Ausgabe 07/2011 - Was Menschen bewegt

Die Unsichtbaren

- Drei Tage lang geht sie nicht ans Telefon. Stets die stereotype Ansage des Anrufbeantworters: Der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Alle Nachrichten mit Bitte um Rückruf werden ignoriert. Am vierten Tag, endlich, die Stimme einer Frau.

"Ja?"

"Hier ist der deutsche Reporter, Vinny in New York hat mir Ihre Nummer gegeben."

"Ich weiß."

Sie ist schlecht zu verstehen, ein lautes Rauschen in der Leitung. Sie ist nicht unfreundlich, doch widerwillig, und sie klingt erschöpft. Sie sagt, sie stehe auf der Terrasse, das Rauschen sei der Wind.

"Hier oben ist immer Wind."

"Wollen Sie mir ein wenig von sich erzählen?"

"Sie wissen, dass ich das nur für Vinny mache und dass ich Ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählen kann?"

"Ich weiß."

"Okay, fragen Sie."

Wir wollen sie Tracy Oldham nennen, wohnhaft irgendwo im Norden der USA. "Montana, North Dakota, Wisconsin", sagt sie, "suchen Sie sich was raus." Was sie erzählen kann, ist, wann und wo alles anfing.

1991, New York. Oldham kämpft vor Gericht um das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter Catherine, damals zwei Jahre alt, gegen den Vater des Kindes, ihren ehemaligen Lebensgefährten. Der, so berichtet Oldham, habe "gedroht, er würde mich umbringen lassen, wenn ich ihm das Kind wegnehme. Wenn ich in der Küche stand und Essen kochte, stand ein Fremder vor dem Fenster und filmte mich mit der Videokamera. Ich wurde auf der Straße verfolgt, sieben Privatdetektive waren auf mich angesetzt, sie waren überall."

Heute würde sie anders handeln, sagt Oldham, doch sie sei jung gewesen, "er war viel älter und hatte absolute Macht über mich. Ich war panisch, sah keinen anderen Ausweg, als wegzulaufen. Ich wollte, dass er mich und Catherine nie wieder findet."

"Ich denke", schreibt Peter Bergmann auf der Website www.identitychange.org, auf der er das E-Book "Change ID Bible", eine Anleitung für Identitätswechsel, anbietet, "es kommt Ihnen nicht unbekannt vor: Sie haben es vermutlich im Kino gesehen. Ein Killer fingiert seinen Tod und fängt in einer neuen Stadt ein neues Leben an. Oder jemand stiehlt Ihre Identität, verfolgt oder jagt Sie und zwingt Sie dazu, jemand anderer zu werden."

Im Kino, in der Literatur - da geht das. Dort schlüpfen Agenten und Verbrecher in wechselnde Rollen und Identitäten. "Catch Me If You Can" mit Leonardo DiCaprio ist die Verfilmung des Lebens eines fulminanten Hochstaplers. Und lässt John Katzenbach in seinem Thriller "Der Patient" nicht einen Therapeuten einen Selbstmord vortäuschen, um dem mörderischen Plan eines ehemaligen Patienten zu entkommen? Großer Stoff, Spannung garantiert.

Aber im richtigen Leben? Eine neue Vita erfinden von Geburtsurkunde über Sozialversicherungsnummer, Krankenakte? Und dabei nie auffliegen beim Mieten einer Wohnung, bei der Steuererklärung, dem Arztbesuch und was sonst noch alles an einem ganz gewöhnlichen Leben hängt?

Fest steht: Die USA sind ein großes Land. 9,8 Millionen Quadratkilometer, 308 Millionen Menschen, 51 Metropolregionen mit mehr als einer Million Einwohner, dazwischen Platz genug, um unterzutauchen. Rein theoretisch. Es gibt keine Meldepflicht, keine Personalausweise, zur Legitimation reicht oft ein Führerschein, im Zweifel in Verbindung mit einem Sozialversicherungsausweis, der unbürokratisch beantragt werden kann. Namensänderungen sind legal, wenn man mit dem neuen Namen keine kriminellen Aktivitäten plant.

"Ich habe es getan", versichert Bergmann auf seiner Website, "persönliche Umstände haben mich gezwungen, meine Identität zu ändern." Mit seiner Change ID Bible, angeblich meistverkaufter Guide im Internet seit 2006, habe er 6453 Menschen geholfen, das auch zu tun. "Ich bin außer mir vor Freude", schreibt ein gewisser Paul aus Mississippi auf www.identitychange.org, "über diese Goldmine an Informationen."

