Ausgabe 09/2012 - Schwerpunkt Interessen

Die Stempel-Industrie

Vielen Dank, dass Sie ein Produkt gewählt haben, dessen Verpackung vorwiegend aus Holz besteht, das aus FSC-zertifizierten Wäldern oder anderen kontrollierten Quellen stammt. FSC steht für eine vorbildliche und verantwortungsvolle Waldwirtschaft, die strengen internationalen Richtlinien unterliegt.
(FSC-Mix-Siegel auf einem Elopak-Milchkarton, Kontrollnummer FSC-C081801)

Prolog

Gerriet Harms aus Oldenburg werden zu der auf seinem Milchkarton aufgeführten Kontrollnummer auf der Homepage des FSC zehn Links angezeigt. Demnach hat das Holz, das für die Herstellung der Verpackung verwendet wurde, zehn verschiedene Herkunftsorte. Die Rückverfolgbarkeit jedes zertifizierten Produkts ist ein Schlüsselkriterium dieses internationalen Standards. Der Milchkarton in Oldenburg stammt also aus Schweden, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, vielleicht aber auch aus der Schweiz. Harms, der Holzhändler ist, klickt auf die deutsche Adresse und landet im norwegischen Oslo. Er wählt die angegebene Telefonnummer. Es meldet sich eine englische Stimme – genauso hatte sich Harms das schon gedacht. "Alles Schwachsinn", sagt er.

• Produktverpackungen erinnern an die Trikots von Spitzensportlern, so bunt sind sie mit Logos, Siegeln und Kontrollnummern bedruckt. Sie bezeugen nachhaltiges, soziales, ökologisches oder faires Handeln, dass es Spielregeln gibt und sich alle daran zu halten haben. Ein Zertifikat sagt mehr als tausend Worte.

Die Regeln machen unterschiedliche Interessengruppen. Hinter den Zertifikaten steckt eine ganze Industrie. Sie lizenziert, akkreditiert, auditiert, monitort - man trägt die vielen Siegel nicht nur als bloßes Image-Accessoire zur Schau, sie werden tatsächlich gebraucht. Ohne Zertifikat des Forest Stewardship Council (FSC) zum Beispiel bekommt kein Zellstoffhersteller der Welt mehr einen Fuß auf den europäischen Papiermarkt.

Der FSC

Interesse: Marktdurchdringung

Der FSC bescheinigt seit fast zwei Jahrzehnten Wildbret, Gartenmöbeln, Kontoauszügen, Regenwäldern, Spielplätzen, Büchern, Milchkartons, Eukalyptus-Plantagen und Fußbällen eine "verantwortungsvolle" Herkunft. Die ausgewogene Formulierung steht für das Ansinnen einer absoluten Marktdurchdringung: Je mehr Unternehmen das FSC-Siegel nutzen, desto mehr brauchen es auch. Um den Wald geht es natürlich auch. Den soll das Zertifikat schützen. Wie auch sibirische Tiger.

Laut Geschäftsbericht erlöste die Organisation 2011 fast 18,2 Millionen Dollar. Überschuss: 3,6 Millionen Dollar. Eine bemerkenswerte Summe - schließlich erledigen die eigentliche Zertifizierungsarbeit externe Dienstleister, die von den zu zertifizierenden Unternehmen bezahlt werden. Der FSC formuliert nur Standards und Richtlinien – balanciert dafür allerhand gegenläufige Interessen aus, die in drei Gremien versammelt sind: der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltkammer. Beschlüsse bedürfen einer Zweidrittelmehrheit.

Hier wird es komplex – und vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum hinter dem schlichten Logo eine komplizierte Organisation steckt: Der stilisierte Baum auf etwa jedem zweiten Tetra Pak repräsentiert einen von Deutschland aus operierenden, aber in Mexiko registrierten Verein, der weltweit in mehrere weitere Vereine und Arbeitsgruppen sowie kommerzielle und gemeinnützige Firmen gegliedert ist.

