Ausgabe 09/2012 - Schwerpunkt Interessen

Was ihr wollt

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten
Walter Ulbricht, Juni 1961

1. Das Leben ist ein Ehrenamt

Das Wort Legende hat einen ernsten, feierlichen Klang. Niemand käme auf die Idee, es in die Nähe des Wortes Wurst zu rücken. Dabei haben Legenden und Würste eine wichtige Gemeinsamkeit – was in ihnen steckt, lässt sich nicht leicht erkennen. Eine Legende ist eine Geschichte mit einem wahren Kern, aber noch lange keine ehrliche Haut. Sie dient nicht der Wahrheit, sondern dem, was wir dafür halten sollen. Legenden wurden von jeher in Umlauf gebracht, um einen ganz bestimmten Zweck zu erreichen – etwa den, an die Macht zu gelangen oder an der Macht zu bleiben. Die Legende tarnt und täuscht.

Im Geheimdienst-Jargon steht das Wort für eine erfundene Geschichte, bei der Dichtung und Wahrheit vermischt werden. Das ist, wenn es glaubwürdig sein soll, recht anstrengend. Immerhin: Man kann so seine wahren Motive verschleiern. Die wahren Interessen bleiben im Dunkeln. Man tut so als ob, um zu bekommen, was man will. In diesem Sinne und in gewisser Hinsicht stricken wir heute alle an unseren Legenden: Nein danke, ich brauche nichts – aber die Menschen! Die Umwelt! Der Planet!

Ganz oben stehen Politiker, die sich für ihre Partei aufopfern, um irgendwas zu retten, Europa zum Beispiel oder den Euro – aber nie sich selbst, Ehrensache. Die meisten Lehrer wollen für sich gar nichts, es geht ihnen um die Zukunft der jungen Menschen im Speziellen und der Bildung im Allgemeinen. Eltern rackern nur für die Kinder, Bauern nur für die Landschaftspflege, gesunde Lebensmittel und auf keinen Fall wegen der Subventionen. Banker wollen nichts lieber als schnell und unbürokratisch helfen, wenn Unternehmen einen Kredit benötigen, und sie sind glücklich, wenn sie einem kleinen Sparer durch gute Anlagetipps eine bisschen Freude bereiten können.

Und Würste? Keiner verkauft heute einfach so eine Wurst, auch sie braucht einen moralischen Mehrwert, der sie über das reine Verzehrangebot erhebt: die Gesundheit des Verbrauchers, die Unterstützung der Region, die deutsche Wurstkultur, die Umwelt und die glückliche Sau.

Wer sein Interesse klar artikuliert – wem es also nur um die Wurst geht – dem fehlen, so heißt es, Empathie und Edelmut. Der passt nicht mehr in diese Zeit. Etwas leisten und dafür Geld verlangen? Verdienen und am Ende gar Profit machen wollen? Das gilt als schnöde, als nahezu unseriös. Das Leben ist ein Ehrenamt.

2. Scripted Reality

Die neue Selbstlosigkeit ist eine Leitkultur, die man, alles braucht ja einen klaren Namen, Neo-Puritanismus nennen könnte. Die Puritaner zeichneten sich immer durch ein hohes Maß an Bigotterie, an Scheinheiligkeit aus, eine Lebenshaltung, die laut Duden auf "engherziger Frömmigkeit" und "übertriebenem Glaubenseifer" basiert.

Das wird man kennen, auch wenn man nicht zufällig zu Guttenberg heißt oder Wulff. Betrug ist erst einer, wenn man ihn zugeben muss, und Interessen hat keiner. Nie gehabt. Na klar, sagt die Journalistin und Autorin Angela Elis ziemlich säuerlich. Verständlich, sie hat gerade ein Buch darüber geschrieben: "Betrüger Republik Deutschland" heißt es, und Elis findet das nicht reißerisch, sondern angemessen: "Wo man hinkommt, wird so getan als ob, überall trifft man auf diese Fassadenpersönlichkeiten." Zuweilen, so sagt sie, habe sie den Eindruck, "wir leben in einer Art Scripted Reality. Entscheidend ist, wie wir das, was wir tun, darstellen, nicht, was wir sind und wollen. Nur bloß nicht sagen, was man wirklich will - darauf setzen alle ihre Energien."