1993 spricht ein New Yorker Familienrichter Oldham das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter zu, dem Vater wird lediglich ein Besuchsrecht unter Aufsicht gestattet. Darauf kündigt er an, das Kind in den Nahen Osten zu verschleppen, wo er geboren ist und seine Familie lebt. "Unsere Reisepässe", so Oldham, "hatte er schon nach der Trennung gestohlen." Also leiht sie sich Geld von ihren Eltern, setzt sich ins Auto, fährt nach Massachusetts, versteckt sich zwei Monate in der Wohnung der Freundin einer Freundin, danach geht es weiter Richtung Westen.

Elf Monate dauert die Flucht. Über West Virginia, Kentucky, Missouri, Wyoming. Eine Reise ohne Wiederkehr. Von Motel zu Motel, bis sie in einer Blockhütte im Wald landet, die ihre Eltern unter falschem Namen gekauft haben. Wieder sechs Monate später, kommt sie dort an, wo sie noch heute lebt, wo eine Freundin ein Bankkonto für sie eingerichtet hat, wo Oldham Arbeit bei einem Rechtsanwalt findet, einem Vertrauten von Vinny. Sie arbeitet von zu Hause aus, ihr Gehalt erhält sie per Scheck auf den Namen der Freundin mit dem Konto. Oldham zahlt immer bar. Sie kauft nie zweimal hintereinander im selben Laden.

"Es gab nur noch mich und mein Baby", sagt sie, "ich war völlig auf mich zurückgeworfen. Ich hatte bei jedem Schritt Angst, es könnte der falsche sein." Als Catherine in den Kindergarten kommt, gibt sie ihre Adresse nicht preis, auch nicht in der Schule. Sie bringt das Kind jeden Morgen bis zum Klassenzimmer und holt es am Nachmittag dort wieder ab. Catherine nimmt nie an einem Schulausflug teil. Ihre erste Freundin hat sie mit elf, bis 16 schläft sie im Bett der Mutter. Oldham stockt. "Ich habe ihr die Kindheit gestohlen." Natürlich, seufzt sie, alles lange her. Nun sei Catherine groß und habe längst verstanden, warum die Mutter das alles getan hat. "Aber ich hasse es", sagt Oldham, "darüber zu reden, es bringt all die schlechten Erinnerungen zurück: ständig blockiert zu sein, niemandem zu vertrauen, immer Angst zu haben, immer diese verdammte Angst zu haben."

"Sie war ein super Mädchen", sagt Vincent Parco, "hübsch, fröhlich, vital, alle mochten Tracy." Parco ("Meine Freunde nennen mich Vinny") sitzt hinter seinem Schreibtisch, 875 Avenue of the Americas, Manhattan, ein kleiner bulliger Mann mit Glatze und Schnurrbart. Wie man sich einen New Yorker Private Investigator (P.I.), einen Privatdetektiv, vorstellt. Im Regal Bücher über Sherlock Holmes und berühmte Spionagefälle, an der Wand Schaukästen mit Sternen von Ordnungshütern.

Er ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Parco hat Bücher geschrieben wie "Researching Public Records: How to Get Anything on Anybody" - Wie man alles über jeden herausfindet. Er hat Vorträge gehalten über Identitätswechsel an einer Abendschule. Der Fernsehsender MS N BC habe ihn angeheuert, als Präsident Clinton "diese Scherereien mit dieser Praktikantin hatte um herauszufinden, was im Oval Office wirklich passierte". Und Parco hatte eine Reality Show im Kabelfernsehen, "Parco P.I.", in der Fälle aus seinem Detektivleben nachgestellt wurden.

"Alle Privatdetektive", sagt Parco, "behaupten, sie seien die Besten." Er könne es beweisen. 99 Prozent seiner Fälle löse er. Millionen von Dollar habe er für seine Kunden wiederbeschafft. Er ist ein lärmender Mann mit dröhnendem Lachen, der seine Erzählungen nicht zu Ende bringt, pausenlos nach seinen Mitarbeiterinnen ruft, ins Telefon bellt, mitten im Gespräch aufspringt, rausläuft, dabei weiter über Seitensprünge von Prominenten und Gerichtsverfahren räsoniert, für die er Beweismaterial beschafft haben will.

Gestern sei das französische Fernsehen da gewesen. Interview wegen Dominique Strauss-Kahn. Morgen treffe er einen Hollywood-Produzenten: "Es geht um die Ver filmung von drei Generationen der New Yorker Mafiafamilie Gotti." Wieder das Telefon. "Ah, Suzi Lombardi, du bist eine weiße Polizistin, um die 40, ich hab' dich längst ausgecheckt." Der Schreibtischstuhl vibriert unter Parco P.I., der Filzstift saust übers Papier des Notizblocks. Ob man Bilder sehen wolle von seiner jüngsten Geburtstagsfeier? Eigentlich wollte man ... Auf dem Monitor von Parcos Rechner erscheinen Damen in roter Unterwäsche.

