Ausgabe 02/2011 - Was Wirtschaft treibt

Circus Maximus

• Der Moment, in dem er wusste, dass die Arena funktioniert? Da muss er nicht lange überlegen. Nicht das Konzert von Metallica, obwohl brillant für eine Eröffnungsshow samt Party zur Präsentation der neuen CD. Nicht bei Herbert Grönemeyer tags darauf, ebenfalls ausverkauft, als der gar nicht mehr aufhören wollte zu spielen. Und es war auch nicht bei Coldplay, die wiederum zwei Tage später auftraten zu allgemeiner Ekstase.

Es war der 14. September 2008. Der dritte Event in der neuen Halle, die Premiere der Berliner Eisbären, ein Eishockeyspiel. Kurz vor Anpfiff um 16.30 Uhr ging das Licht aus. Tiefe Finsternis. Über die Eisfläche huschten Lichtkegel. Der Hallensprecher animierte. Bis das Lied einsetzte, drei, zwei, eins, komponiert und gesungen von den Puhdys, jede Zeile begleitet vom Publikum mit einem kernigen „Ho-ho-ho-hoho!“

Sie sind die Könige auf dem ewigen Eis,/
und ihr Thron ist blau-rot-weiß./
Und er wird niemals untergehn,/
niemals, weil wir hinter euch stehn./

14 000 Menschen auf den Stühlen, dann der Refrain, wie ein Orkan brandete er durch die Halle, und was als leidenschaftlicher Gesang begann, mündete in einem kollektiven Aufschrei.

Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn./
Hey, wir woll'n die Eisbärn sehn.

„Metallica, Grönemeyer, Coldplay“, sagt Kornett, „klar, das war im Musikbereich die Liga, in der wir spielen wollten, aber das war weitgehend planbar. Dass die Eisbären so angenommen werden, konnte man nur hoffen.“

Berlin, Friedrichstraße 76, fünfter Stock. Detlef Kornett sitzt in einem Besprechungsraum und erzählt die Geschichte der O2 World. Als Vorstandsvorsitzender der Anschutz Entertainment Group in Deutschland hat er sie begleitet von der ersten Machbarkeitsstudie 2000 bis zur offiziellen Einweihung am 9. September 2008. Kornett hat das Gelände, einen seinerzeit noch teilaktiven Güterbahnhof, zusammen mit dem Land Berlin ausgesucht; er hat die Kaufverhandlungen mit der Bahn AG geführt, sich immer wieder mit dem Senat und dem Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg abgestimmt; er hat sich mit den Anwohnern auseinandergesetzt, Fans der Eisbären, Kritikern und Demonstranten, aber auch mit den Architekten und Designern, die zuvor das Olympiastadion in Sydney, das neue Wembley Stadion und den Millennium Dome in London gebaut hatten. Und bei allem durfte er nicht vergessen, seinen Investor in den USA bei Laune zu halten.

Schon möglich, dass Berlin auch ohne ihn einmal eine der modernsten Multifunktionshallen der Welt bekommen hätte. Doch diese, die O2 World, hätte es ohne den vitalen, stattlichen Herrn mittleren Alters ganz sicher nicht gegeben. Imposant steht sie an der Spree, nahe der Oberbaumbrücke, an der Schnittstelle zwischen Ost und West, wo einmal Mauer und Todesstreifen waren. 160 Meter lang, 130 Meter breit, 35 Meter hoch. Fassungsvermögen bis zu 17 000 Zuschauer. Der Sockel aus schwarzem Granit der Sorte „Nero Assoluto“ aus China; die oberen Stockwerke geschliffener portugiesischer Kalkstein. Dazwischen die sieben Grad nach vorn geneigte Glasfassade, durchsetzt mit 300 000 Leuchtdioden, bespielt von einem Feuerwerk von Texten und Videobotschaften, begleitet von Lichtkaskaden, die aus dem Boden in den Himmel greifen.