Außerdem arbeitet der FSC mit 30 externen Zertifizierungsgesellschaften, die von der FSC-Tochter ASI GmbH Lizenzen erwerben, um Unternehmen oder Institutionen zu begutachten.

Der FSC formuliert für das Zertifikat allgemeine Prinzipien und Kriterien, die Zertifizierungsgesellschaften machen daraus eigene Interimsstandards, außerdem gibt es Regeln der mehr als 30 nationalen FSC-Arbeitsgruppen und gesetzliche Verordnungen. Alles in allem wird das Siegel nach mehr als hundert völlig verschiedenen Standards erteilt und geprüft.

Es kann zudem in verschiedener Form beantragt werden, etwa als FSC-Mix bei Milchkartons. Die müssen nur 17,5 Prozent zertifizierte Rohstoffe enthalten, der Rest braucht nicht vorbildlich zu sein. Das Siegel gilt natürlich für den ganzen Karton.

Das klingt kompliziert. Es ist aber sehr praktisch, um jedem Kunden entgegenzukommen. Wenn die FSC Arbeitsgruppe Deutschland e.V. mit Sitz in Freiburg in seinen sehr strengen Standards beispielsweise den Einsatz von Pestiziden verbietet, lässt sich bei der FSC International Center gGmbH mit Sitz in Bonn eine Ausnahmeregelung beantragen.

Andre de Freitas nennt die Arbeit des FSC "fantastisch". Der Brasilianer ist Geschäftsführer von gleich drei Gesellschaften, der FSC International Center GmbH, der ASI GmbH und der Global Development Company GmbH. Alle firmieren unter derselben Adresse und arbeiten mit identischem Personal.

Sein Büro befindet sich am Rheinufer in Bonn, zu Füßen der Deutschen Post AG. Der groß gewachsene Mann, die Haare grau und kurz, erzählt von 80 Ländern, die FSC-zertifizierte Flächen ausweisen, 160 Millionen Hektar, die nach sozialen und ökologischen Standards bewirtschaftet werden. "Mehr als viermal so groß wie Deutschland", rechnet er vor. In seinem Büro steht ein imposanter Holzschreibtisch, in den in großen Lettern "Precious Wood" eingraviert ist, Edelholz.

brand eins: Was ist eine verantwortungsvolle Quelle, Herr de Freitas?

De Freitas: Letztlich heißt das, dass man das Richtige tut.

Der FSC verwendet auch den Begriff "vorbildliche Quellen"?

Wir testeten in den USA einige Slogans in einer Marktforschung, verantwortlich und vorbildlich nehmen die Menschen besser an als nachhaltig.

Sind FSC-zertifizierte Produkte nachhaltig?

Nein, nachhaltig wäre nicht das korrekte Wort. Die Botschaft ist: Wir bewegen uns in Richtung Nachhaltigkeit. Wir können aber erst in Zukunft wissen, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet.

Sie sind vorbildlich, aber nicht nachhaltig?

Wir könnten diesen Begriff auch jetzt schon beanspruchen, aber dann könnten wir nicht mehr besser werden, dann wäre ja alles schon perfekt.

Andre de Freitas tippt unruhig mit den Füßen auf den Boden, wenn er auf Fragen antworten muss. Er lächelt, wenn er darüber reden kann, was er selbst als wichtig erachtet. Er spricht zum Beispiel von Studien zu zertifizierten Flächen in Guatemala: Die Zustände seien dort besser gewesen als im Naturschutzgebiet nebenan, "weniger Brände und Wilderer", sagt de Freitas.

Gerriet Harms, Störenfried

Interesse: Holz ohne FSC-Siegel zu verkaufen

Gerriet Harms spricht von einem "Studien-Pingpong". Diesen Sport betreiben seiner Meinung nach der FSC und der World Wide Fund For Nature (WWF). Der FSC gibt eine Studie in Guatemala in Auftrag, die der FSC-zertifizierten Fläche ein besseres Zeugnis ausstellt als dem Naturschutzgebiet nebenan. Der WWF zitiert diese Studie in seinen Publikationen ohne Quellenangabe. Der FSC wiederum zitiert den WWF - und nach ein paar Runden Pingpong heißt es überall, laut einer Studie übertreffe der FSC-Standard sogar den Naturschutz, und Andre de Freitas kann sagen, dass er darauf sehr stolz sei.

