre unterschiedlichen Stärken. Grünwald ist mathematisch beschlagen, Kopper liegt das Wirtschaftsrecht, Pohl brachte vom Wirtschaftsgymnasium eine Menge ökonomisches Wissen mit. Grünwald ist schnell, Kopper gründlich, Pohl ausdauernd. Gegenseitig trieben sie sich an. Als Pohl am Tag vor einer Klausur mit den Nerven am Ende war, bauten ihn die anderen beiden am Telefon wieder auf. "Allein hätte ich aufgegeben. Aber in der Gruppe wird man mitgezogen. Man will ja nicht der Einzige sein, der scheitert."

Erreichen konnten sie ihr Ziel, weil sie sich auf das Wesentliche einstellen und alles andere ausblenden konnten. Weil sie sich einig waren, was wirklich zählt. Daran haben sie sich immer gehalten. Und manchmal auch ein wenig gepokert.

Wie an jenem Tag im September 2010, als sie im Berufskolleg Dortmund und Lünen jeweils ihre schriftliche Zwischenprüfung für die Ausbildung ablegten - für jeden Lehrling normalerweise eine große Sache. Doch Grünwald, Kopper und Pohl gaben ihre Arbeiten schon nach einer Stunde ab, obwohl die Klausur auf zwei Stunden angelegt war. Sie hatten das so verabredet, weil sie noch zur FOM nach Hamburg mussten, um dort am Abend eine Klausur in Wirtschaftsrecht zu schreiben. "Im Studium voranzukommen war uns wichtiger als eine gute Note in der Zwischenprüfung", sagt Kopper.

Er ist inzwischen Verkaufsleiter eines großen Lebensmittel-Discounters, Grünwald ist Assistent der Geschäftsführung bei einem Finanzdienstleister, und Pohl arbeitet im Consulting seiner Ausbildungsbank. Während Kopper sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren will, promovieren Grünwald und Pohl berufsbegleitend an einer englischen Universität. Sie können es einfach nicht lassen. Wie es scheint, brauchen sie die zusätzliche Herausforderung. "Wir haben noch Kapazitäten frei", sagt Grünwald beiläufig, "und die wollen wir nutzen." -

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