Acht Jahre hat Kornett für die O2 World argumentiert und gekämpft, sich „mit diesem Unternehmen identifiziert mit Haut und Haaren“. Anders wäre es auch nicht gegangen, denn man konnte ihn schon für, wie er sagt, "bekloppt" halten. Ein Projekt dieser Dimension? In Berlin?

Und so gab es tatsächlich eine schier endlose Folge von Problemen, Konflikten und Kalamitäten, kleinen Katastrophen und schweren Rückschlägen. Doch es spricht für Kornett, dass er in der Rückschau eine heitere Erzählung daraus macht. Mit Debatten in Kreuzberger Politkneipen, Debatten mit Bienenzüchtern, Debatten über Fliesen und Sitzpolster. Und immer wieder Verhandlungen mit der Bahn AG und deren Tochtergesellschaften, die komödiantische bis groteske Züge trugen. Nicht leicht, dabei immer sachlich und zielstrebig zu bleiben: „Wir sagten: ‚Wir sind verlässlich. Ich nehme jeden ernst. Das sind unsere Argumente. Das ist das Paket. Das ist, was wir wollen.’“

Die Anschutz Entertainment Group (AEG), 45 Firmen weltweit, 5000 Mitarbeiter, Hauptsitz Los Angeles, Kalifornien, ist der weltgrößte Inhaber von Sportvereinen und Rechten an Sportveranstaltungen. Die AEG besitzt unter anderem Anteile am Profibasketballklub Los Angeles Lakers und am Profi-Eishockeyklub Los Angeles Kings; sie gehörte zu den Gründern der US-amerikanischen Fußballprofiliga MLS, hielt zeitweise Anteile an sechs von zehn MLS-Teams und war vor etlichen Jahren verantwortlich für die spektakuläre Verpflichtung des Superstars David Beckham durch Los Angeles Galaxy.

Und die AEG ist Inhaber und Betreiber der profitabelsten Sport- und Entertainment-Arenen der Welt, dazu der zweitgrößte Veranstalter von Live-Musik und Unterhaltung nach Live Nation.

Eine Halle für alle – und alles

Die Erfolgsformel der AEG ist so simpel wie effizient. Sie beschafft sich Content, wie das in der Branche heißt, also Produkte wie Sport, populäre Musik oder sonstiges Entertainment; sie schafft dafür den Rahmen in Form von Arenen oder Stadien, deren Sponsorenrechte sie meistbietend veräußert; und schließlich installiert sie sich als Organisator, Promoter, Vermarkter. Bei dieser Quadratur der Wertschöpfung spielen Profisportvereine aufgrund der Popularität und Berechenbarkeit der Ware, der Zahl der Veranstaltungen, die sich aus einem regulären Saisonverlauf plus möglicher Play-offs ergeben, eine zentrale Rolle; man nennt sie im Zusammenhang mit Arenen sinnigerweise „Ankermieter“.

Beispielhaft erläutern lässt sich das am Staples Center in Los Angeles. Dieses wurde für 375 Millionen Dollar gebaut und 1999 fertiggestellt. Inzwischen ist es Austragungsstätte für die Spiele von vier AEG-Sportteams, darunter Lakers und Kings, die zusammen jährlich 82 Heimspiele in der Vorrunde bestreiten. Insgesamt kommt die Anlage jedes Jahr auf 250 Veranstaltungen und vier Millionen Besucher.

Die Zeiten, als Sportarenen wenig mehr als monströse Betontorten von einseitigem Nutzwert waren, sind passé. Die bekannteste Veranstaltungsimmobilie, die derzeit von der AEG betreut wird, der Millennium Dome in London, zeigt, wohin die Entwicklung geht: Dort gibt es neben Events aller Art Theater, Restaurants, Shops, Fitnesscenter, geöffnet rund um die Uhr.

