Ausgabe 02/2011 - Editorial

Bleibende Eindrücke

• Ich erinnere mich gut an meinen ersten Besuch im großen Theater. "Im weißen Rössl" am Karlsruher Staatstheater. Kein großes Stück, kein großes Ensemble, keine große Aufführung. Aber ich, zwölf Jahre alt, war hingerissen: die Kostüme, die Menschen, der Geruch. Fasziniert trat ich ein in die Welt der Großen, in ein fremdes und unbekanntes Land.

Die staunenden Kinderaugen könnten das Logo einer Branche sein, deren Ziel es ist, Faszination am laufenden Band zu produzieren. Event-Marketing boomt, denn wer auch immer etwas zu sagen oder zu verkaufen hat, gibt sich längst nicht mehr mit der eher distanzierten Beschallung über Werbung oder Marketing zufrieden: Er will sehen, hören, spüren, wie seine Botschaft, sein Produkt ankommt. Er will dabei sein, mittendrin.

Das ist verständlich, wenn auch nicht ganz ungefährlich. Denn Top oder Flop liegen gerade bei Veranstaltungen nah beieinander. Das Publikum hat schon viel, wenn nicht alles gesehen; so ein Abend ist lang und pannenträchtig. Und geht er schief, kann der Veranstalter sich in einem sicher sein: An einen verpatzten Abend erinnert sich ein Kunde deutlich länger als an jeden anderen Marketing-Flop.

Auf diesem verminten Feld kämpfen die Ereignis-Anbieter mit zwei Gegnern: der Langeweile des Publikums – und der Angst des Veranstalters (S. 84, 90). Zu gern hätte man den Event-Effekt sicher und bezahlte dafür auch gut und gern. Doch Sicherheit ist in diesem Geschäft keine Frage des Geldes, wie sich bei einem Rundgang über das Gelände der Expo Hannover leicht feststellen lässt (S. 76). Und auch die künftige Grand-Prix-Stadt Düsseldorf wird wohl noch lernen, was Oslo schon weiß: dass niemand wirklich sagen kann, was so ein Ereignis bringt (S. 56).

Warum sich Unternehmen wie Städte dennoch immer wieder darauf einlassen? Weil es so schön ist, wenn es gelingt. Weil Unternehmen wie Red Bull beweisen, dass sich mit Spaß auch Geld verdienen lässt (S. 38). Und weil Event-Marketing, gekonnt, durchaus Großes zu vollbringen vermag. Etwa das eher schlecht gelaunte und gekleidete Nach-Wende-Berlin in eine Mode-Metropole zu verwandeln (S. 120). Oder einst biedere Opernsänger zu glamourösen Klassik-Stars aufzubauen (S. 126).

Was aber "gekonnt" ist, wenn es um Veranstaltungen geht – dazu gibt es viele Antworten und noch mehr Missverständnisse. Perfektion, immer aufwendigere Materialschlachten, immer ausgefallenere Inszenierungen: Damit versuchen viele Agenturen, das Risiko Langeweile auszuschalten. Dabei weiß jeder, den die Perfektion schon mal angeödet hat: Überraschung ist kein industriell herstellbares Produkt (S. 42).

So muss der Verkaufstrainer Thomas Bottin jedes Mal neu um sein Publikum ringen (S. 106). Und der Event-Manager Matthias Kindler weiß längst, dass Denken mehr zum Gelingen einer Veranstaltung beiträgt als das Büfett (S. 100). Wenn es gelingt, die Teilnehmer zu Mitspielern zu machen, sagt der Sozialwissenschaftler Gerhard Schulze, wird jedes Ereignis einmalig, nicht reproduzierbar, berührend wie die erste Begegnung mit dem Theater (S. 52).

Das ist die Crux – und auch die Chance: Wer etwas zu bieten hat, bei dem andere gern mitmachen, braucht keine Promi-Parade und kein Feuerwerk (S. 112).

Im Grunde reagiert da der Veranstaltungsbesucher wie jedes Kind. •

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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