Ausgabe 07/2011 - Schwerpunkt Transparenz

Kampf der Betonköpfe

- Einen kurzen Besuch der heiligen Hallen gestattet er am Ende doch noch. Die Einrichtung dürfe keiner sehen, hatte er tags zuvor am Telefon gesagt. Betriebsgeheimnis. Er wolle seinen Gegnern nicht in die Karten spielen. Zumal die allzu oft schon gegen die Spielregeln verstoßen hätten. Áron Losonczi steht im südungarischen 18 000-Einwohner-Städtchen Csongrád vor einem verwitterten Eisentor. Kein Namensschild verrät, was sich dahinter verbirgt. "Je weniger Leute wissen, dass wir hier arbeiten, desto besser", sagt er.

Losonczi ist ein Architekt, der mit seiner Idee von Transparenz für Aufregung gesorgt hat. Die einen feiern ihn als Helden, die anderen feinden ihn an. Er schließt das Tor auf, zischt: "Fotografieren verboten." Dann ist der Zugang zu dieser wohlbehüteten Produktionsstätte frei, die bescheidener nicht sein könnte. Bauschutt, Zementsäcke und Betonmischer auf einem Vorhof, der zu einer dunklen Garage führt, in der nur ein paar Stahlschienen und ein Dutzend großer Spulen zu sehen sind, auf die Tausende Meter silbrig glänzender Glasfasern gewickelt sind. Ein an Armen und Beinen tätowierter Mann bearbeitet gerade einen Fahrradrahmen. "Einer meiner beiden Mitarbeiter", sagt Losonczi. "Er ist privat hier. Wir produzieren heute nicht." Dann weist er mit der Hand zur Tür. Die Führung ist vorbei. Nach nicht einmal zwei Minuten.

Der Stoff, der in dieser Garage produziert wird, schaffte es Ende 2004 in die Titelstory des US-amerikanischen Magazins "Time". Thema: "Die erstaunlichsten Erfindungen des Jahres 2004." Das war einer der Höhepunkte einer Geschichte, die viel über die Faszination und die Grenzen von Transparenz verrät sowohl im physikalisch-optischen als auch im politischen Wortsinn. Sie begann vor zehn Jahren in Stockholm.

Losonczi ist zu der Zeit 24 Jahre alt und besucht an der dortigen Königlichen Kunsthochschule einen Postgraduiertenkurs zum Thema "Glas in der Architektur". Für seine Abschlussarbeit experimentiert er mit Glasfasern. Er hat das Material zuvor bei einer Exkursion zum "Meteorit" gesehen: eine Traumwelt aus Licht und Energie, die der Aktionskünstler André Heller für den RWE-Konzern in Essen zu dessen 100-jährigem Bestehen geschaffen hatte. In einem Raum hingen Millionen dieser im Durchmesser weniger als ein Millimeter dünnen Fasern von der Decke herab und erzeugten eine Höhle aus funkelnden Lichtpunkten. Das brachte Losonczi auf eine Idee.

Zurück in Stockholm, beschafft er sich das Material bei der schwedischen Niederlassung des deutschen Spezialglasherstellers Schott und beginnt mit ersten Versuchen, die Fasern in flüssigen Beton zu betten. Eine Knochenarbeit. Losonczi muss Tausende dieser Haare aus Glas einzeln anfassen, immer mal wieder bricht eines und sticht ihm die Hand blutig. Er arbeitet wie in Trance, angetrieben von einem ungeheuren Gedanken: Lässt sich dieser schwere, graue Baustoff durch die Zugabe lichtleitender Elemente in ein leichtes, warmes Material verwandeln? Ist der Gegensatz zwischen Solidität und Durchsichtigkeit, der Materialforscher seit Jahrhunderten umtreibt, in einem Gemisch aus Zement, Sand, Kies, Wasser und Glasfasern auflösbar? Es wäre eine Sensation. Vielleicht noch größer als jene, die vor mehr als 500 Jahren dem Glasmacher Angelo Barovier gelang. Der hatte auf der Inselgruppe Murano mit Quarzsand, Kalk, Soda und Manganoxid experimentiert und eine revolutionäre Entfärbungsmethode entdeckt. Glaskunst hatte es auch schon bei den alten Ägyptern gegeben. Doch der dafür verwendete Rohstoff war farbig und trüb. Barovier entzückte die Welt mit einer bis dato unvergleichlichen Klarheit des Materials und begründete so den Ruhm des venezianischen "Cristallo".