Mitte der neunziger Jahre testete die AEG Europa als Wachstumsmarkt. Beteiligte sich an einem Fußballverein in Schweden, kaufte Eishockeyvereine in Prag, Genf, London und 1999 die deutschen Klubs München Barons und Eisbären Berlin. Die Barons wurden 2002 wegen mangelndem Zuschauerinteresse nach Hamburg umgesiedelt, wo sie seither als Hamburg Freezers in der Multifunktionsarena am Volkspark spielen. Die Eisbären traten weiter im sogenannten Wellblechpalast an, der Halle 1 des Sportforums im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen.

Der Wellblechpalast war veraltet und fasste nur 4695 Zuschauer, die meisten davon auf Stehplätzen. Deshalb litten die Eisbären unter Geldnot, hatten Steuerschulden in Millionenhöhe. Moritz Hillebrand, damals Pressesprecher bei den Eisbären, heute in gleicher Funktion bei der AEG in Berlin, sagt: „Es war klar, dass hier massive Investitionen nötig waren.“

Nur: Waren die Eisbären dieses Engagement wert? Ein Sportklub, der in der DDR Dynamo hieß, dem Ministerium für Staatssicherheit zugeordnet, und dessen erster Fan Erich Mielke war? Dessen Anhänger in einer Mischung aus Trotz und Selbstironie bei Auswärtsspielen im Westen sangen: „Wir sind eure Kosten aus dem Osten!“ Happenings für die gekränkte ostdeutsche Seele. Symbol für die Sehnsucht nach der verlorenen Identität. Doch spätestens, als die Puhdys den Eisbären einen Song widmeten, gefolgt von einem Dokumentarfilm des Oscar-Preisträgers Pepe Danquart, waren die Eisbären Kult. So weit, so schön. Kult wertet eine Marke auf, Kult garantiert Zuspruch und Zuschauer. Doch genügt das als Basis für eine kommerzielle, hochmoderne Multifunktionsarena? Konnten die Eisbären Ankermieter werden für eine Immobilie, für die AEG bereit war, 165 Millionen Euro auszugeben?

Zum eigenwilligen Content kam die schwierige Location. Selbst wenn die Eisbären die Arena füllten, wer sollte sie auf Dauer profitabel machen? Mike Keller, früher für die Jahnke Konzertdirektion GmbH in Hamburg tätig, heute General Manager der O2 World, erinnert sich: „Vor zehn Jahren galt für Veranstaltungsorte: Erst kommt München, dann Frankfurt, Köln, Hamburg, dann lange nichts und dann erst Berlin.“ Metropole im Abseits, das Erbe der Mauerstadt. Dazu kein Zentrum, Dutzende Kieze, subventionierte Hochkultur, bis zu 1000 Klein- und Kleinstveranstaltungen als Konkurrenz, niedriges Einkommensniveau.

Im Zuge der geplanten Olympiabewerbung 2000 hatte der Senat auch noch einige kleinere Event-Stätten bauen lassen, etwa das Velodrom oder die Max-Schmeling-Halle. Und was die Bewerbung von Veranstaltungen angeht, so Hillebrand, „brauchst du in Berlin immer einen Eimer mehr, um Farbe auf die Wand zu kriegen. Du hast keinen Marktführer im Radio, du hast keine dominante Tageszeitung, stattdessen Anzeigenpreise, die höher sind als in München oder Hamburg.“

Das war die Lage für Kornett und sein Team, als die AEG das Projekt in Angriff nahm. Ach, noch ein Detail: Das Staples Center in Los Angeles wurde mit massiver öffentlicher Hilfe gebaut; Hamburg stellte dem finnischen Investor Harkimo ein Grundstück sowie die Erschließung der Infrastruktur zur Verfügung; und für die Nutzungsrechte des Millennium Dome zahlte die AEG nur ein britisches Pfund.