Schlimm, sagt die Autorin, sei ja nicht, "dass Leute mal lügen, das tun wir alle. Schlimm ist das Systemische daran, dass nämlich gar keiner mehr sagt, was er wirklich im Schilde führt und dadurch das Leben und die Geschäfte immer schwieriger und aufwendiger werden." Man fühle sich ohnmächtig in dieser Welt, in der alle ihre wahren Interessen nur verschleiern.

Abgebrühte winken ab. Zu welchen Zeiten wäre denn nicht getrickst worden? Und wurden nicht immer schon Interessen, ob persönliche oder organisierte, hinter den Worthülsen des Gemeinsinns, der allgemeinen Menschenliebe und höherer Werte verborgen, um sie leichter durchzusetzen? Ganze Berufszweige wie die Politikberatung oder die Public Relations leben davon, dass man möglichst nicht direkt sagt, was man will, sondern sich etwas Gutes einfallen lässt, eine Ausrede zum Beispiel. Jeder zwinkert dem anderen zu, die ganze Welt ist Bühne. Die Frage ist nur: Wo fängt das Theater an, wo hört es auf? Und diese Frage ist heute wichtiger als in der guten alten Zeit.

In einer Wissensgesellschaft ist eine Kommunikation, bei der vertrauenswürdige, zuverlässige Inhalte ausgetauscht werden, die Grundlage aller Entscheidungen. Vertrauen ist in diesem Austausch, was im Industriezeitalter Kohle und Stahl waren. Wo sich die Absicht aber nur vermuten lässt, sich alles erst durch einen zweiten Blick erschließt, blüht das Misstrauen – und die Reaktion darauf ist wohlbekannt. Was unberechenbar ist, davon lässt man die Finger. Man entscheidet nichts mehr, man tut nur so als ob. Wer seine Interessen versteckt, der trickst sich selber aus.

3. Indirekt zum Effekt

Das Wort Interesse bedeutet ursprünglich so viel wie "inmitten von etwas sein", im Sinne von "zu etwas stehen". Das Interesse legt uns also fest, im besten Sinn. Es macht Menschen berechenbar, verstehbar. Wenn jemand sein Interesse klarmacht, dann wissen wir, woran wir sind. Wir können entscheiden. Damit beseitigt das artikulierte, das offengelegte Interesse Unsicherheit – und das ist in einer komplexen Welt eine ganz entscheidende Angelegenheit.

Wenn aber stattdessen moralische Gebote und scheinheiliger Neo-Puritanismus regieren, steht es um diese Offenheit schlecht. Niemand wird sich zu seinen Interessen offen bekennen. Und wenn Menschen und Organisationen, mit denen wir zu tun haben, nicht mit der offenen Karte des Interesses spielen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als zu interpretieren, welches Blatt sie halten.