Am Ende fügt sie sich doch noch zusammen, die Story von Tracy und Vinny. Opfer und Retter. Oldham arbeitet für Parco, der häufig attraktive junge Damen zur Beschattung von und "als Köder" (Parco) für untreue Ehemänner beschäftigt. In dem Haus, in dem der Detektiv damals sein Büro hat, lebt ein Araber. Oldham trifft ihn im Aufzug, lässt sich auf einen Drink einladen, beginnt ein Verhältnis, wird schwanger. "Sie ist auf ihn reingefallen", sagt Parco, "wie sie auf alle reingefallen ist, wenn sie 20 Dollar hatte, hat sie 19 Dollar verschenkt."

Name, Vorname, Geburtsdatum - was wissen Sie noch von Ihrem Partner?

Als Oldham bedroht wird, hilft Parco, lässt den Araber beschatten, beschafft Beweise, dass dieser Privatdetektive beauftragt, um sie zu verfolgen. Es ist Parco, der den Plan für Oldhams Verschwinden ausheckt. "Ich weiß, wie ich jemanden finde", sagt er, "ich weiß, was jemand machen muss, um nicht gefunden zu werden. Wir haben das Katz-und-Maus-Spiel umgedreht. Wir haben die Maus zur Katze gemacht." Er würde es wieder tun. "Ach, den harten Typen spiele ich doch nur. Im Kern bin ich weich." Bei jedem? "Für Sie? Nur Beratung, keine gefälschten Papiere, keine illegalen Sachen, 5000 Dollar Honorar."

Das kann schneller nötig sein, als man denkt. Stalking wie in Oldhams Fall ist keine Seltenheit. Und die Change ID Bible verweist auf die grassierende Verschuldung von Amerikanern, die dringend eine Lösung für ihre finanziellen Probleme suchen.

Häufig sind die Gründe für Identitätswechsel krimineller Natur. Die Zeitungen sind voll mit Beispielen dafür. Da wird ein Mann in einem Motel verhaftet, der einen einschlägigen Ratgeber und bündelweise gefälschte 100-Dollar-Noten bei sich hat. Da ist ein Mann, der sich auf einer Ranch in Idaho unter falschem Namen versteckt, obwohl er nichts von Rindern versteht und als Verdächtiger in einem Mordfall gesucht wird. Amerikaner, deren Sozialversicherungsnummer oder Kreditkartendaten gestohlen wurden, finden sich plötzlich auf der Liste der zehn meist gesuchten Verbrecher Amerikas wieder. Ein Großvater verliert seinen Führerschein, weil jemand mit dessen Identität ein Auto angemeldet hat, damit zu schnell gefahren ist und darüber hinaus 300 000 Dollar Arztkosten verursacht hat.

Unterstützt wird dieses betrügerische Treiben durch zahlreiche Ratgeber auf Internetseiten. Herausgegeben von Firmen wie C Publications, 11227 Oak Street, Kansas City, Missouri (www.howtochangeyouridentity.info), die für alles Lösungen suggerieren. Zwei Möglichkeiten, anonym zu fliegen. Zwei Möglichkeiten, anonym eine Wohnung zu mieten. Fünf Möglichkeiten, anonym Schecks einzulösen. Der Autor des Ratgebers behauptet, er habe mehr als 30-mal seine Identität geändert.

Ariza-research.com verspricht eine "komplette Identität echte, offiziell ausgegebene Dokumente, neue Geburtsurkunde, Führerschein, Sozialversicherungskarte mit sauberer Nummer, Reisepass und Kreditkarten". Gemein ist allen Ratgebern, dass sie die Konkurrenz der Unseriösität beschuldigen. Wer dann bei Ariza-research.com für 30 Dollar - einzuschicken bar an eine Adresse in Cleveland, Ohio - ein E-Book bestellt, bekommt keine Antwort, dafür umgehend viele Spam-Mails.