Berlin? Das Rote Rathaus ließ ausrichten, man begrüße die private Initiative, könne jedoch nur planerische Hilfe beisteuern im Rahmen des Senatsprojekts Stadtumbau West, besser bekannt unter dem Slogan Mediaspree, der beabsichtigten Ansiedlung von Kommunikations- und Medienunternehmen beiderseits der Spree, von der Jannowitzbrücke bis Treptow. Um die Sache abzukürzen: Mitte 2004 waren die Kaufverträge geschlossen, der Bebauungsplan verabschiedet, sogar für den Erhalt der sogenannten East Side Gallery, einem Rest Berliner Mauer am Spreeufer entlang der Mühlenstraße, hatte Kornett eine Lösung gefunden. Und dann: „Kam Phil nach Berlin und sagte: ‚Ohne Sponsorenrechte keine Arena’.“

Phil ist Philip Frederick Anschutz, ein US-amerikanische Investor, Sohn eines russlanddeutschen Emigranten, geboren in Kansas. Anschutz machte zunächst Geld mit Öl, Gas und Immobilien, ehe er die Denver and Rio Grande Western Railroad kaufte, die später die Southern Pacific Railroad übernahm, die wiederum mit Union Pacific fusionierte. Daran verdiente Anschutz angeblich 3,6 Milliarden Dollar. Er gründete die Telefongesellschaft Qwest Communications, deren Verkauf ihm angeblich 2,5 Milliarden Dollar einbrachte. Kornett schätzt, Anschutz besitze heute etwa 100 Beteiligungen, darunter die Regal Entertainment Group, der mehr als 6000 Kinos gehören, eine Reihe von Zeitungen, eine Filmproduktionsfirma; mit sechs Prozent Anteil ist er immer noch größter Aktionär bei Union Pacific. Laut »Forbes« beträgt sein Nettovermögen sieben Milliarden Dollar, was ihn zur Nummer 34 der reichsten US-Amerikaner macht.

Wenn man bei AEG in Berlin nach einer Möglichkeit fragt, Anschutz zu sprechen, lächeln sie milde. Kornett beschreibt ihn als drahtigen älteren Herrn, der keinen Wert auf Öffentlichkeit lege und seit 1974 kein Interview mehr gegeben habe. Dafür stehe er gern früh auf, jogge bei Besuchen in Berlin ohne Personenschutz im Tiergarten und behandele alle im Büro ausnehmend freundlich. In der Arena, heißt es, esse er gern ein kleines Schnitzel und trinke dazu verdünntes Bier mit Eiswürfeln. Typ kauziger Milliardär. Wozu auch gehört, dass er einen Thinktank unterstützt, der die Evolution anzweifelt; dass seine Filmproduktionen häufig von christlichem Gedankengut getragen sind und er eine gewaltige Ranch in Colorado besitzt, die er „Eagle's Nest“, Adlerhorst, nennt. Als die AEG Michael Jacksons Tournee „This is it“ mit 50 Auftritten weltweit plante, nach dessen Tod eine Trauerfeier im Staples Center veranstaltete und einen Film über die Tourneevorbereitungen veröffentlichte, unterstellte man Anschutz Pietätlosigkeit. Kornett sieht das anders: „Phil schätzt einfach einen guten Deal.“

Die richtigen Strippen gezogen

Berlin, ein Café am Gendarmenmarkt. Robert Lübenoff hat Eier bestellt, Brötchen, Latte Macchiato. Er war mal Sportjournalist und Berater von Boris Becker, dessen Biografie er geschrieben hat. Heute macht er PR, für die ihm ein außergewöhnliches Talent nachgesagt wird. Wenn der SAP-Gründer Dietmar Hopp und der Popsänger Xavier Naidoo geschäftlich zueinanderfinden sollen, eine gemeinnützige Organisation einen Sportstar als Botschafter sucht oder ein Automobilkonzern eine Lösung für ein Kommunikationsproblem – Lübenoff schafft das Netzwerk, findet einen Weg.