Dann wird geblufft und, wenn's geht, auch mal gezinkt. Früher war nicht alles besser, aber manches klarer. Interesse war das, was einer bestimmten Person oder einer Gruppe nützte, und man schämte sich nicht dafür, das auch zu sagen. Um die Interessen in einer Gemeinschaft durchzusetzen, organisiert man sie – man fasst sie in Interessengruppen zusammen und unterstützt dann jenen Teil der Gesellschaft, die Partei, die einem am besten hilft, die eigenen Interessen zu realisieren. Und so wurde das früher gemacht: Voneinander unterscheidbare Gruppen organisierten die Interessen ihrer Klienten, sie machten, um es kurz und knackig zu sagen, Politik. So hatten sich die Väter der modernen Verfassungen das immer vorgestellt. Die bürgerlichen Revolutionen hatten nicht zum Ziel, eine Moral, einen Sinn, ein Ziel und eine Einheit zu formulieren – im Gegenteil: Sie sollten die Vielfalt der Interessen abbilden, ohne sie zu verwischen. Das ist kompliziert, beginnt immer von vorn und ist nie fertig. Diese Interessengemeinschaft der Einzelnteressen nennen wir Demokratie. In ihr verfolgen alle ihre Ziele, aber sie müssen sich verständigen, und dazu machen sie Regeln. Aber wie sollen wir uns verstehen, wenn der andere uns über seine Absichten im Unklaren lassen will – und wir, ängstlich, es mit gleicher Münze heimzahlen? Gar nicht.

Dass immer weniger Klartext geredet wird, hat auch damit zu tun, dass die Interessengemeinschaften der alten Industriegesellschaft an Kraft verloren haben. Zwar gibt es sie noch, die Gewerkschaften und die Verbände, die Tarifparteien, bei denen man in der alten Bundesrepublik genau wusste, woran man war: Arbeitnehmerseite, Arbeitgeberseite. Und auch am Hauptthema, den materiellen Interessen, hat sich wenig geändert. Aber sie werden nicht mehr so klar und deutlich artikuliert.

Früher fand es niemand sonderbar, dass bei Tarifverhandlungen Gewerkschafter für ihre Mitglieder mehr Geld für weniger Arbeit forderten, was auch sonst? Und dass Arbeitgeber lieber nicht so viel zahlen und ihre Leute lieber ein bisschen mehr arbeiten lassen wollten. Und ja, gelegentlich wurde auch damals schon das Gemeinwohl beschworen, wo es bloß um den eigenen Nutzen ging. Aber so vordergründig hintergründig wie heute agierte man nicht. Wo heute mehr Lohn gefordert wird, geht es nicht mehr um die eigenen Vorteile, sondern um das Wohl der Volkswirtschaft als Ganzes, deren Binnenkonjunktur unter zu geringen Abschlüssen natürlich leiden müsse.

Es gibt längst eine So-Tun-Als-Ob-Sprache. Wenn Politiker in Europa heute Wachstum sagen, meinen sie eigentlich Schulden, zusätzlich zu den vielen, die man schon gemacht hat, um die Ansprüche ihrer Klienten zu erfüllen. Und viele, die beständig die schlimme Lage von sozialen Randgruppen beklagen und überall eine Katastrophe sehen – die meinen eigentlich sich selber. Und wer nichts hergeben will von dem, was er hat, sitzt nicht auf seinem Geld, sondern handelt "nachhaltig", schließlich geht es um die "Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder".

Legenden, Märchen, Ausreden überall. Wer hat daran Interesse?

4. Wem nützt es, mal ehrlich?

Gut 80 Jahre vor Christi Geburt formulierte der römische Politiker und Philosoph Marcus Tullius Cicero sein "cui bono", was übersetzt so viel bedeutet wie "Wem zum Vorteil?" oder "Wem nützt's?". Wenn ein toter Senator mit einem Dolch im Rücken den Tiber hinabtrieb, eine Witwe still vor sich hin kicherte oder sich untröstliche Erben noch ans Hinterlassene machten, bevor der liebe Verstorbene erkaltet war, da konnte man mit "cui bono?" schon recht weit kommen. So zu fragen war ein Fortschritt. Denn in den alten Zeiten waren die Menschen die Werkzeuge von Göttern (später: einem Gott), und ihre Interessen spielten keine Rolle. Alles war Schicksal und damit gut. Wem nützt's? zu fragen war eine Revolution. Heute bedient sich jeder Staatsanwalt und jedes Gericht Ciceros Formel. Wir haben gelernt, beim Eintritt eines Ereignisses danach zu fragen, in wessen Interesse es liegt. Dabei wird aber immer öfter vergessen, dass die Frage cui bono? keine eingebaute Erkenntnisgarantie hat. Dass jemandem etwas nützt, ist noch lange keine Garantie für die Täterschaft. So führt Ciceros berühmte Formel in die Irre – und das ist immer dort, wo die Irren wohnen.