Der Holzhändler Harms hingegen ist wütend. Er hat sich diese Studie durchgelesen. Der Vergleich ist anhand eines einzigen Parameters geführt und besagt nur, dass es in den FSC-zertifizierten Flächen weniger Waldbrände gab. Solche Feuer seien aber "ein ökologisch wichtiges Instrument der Natur", so Harms.

Er ist ein Störenfried. Der Holz- und Forst-Experte recherchiert seit Jahren die Unzulänglichkeiten des Zertifikats. Der FSC hat ihn verklagt und vor Gericht verloren. Harms dokumentiert mit Mitstreitern Kahlschläge in zertifizierten Wäldern in Russland oder Schweden, wo zum Beispiel das Holz für Produkte von Ikea oder Tetra Pak wächst. Er versucht, die Herkunft seines Milchkartons zu recherchieren, weil der FSC behauptet, das wäre möglich. Er schreibt Kommentare, Fachaufsätze, sammelt Broschüren, Nachrichten, Publikationen. Die Dokumente sind allesamt vollgekritzelt, oft mit dem Wort "Schwachsinn".

Harms ist ein robuster Mann, der sein Klappmesser am Gürtel und einen Vollbart trägt. Er war in den Achtzigerjahren Mitbegründer der deutschen Tropenholzbewegung, aus der später Umweltorganisationen wie Robin Wood oder Rettet den Regenwald entstanden. 1993 wirkten diese zusammen mit Greenpeace und dem WWF bei der Gründung des FSC mit. Harms saß in der Enquete-Kommission der Bundesregierung zum Schutz der Erdatmosphäre ("Eine Runde sinistrer Herren, herausgekommen ist wenig"), war Co-Campaigner bei Greenpeace und schmiss sich eines Tages mit dem damaligen Chef Thilo Bode im Büro Stühle um die Ohren, weil er das Gerede vom Return of Capital nicht mehr hören konnte. Kampagnen seien damals gefahren worden, wenn sie Spenden brachten.

Auf die Frage, warum er gegen den FSC kämpft, antwortet er: "Damit die nicht weiterhin mit Lügen Millionen verdienen." Außerdem will er in Zukunft noch Holz verkaufen, ohne Zertifikat. Er deutet auf eine E-Mail auf seinem Laptop. Ein Auftraggeber aus der Schweiz möchte Holz für einen Pavillon kaufen, unbedingt FSC-zertifiziert, wegen der Umweltverbände. Harms sagt: "FSC gibt's bei mir aber nicht, lieber stelle ich den Geschäftsbetrieb ein."

Ein Primärwald lässt sich nach Meinung von Harms nicht "nachhaltig" nutzen. Dazu verstünde man die Ökologie des Waldes viel zu wenig. Die Entnahme nur weniger Bäume könne sich in diesem Ökosystem auswirken. Damit muss auch er als Holzhändler leben, nur dürfe man nicht noch so tun, als wäre alles gut. Und was von den Versprechen des FSC zu halten ist, könne ja jeder selbst an einem Milchkarton ausprobieren.

Der FSC II

Interesse: Nicht mehr gebraucht zu werden

Andre de Freitas hat sich zurückgelehnt, redet wieder über die Sachen, die ihm gefallen. Er wolle die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen, "bis man uns nicht mehr braucht".

Ihr Ziel ist es, den FSC überflüssig zu machen?

Ja, wenn alle Wälder zertifiziert und geschützt sind, braucht uns niemand mehr.

Welches Interesse verbindet die Wirtschaft mit dem FSC?

Das FSC-Zertifikat hilft dem Marketing, aber auch dem Risikomanagement. In der Holzbranche passiert viel Böses, Kriminelle bringen illegales Holz in Umlauf - mit FSC schützen sich die Unternehmen davor.

Wie denn?

Bei FSC-Produkten ist die Herkunft des Holzes nachweisbar.