Das hatte sich bis zur AEG herumgesprochen, als diese 1999 für die München Barons einen Medienberater suchte. Lübenoff brachte die Barons in die Schlagzeilen – und das Team wurde auf Anhieb Deutscher Meister. Nun sollte er in Berlin bei der Imagepflege der Eisbären helfen. Lübenoff traf auf Kornett. Man verstand sich, mochte sich, ergänzte sich. Worauf Lübenoff gleich mal einen Mediensalon im Restaurant Borchardt einrichtete, um die Lokalpresse kontinuierlich über Kornetts Bemühungen zum Thema Arena zu informieren.

Kommunikation hilft. Doch im Winter 2004/2005, nach Anschutz' überraschender Forderung nach einem Sponsor, so Lübenoff, „standen wir unerwartet vor der größten Hürde“. Wer sollte die Namensrechte für eine Arena erwerben, von der es zwar eine Idee, aber sonst lediglich mehr oder weniger konkrete Pläne gab?

Da geht Lübenoff eines Abends mit seiner Tochter in Eckart Witzigmanns Restauranttheater Palazzo. Am Tisch eine Reihe netter Herren in gepflegten Anzügen. Lübenoff unterhält sich erst ausführlich mit seiner Tochter, fragt dann anstandshalber doch mal nach, was die Herren beruflich so machen. Marketing beim Mobilfunknetzbetreiber O2 Germany? Lübenoff: „Ich sagte: ‚Da habe ich vielleicht was für Sie’.“ Visitenkartenaustausch, das Übliche, „eine Woche später saßen Kornett und ich schon in München beim damaligen CEO Rudi Gröger“. Und machten dem klar, wie sich eine Arena mit Telekommunikation bewerben ließe, eine Marke dadurch „anfassbar, belebbar gemacht“ werden könnte. Ende April 2006 wurde die Kooperation bekannt gegeben, der Startschuss für die Bauphase.

„Den Prozess, der hier stattgefunden hat“, sagt Lübenoff, „halte ich weltweit für einzigartig.“ Nicht nur, dass ein Sponsor bereit war, einen Vertrag über 15 Jahre Laufzeit, dotiert mit geschätzt 75 Millionen Euro, einzugehen, bevor der Grundstein der Immobilie gelegt war. O2 war zudem bereit, die Arena mit der AEG teilweise zusammen zu entwickeln. „Damit haben wir Arena-Sponsoring neu definiert“, sagt Mike Schwanke, Head of Brand Experience bei Telefónica O2 Germany. „Unser Ziel war, dass am Ende die Marke mit ihren Werten präsent ist – optisch, aber auch erlebbar in den speziellen Services für unsere Kunden.“

So kamen sie etwa auf die geneigte Fassade mit der LED-Technik. So kamen sie auf Lichteffekte in Blau und Weiß, den Konzernfarben, die nun das Erscheinungsbild der Arena außen und innen dominieren. Für O2-Kunden gibt es eine Lounge, einen eigenen Eingang, die sogenannte O2-Lane, es gibt Servicestände zum Aufladen von Handys, Kunden haben 48 Stunden früher Zugang zum Vorverkauf, erhalten SMS und Videobotschaften. Es ist ein kleiner Kosmos. „Natürlich“, so Schwanke, „sollte sich das auch im Namen widerspiegeln, daher O2 World .“

19. Dezember 2010. Rundgang mit Hillebrand. Später Vormittag, in wenigen Stunden werden die Eisbären gegen die Kölner Haie spielen. Blau-weißes Licht flutet über die Decke des Foyers. Blau-weiße Spots in Wänden und Böden. Ein kurzer Blick in eine der 59 Entertainment-Suiten. Gediegenes Interieur, das Mobiliar von Knoll. Ein Blick in den World Diner, ein Restaurant mit Hallenblick und 400 Sitzplätzen. Kurz noch zur Premium Lounge, die Platz und Verköstigung für etwa tausend Gäste bietet. Das ist es, was Kornett wohl meint, wenn er sagt: „Entertainment braucht heute einen anderen Rahmen.“

Nur dann boxen die Klitschkos um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht, spielen Basketballer um den Europapokal. Und das ist der Grund, weshalb, wie General Manager Keller sagt, „wir mit dieser Arena das Veranstaltungsumfeld geändert haben. Wir bringen heute Namen nach Berlin, die vorher nicht gekommen wären.“ Lady Gaga. Britney Spears. Sting. MTV Awards. Zuletzt Shakira. Und alle schätzen den Sound der O2 World, über den Keller, Ingenieur für Medienbetriebstechnik, ausführlich referieren kann. Mit zwei Sekunden liegt die Nachhallzeit nur knapp über der von Konzertsälen.

