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Ausgabe 07/2011 - Gute Frage

Warum soll man noch Kreditkarten akzeptieren?

• Christian Wrenkh ist Koch und Restaurantbesitzer, ein sehr erfahrener sogar, aber es gibt Momente, in denen der Wiener Gastronom sich wie ein Handlanger der Banken fühlt. Jedes Mal nämlich, wenn ihm ein Gast eine Kreditkarte statt Bargeld in die Hand drückt, verdient irgendein Finanzinstitut ein paar Cents zusätzlich und Wrenkh dieselbe Summe weniger. 1,2 Prozent jedes Betrags, den er vom Kartenkonto seiner Gäste abfordert, muss er an Mastercard oder Visa abführen.

Für andere Karten wären sogar drei Prozent Gebühr fällig, weshalb Wrenkh Plastikgeld der Marken Diners Club und American Express rundweg ablehnt. "Kreditkartenzahlung heißt, dass wir bis zu 28 Tage auf unser Geld warten und das Ganze aufwendig verbuchen müssen", wettert der Wirt. "Wir erbringen also eine Mehrleistung, für die wir am Ende auch noch selbst zahlen."

Nun muten Aufschläge von ein bis drei Prozentpunkten bescheiden an - zumal die kartenausgebenden Unternehmen mit ihnen die Kosten für Terminals und Abwicklung, Kartenmissbräuche und den zinslosen Kredit decken müssen, der dadurch entsteht, dass ihre Kunden Ausgaben erst mit ihrer nächsten Kartenabrechnung begleichen. Für viele Restaurantbesitzer aber seien selbst die vermeintlich geringen Gebühren schon zu hoch, sagt Stefanie Heckel vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). In der Branche seien die Umsätze in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft, mehr als ein Drittel der "speisengeprägten Gastronomiebetriebe" erwirtschafte heute weniger als 100 000 Euro Umsatz pro Jahr und kaum Gewinn. "Gebühren von durchschnittlich zwei bis drei Prozent schmälern die ohnehin geringen Erträge der Wirte massiv", erklärt die Dehoga-Sprecherin die ablehnende Haltung ihrer Branche.

Warum Wirte wie Wrenkh dann überhaupt Kreditkarten akzeptieren? "Unsere Gäste erwarten es einfach", antwortet er schulterzuckend. "Und bevor ich jemandem erkläre, warum ich eigentlich keine Kreditkarten akzeptieren kann, nehme ich lieber die Karte." Es gibt allerdings auch einige Gastronomen, die Kreditkarten zu Image-Zwecken und mit Blick auf die gewünschte Kundschaft nutzen. Der aus dem Fernsehen bekannte Hamburger Koch Steffen Henssler beispielsweise akzeptiert in seinem Restaurant ausschließlich Kreditkarten von American Express, deren Gold-Variante ein Brutto-Jahreseinkommen von mindestens 40 000 Euro voraussetzt. Die elitäre American Express Centurion Card ( Jahresgebühr: 2000 Euro) erhält sogar nur, wer zuvor mit einer anderen Amex-Karte für sechsstellige Umsätze gesorgt hat.

Mit lediglich 1,5 Millionen Karteninhabern ist der Kreis der Amex-Besitzer hierzulande überschaubar. Noch kleiner ist nur der Diners Club, die älteste Kreditkartenrunde der Welt. Rund 60 Jahre ist es her, dass der New Yorker Leihhändler Frank McNamara sie in Form einer personalisierten Pappkarte vorstellte, die sich in zunächst 27 Restaurants als Ersatz-Zahlungsmittel einsetzen ließ. Die Idee zum Diners Club soll McNamara angeblich gekommen sein, nachdem er bei einem Restaurantbesuch seine Brieftasche vergessen hatte. Doch das ist lediglich eine Legende, die ihm ein findiger PR-Berater im Nachhinein auf den Leib strickte. Nach zähen Anfängen – im ersten Jahr gewann der Diners Club nicht einmal 200 Mitglieder – stieg der Kaufhausgründer-Enkel Alfred Bloomingdale bei McNamara ein und brachte das erste Karten-Haus der Welt auf Vordermann.

