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Ausgabe 11/2010 - Schwerpunkt Vergessen lernen

Tausend kleine Flecken

- Das Internet vergisst nichts. Abschreckende Beispiele für das unendliche Erinnerungsvermögen des Netzes kursieren zuhauf. Da ist der kanadische Schüler, der 2002 mit einem Golfball-Aufnehmer den Jedi-Ritter mimte und als "Star Wars Kid" zum Gespött im Web wurde. Seine Familie verklagte die Klassenkameraden, die den Film ins Netz gestellt hatten, auf Schadenersatz. Ihr Sohn habe bleibende seelische Verletzungen davongetragen. Oder der 66 Jahre alte kanadische Psychotherapeut, der von US-Grenzern wiederholt des Landes verwiesen wurde, weil sie bei einer Routinekontrolle seinen Namen in eine Suchmaschine eintippten und auf einen Aufsatz stießen, in dem er über seine LSD-Erfahrungen aus den sechziger Jahren berichtet hatte.

Willkommen in der Welt des digitalen Panoptikums, in der jeder flüchtig bei Twitter oder Facebook eingetippte Gedanke, jede Geste und Grimasse auf einem Foto unter Freunden, jede eigentlich privat gemeinte SMS oder E-Mail, jede Kreditkartentransaktion und jeder Check-in über einen der neuen Ortungsdienste wie Foursquare für immer festgehalten wird. Wir selbst mögen diese trivialen Alltagshandlungen schnell vergessen oder verdrängen. Aber online hat eine Allianz aus immer billigerem Speicherplatz, immer leistungsfähigeren Suchmaschinen und allgegenwärtigem Zugriff auch für unbekannte Dritte das Vergessen abgeschafft.

Informationstheoretiker, Juristen und Techniker zerbrechen sich die Köpfe, wie man der automatisierten Sammelwut Einhalt gebieten kann. Doch sie kämpfen gegen mächtige Trends an: die behördliche Kombination aus Paranoia und Neugier, die bewahrt, was sich vielleicht einmal auswerten lässt, und die wirtschaftlichen Interessen von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und anderen Informationsdienstleistern, deren Geschäftsmodell nur funktioniert, wenn sie aus tausend kleinen Stückchen stets neue Persönlichkeitsprofile formen und weiterverkaufen können.

"Die Definition, was den Ruf eines Menschen formt, macht einen tief greifenden und unerhörten Wandel durch", sagt der Juraprofessor Daniel Solove von der George Washington Universität. "Heute kann jedermann Informationen in alle Welt verbreiten - und sie halten sich irgendwo im Web, um uns selbst 20 oder 30 Jahre später das Leben zu vergällen. Unser eigenes Leben und damit das Leben der anderen ist zu einem ständig wachsenden Berg von Fragmenten geworden." Solove nahm das Ende des Vergessens bereits 2007 als einer der ersten Wissenschaftler mit dem Buch "The Future of Reputation" unter die Lupe. Der Ruf eines Menschen, so seine Analyse, gründete sich bislang auf konzentrische Kreise von Nachbarn, Bekannten, Arbeitskollegen und Familienmitgliedern, die bestimmte Dinge erfuhren, wussten und nur Teile davon je nach Kontext in Erinnerung behielten. "Klatsch und Tratsch sind zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte langlebig und damit giftiger als je zuvor. Menschen bekommen buchstäblich keine zweite Chance."

Das ewige Gedächtnis ist für einen US-Bürger wie Solove um so dramatischer, weil das kulturelle Selbstverständnis des Amerikaners auf der Vorstellung beruht, selbst nach einer Pleite oder persönlichen Krise weiterzuziehen, sich am anderen Ende des Kontinents niederzulassen, notfalls den Namen zu ändern und wieder bei null anzufangen. Das war einmal. Heute könnte ein Schulkind die Profile und Internet-Adressen von Clark Kent, Zeitungsreporter, und Superman vergleichen und den Helden an einem Nachmittag demaskieren. Die Methoden, um mit ein paar Mausklicks jemanden wie den Star-Wars-Jungen für den Rest seines Lebens zu verfolgen, auch wenn man ihn nie getroffen hat, sind im Jahr 2010 zum Allgemeingut geworden, sagt Solove. "Alle möglichen Daten über jemanden im Handumdrehen abzurufen und miteinander zu korrelieren ist keine Modeerscheinung", warnt er. "So sieht das Leben der kommenden Generationen aus."

