Ausgabe 07/2011 - Schwerpunkt Transparenz

Verfahrene Verfahren

brand eins: Architekturwettbewerbe gelten als demokratisches und offenes Verfahren, um bestmögliche Bauten zu ermöglichen. Zu Recht?

Tom Frank: Das glaube ich nicht.

Tilman Probst: Schon allein deswegen nicht, weil die Ausschreibungen überfrachtet sind. Sie lesen sich bisweilen wie eine Mischung aus Bürgerlichem Gesetzbuch und der Sammlung sämtlicher Regeln der Baukunst. Öffentliche Verwaltungen machen allerlei - zum Teil sich widersprechende - Vorgaben, weil sie unter starker Beobachtung und unglaublichem Kostendruck stehen. Und wir Architekten müssen das ausbügeln.

So wie etwa beim internationalen Wettbewerb zur neuen Münchner Werkbundsiedlung 2006, die grün ausfallen sollte, kompakt, modern und bezahlbar mit einer bestimmten Zahl an Sozialwohnungen.

Tilman Probst: Das war natürlich unrealistisch. Und deshalb wurden die hochgelobten schlanken Wohntürme des Siegers Kazunari Sakamoto auch nicht gebaut. Der Wettbewerb ist an den Gesetzen des Marktes gescheitert. Dass dies passieren würde, hätte man bereits im Preisgericht erkennen müssen. Aber das Preisgericht hat die Augen vor der Realität verschlossen. Man wollte unbedingt etwas Besonderes. Dabei geht es doch auch um gesellschaftliche Verantwortung - schließlich verbauen wir Architekten bei öffentlichen Aufträgen das Geld der Steuerzahler.

Ist das der Grund, warum Bürger so oft gegen öffentliche Bauvorhaben mobil machen?

Tilman Probst: Fest steht, dass viele Menschen sich nicht genügend berücksichtigt fühlen. Sie sind gut informiert und leicht zu mobilisieren. Wir haben das am eigenen Leib erfahren.

Sie meinen den Wettbewerb um den Bau einer Stadthalle im oberpfälzischen Neunburg vor vier Jahren. 226 Architekten, darunter Sie, beteiligten sich. Doch den Bürgern gefiel der Sieger-Entwurf nicht, und er wurde per Volksentscheid gekippt. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Tom Frank: Das Ziel muss ein breiter Konsens sein, nicht reine Architektur.

Wie kann es überhaupt zu solchen Entscheidungen für reine Architektur kommen? In den Jurys sind doch verschiedene gesellschaftliche Gruppen vertreten.

Tilman Probst: Weil manche bekannte Preisrichter, die gern eingeladen werden, es verstehen, ihre Meinung durchzusetzen. Ihr Urteil hat ein ungeheures Gewicht. Da meldet sich zum Beispiel ein Stadtrat zu Wort, um ein Projekt zu loben, und hört den Jury-Vorsitzenden brummen, der Entwurf sei total daneben. Für den Laien ist es nicht schön, so desavouiert zu werden, und deshalb hält er sich zurück.

In der Runde sitzt dieser Laie doch nicht allein.

Tom Frank: Da wären wir wieder beim Punkt Überfrachtung. Im Preisgericht für den Wettbewerb um den besten Entwurf für das Olympische Dorf des Kandidaten München für die Winterspiele 2018 beispielsweise saßen rund 30 Preisrichter und ebenso viele Fachberater für Energie, Verkehr, Schallschutz et cetera - weil man glaubte, alles und alle einbeziehen zu müssen. In Wirklichkeit ist es unmöglich, die vielen verschiedenen Beiträge überhaupt zu würdigen. Das Verfahren wird so kompliziert, dass keiner mehr durchblickt.

Zuweilen ist auch das Ergebnis erstaunlich. So folgte nach dem Bürger-Veto in Neunburg ein zweiter Stadthallen-Wettbewerb. Der Sieger-Entwurf ähnelte Ihrem Entwurf aus der ersten Runde sehr.

Tilman Probst: Wir haben in der ersten Runde den vierten Preis bekommen. Dass dann im zweiten Wettbewerb, an dem wir aus formalen Gründen nicht teilnehmen konnten, unsere Lösung von anderen kopiert wurde und nun gebaut wird, ist übel.

Führt die Erfahrung mit der Intransparenz von Architekturwettbewerben dazu, dass Sie Misserfolge gelassener hinnehmen?

Tom Frank: Nein, es ist jedes Mal schrecklich. Erst kommen Zweifel am Projekt, dann an sich selbst.

Tilman Probst: Am Tag der Jury-Entscheidung fiebern wir jedes Mal dem erlösenden Anruf mit der Gratulation zum Sieg entgegen. Bleibt der aus, geht der Frust um, weil wir felsenfest an unseren Entwurf geglaubt haben.

Sie könnten es doch so machen wie die Mehrzahl Ihrer Kollegen und sich nicht mehr an Wettbewerben beteiligen. Schließlich gibt es einfachere Wege, an Aufträge zu kommen.

Tom Frank: Aufträge sind nicht unser einziges Ziel. Es geht darum, auf hohem Niveau an Architektur zu arbeiten und gegen andere Büros anzutreten. Außerdem haben Wettbewerbe bei aller Kritik auch Vorteile. Die Alternative ist ein Bauherr, der verlangt: Entwerfen Sie ein Haus - meine Frau und ich haben da schon einige Ideen. Beton dürfen Sie aber auf keinen Fall verwenden. Und auch kein Flachdach. Tilman Probst: Außerdem ist es toll zu gewinnen. Das löst einen Adrenalinschub aus, als ob man bei einem Rennen als Erster die Ziellinie überquert. Ohne gewonnene Wettbewerbe gäbe es dieses Büro nicht.

Das hört sich an, als sei Architektur ein Leistungssport.

Tilman Probst: So kann man es sehen. Hier wie da zählen Disziplin, Akribie, Leidens- und Leistungsbereitschaft. Mit einem entscheidenden Unterschied: Im Sport sind die Regeln klarer. -

Die Ideenmaschine

Mit zwei Wettbewerben und zwei ersten Preisen fing alles an. Ohne ihre Erfolge beim City Center Dingolfing und dem Amt der Tiroler Landesregierung hätten sich Tom Frank (46) und Tilman Probst (51) nie selbstständig gemacht. Das war 2002. Inzwischen sind sie bei Wettbewerb Nr. 71 angelangt, dem Rathaus Eislingen, einem dritten Preis.

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Ihr Ansatz: elegant, klar, mit Blick für Details. Bei 42 Ausschreibungen bewarben sich die Münchner vergangenes Jahr, zu dreien wurden sie zugelassen. Jede Bewerbung bedeutet einen Tag Papierkrieg. Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit. Drei Wochen ringen Probst und Frank durchschnittlich um die beste Lösung für Bürohäuser, Laborgebäude und Hotels. Wettbewerbe sind ihr Geschäftsmodell. Dafür, sagen sie, müssen wir nicht über den Golfplatz springen und im Lions Club auftreten.

Mehr aus diesem Heft

Transparenz

"Das Mantra der Ignoranten"

Als die Finanzkrise ausbrach, forderte alle Welt Transparenz. Warum das Unsinn ist, erklärt Lord John Eatwell.

Lesen

Transparenz

Kampf der Betonköpfe

Ein Mann macht eine Erfindung. Die Konkurrenz zieht nach. Es gibt Ärger. Eine undurchsichtige Geschichte eines durchsichtigen Baustoffs.

Lesen

Idea
Read