Für den neuen globalen Stammtisch, der vorwiegend im Internet poltert, sind das allerdings nur kleinliche Einwände. Statt nach Ursachen zu fahnden, wird lieber an Verschwörungstheorien gebastelt, die noch simpler sind als die Leute, die sie sich einfallen lassen. Und sie sammeln überall Anhänger, besonders, wenn die unterstellten Interessen mit Geld und Kapital zu tun haben. Jeder weiß, dass Krisen komplex sind, mit vielen Ursachen, die aus ebenso vielen, häufig einander diametral entgegengesetzten Interessen bestehen. Verschwörungstheoretiker aber lieben das einfache Interesse, die überschaubare Vorteilnahme im Zeichen des Bösen. Wer sonst soll hinter den ganzen Verwerfungen auf den Märkten und in den Staaten und bei den Währungen stecken als eine Handvoll Verschwörer, die ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen, auch wenn Milliarden darunter leiden müssen?

Ein besonders dankbares Objekt für solche Fantasien liefern die seit 1954 stattfindenden Bilderberg-Konferenzen, benannt nach dem Hotel Bilderberg im niederländischen Oosterbeek, in dem sich damals führende Politiker, Manager und Wissenschaftler der westlichen Welt zum ersten Mal zum Austausch trafen. Dafür gab es einen einfachen und einleuchtenden Grund: In der Nachkriegszeit wurde vielen Politikern, Unternehmern und Wissenschaftlern die hohe Komplexität der Systeme bewusst. Was immer einer tat, es betraf auch den anderen, und das galt besonders in einer Welt, die sich im sogenannten Kalten Krieg zwischen West und Ost befand. Dennoch gab es keine Möglichkeit, keinen Ort, an dem sich unterschiedliche Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Militär gemeinsam unterhalten konnten. Man tauschte sich unter Experten über die gegenseitigen Interessen aus – aber nie unter all jenen Entscheidungsträgern, die das auch noch interessieren sollte.

5. Die Interessen des Kapitals

Die Einführung der Bilderberg-Konferenzen war eine sehr sinnvolle Sache, bei der Interessen klargemacht und Klartext gesprochen werden sollte, ohne allzu großes Protokoll, ohne zu viel Fachsprache, ohne dass alles, was man gemeinsam diskutierte, auf die Goldwaage gelegt wurde. Deshalb gab und gibt es bei den seither stattfindenden Bilderberg-Treffen eine Liste mit grob skizzierten Tagesordnungspunkten, aber kein Protokoll, das veröffentlicht wird. Es gibt keine Pressekonferenzen, es gibt keine Gruppenfotos. Das kann doch alles nicht koscher sein? Was hatten beispielsweise die Banker David Rockefeller und Josef Ackermann mit dem Großgrünen Joschka Fischer zu besprechen? Was heckten der SPD-Politiker Olaf Scholz und Microsoft-Gründer Bill Gates auf der Bilderberg-Konferenz vor zwei Jahren aus? Scholz' Wahl zum Hamburger Ersten Bürgermeister? Und benutzt irgendjemand im Senat der Stadt vielleicht Windows als Betriebssystem?

Na bitte.