Was bietet der FSC seinen Kunden noch?

Die Legitimation von Umweltgruppen wie dem WWF und anderen NGOs, Regierungen, der Industrie – unser wichtigstes Kapital.

Wie vermarktet der FSC dieses Kapital?

Über die großen Unternehmen. Eine Zertifizierung wie beim Zellstoffproduzenten Kimberley-Clark stärkt die Marke FSC, und da Kimberley-Clark auch im Einkauf die FSC-Zertifizierung verlangt, brauchen nun alle das Siegel – und zwar schnell.

Der WWF

Interesse: Geld zu verdienen

Die Taktik, in der Wirtschaft oben anzugreifen, um sich in der Lieferkette nach unten durchreichen zu lassen, funktioniert. Ohne FSC-Zertifikat ist in Deutschland kaum noch eine Seite Papier zu verkaufen.

Unterstützung erhält der FSC bei dieser Strategie vom Partner WWF, der Firmen auch mal mit Kampagnen vom Sinn einer Zertifizierung überzeugt. Davon profitiert auch der WWF, wenn er mit Studien oder dem Monitoring in den zu zertifizierenden Gebieten beauftragt wird.

Das Zertifikat ist Ausdruck eines Gesinnungswandels: Wirtschaft und Umweltverbände bekämpfen einander nicht mehr, sie auditieren sich. Statt Tropenholz zu boykottieren, entwickelt man Standards für dessen Nutzung.

Eine Kooperation als Alternative zur vorherigen Konfrontation anzubieten beherrscht niemand so fein wie der WWF. Der Journalist Wilfried Huismann beschreibt die enge Vernetzung zwischen Konzernen und der Organisation mit dem Panda im Logo in seinem "Schwarzbuch WWF". Das Prinzip gilt für an dere Umweltschützer oder NGOs aber auch: Statt mühsam Spenden für Kampagnen gegen frevelnde Konzerne zu sammeln, verkaufen sie den einstigen Gegnern Logos und lassen sich für Audits, Beratung oder Monitoring bezahlen.

Der FSC verbuchte im Jahr 2011 Spenden in Höhe von knapp 707.000 Dollar, allein mit den Lizenzen für die Zertifizierungsgesellschaften erlöste er mehr als 13 Millionen Dollar.

Random House

Interesse: Gut dazustehen

"Benjamin Blümchen vernichtet Regenwald!" – mit dieser Anklage präsentierte sich der WWF vor einigen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse. "Solche Schlagzeilen sorgen natürlich für Aufmerksamkeit", sagt Wolfgang-Michael Hanke. Der Mann mit dem sorgfältig gestutzten Vollbart sitzt in einem großen Büro im Verlagsgebäude der Gruppe Random House. Die Wände sind mit Bücherregalen vollgestellt. Die Bücher bei Random House tragen alle das FSC-Siegel. Sogar das "Schwarzbuch WWF", das der Verlag gerade veröffentlichte.

Hanke leitet die Produktion des zu Bertelsmann gehörenden Random House und sitzt in dieser Funktion auch im FSC-Branchenausschuss Druck und Papier. Die Benjamin-Blümchen-Kampagne verfehlte ihre Wirkung nicht. Mittlerweile drucken die meisten deutschen Verlage auf zertifiziertem Papier.

Die Verlagsgruppe hatte ihre Produktion schon lange vor der Benjamin-Blümchen-Affäre komplett auf FSC-Papier umgestellt. Der Beweggrund: "Das Label präferieren alle großen Umweltorganisationen, und es genießt die vergleichsweise größte Glaubwürdigkeit."

Der WWF muss die Verlage gar nicht direkt unter Druck setzen. "Umweltorganisationen gehen bisweilen auf die Autoren zu, fragen, ob sie mitverantworten wollen, dass für ihre Bücher geschützter Regenwald gerodet wird", sagt Hanke. Einer der ersten Autoren, der auf FSC-Papier bestand, war Frank Schätzing, der den Öko-Thriller "Der Schwarm" geschrieben hat.