Schnell noch zu Sebastian Roßmann, bevor sich die Halle langsam für den Event des Nachmittags füllt. Er ist ein erstaunlich gelassen wirkender junger Mann und steht am Rand der Eisfläche, die während der Saison nach jedem Spiel abgedeckt wird mit sechs Schichten Dämmmaterial, Spanplatten, Kautschuk. Der Production Manager. Oder anders formuliert: „Ich bin derjenige, der dafür geradestehen muss, wenn hier etwas schiefläuft.“

Und es kann jede Menge schieflaufen, wenn Lady Gagas Team mit 35 Lkw anrollt; wenn sie bis zu 130 Tonnen Show-Equipment an der Hallendecke montieren; wenn zu jedem Spiel der Eisbären eine Stehtribüne für 2000 Zuschauer aus 2000 Einzelteilen auf- und abmontiert wird. Mal abgesehen davon, dass es für jedes Stromkabel eine DIN-Richtlinie respektive Dienstvorschrift gibt. Doch wo gleich Eishockey gespielt wird, bleiben wir beim Eis: ein endloses Thema, schließlich ist dessen Qualität vom Mikroklima der Halle abhängig. Thermodynamik, Luftfeuchtigkeit, Außentemperatur. Ein kleiner Fehler, und alles schmilzt. Roßmann sagt: „So eine Arena ist eine ewige Baustelle.“

Mehr als drei Millionen Besucher kamen bislang in die O2 World, deren 300. Veranstaltung bevorsteht. Schon vergangenes Jahr war sie damit Deutschlands erfolgreichste Veranstaltungsimmobilie vor der Münchner Olympiahalle. Die Zahlen jedenfalls widerlegen die Kritiker, die die Arena als zu monströs empfanden und befürchteten, sie ziehe angesichts zu hoher Eintrittspreise nicht genug Publikum an. Den Vorwurf, die O2 World verhindere eine Bebauung des Areals mit Wohnungen und Grünflächen, will sich die AEG ohnehin nicht gefallen lassen. Wer hätte diese errichten sollen? Noch dazu auf einer Brache zwischen Ostbahnhof, Gewerbegebiet und Warschauer Straße? Der Senat ist chronisch pleite. Private Bauträger drängten sich nicht auf. Die AEG, sagt Kornett, habe lediglich ein Modell angeboten und bewiesen, dass es funktioniert. Die O2 World zeige, so Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zur Eröffnung, dass in Berlin auch Projekte dieser Dimension ohne staatliche Unterstützung verwirklicht werden könnten.

Gegen Erfolg lässt sich schwer argumentieren. Die AEG befriedigt eine Nachfrage, was sich dank der Zusammenarbeit mit dem Namenssponsor rechnet. Mike Schwanke will zwar nicht bestätigen, dass der Marktanteil von O2 in Berlin um zehn Prozent höher liegt als im Bundesdurchschnitt, doch er sagt: „Egal, welchen Indikator wir nehmen, wir sind sehr zufrieden.“ Weshalb O2 auch die Namensrechte für die Hamburger Arena erworben hat, die von der AEG inzwischen gekauft worden ist. Dass sich das Modell auch international bewährt, beweist neben der O2 Arena in Dublin der Millennium Dome in London, bei dem O2 ebenfalls eingestiegen ist und der nun schlicht „The 02“ heißt. Und anscheinend ganz von selbst Leute anzieht. Stefan Frommann war neulich beim Konzert von Linkin Park. Er saß neben zwei Leipzigern. „Denen gefiel Linkin Park gar nicht, die waren gekommen, weil sie einmal die Halle erleben wollten.“