Die Bilderberger sind an allem schuld. An der Ölkrise der Siebzigerjahre. Am Vietnam-Krieg. An der Ermordung von Politikern wie Olof Palme oder des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen. Nicht jede Verschwörungstheorie wird von allen Bilderberg-Hassern geglaubt. Im Großen und Ganzen aber vereint der Glaube an das gemeine und geheime Kapital ein linkes wie rechtes Millionenpublikum. Vor allen Dingen, wenn Leute es predigen, die unter westlichen Eliten einen gewissen Kultstatus genießen – wie der kubanische Diktator a. D. Fidel Castro. Vor zwei Jahren verfasste der Revolutionär mit dem Berufstitel Máximo Lider (Großer Führer) einen Beitrag in "Granma", der Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas. Die Bilderberger, so Castro darin, stünden kurz vor ihrem gemeinsten Coup. Sie planten einen Atomkrieg, erstens, um ihre Spuren als Verursacher der globalen Krise zu vertuschen und von ihren Machenschaften abzulenken, zweitens, um die arabischen Staaten, allen voran den Irak, zu vernichten und drittens, um vom folgenden Wiederaufbau zu profitieren. Außerdem, so verkündete Castro bei der Gelegenheit, hätten die Bilderberger die Beatles und den Musiksender MTV erfunden, um die Menschen zu hemmungslosen Konsumidioten zu machen. Und wer es bis jetzt noch nicht wusste: Selbstverständlich seien auch der Faschismus im Allgemeinen und Adolf Hitler im Speziellen von diesen erfunden worden, wie der Kubaner enthüllte.

So sind sie, weiß Castro, die "Interessen des Kapitals". Mörderisch.

6. Marionetten unter sich

Natürlich kann man sich jetzt über den damals bereits 86-jährigen Autoren und Ex-Revolutionär lustig machen. Der Alte war eben nicht mehr ganz bei Trost, der hat ja doch auch schon viel erlebt und durchgemacht, sicher, das ist schon übertrieben, eigentlich. Aber irgendwie, na ja, die Richtung ist ja nicht ganz so falsch. Hat er denn nicht eigentlich recht? Das genau wäre der Mainstream, der sich zwar nicht sofort, aber nach kurzem Gespräch offenbart, fast überall. Denn was Castro schrieb, passt ganz prima zu der heute wieder populären These, dass Kapital und totalitäre Macht zusammengehören – was zwar eher das Gegenteil der historischen Realität ist, aber vielleicht gerade deshalb so gern geglaubt wird, weil es die einfachste Antwort auf das "Wem nützt es?" ist.

Castros Suada vom Interesse des Kapitals, das den Weltfrieden gefährdet und über Leichen geht, ist durchaus anschlussfähig unter westlichen Eliten. Die Welt ist schlecht, weil sich die Mächtigen verschworen haben. Wie sich vor diesem Hintergrund der ganze Schlamassel mit der Währungsunion erklärt, die permanenten Pleiten, das Pech und die Pannen von Regierungen, Konzernen und Banken? Das muss man sich halt wegdenken. Dann geht's schon.

Dazu muss man kein Kretin sein. Auf dem sehr guten Wikipedia-Eintrag zu den Bilderberg-Konferenzen lässt sich in Erfahrung bringen, welche Politologen, Soziologen, Journalisten, Politiker und andere "Intellektuelle" den Verschwörungs-Unsinn von Castro teilen. Schlichte Kausalketten, verdichtet zu akademischen Wahrheiten, bloß subtiler formuliert als beim Alten aus Havanna.

Wer aber hat ein Interesse daran, das Interesse schlecht aussehen zu lassen? Wem nützt's?