Für die Leser spielt das Siegel im Buch eine untergeordnete Rolle. "Dort wird es oft nicht einmal wahrgenommen", so Hanke. Die Zertifizierung entsprang eher dem Anliegen des Managements, ein nachhaltiges Image nach außen zu tragen.

Dass der FSC auch kritisiert wird, weiß Hanke. Er sagt aber: "Es gibt derzeit nichts Besseres, es fehlt die Alternative." Er ist zudem realistisch genug zu sagen: "Zellstoff ist ein industrielles Produkt, wird weltweit gehandelt und nicht nur für die Papierproduktion eingesetzt. Nur mit nachweislich nachhaltiger Waldwirtschaft wäre der weltweite Zellstoffbedarf nicht zu decken."

Die Industrie I – Die Großen

Interesse: Gut dazustehen und Marktmacht

FSC-Papier kostet pro Tonne, für die bei normalem Papier zwischen 600 und 1000 Euro berechnet werden, 20 bis 30 Euro zusätzlich. Die Nachfrage übersteigt das Angebot.

Davon profitieren auch die großen Zellstoffproduzenten wie Kimberley-Clark oder Mondi. Letztgenannter Papier- und Verpackungskonzern, Umsatz 2011 rund 5,7 Milliarden Euro, war in den Neunzigerjahren regelmäßig Zielscheibe von Kampagnen des WWF. Im neuen Jahrtausend begann Mondi mit der FSC-Zertifizierung. 2003 und 2006 erhielt Mondi den WWF Panda Award für nachhaltige Forstwirtschaft.

Die Zertifizierung verschaffte Mondi auch eine gute Position in Großbritannien: Als dort eine neue Holzverordnung sämtliche asiatischen Billiganbieter vom Markt drängte, öffneten sich für Mondi die Türen. Der FSC-Standard erfüllte die neuen Kriterien per Definition. Dabei zertifiziert der FSC sogar die Baumplantagen von Mondi, ein unter Ökologen höchst umstrittenes Forstverfahren, das Monokulturen auf Flächen dreimal so groß wie Hamburg reiht – per Zertifikat wurde daraus eine verantwortungsvolle Quelle.

Industrie II – Die Kleinen

Interesse: Fragt man sich gerade auch

Was den Großen in der Holzbranche größten Nutzen beschert, stellen die Kleinen immer mehr infrage.

Langenlipsdorf in Brandenburg – in einem ehemaligen Kuhstall baut SIK-Holz, europäischer Marktführer für Holzspielplätze, seine Klettergerüste, Baumhäuser und Tierfiguren. Geliefert wird in die ganze Welt bis nach Japan. Lange hatte man in der Firma überlegt, ob eine FSC-Zertifizierung sinnvoll ist. Nun fragt man sich, ob man sie noch braucht.

2005 entschied die Geschäftsführung, die 5000 Euro für das FSC-Zertifikat zu investieren. Das jährliche Audit kostet 2000 Euro – dafür bekäme man zu aktuellen Marktpreisen anderthalb Lkw-Ladungen Holz.

Der Geschäftsführer Marc Oelker stemmt die Ellenbogen auf den Tisch, erzählt von der Schweizer Zertifizierungsagentur SGS, die einmal im Jahr für einen Tag einen Mitarbeiter nach Langenlipsdorf schickt und der dann fragt, wo die FSC-Richtlinien abgelegt sind. Auf die Antwort, dass diese doch im Internet stünden, kontert er mit der Nachfrage: Und wenn das Internet ausfällt?

Oelker ließ die 40-seitige Datei ausdrucken, es wurde protokolliert, wo der urkundlich bestätigte FSC-Verantwortliche im Unternehmen die Richtlinien ablegt. Diese absurde Geschichte ärgert Oelker sichtlich: "Draußen auf dem Hof liegen 1000 Festmeter Holz, ob dies legal oder illegal geschlagen wurde, kann ein Außenstehender nicht mehr unterscheiden, sieht ja alles gleich aus." Wer aus der Branche das System umgehen wolle, wisse wie es gehe. Aber er, Oelker, müsse Richtlinien ausdrucken und abheften.