Am 7. April bei der US-amerikanischen Talkshow-Königin Oprah Winfrey. Zu Gast ist Marie Walsh, geboren als Susan LeFevre, die ein rebellischer Teenager war, Drogen nahm und verhaftet wurde, als sie zusammen mit ihrem Freund Heroin kaufen wollte. LeFevre, damals 19, machte einen Deal mit der Staatsanwaltschaft - wenn sie sich schuldig bekennt, erhält sie eine Bewährungsstrafe. Eine Finte. Das Urteil: zehn Jahre Gefängnis. Nach knapp einem Jahr Haft kletterte LeFevre über den Zaun einer Strafvollzugsanstalt in Michigan, davor wartete ihr Großvater in einem Auto. Er brachte sie nach Hause, wo sie sich von ihrer Mutter verabschiedete, die ihr ein paar Hundert Dollar zusteckte und das Versprechen abnahm, "nie wieder die Vergangenheit auszugraben".

Danach fuhr sie mit Freunden nach Kalifornien. "Irgendwo zwischen den Maisfeldern des Mittleren Westens und den Rocky Mountains", erzählt Walsh, "hörte Susan auf zu existieren." Sie nahm ihren zweiten Vornamen an, nannte sich Marie Day, änderte einige Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer, jobbte in Shopping Malls und versuchte, Problemen aus dem Weg zu gehen. Irgendwann verliebte sie sich in Alan Walsh, heiratete, wurde Hausfrau und bekam drei Kinder.

Nun sitzt sie bei Winfrey auf dem Sofa, angekündigt als verbrecherische Flüchtlingsmutter. Ein attraktive, gepflegte Erscheinung, die über ihre Odyssee ein Buch geschrieben hat. "Die Geschichte zweier Leben" begann 2004 am Flughafen von San Diego. Walsh stand am Gate, zeigte ihren Führerschein vor, hielt den Atem an. Sie flog mit ihrem Mann nach New Baltimore, Michigan. Die Mutter hatte Krebs im Endstadium. "Ich weiß, dass ich sie das letzte Mal sehen werde." Als die Mutter während des Besuchs starb, sagte Walsh zu ihrem Mann, sie könnten nicht zur Beerdigung bleiben. "Was für ein Mensch geht nicht zur Beerdigung seiner Mutter?", fragte er. "Ein Mensch", dachte sie, "der dir nie das Geheimnis seiner Vergangenheit erzählt hat." 28 Jahre lang.

Vier Jahre später stand ein Polizist vor dem Haus, zeigte ein Foto aus ihrer Kriminalakte und fragte: "Sind Sie Susan LeFevre?" Die Polizei hatte einen Tipp erhalten. Da gebe es eine Frau in Carmel Valley, Kalifornien, die solle man sich mal anschauen. Jemand hatte sie erkannt. Die Welt ist klein. Walsh musste 2008 zurück ins Gefängnis, bevor sie 2009 endgültig entlassen wurde. Über ihre Familie schrieb sie: "Sie dachten, sie kannten ihr Leben, und dann, urplötzlich, explodierte es."

Keinen Kontakt zu Frauen - und schon gar keinen Anruf bei der Mutter

Zurück zu Parco P.I. in New York. Was jetzt kommt, ist die "Parco-Methode": "Erst einmal muss ich alles über dich wissen: Gewohnheiten, Hobbys, ich suche nach Schwachstellen in deiner Rüstung." Die gelte es kategorisch zu vermeiden. Dann ziehe man in eine große Stadt, ein Viertel, in dem die untere Mittelklasse wohnt. South Side, Chicago. Bay Ridge, New York. Glendale, Los Angeles. Man besorge sich Prepaid-Kreditkarten von Unternehmen wie Wal-Mart, auf die man geringe Beträge bar einzahle. "Besorge dir 100 Karten, maximal 500 Dollar Guthaben."

Man suche sich online einen Vermieter, der ohne Sicherheits-Check Wohnungen anbiete. Man erfinde eine Firma, über deren Adresse man Schriftverkehr und Zahlungen abwickle. Man erfinde eine Geschichte, "für die dich die Menschen bemitleiden". Man war Lkw-Fahrer, die Frau habe einen verlassen, das ganze Geld mitgenommen, weshalb man ein neues Leben anfangen wolle.

"Wenn jemand fragt, was du beruflich machst, sagst du Barkeeper, die verdienen gut, arbeiten oft schwarz, werden bar bezahlt. Oder du sagst, du bist Putzmann. Halte die Geschichte einfach, stell dich dumm, verschwinde, wenn jemand zu viele Fragen stellt. Vor allem aber: Finger weg von Mädchen. Frauen bringen dich zur Strecke. Und: Ruf nie wieder deine Mutter an." Und das funktioniert? Parco: "Das habe ich nicht gesagt."

