Ausgabe 07/2011 - Editorial

Es lebe das Geheimnis

• "Wir leben im Zeitalter der Transparenz!", sagte der Gesprächspartner, meiner Zustimmung gewiss. Schließlich ist dagegen wenig zu sagen. Seit jeder, was er sieht und weiß, einer Weltöffentlichkeit unterbreiten kann, hat das Geheimnis einen schweren Stand. Aber sind Welt und Wirtschaft damit tatsächlich transparent, also durchschaubar, gar begreifbar geworden?

Zweifel sind oft der Anfang, aus dem bei uns ein Schwerpunkt wird: Die Frage ließ uns nicht mehr los. Transparenz. Ein gutes Wort, eigentlich. Ein Wort, zu dem Politiker bei Finanzkrisen, Atomunfällen oder unerklärlichen Wahlergebnissen gern Zuflucht nehmen, ein Wort, das auf eine Lösung hoffen lässt: Wir durchschauen die Welt nicht mehr? Machen wir sie transparent!

Nur leider ist es ein bisschen wie beim Beton, den der Ungar Áron Losonczi durchsichtig machte (S. 128): Selbst wenn es gelingt, ist man noch lange nicht am Ziel. Und ob es eine Lösung ist? Der Philosoph Byung-Chul Han hat da mehr als Zweifel. Er hört aus dem Wort Gewaltsames heraus (S. 44). Und bricht eine Lanze für das Geheimnis, das die Vorstellungskraft aktivieren und "die Welt süßer machen" könne.

Marc Rich gäbe ihm recht (S. 56). Der Gründer von Glencore, zu seiner Zeit einer der verschwiegensten Konzerne der Welt, hat seine Geschäfte lieber im Dunkeln gemacht. Und damit all jenen die Argumente geliefert, die zumindest im Geschäftsleben und auf den Finanzmärkten für absolute Offenheit sind. Hätte das die Finanzkrisen der vergangenen Jahre verhindert? "Nein", sagt der britische Wissenschaftler Lord John Eatwell. "Mangelnde Transparenz war nie das Problem" (S. 122). Und zumindest die Chronologie der Griechenland-Krise spricht dafür, dass es in Krisenfällen nicht unbedingt an Informationen fehlt, wohl aber an Verstand (S. 50).

Das ist kein Argument gegen Offenheit – nur dagegen, sich von ihr zu viel zu erhoffen. Ob im Kampf gegen Korruption (S. 68) oder gegen feindliche Mächte (S. 84): Der Zugang zu Daten ist nur ein kleiner Teil des Problems. Und auch wenn Wikileaks Bankern und Politikern unruhige Nächte bereiten mag – die Welt verändert oder gar verbessert hat es bisher nicht (S. 90).

Ohne die Bürde, die große Lösung zu sein, ist Transparenz aber eine feine Sache. So haben die Gründer von Abgeordnetenwatch.de noch immer Spaß daran, Politiker ein wenig zu durchleuchten (S. 74). Unternehmen lernen, dass es besser ist, wenn Gehälter zwar nicht unbedingt für alle einsehbar, aber zumindest erklärbar sind (S. 94). Und die Norweger haben sogar die für Deutsche schwer verständliche Erfahrung gemacht, dass sich ein Land nicht automatisch entvölkert, wenn es alle Steuerdaten veröffentlicht (S. 78). Seit fast 150 Jahren ist das dort Brauch, ohne große Diskussionen. Bis jetzt.

Denn jetzt gibt es das Internet. Und das macht Offenheit für jeden von uns zum Problem. Wie groß es ist, lässt sich bei Yasni.de verfolgen (S. 102). Wie groß es werden kann, wissen Datenschützer und Experten vom Chaos Computer Club (S. 112). Und gegen das aufkeimende Unbehagen helfen auch die Visionen des Wissenschaftlers Wolfgang Lehner nicht viel (S. 108): Wir sind transparent. Was nun?

Wer nicht unbedingt seine Identität wechseln will (was übrigens auch vor den digitalen Zeiten nicht einfach war, S. 142), kann sich verrückt machen. Oder locker. Denn selbst wenn jemand alle Informationen über uns sammelte – was weiß er dann? •

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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