Sammeln ohne Sinn - die Library of Congress will alle Tweets archivieren

Die Warnung mag zu spät kommen, denn das willkürliche Sammeln und Aufbewahren digitaler Krumen ist der neue Standard geworden. Die Schuld daran trägt zum Teil der technische Fortschritt. Speicherplatz ist so billig geworden, dass er nur noch in Terabyte gemessen wird. Der zeitliche und geistige Aufwand, alte Nachrichten oder Fotos zu sichten und die überflüssigen zu löschen, ist den meisten Menschen zu hoch, sodass sie einfach alle alten Daten auf ihren Festplatten vergessen.

Wer seine Informationen im Netz ablegt - im Fachjargon Cloud Computing genannt -, fördert das Konzept der unaufhörlichen Sammelwut noch weiter, denn so muss man sich nicht einmal mehr um Archivplatz in den eigenen vier Wänden kümmern. Anbieter wie Amazon vermieten ihre Rechner und Festplatten zu Schleuderpreisen, Google und Yahoo verschenken die letzte Ruhestätte für Jahrzehnte persönlicher und beruflicher Korrespondenz.

Die Tatsache, dass Milliarden von PCs, Mobilgeräten und zunehmend intelligenten Sensoren und Kameras am Netz hängen und eigene Beobachtungen einspeisen, hat die Datensammlung von der aktiven Beschäftigung des Menschen zur voll automatisierten Routine von Maschinen gemacht. Der Datenstaubsauger ist immer an, rund um die Uhr, und fällt den meisten Menschen gar nicht mehr auf: die Kamera am Bankautomaten, die Suchabfrage bei Google, der GPS-Chip zur Navigation mit dem Handy, der Radiochip in neuen Pässen.

Kaum ein Datensatz, der nicht archiviert wird: So speichern alle amerikanischen Neuwagen ab Baujahr 2008 automatisch die Reifendruckdaten. Die Library of Congress hat angekündigt, alle Twitter-Mitteilungen seit Beginn des Dienstes im Jahr 2006 zu archivieren. Momentan setzen dessen Nutzer rund 55 Millionen Textfetzen am Tag ab - und die ersten Fälle machen Schlagzeilen, in denen Plappermäuler für ihre Tweets abgemahnt, verklagt und entlassen wurden.

Maschinen und Algorithmen vergessen und vergeben nicht. Im Gegenteil, sie werden umso besser und schneller, je mehr Daten sie verdauen. Dank der geballten Rechenleistung von Google, Facebook und anderen großen Informationshäusern mit Millionen von Kunden kann Nutzer X zutage fördern, was Nutzer Y oder Z am Freitagabend vor drei Jahren so nervig fand, wer mit wem weshalb nicht mehr befreundet ist, wer wie viel bei der Scheidung zugesprochen bekam oder wer vor 15 Jahren irrtümlich einer Vergewaltigung beschuldigt wurde. Ein simples Computerprogramm kann längst verschüttet gewähnte Bruchstücke des Alltags, die Mensch oder Maschine im großen digitalen Heuhaufen deponiert haben, in Sekundenbruchteilen wieder aufrufen und in ungeahnten Kombination präsentieren - ohne Rücksicht auf Relevanz, Chronologie oder Kontext einer Begebenheit.

Darin liege die große Gefahr des ungebremsten technischen Erinnerns, sagt der österreichische Informationstheoretiker Viktor Mayer-Schönberger, der mit dem Buch "Delete" das Standardwerk zum Thema geschrieben hat. Er argumentiert, dass die digitalisierte Menschheit den gesunden Akt des Vergessens zu vergessen droht, weil moderne Technik uns mit schneller Recherche und vermeintlich gründlichem Halbwissen blendet. "Wenn ich in ein paar Jahren in alten E-Mails nach einer Telefonnummer suche und plötzlich auf eine Korrespondenz stoße, in der ich mich mit einem Kollegen gestritten habe, färbt sich mein rein geschäftliches Wiedersehen mit dieser Person unschön ein, nur weil das Suchergebnis alte Sachen ausgräbt, die mit der Gegenwart nichts zu tun haben und die ich aus gutem Grund vergessen hatte."