Entertainment-Suite 326. Robert Lübenoff hat ein paar Freunde und Geschäftspartner zum Spiel eingeladen, darunter Stefan Frommann, von Beruf Sportjournalist und Ressortleiter bei den »Welt« und »Welt am Sonntag«. Es gibt Drinks, Flachbildschirm drinnen, plüschige Sessel draußen auf einer Art Balkon zur Halle. Sanfte Erregung macht sich breit. Kurz vor 14.30 Uhr ist es so weit. Es geht los, was einmal als Kult in einer Wellblechhalle in Hohenschönhausen begann und inzwischen als einmaliges Schauspiel im deutschen Sport gilt. Dunkelheit. Lichtkreisel. Puhdys. Könige auf dem ewigen Eis. Ho-ho-ho-hoho! Kollektiver Aufschrei. Und wieder wollen 14 000 Zuschauer die Eisbären sehen, aber hey!

Denn unser Leben wär so leer ohne Bärn./
Wir ham die Eisbären so gern./
Wir ham die Eisbären so gern.

Es wird dann noch ein kurzweiliges Match, begleitet von Popmusik und Werbebotschaften für Kreditkarten, die das Leben leichter machen, oder für eine Brause mit echtem Geschmack bei Zero Zucker. Es ist angenehm warm in der Halle, die Zuschauer machen mächtig Lärm mit zum Fächer gefalteten Papp-Flyern. So wie Lübenoff sich das vorgestellt hatte, als er die Kampagne „Eishockey wie noch nie“ entwickelte, mit der 2008 auch Fans im Westen gefunden werden sollten.

Und er hatte da noch eine Idee, „den Leuten beizubringen, warum sie bei den Eisbären unbedingt dabei sein müssen“. Man kann das Video vor jedem Match auf dem LED-Würfel unter der Hallendecke sehen. Ein Puck fliegt durch Berlin; von der Siegessäule über den Reichstag zum Potsdamer Platz und zum Alex und schließlich zu einer Halle, die aussieht wie ein Raumschiff. Dort landet er, bricht durch das Dach, und schon geht in der Halle tatsächlich ein Feuerwerk los. Lübenoff: „Die Arena ist ein lebendiges Wesen, das geliebt und gepflegt werden muss, mit dem muss ich reden.“

Erste Drittelpause. Man plaudert, moniert die zahlreich vergebenen Torchancen der Eisbären. Lübenoff und Frommann stehen zusammen. Und weil sie den Sport lieben, erinnern sie sich gern des 14. Septembers 2008, der Premiere der Eisbären in der O2 World. Was für eine Show. Die Eisbären gewannen damals 11:0. Waren tagelang Stadtgespräch. »Bild« sprach vom „Mythos O2 World“. Lübenoff sagt: „Danach waren wir Hype.“

Frommann sagt: „Der Erfolg dieser Arena hängt eindeutig an den Eisbären, und das ist natürlich auch eine Frage des Rahmens. Ohne den Rahmen kriegt das nicht die Power.“ Eine Power, die, wenn man so will, ganz nebenbei Ost und West verbindet. Ein gesamtdeutsches Entertainment-Märchen, initiiert von einem US-amerikanischen Milliardär, der es versteht, mit Events Geschäfte zu machen. Sogar in Berlin. „Wenn diese Stadt einen Weltstadtanspruch für sich formuliert“, so Frommann, „dann ist die O2 World einer der wenigen Plätze, der ihn wirklich erfüllt.“ ---

P.S. Detlef Kornett hat die AEG Deutschland zum 31.12.2010 verlassen; er wird persönlicher Berater von Dietrich Mateschitz. Kornett soll sich bei Red Bull in Salzburg um das Sportmarketing mit Ausnahme der Formel 1 kümmern.

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