Die Wirkung des Siegels gehe gegen null. Die Abnehmer der Produkte fragten es kaum nach, der Endverbraucher kenne es nicht. Auch die Kommunen forderten kein FSC-Holz in ihren Ausschreibungen, wie es Oelker erwartet hatte, als diese begannen, ihre eigenen Forste zu zertifizieren.

SIK-Holz kauft weniger als ein Prozent seines Holzes aus FSC-zertifizierten Quellen. Der FSC fordert mindestens fünf Prozent, was aber kaum eine Firma leistet – und den FSC auch nicht stört (siehe auch: FSC, Interesse I, Marktdurchdringung). Das Angebot gebe, so Oelker, auch gar keine größeren Mengen her. Für dieses eine Prozent führt er bereits den dritten Ordner "Akten notizen", eine getrennte Buchhaltung, aktualisiert die Verfahrensanweisung, heftet sie in die Verantwortungsmatrix ein, schult Personal, speichert jede E-Mail, dazu kommen Einkaufsstatistik und Inventur. Dabei seien die gesetzlichen Anforderungen in Deutschland bereits so streng wie die Richtlinien des FSC. Den Satz: Wir halten uns an alle gesetzlichen Auflagen – kriege er aber leider nicht in seinem Katalog unter, sagt Oelker lakonisch. Das Logo des FSC schon. Und damit ist dann gut, was vorher auch schon gut war.

Denny Ohnesorge von der Arbeitsgemeinschaft der Rohholzverbraucher, ein industrienaher Verein, der die großen wie die kleinen Firmen vertritt, sagt auch, dass die Bürokratie hinter der Zertifizierung immer bizarrere Formen annehme und immer mehr heimische Unternehmen aus dem FSC dränge. "Setzt sich diese Entwicklung fort, so ist zu befürchten, dass künftig mehr FSC-Produkte auf den deutschen Markt gelangen, die aus Holz bestehen, welches statt aus vorbildlicher heimischer Waldbewirtschaftung, aus FSC-zertifizierten Monokulturplantagen Südamerikas oder Südostasiens stammen", glaubt Ohnesorge.

Die Umweltverbände

Interesse: Interessen durchzusetzen

Auch viele Öko-Aktivisten sind nicht mehr glücklich mit dem FSC-Zertifikat. In Schweden ist der nationale Naturschutzverband SSNC als einstiges Gründungsmitglied aus dem FSC Schweden sogar ausgetreten. Dort sind mehr als 50 Prozent der Wälder zertifiziert (in Deutschland sind es nur fünf Prozent), der Kahlschlag ist aber weiterhin gängige Praxis. In Großbritannien zogen sich Friends of the Earth aus dem FSC zurück. In Deutschland beendete Robin Wood die Kooperation mit dem internationalen Arm des FSC und blieb nur in der deutschen Arbeitsgruppe aktiv, die nach den weltweit strengsten Richtlinien arbeitet.

Zurückgesteckt habe man schon immer, sagt Rudolf Fenner, Leiter des Waldreferats bei Robin Wood. Er sagt auch, dass es immer die Hoffnung gab, aus dem FSC würde am Ende noch etwas Gutes werden. Bei der Gründung des FSC im Jahr 1993 wollten die Umweltschützer zum Beispiel ursprünglich zehn Prozent jeder zertifizierten Fläche aus der Nutzung nehmen, einigen konnte man sich mit den anderen Kammern des FSC auf fünf Prozent, dies galt aber nur für Deutschland. Aber nicht für pri vate Waldbesitzer, die aus dieser Regelung ausgenommen waren.

Wozu braucht man so ein Label eigentlich noch? Die entscheidende Frage aber ist: Geht es überhaupt noch ohne?

Die GIZ

Interesse: Wissen, was gut ist

Carsten Schmitz-Hoffmann von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kämpft sich seit Jahren durch den internationalen Standards- und Zertifikatedschungel. Sein Job ist es, die Bundesregierung bei dem Thema zu beraten. In deren Auftrag betreibt die GIZ die Website Kompass Nachhaltigkeit, die Unternehmen und Kommunen etwas Orientierung geben soll. "Wir werten nicht, wir listen aber alle Informationen zu den Standards auf", sagt Schmitz-Hoffmann.