Den zweiten transparenten Feststoff erforschte viele Jahrhunderte später der deutsche Chemiker Otto Röhm. Auf der Suche nach einem Material, das ebenso durchsichtig ist wie Glas, aber leichter und zudem einfacher zu bearbeiten, entwickelte er in seinem Darmstädter Labor einen Kunststoff, den er 1933 unter dem Namen Plexiglas patentieren ließ.

Erst Glas, dann Kunststoff. Und jetzt Beton? Fieberhaft schichtet Losonczi an seinem Arbeitsplatz in der Stockholmer Universität den Beton und die Glasfasern in eine Form - immer abwechselnd, so wie beim Zubereiten einer Lasagne-Soße und Nudelplatten geschichtet werden. Dann heißt es warten, bis der Beton fest wird. Das Ergebnis ist ein schlichter grauer Ziegel. Doch als Losonczi den Quader beleuchtet, geschieht etwas Faszinierendes: Das Licht durchdringt ihn.

Seinem Professor ist die Tragweite der Erfindung bewusst. Sofort leitet er eine Patentierung des neuen Materials in die Wege. Die Kosten dafür übernimmt der schwedische Staat. Dann präsentiert Losonczi das Material der Öffentlichkeit - auf Ausstellungen in Stockholm, Budapest, London, Wien, Düsseldorf, Mailand, Tokio oder Washington. Er hat dafür 60 Blöcke hergestellt und zu einer Mauer zusammengesetzt - die surreal anmutenden Schattenspiele, die sich im Scheinwerferlicht darauf abzeichnen, sollen so besser zur Geltung kommen. Das Kalkül geht auf. Die Fachwelt steht Kopf. "Kann Beton durchsichtig sein?", fragt im April 2005 die Zeitschrift "Bauidee". Wenige Monate später spricht die "Süddeutsche Zeitung" vom "Ferrari unter den Baustoffen". Das legendäre italienische Architekturmagazin "Domus" widmet dem "revolutionären Material" im November 2004 sogar sein Cover. Ob "Spiegel", "Financial Times" oder "Time" - weltweit bejubelt die Presse Losonczis Erfindung.

Die Euphorie ähnelt der des Jahres 1851, als auf der Londoner Weltausstellung der von Joseph Paxton entworfene Kristallpalast präsentiert wurde. Der Bau, eine Konstruktion aus Eisenträgern mit großflächigen Glasfenstern, war der Auftakt zu einer Architektur, die sich in zunehmendem Maße der Transparenz verschrieb. In den 1920er Jahren entwarf Walter Gropius für das Bauhaus-Gebäude Dessau eine am Tragwerk aufgehängte Glasvorhangfassade. Der freie Blick über drei Geschosse hinweg erregte damals großes Aufsehen. In den folgenden Jahrzehnten avancierte er zur dominierenden Ästhetik: Kaum ein Büroturm, kaum ein öffentliches Gebäude, das nicht vor großen Glasfassaden strotzt.

Losonczis Lichtbeton ist in den Jahren 2004/2005 auf bestem Wege, eine neue Ära einzuläuten. Der Ungar wird mit Anfragen überhäuft. Berühmte Architekten, reiche Amerikaner und sogar eine thailändische Prinzessin interessieren sich für das magische Material. Als das US-amerikanische Architekturbüro Skidmore, Owings & Merril eine 300 000 Quadratmeter große Polizeiakademie in der Wüste Kuwaits plant und für das zentrale Verwaltungsgebäude mit 30 Metern Kantenlänge eine Lösung sucht, die den Bau gegen Hitze isoliert und gleichzeitig genug Licht hindurchlässt, scheint der Durchbruch des transparenten Betons greifbar nah.