Nicht immer, aber oft genug lautet die Antwort: all jenen, die sich ihr wahres oder vermeintliches Unglück nicht erklären können oder wollen. Wie eh und je warten sie auf jemanden, der sie erlöst – und sei es nur mit der Nachricht, dass jemand anderer schuld ist an der eigenen Lage. Es ist zwar kein schönes Gefühl, wenn man sich wie eine Marionette fühlt – aber es hilft schon ein wenig, wenn man weiß, dass jemand die Strippen zieht und man sich als Opfer sinistrer Interessen wähnen kann. Dazu gehört der feste Glaube daran, dass wer immer ein Interesse verfolgt, natürlich andere einschränken muss. Dass jemand kriegt, was er will, ohne dass es anderen schadet, widerspricht den meisten moralischen Lehren des Westens. Das persönliche Interesse gilt als Gegenspieler des Gemeinwohls. Deshalb mag sich kaum jemand dazu bekennen, darum wieseln geschmeidige Lobbyisten durch Parlamente und Medien, um dort ihre gemeinwohligen Scheinargumente auszubreiten. Aus diesem Grund spielen Politik, Bürger und Unternehmen Theater – und hier haben wir die Ursache dafür, dass wir irritiert sind von Menschen, die offen und frei sagen, was sie wollen, was ihr Interesse ist.

7. Gefährliche Idioten

Um das zu verstehen, müssen wir uns in den Schatten einer großen Windmühle begeben, deren mächtige Räder sich zum Ende des 16. Jahrhunderts irgendwo in der spanischen Mancha drehten. Hier sehen wir den tragischen Helden seiner Zeit, Don Quijote, den Ritter von der traurigen Gestalt, der auf seinem armen Gaul Rosinante gegen die Windmühlen kämpft, begleitet von seinem treuen Diener Sancho Panza, der seinem Herrn unter anderem das Wissen voraushat, dass die Zeiten sich geändert haben.

Miguel de Cervantes Saavedras 1605 veröffentlichter Roman ist vielfach und sehr unterschiedlich interpretiert worden. Keine Kontroverse gibt es aber darüber, dass Cervantes' Held uns den Zeitgeist unter den europäischen Eliten seiner Ära vor Augen führt. Allmählich gewinnen die ersten zarten Ideen der Aufklärung und der Vernunft an Boden. Man fragt sich, was Menschen wirklich bewegt. Was es abseits der heroischen, der edlen Motive, wie sie bis dahin idealisiert werden, noch gibt. Was treibt uns außer Glaube und Moral noch an? In Florenz hat einige Jahrzehnte zuvor Niccolo Macchiavelli seinen Fürsten gelehrt, dass man mit Vernunft und Kalkül weiter kommt als mit roher Gewalt, Gefühl und Leidenschaft, die damals meistens die Grundlage des Handelns darstellten. Es geht darum, seinen eigenen Vorteil vernünftig zu erkennen und durchzusetzen und dabei langfristige Erfolge statt kurzfristiger Befriedigung zu erlangen. Ein klar bekanntes und verfolgtes Interesse ist nicht romantisch, aber praktisch. Um sein Ziel zu erreichen, muss man nachdenken – und seine Leidenschaften in Zaum halten.

Don Quijote ist der Repräsentant der Alten Welt, ritterlich, emotional, ein Held, der schnödes, weltliches Interesse weit von sich weist. Das mag manchen nett erscheinen, doch Cervantes hat, so der Ökonom Albert O. Hirschman in seinem Buch "Leidenschaft und Interessen", ein Bild seiner berühmtesten Figur hinterlassen, bei der die heroischen Leidenschaften das sind, was sie sind, nämlich "närrisch oder gar schwachsinnig". Don Quijote ist liebenswert. Aber zweifellos ein Idiot und ein gefährlicher obendrein.

Interesse, das steht damals bereits für Vernunft, für zielgerichtetes Handeln und, das Allerwichtigste, für Berechenbarkeit. Dem gegenüber stand die Welt der Leidenschaftlichen. Doch das waren eben nicht, wie man heute verharmlosend meint, sensible Haudegen mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, sondern überwiegend brutale Affektmenschen, die, wenn ihnen etwas nicht passte oder sie etwas wollten, kurzerhand dreinschlugen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das war kein Geheimnis.