So erfährt man beispielsweise, ob Kinderarbeit ausgeschlossen wird, weil die jeweiligen Parlamente entsprechende Erklärungen ratifizierten – dann dürfte es ja qua Gesetz keine Kinderarbeit in den entsprechenden Staaten geben –, oder ob die Zertifizierer das tatsächlich vor Ort kontrollieren.

Zertifikate und Standards werden nach Meinung von Schmitz-Hoffmann für die GIZ, aber auch die Politik oder Wirtschaft künftig große Bedeutung erlangen. Die GIZ kooperiert bei vielen Projekten mit dem FSC. Seine Hoffnung: In Entwicklungsländern könnten zertifizierte Produkte aus der Armut führen, da sie auf dem Weltmarkt höhere Preise erzielen.

Wichtig sind die Labels vor allem für die Beschaffung öffentlicher Einrichtungen. Seit 2011 müssen von der Bundesverwaltung beschaffte Holzprodukte nachweislich legal und nachhaltig sein. Schmitz-Hoffmann sagt mit einem Schmunzeln, der Gesetzgeber habe aber bislang versäumt, "nachhaltig" zu definieren. Für Holz verlässt sich der Staat auf Zertifikate: "Der Nachweis ist vom Bieter durch Vorlage eines Zertifikats von FSC (...) zu erbringen."

Es geht also gar nicht darum, was hinter den Zertifikaten steckt, sondern was mit ihnen alles möglich ist. Das FSC-Siegel steht vielleicht schon bald am Anfang aller Lieferketten: Am 6. Juli erließ die EU-Kommission die wenig beachtete Verordnung 607/2012, eine Sorgfaltsverpflichtungsregelung für ein Gesetz, das ab März kommenden Jahres verbietet, illegales Holz und Erzeugnisse daraus in Verkehr zu bringen. Wie aber erkennt man legales Holz? Am FSC-Siegel! Der Gesetzgeber verlässt sich also für sämtliches in der EU gehandeltes Holz auf einen in Mexiko registrieren Verein mit Sitz in Bonn.

Das Siegel ist für Politik, Wirtschaft und Kunden praktisch. Denn sie alle haben ein Interesse an der Verfügbarkeit preiswerter Rohstoffe. Ob sich der dauerhafte Schutz der Wälder damit vereinbaren lässt, ist fraglich. Das Siegel bedient andere Interessen. Wie belegt die Bundesregierung, dass sie kein illegales Holz einführt, wie garantiert ein Investmentfonds, dass er seine Milliarden nachhaltig investiert, und wie kommt Nürnberg zu 3500 neuen Parkbänken?

Sollen die Manager des Fonds alle Unternehmen, von denen man Anteile besitzt, prüfen? Der deutsche Zoll jeden Meter Holz per Isotopenanalyse auf dessen Herkunft untersuchen?

Nach einem Logo aber kann jeder Zollbeamte schauen, ein Fonds druckt es in seinen Geschäftsbericht, und der Nürnberger Stadtkämmerer verlangt es für seinen Einkauf. So lässt sich arbeiten – ein Zertifikat macht nichts besser, aber vieles praktischer. Ist der Siegeszug des FSC also unaufhaltbar? Nicht ganz: Laut einer norwegischen Studie taugt das Siegel nicht als Nachweis für die Legalität von Holz. Norwegen lehnt es daher ab. In öffentlichen Bereichen darf kein Tropenholz verwendet werden, auch kein zertifiziertes.

Auch in Nürnberg stehen nun doch keine zertifizierten Parkbänke. Nach einer zweijährigen Debatte mit Unterschriftenkampagnen und Demonstrationen lenkte die Verwaltung ein: Statt FSC-zertifiziertes Holz aus dem Kongo, wie vom WWF und anderen NGOs gefordert, wurden heimische Hölzer verwendet.

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