Eine Kreditkarte war das neuartige Zahlungsmittel damit aber noch lange nicht. Für den Aufstieg zum Dispo-Kärtchen sorgte erst die Bank of America, indem sie im Jahr 1958 rund 60 000 Testkunden in der kalifornischen Großstadt Fresno eine BankAmericacard (die Vorläuferin der heutigen Visa Card) ins Haus schickte. Dem Begleitschreiben entnahmen die verblüfften Kunden, dass sie das "kostenlose Kreditkonto" sofort und ohne vorherige Prüfung ihrer Bonität in Anspruch nehmen könnten – ein unschlagbares Angebot.

Binnen 13 Monaten wurden zwei Millionen Karten ausgegeben; noch im selben Jahr stieg der altehrwürdige Reise- und Finanzdienstleister American Express ins Geschäft ein. Banken und Einzelhändler setzten auf die Karte, weil sie die Abwicklung der zusehends beliebten, aber mit hohem bürokratischem Aufwand verbundenen Konsumentenkredite vereinfachte; Kunden wiederum begeisterte die elegante Art, einfach mit ihrem guten Namen zahlen zu können.

Weil das aber auch viele taten, die zwar einkaufen, aber nicht bezahlen konnten, schloss die Bank of America gleich ihr erstes Kartenjahr mit Millionenverlusten ab. Heute haben 44 Prozent der US-Haushalte Kreditkartenschulden angehäuft, die sie in der Rezession teils nicht mehr bedienen konnten. In der Finanzkrise musste American Express mit Milliardensummen aus dem US-Rettungspaket gestützt, Diners Club von der angeschlagenen Citigroup verkauft werden.

Blendend geht es hingegen der EC-Karte, die nicht nur bei Händlern - für ihren Einsatz werden lediglich 0,3 Prozent des Rechnungsbetrages fällig -, sondern auch bei Kunden immer beliebter wird. Ihre größte Zukunft könnten die günstigen Kärtchen sogar noch vor sich haben. Neue EC-Karten werden mit sogenannter Near-Field-Communication-Technik ausgerüstet, dank derer sie nicht mehr in Terminals gesteckt, sondern nur noch auf eine sogenannte Kontaktfläche gelegt werden müssen. "Kleinere Beträge können von einem Prepaid-Guthaben sogar kontaktlos abgebucht werden, das beschleunigt das Bezahlen nochmals", sagt Michaela Roth vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Noch in diesem Jahr wollen Sparkassen die erste Million Karten mit NFC-Chips ausgeben, die künftig auch in Handys Platz finden könnten. "Das Bezahlen mit dem Smartphone", prophezeit Thomas Sontheimer, Partner im Bereich Financial Services bei der Unternehmensberatung Accenture, "wird in den kommenden Jahren zur Selbstverständlichkeit werden." René Schuster, Chef des Mobilfunkanbieters O2, hält es sogar für möglich, dass es "in fünf Jahren keine Kreditkarten mehr gibt".

Ob und wie schnell sich die neuen Zahlungsmittel durchsetzen können, ist offen. Nur der historische Verlierer des Rennens steht bereits fest: Bargeld. Jedes Jahr sinkt der Anteil der Einkäufe, für die Münzen und Scheine gezückt werden. Von mehr als zwei Dritteln Bargeldanteil im Jahr 1994 ging es auf nur noch 58,4 Prozent 16 Jahre später bergab. Selbst Wirte und Händler dürften nicht mehr alles für bare Münze nehmen, denn Cash wird sie künftig einiges kosten. "Nachdem die Bundesbank sukzessive Filialen schließt und sich aus der Bargeldlogistik zurückzieht, muss die Privatwirtschaft ihre Versorgung mit Bargeld künftig selbst organisieren", sagt die DSGV-Sprecherin Roth.

In Zukunft werden Wirte wie Christian Wrenkh also nicht nur für Kartenzahlung, sondern zusehends auch für Hartgeld blechen müssen.

Zahl der Kreditkarten (in Millionen):
Visa 10,8
Mastercard 12,2
American Express 1,5
Diners Club 0,1

Legende: Kreditkarten in Deutschland. Stand 12/2008
Quelle: Deutscher Sparkassen- und Giroverband

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