Die Probleme lassen nicht lang auf sich warten

"Eine aufregende Zeit", sagt Losonczi. Er sitzt in Shorts, Poloshirt und Turnschuhen in seinem Stammlokal, einem Restaurant mit ungarischer Hausmannskost, nur wenige Meter von der dunklen Garage entfernt, in der er und seine beiden Mitarbeiter werktags von 8 bis 16 Uhr Lasagne aus Beton und Glasfasern backen. Danach geht er gewöhnlich gleich nach Hause, in seine Wohnung im alten Bauernhaus der Familie, wo er E-Mails beantwortet und Warenproben verpackt. Von Luxus und Starallüren keine Spur. Losonczi, der Baustoffrevolutionär, ist ein Eigenbrötler.

Sein Gesicht hellt sich auf, als er von der Zeit erzählt, in der wöchentlich Kamerateams in das verschlafene Csongrád einfielen, um ihn zu interviewen. "Aus Ungarn", sagt er, "kommen nicht so viele Innovationen. Die einheimischen Medien haben daher mit Stolz berichtet, dass ein Produkt aus unserem Land die ganze Welt erobert." Er selbst sei aber auf dem Boden geblieben, "ich bin von Natur aus vorsichtig". Und wie ging es weiter mit dem bejubelten Baustoff? Losonczis Mundwinkel fallen nach unten. Zögerlich sagt er: "Nachdem mein Produkt berühmt geworden war, passierten viele üble Dinge. Mir ging es zeitweise sehr schlecht."

Die Geschichte, die das Schicksal seines Baustoffs erzählt, gibt es in mindestens drei Versionen. Eine stammt von Losonczi. Und diese beginnt mit einer hoffnungsvollen Partnerschaft. Demnach hat ihn eines Tages der Aachener Architekt Andreas Bittis kontaktiert. "Er war von meiner Arbeit begeistert und schlug vor, gemeinsam eine Firma zu gründen." Der Ungar sollte sich um das Produkt kümmern, der Deutsche um dessen Vermarktung. "Bittis versprach, Investoren heranzuschaffen." Dann plante man die Gründung einer GmbH mit dem Namen Litracon, der Kurzform für Light Transmitting Concrete. Doch der Plan scheiterte. "Bittis hatte einen Vertrag ausgearbeitet und ins Ungarische übersetzen lassen. Bis auf eine Passage." Als Losonczi von deren Inhalt erfuhr, habe er die nicht einmal acht Monate dauernde Partnerschaft platzen lassen. "Ich sollte mein persönliches Patent auf die gemeinsame Firma übertragen. Das konnte ich nicht akzeptieren."

Wenig später habe sich Heidelberg Cement bei ihm gemeldet. "Mit meinem Produkt hätten die sich ein innovatives Image verpassen können. Vielleicht ist das der Grund, warum sie mit mir zusammenarbeiten wollten." Man habe sich mehrmals getroffen und nach zähen Verhandlungen geeinigt. "Ein fertiger Vertrag lag im Sommer 2005 vor. Doch plötzlich zogen die Deutschen unter Verweis auf interne Probleme ihr Angebot zurück." Ein gutes Jahr später habe er von seinem schwedischen Patentbeauftragten die Nachricht erhalten, dass ein deutsches Unternehmen sein Patent angreife. "Ich schaute sofort auf die Homepage von Heidelberg Cement und traute meinen Augen nicht. Da waren Bilder zu sehen von einem Produkt, das genauso aussah wie mein transparenter Beton. Vermarktet unter dem Namen Luccon."

Aufgebracht habe er sich an führende ungarische Medien gewandt. Nachdem die über den Skandal berichtet hatten, organisierte die ungarische Regierung ein Treffen, bei dem der Wirtschaftsminister, ein paar Staatssekretäre, ein Vertreter des ungarischen Patentamts und der renommierteste Patentanwalt des Landes den Fall erörterten. "Die Politiker waren sehr pessimistisch. Sie räumten mir kaum Chancen ein. Ich war am Boden zerstört." Doch dann geschah Unverhofftes. "Der berühmte Anwalt wollte den prestigeträchtigen Fall übernehmen - und kein Honorar dafür verlangen."