Die christlichen Kirchen definierten den Menschen vor allen Dingen als Träger von Sünden und Lastern, ein einziges wandelndes Defizit. Im besten Fall konnte man die irdischen Sünder durch gutes Zureden, eine strenge Moral und harte Strafen davon abhalten, ihren Leidenschaften freien Lauf zu lassen. Doch es wurde im Laufe des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit immer klarer, dass das nichts brachte. Moral half nicht.

8. Interessen lügen nicht

Man musste einen anderen Weg finden, um die Leidenschaften und Gefühle in eine Richtung zu lenken, die nicht destruktiv war und der Gemeinschaft schadete. Wenn man schon die Laster nicht verbieten oder erfolgreich bekämpfen konnte, sollten sie wenigstens einen Nutzen stiften, und zwar einen handfesten, der sich materiell zeigte. Wer lernte, in Interessen zu denken statt in Gefühlen, der würde sich ganz von selbst zusammenreißen und nicht jeder Versuchung erliegen. Das war richtig gedacht und half weit mehr als Strafen und Drohen. Wer etwas wollte, riss sich auch mal am Riemen.

Der französische Aufklärer Claude Adrien Helvétius empfahl Politikern und moralisierenden Philosophenkollegen, dass sie ihren "Lehren viel mehr Beachtung verschaffen könnten, wenn sie statt von moralischen Opfern von Interessen" sprächen. Im 17. und 18. Jahrhundert war das Wort Interesse der Inbegriff der Rationalität und der Vernunft. "Interest don't lie", hieß es in England. Was man tat, sollte einen irdischen Nutzen stiften. Das englische Wort für Zins, interest, bezeugt die neue Einstellung bis heute. Das Interesse, Geld zu verdienen, ja, Profit zu machen, war keineswegs schlecht - und man verfolgte sein Interesse mit gesundem Egoismus. Helvétius' Zeitgenossen, der Philosoph David Hume und der Ökonom Adam Smith zeigten, wie wichtig das persönliche Interesse für die Entwicklung der Gesellschaft war. "Indem wir die Gesellschaft erhalten, kommen wir viel eher zu Besitz als in dem einsamen und verlassenen Zustande", schrieb Hume. Moral und Gemeinwohl waren Mittel zum Zweck, die eigentliche Triebkraft des Guten: die Tat. Wir erinnern uns: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

9. Die Feinde des Interesses

Den Aufklärern, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe von der Goethe Universität in Frankfurt am Main, sei sehr klar gewesen, dass Interesse und Gemeinwohl stets zwei Seiten einer Medaille sind: "Der interessierte Bürger weiß, dass das System die Voraussetzung für seinen Erfolg ist. Der gierige Mensch hingegen gefährdet das System. Es hat aber keinen Sinn, seine Grundlagen zu zerstören. Interesse ist Leidenschaft unter Kontrolle."

Warum aber hat sich das Bild des Interesses so geändert? Und warum gilt so vielen das Engagement für ihre eigene Sache als unvereinbar mit den Zielen der Gemeinschaft?

Der emeritierte Princeton-Professor Albert O. Hirschman schreibt das dem Umstand zu, dass das materielle Interesse im 19. Jahrhundert die alten Leidenschaften so erfolgreich verdrängt beziehungsweise unter Kontrolle gebracht habe, "dass die Welt auf einmal leer, trist und langweilig" schien. Damit sei "die Zeit reif gewesen für die romantische Kritik an dieser bürgerlichen Ordnung, die im Vergleich zu früheren Epochen jetzt ungeheuer armselig wirkte". Keine Helden, nirgends, nur Pfeffersäcke und ein interessiertes Publikum, dem es um die Mehrung weltlicher Güter ging, während Abenteuer und Affekt etwas für Außenseiter geworden waren. Schon damals galt die Vernunft als öde. Und diese "nostalgische Kritik", so Hirschman, durchzieht dann das ganze Jahrhundert – von Karl Marx, der das Interesse als Hauptfeind entdeckt, bis hin zu "Freuds These, dass die Unterdrückung der Libido eben der Preis des Fortschritts sei".