E-Mail an support@peterbergmann.org, den Autoren der Change ID Bible. Tags darauf Rückmeldung. Ja, man könne telefonieren, dazu eine Nummer in Thailand. Wie sich herausstellt, ist Bergmann, 30, Österreicher. Zuvor lebte er, sagt er, in Großbritannien, wo er Business Management studiert, wenngleich nicht abgeschlossen habe, weil er mit E-Commerce bereits "ausreichend" Geld verdient habe. E-Commerce? "Ich habe Badelatschen aus Brasilien importiert und online verkauft." Später habe er in London im Kundenservice gearbeitet. 2006 habe er Urlaub auf einer Insel vor Thailand gemacht, festgestellt, dort wolle er leben, nun habe er eine thailändische Frau und ein kleines Kind. Schön sei es in Thailand, versichert Bergmann, er habe ein Haus gemietet, fünf Minuten Gehweg vom Strand. Er sei in Österreich auf eine Waldorfschule gegangen und dort schon früh zur "Selbstständigkeit erzogen worden. Es ging mir immer darum, meinen eigenen Weg zu finden. Einen Job von neun bis fünf könnte ich nicht machen."

Peter Bergmann heißt natürlich nicht so. Den Namen habe er angenommen, weil er im Internet "seriös" klinge. Dass er nicht sagen will, welche Geschäfte er dort macht, ist einigermaßen naiv, weil sich im Netz leicht recherchieren lässt, dass ein Peter Bergmann dort neben der Change ID Bible auch Ratschläge für Leute anbietet, deren Konten auf Amazon oder Ebay gesperrt wurden. Dazu betreibt er ein Netzwerk (www.doovpn.com), das Abo für 9,95 Dollar im Monat.

Seine Change ID Bible ist widersprüchlich, in holprigem Englisch verfasst und voller unglaubwürdiger Tipps. Man müsse zum Beispiel am Flughafen nur behaupten, man hätte seine Brieftasche mit allen Dokumenten verloren, um ins Flugzeug gelassen zu werden. Bergmann hat nie länger in den USA gelebt. Er hat, wie er zugibt, nie seine Identität verändert. Und dass er wohl kaum 6453 Menschen geholfen haben kann, das zu tun, ergibt sich aus dem nächsten Eingeständnis. Seine Change ID Bible sei bislang "etwa 300-mal" verkauft worden. Doch auf die Nachfrage im Forum von www.identitychange.org antwortet keiner. Weil es Leute wie Paul aus Mississippi gar nicht gibt? Ein Identitätswechsel, sagt Bergmann schließlich, sei heute kaum noch möglich, vor allem, wenn man von einer Behörde oder der Polizei gesucht werde. "Es ist schwer geworden, sich zu verstecken."

Das Rauschen im Telefonhörer ist weg, Tracy Oldham ist von der Terrasse ins Wohnzimmer gegangen. Kann es sein, dass sie weint? Es ist Memorial Day, der Tag, an dem die USA ihrer gefallenen Soldaten gedenken. Erinnerung an verlorene Leben.

Sie sagt: "Das Schlimme ist, dass ich nie wieder eine Chance auf ein normales, frei gewähltes Leben habe. Meine alten Freunde sind weg. Man schreibt keine Briefe mehr, keine Postkarten. Man geht nicht mehr zu Partys oder zu Barbecues." Nein, sie habe nie wieder eine romantische Beziehung zu einem Mann gehabt. Sie habe nie ein Haus kaufen, nie für das Alter vorsorgen können. Oldham hat nie Steuern bezahlt, nie in die Rentenversicherung eingezahlt. Parco sagt: "Sie hatte ein schönes Gesicht, heute sieht man darin nur noch Schmerz." Ja, sagt Tracy Oldham, "ich habe Probleme." Alkohol? Medikamente? Depressionen? Schweigen. Hat sie sich helfen lassen? Eine Therapie gemacht? "Nein, das hätte nur Sinn ergeben, wenn ich meine ganze Geschichte erzählt hätte, inklusive all der illegalen Dinge, die ich machen musste."

Im Hintergrund spricht jemand. Man hört die Wörter "Mama" und "genug". Ist das Catherine, die ihrer Mutter sagt, sie solle das Telefonat beenden? Vinny hatte erzählt, er mache sich Sorgen, die Steuerbehörde sei Oldham "auf den Fersen". Bevor man sie darauf ansprechen kann, sagt Oldham: "Alles, was ich getan habe, wird mich früher oder später einholen, ich weiß es, ich weiß nur noch nicht, wann es so weit ist." Wann auch ihr gefälschtes Leben explodiert. Wann jemand vor dem Haus steht. Einen Ausweis vorzeigt und die Frage stellt. Sind Sie ...? -

Die Fakten der Flucht von Tracy Oldham und die Identität des Vaters ihres Kindes sind auf ihren Wunsch verändert worden.

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