Drei Versionen einer Geschichte

So weit Losonczis Sicht der Ereignisse bis zum Sommer 2007. Sein Ex-Partner Bittis hat eine andere. Demnach sei Losonczi nicht der Erste gewesen, der Beton mit lichtleitenden Fasern versetzt hätte. An der RWTH Aachen habe man schon vorher damit experimentiert. Bittis selbst habe sich ebenfalls mit Lichtbeton beschäftigt, lange bevor der Ungar sein Produkt der Öffentlichkeit präsentierte. "Áron hatte mir nur das Patent voraus."

Zudem habe die Welt erst durch ihn, Bittis, von dem neuen Stoff erfahren. "Ich machte damals die ganze Öffentlichkeitsarbeit." Dass er Losonczi dazu bringen wollte, sein Patent auf die gemeinsame Firma zu übertragen, stimme. "Nur unter dieser Voraussetzung hätten wir Investoren gewinnen können." Alles sei abgesprochen gewesen. "Wir waren sogar schon beim Notar, um unsere Kooperation zu besiegeln. Der WDR kam extra, um den offiziellen Akt zu filmen. Doch Áron verweigerte aus mir unerklärlichen Gründen plötzlich die Unterschrift."

Jürgen Frei, ein Österreicher, der sich mit besonders festem Spezialbeton beschäftigte, bevor er im Jahr 2005 die Firma Luccon gründete und ebenfalls mit lichtdurchlässigem Material zu handeln begann, erzählt eine dritte Geschichte. "Als ich hörte, dass Leute der Hochschule Aachen sowie ein Architekt aus Ungarn Beton mit Glasfasern vermischten, fand ich das so spannend, dass ich in der Garage meiner Großmutter eigene Versuche anstellte." Die hätten zur Entwicklung eines effizienten Fertigungsverfahrens geführt. "Ich verarbeite die Fasern zu einem Textilgewebe, bevor ich sie in den Beton bette. Zudem verwende ich kein Glas, sondern Fasern aus transparentem Kunststoff. Die sind viel billiger." Nachdem er auf diese Weise einige Musterstücke des transparenten Betons hergestellt hatte, spielte ihm der Zufall einen finanzkräftigen Partner an die Seite. "Eines Tages sah ich morgens um fünf in unserem Dorf einen Betonmischwagen von Heidelberg Cement stehen. Dem Fahrer gab ich eine Warenprobe mit. Und siehe da: Drei Wochen später meldete sich ein Manager des Konzerns bei mir." Luccon und Heidelberg Cement schlossen eine Kooperation. "Die haben daraufhin den Beton, den ich weiterhin herstellte, vermarktet."

Losonczi, Bittis, Frei - keiner der drei gibt die ganze Wahrheit preis. Unrühmliche Details verschweigen sie lieber. Aber immerhin reden sie - im Gegensatz zu Heidelberg Cement. Das Unternehmen wolle sich zum Thema nicht äußern, teilt der verantwortliche Manager in der Entwicklungsabteilung, Jürgen Halm, auf Anfrage mit. Nur so viel: "Heidelberg Cement hatte sich einige Jahre mit diesem speziellen ,Designbeton' beschäftigt, aufgrund einer Neuausrichtung der Entwicklungsschwerpunkte im Bereich der Spezialbetone aber Anfang 2008 aus diesem Sektor zurückgezogen."

Fakt ist: Heidelberg Cement verlor am 23.10.2008 einen Prozess vor dem Landgericht München I und darf seitdem ohne Genehmigung von Áron Losonczi keinen mit Lichtleitfasern versetzten Beton mehr produzieren und vertreiben. Darüber hinaus hat der Ungar das Unternehmen auf Entschädigung verklagt. Das Verfahren läuft noch. Unterdessen betreibt Jürgen Frei die Firma Luccon weiter - jetzt mit einer von Losonczi erteilten Lizenz. Auch Andreas Bittis bietet nach wie vor Lichtbeton an. "Der ist als Konkurrent nicht ernst zu nehmen. Darum lasse ich ihn gewähren", sagt Losonczi.