Jedenfalls, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe, "reduzierte man im 19. Jahrhundert den interessierten Bürger, den Unternehmer auf ein einziges Leitmotiv, eine einzige Absicht: sein Profitinteresse. Marx macht daraus einen romantischen Kampf, in dem es Gute gibt und Böse, Drachen und Drachentöter, und gut sind die ohne, böse die mit Interessen. Wer Interesse zeigt, der führt nichts Gutes im Schilde – das hat sich seither durchgesetzt, und in den Krisenjahren verstärkt sich das noch", so der Professor.

Dass man sein Interesse nicht offen zeigen darf, sondern immer andere, gemeinwohlige, allgemein gute oder politische Gründe vorschieben muss, liege auch daran, sagt Plumpe, "dass die Menschen ein gestörtes Verhältnis zu dem haben, was Wirtschaft kann und was materielle Interessen leisten können. Was soll die Wirtschaft können, welches Interesse bedient sie? Es geht doch darum, dass Güter und Dienstleistungen in annehmbarer Qualität zu angemessenen Preisen zur Verfügung stehen. Die Leute wollen aber längst mehr: einen Sinn, ein erfülltes Leben, Antworten auf alle ihre Fragen, ein wenig Erlösung also. Und weil das nicht klappt, gibt man dem System die Schuld."

Gewiss ist Adam Smiths unsichtbare Hand in einer komplexen Welt nicht genug. Und sicher hatte der große Demokratiedenker Alexis de Tocqueville recht, dass das Vernünftige, das Interesse, nicht allein eine Frage des Geldes ist – und dass sich Bürger, die sich auf nichts anderes konzentrieren als auf ihre materiellen Zugewinne, so wenig für eine offene Gesellschaft eignen wie jene Gemütsmenschen, die den alten, esoterischen Zeiten nachtrauern.

Gespenstisch nah klingt seine Analyse über die größte Gefahr in allen Demokratien, die darin besteht, dass ein zu mächtiger Staat die Bürger ihrer Fähigkeit zum eigenständigen Handeln, zum Aufspüren und Durchsetzen ihrer Interessen entwöhnt und sie zu unmündigen und am öffentlichen Leben desinteressierten Mitläufern macht, die sich aber in Wahrheit um nichts anderes kümmern als um sich selbst. Schon damals war dieses Verhalten, das verborgene, das falsche Interesse, begleitet von einer lautstarken Beschwörung des Guten und des Gemeinwohls.

Das Interesse ist böse?

Solche Vorstellungen, sagt Werner Plumpe, sind nicht nur für die Wirtschaft gefährlich, sie beschädigen auch die Demokratie. Wer immer nur so tut als ob, wer in einer Legende lebt, "der befördert eine Gesellschaft, in der man nur Dinge tun darf, die moralisch gerechtfertigt sind, die man also interessenlos tut. Aber die bürgerliche Gesellschaft und unsere Demokratie besteht eben darin, dass ihre Bürger vernünftig, also aus Eigeninteresse, an ihr beteiligt sind, und dass sie das auch so sagen und klarmachen können.

"Zivilgesellschaft?

Das ist eine Welt, in der das Interesse wieder mehr ist als eine alte Legende. Eine Welt, in der man nicht bloß sagen darf, was man will. Sondern muss.

Mehr aus diesem Heft

Interessen

Generation Ackermann

Im Unternehmen geht es nur noch um den persönlichen Profit? Mag sein, sagt der Organisationsforscher Christian Scholz, das gibt nur keiner zu. Und das verdirbt das Klima erst richtig.

Lesen

Interessen

Die Stempel-Industrie

Das FSC-Siegel steht für verantwortliche Forstwirtschaft. Es nutzt seinen Erfindern, Konzernen, Kunden und der Politik. Nur der Umwelt herzlich wenig.

Lesen

Idea
Read