Ausgabe 10/2011 - Das geht

Nüdling Beton

Frische Luft dank Beton

- Bei nüchterner Betrachtung handelt es sich bei der Erfindung, die Werner Tischer in Händen hält, um nicht mehr als einen simplen Pflasterstein aus Beton - hellgrau und rau, vier Kilogramm schwer. Tischer freilich kann diesen Stein nicht nüchtern betrachten, es ist ein AirClean, so nennt ihn die Firma Franz Carl Nüdling Basaltwerke aus Fulda (FCN), für die der Geologe Tischer arbeitet.

Fast zärtlich streicht er mit dem Finger über die Oberfläche, auf der eine gut zehn Millimeter dünne Schicht aus Titandioxid liegt, das unter Sonnenlicht den Abbau schädlicher Stickoxide aus Autoabgasen beschleunigt. In der Photokatalyse genannten chemischen Reaktion werden diese zu Nitrat umgewandelt. Regen wäscht die in winzigen Mengen entstehende Salzart dann weg.

Vor fünf Jahren wurde das Familienunternehmen auf einen Zement aus Italien aufmerksam, der als stickoxid-abbauend angepriesen wurde. Allein, im Stein habe der Zement zu "unbefriedigenden Ergebnissen" geführt, sagt Tischer. Doch vergessen wollte man die Idee für ein solch innovatives Erzeugnis nicht, sagt Reinhold Weber, einer der beiden Geschäftsführer. Damit war der Naturwissenschaftler Tischer gefragt, und der wälzte die Fachliteratur, las über Photonen, Nanopartikel, Titandioxid und machte sich an die Arbeit.

Es sei absehbar gewesen, sagt Tischer, dass ab 2010 etliche größere Städte Probleme mit den bis dahin immer weiter abzusenkenden Stickoxid-Grenzwerten bekommen würden. Hauptquelle für die Stickoxide seien Autoabgase. Und so klingt alles geradezu wie der Ruf nach photokatalytischen Pflastersteinen für die Innenstädte, denn so flott ist keine Umgehungsstraße gebaut, hängt kein neuer Filter an ausreichend Auspuffen.

Schwierig war, das Rezept für die beste photokatalytische Wirkung zu finden. Immer wieder löffelte Tischer mit seinen Kollegen im Labor Gramm für Gramm Zement, Sand und Wasser in einen Mini-Betonmischer. Fast 100 Versuche brauchten sie, bis das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie ihnen bescheinigte, dass optimierte Steine gefunden waren, die die Luftqualität deutlich und schnell verbesserten.

Im Labor ist der Abbau von Stickstoffoxid klar belegbar. Auf einer Straße allerdings trifft nur ein Teil des Abgases auf das Pflaster, Autos und Wind verwirbeln es, zudem werden meist nur Fußwege gepflastert, Straßen nicht. Lässt sich der luftreinigende Effekt überhaupt im Alltag messen?

Ja, sagt der Nanowissenschaftler Rüdiger Faust, Professor am Institut für Chemie der Universität Kassel, den Stickoxid-Abbau durch die Pflastersteine gebe es. "Wie groß diese Wirkung in der Realität tatsächlich ist, lässt sich nur schwer feststellen. Das Pflaster kann aber dazu beitragen, Spitzenwerte zu senken."

Wenn Werner Tischer die Frage nach der Wirksamkeit des Pflastersteins beantworten will, führt er die Frager in das, was bei Nüdling "der Canyon" genannt wird. Der besteht aus zwei 50 mal 6 Meter großen Schluchten, sie sind von hohen, dicken Mauern eingefasst und voneinander getrennt. Tischer zeigt auf die rechte Seite. Dort ist der AirClean verlegt, links liegt normales Betonpflaster. Davor steht ein gelbes Diesel-Aggregat. Tischer tätschelt es: "Eine echte Dreckschleuder", sagt er und lächelt zufrieden. Diese bläst ihre Abgase auf die beiden Pflaster und ermöglicht den direkten Vergleich. Das Fraunhofer-Institut attestiert auf der Air-Clean-Seite Stickoxid-Abbauraten von 20 bis 30 Prozent, bei Windstille bis zu 70 Prozent. Man hört ein wenig den Stolz in Tischers Stimme, wenn er von diesen Ergebnissen spricht.

Der Konkurrent Heidelberg Cement verkauft in Lizenz den photokatalytischen Zement der Firma Italcementi, mit dem FCN einst nicht zufrieden war. Welches Produkt wirkungsvoller ist, kann derzeit niemand genau sagen - sie werden nach unterschiedlichen Normen bewertet.

"Ein photokatalytischer Straßenbelag - das wäre der ganz große Wurf."

Den großen Run auf die Steine hat es noch nicht gegeben, bei keinem der beiden Hersteller. Tischer setzt darauf, dass die Zeit für photokatalytische Produkte arbeitet. Er wertet es als einen großen Schritt, dass die Landesregierung im sogenannten Luftreinhalteplan für Fulda erlaubt hat, den AirClean einzusetzen. Und auch wenn etwa Cornelia Zuschke, die Stadtbaurätin von Fulda, sagt, "Pflaster allein schafft es nicht", sieht sie es doch als eine von mehreren Reduzierungsmaßnahmen.

Werner Tischer denkt bereits weiter. Bald wird es erste Tests geben, einen Photokatalysator in Asphalt einzuwalzen. "Ein photokatalytischer Straßenbelag - das wäre der ganz große Wurf", formuliert der Wissenschaftler es vorsichtig. Wie beim AirClean will er erst die Ergebnisse sehen. -

www.nuedling.de

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