Jetzt steht er in Csongrád vor einem seiner Werke: eine schlichte weiße Logoplatte für das örtliche Kino. "Nachts, wenn die Betonplatte angestrahlt wird, leuchtet in weißer Schrift auf rotem Hintergrund mozi auf, das ungarische Wort für Kino, sagt Áron Losonczi. Die vier Buchstaben sind der sichtbare Beweis dafür, dass Beton transparent sein kann, denn der Schriftzug aus Plexiglas ist auf der Rückseite der Platte befestigt. Losonczi hat in den vergangenen Jahren für rund 20 Objekte das Material geliefert, etwa für das Denkmal zum EU-Beitritt in der nordungarischen Stadt Komárom oder für eine Wand im Flagshipstore von Montblanc in Tokio. Auch Luccons transparenter Beton wurde weltweit als Designelement verwendet - beispielsweise in Boutiquen des Uhrmachers A. Lange & Söhne oder für Parkbänke in Singapur.

Jedes dieser Objekte ist ein Hingucker. Als Ouvertüre einer neuen Ära der Architektur, die man in der Euphorie der Jahre 2004/2005 anbrechen sah, taugt aber keins. Wohnhäuser oder gar Wolkenkratzer aus transparentem Beton gibt es nicht. Auch beim Bau der Polizeiakademie in der Wüste Kuwaits kam der ungewöhnliche Baustoff nicht zum Einsatz. Zehn Jahre nach seiner Erfindung stecke das Material noch in den Kinderschuhen, räumt Losonczi ein. "Ich hoffe aber, dass es mir mein Auskommen bis zum Lebensende sichert."

Von seiner Idee eines humaneren Betons ist nicht mehr viel übrig. Warum hat sein Baustoff bislang nicht erfüllt, was er einst zu versprechen schien? "Zu teuer", sagt Losonczi. Den massiven Stoff durchlässig zu machen ist immer noch enorm aufwendig. Transparenter Beton kostet zwischen 800 und 1300 Euro pro Quadratmeter - rund 10- bis 15-mal so viel wie gewöhnlicher. Zudem scheint bei aller Faszination für Transparenz der Nutzen dieses Baustoffs beschränkt.

Christian Teckert ist Architekt in Wien und Professor für Raumstrategien an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Er hat sich intensiv mit Transparenz in der Architektur beschäftigt. Die Glasarchitektur, sagt er, verdanke ihren Siegeszug einer Utopie. "Architekten wie Le Corbusier oder Gropius ging es um die ideelle Überwindung der Grenzen zwischen innen und außen." Transparenz, so Teckert, "diente einerseits der bewussten Lenkung des Blicks auf die Landschaft." Andererseits sollte sie die Architektur schwerelos und schwebend erscheinen lassen. Sie hatte also auch eine verschleiernde Komponente: Die eigentlich tragenden Elemente traten in den Hintergrund.

Seit den siebziger Jahren sei sie vor allem ein Symbol. "Insbesondere Regierungen und Unternehmen", sagt Teckert, "inszenierten auf diese Weise Offenheit." Teilweise sei die Transparenz in der Architektur bis ins Groteske gesteigert worden. In Zaha Hadids Feuerwehrhaus in Weil am Rhein etwa weigerten sich die Leute, die allzu einsichtigen Toiletten aufzusuchen. Und in den Glastürmen der französischen Nationalbibliothek in Paris mussten Container aufgestellt werden, um die Bücher vor dem zu starken Lichteinfall zu schützen.

Mitunter machten sich die Verfechter des freien Blicks lächerlich. Doch inzwischen sind intelligente Fassaden in der Lage, unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden. So werden beispielsweise durchsichtige Spezialglasfenster auf Knopfdruck milchigweiß - und umgekehrt. "Transparenz", sagt Teckert, "ist steuerbar geworden."

Nicht aber Losonczis Beton. Als Fensterersatz taugt er nicht. Dafür lässt er zu wenig Licht passieren. Als Wandmaterial eines Wohnhauses ist er ebenfalls unbrauchbar. Dafür gewährt er zu viel Einblick in die Privatsphäre. "Die Menschen", räumt selbst der Erfinder ein, "würden sich darin nicht wohlfühlen." -

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