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Ausgabe 07/2011 - Markenkolumne

Erotik auf Schwäbisch

• Joachim Hahn ist ein Beispiel dafür, dass Bodenständigkeit und Weltläufigkeit sich nicht ausschließen müssen. Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Mey lebt seit seinem Eintritt in die Firma vor 24 Jahren in Albstadt-Lautlingen, nur einen Steinwurf von seinem Arbeitsplatz entfernt. Und hat aus dem Wäschehersteller ein modernes Vorzeigeunternehmen gemacht. Gern führt der gut erhaltene 61-Jährige, der seine Glatze mit Stil trägt, durch den Betrieb von der Strickerei, Konfektion, der Design-Abteilung und dem Fabrik-Shop bis hin zur schicken Kantine und dem Schwimmbad im Keller, wo die Näherinnen Ausgleichssport betreiben können.

Mey macht ungewöhnlich viel selbst, zum Beispiel 90 Prozent der Stoffe für Slips, BHs und Hemdchen. Dank dieser Kompetenz und jahrzehntelanger Erfahrung fällt den Schwaben immer mal wieder etwas Neues ein, etwa der sogenannte Dry Cotton "mit eingebauter Klimaanlage", wie Hahn sagt. Mindestens ebenso viel Wert wie auf die Qualität legt er aufs Design, denn Unterwäsche müsse heute attraktiv sein – auch wenn nur selten ein fremder Blick darauf falle.

Das Familienunternehmen geht seinen eigenen Weg in einer Branche, deren Umsatz hierzulande in den vergangenen zehn Jahren wegen harter Preiskämpfe um rund 30 Prozent gesunken ist. Mey lässt sich davon nicht beeindrucken. Nach einem unbefriedigenden Experiment in China produziert man nur noch in Europa in eigenen Betrieben, drei davon in Deutschland, je einem in Ungarn und Portugal. Auf Lizenzfertigung für andere Firmen, um die Maschinen besser auszulasten, verzichtet man ebenso wie auf das Verramschen der Ware auf Grabbeltischen. Trotzdem – beziehungsweise eben deswegen – ist Mey heute Nummer eins unter den Damenwäschemarken und die Nummer zwei bei Herrenwäsche (nach Schiesser, das 2009 insolvent wurde).

Der Erfolg beruht nicht zuletzt auf einem guten Gespür für den Wert des eigenen Namens und cleverer Reklame, die seit 18 Jahren die Hamburger Agentur Jung von Matt macht. "Wer arm ist, muss sich etwas einfallen lassen", sagt Hahn grinsend über die Kampagne Me, Myself and Mey. Zwar dürften etliche Kunden den anspielungsreichen Claim nicht verstehen. Aber die Models – darunter die Menschenrechtsaktivistin und Bestseller-Autorin Waris Dirie, 46, Ex-Groupie Uschi Obermaier, 64, und Rockmusiker Rudolf Schenker, 62, –, die sich in Unterwäsche ablichten ließen, sind Hingucker. Reife Persönlichkeiten passen gut zur Marke, die allein der Preise wegen nichts für Teenager ist (Durchschnittsalter der Kunden: 42,5 Jahre). Und sie bieten Stoff für die Medien, die gern über die Kampagne berichten und so die Werbewirkung erhöhen.

Allerdings nützt das wenig, wenn die Produkte nicht präsent sind. Weil der Fachhandel dahinschwindet, setzt Mey neuerdings auf eigene Geschäfte. In Wiesbaden und Ulm gibt es bereits welche, in Hamburg wird dieser Tage eines aufmachen. Hahn gibt "als ehrgeiziges Ziel sechs bis sieben Eröffnungen pro Jahr" aus. Auf die Eigentümerfamilie Mey könne er sich verlassen: "Sie ist investitionsbereit." •

Franz Mey beginnt 1928 in seinem Wohnhaus in Lautlingen mit einer Strickmaschine Stoffe herzustellen. Die karge Schwäbische Alb ist damals ein Zentrum der Textilindustrie. Später fertig er Hosen, Jacken, Blusen und Damenunterwäsche. Nach dem Einstieg seines Sohnes Albrecht in die Führung der Firma verlegen sich die Meys ganz auf Unterwäsche. Später vermarkten sie Slips und Hemdchen unter ihrem Namen im Fachhandel – anders als die meisten Hersteller, die sich in jenen prüden Zeiten hinter den Kunstnamen ihrer Produkte verstecken. Dank Marke und Qualität überlebt Mey das große Firmensterben auf der Alb in den siebziger Jahren. 1984 beginnt man mit der Produktion von Männerwäsche, 1987 kommt mit Joachim Hahn ein externer Manager an die Firmenspitze. Unter seiner Führung intensiviert die Firma die Werbung, rundet mit Nachtwäsche das Sortiment ab und investiert rund fünf Millionen Euro in ein neues Logistikzentrum und ein Gebäude für Fabrikverkauf in der Firmenzentrale. Die fünf Gesellschafter nehmen regen Anteil an der Entwicklung ihrer Firma und sind in zentraler Position vertreten: Martin Mey, Enkel des Gründers, ist in der Geschäftsführung für Finanzen zuständig.

Mey GmbH & Co. KG

Mitarbeiter europaweit: 840; Umsatz 2010: 67 Millionen Euro; Exportanteil: 20,5 Prozent; Marketing-Etat: 6,5 Prozent

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