Die elegante Fassade von Suchergebnissen mache die ungewollte Erinnerung sogar noch schlimmer, so Mayer-Schönberger. Was als Liste schnell und äußerlich perfekt auf dem Bildschirm steht, hat wenig mit dem mentalen Prozess zu tun, der Menschen erinnern oder vergessen lässt. Ein Rechner kann nur finden, was vorher in digitaler Form abgelegt und indiziert wurde, und dieses Archiv ist unvollständig. So wird Vergessen zu einem Akt der technischen Willkür, und Millionen Menschen gehen jeden Tag der vermeintlichen Wahrheit digitaler Erinnerung auf den Leim, wenn sie etwa einen Namen googeln und die ersten zehn Suchergebnisse als vollständiges Bild einer ihnen unbekannten Person betrachten. Der mathematische Rang eines Links ersetzt das Werturteil eines Menschen und verhindert das Vergessen irrelevanter oder juristisch wie emotional längst verjährter Tatbestände.

Das Internet versprach mehr Freiheit - nun engt es den sozialen Spielraum ein

Wenn eine ganze Firma oder gar die Gesellschaft diesem Irrtum verfalle, warnt Mayer-Schönberger, entstehe dauerhafter Schaden. "Vergessen und vergeben sind ungemein wichtig. Wer sich der Erinnerung an eigene Fehler oder die der anderen nicht entledigen kann, räumt der Vergangenheit zu viel Macht ein. Nur durch Vergessen können wir uns von alten Verhaltensmustern frei machen. Das schafft Raum für neue Ideen, lässt Individuen und ganze Organisationen wachsen und sich weiter entwickeln", so der Wissenschaftler über den mentalen Frühjahrsputz, der eingekeilt zwischen Google und Facebook immer schwieriger wird.

Paradoxerweise droht das Internet, das in den Augen seiner Visionäre mehr Freiheit versprach, das genaue Gegenteil zu erreichen, nämlich den sozialen Spielraum einzuengen. Das fängt am Arbeitsplatz an. Auf der einen Seite wollen immer mehr Firmen ihr Vorschlagswesen und die Debatten unter Mitarbeitern online stellen. Aber vielleicht erreichen sie damit das Gegenteil. "Wer traut sich noch, frei von der Leber weg zu schreiben oder zu sprechen, wenn ihm jeder Satz in fünf oder zehn Jahren wieder vorgehalten werden kann - noch dazu aus dem Kontext gerissen?", fragt Mayer-Schönberger. Letztlich verstärke ein solches System der perfekten Transparenz die Tendenz, sich vor Risiken zu scheuen und im Zweifelsfall den Mund zu halten. "Ein ewig währendes Gedächtnis, das alles aufbewahrt, beseitigt die Anreize, Verbesserungen vorzuschlagen", sagt der Informationstheoretiker.

Erschwerend kommt hinzu: Dank sozialer Netze und Suchmaschinen löst sich die Grenze zwischen Privatsphäre und Berufsleben auf. Handlungen und Meinungsäußerungen außerhalb der Arbeitszeit werden plötzlich zu Details, für die sich ein Personalchef brennend interessiert, bevor er einen Bewerber getroffen hat. Wer jemanden googeln kann, wird jemanden googeln, da ist sich Mayer-Schönberger sicher - auch wenn Deutschland gerade auf dem Weg ist, dieses Vorgehen im Gesetz zum Arbeitnehmerdatenschutz zu verbieten. Nur: Wie das Verbot umsetzen?

Und wichtiger noch: Was mit dem Wissen tun, wenn man es nun einmal hat? Angenommen, ein Manager findet durch eigene Recherchen heraus, dass ein Bewerber vor Jahren wegen Trunkenheit den Führerschein verlor. Kann er den Mann dann noch guten Gewissens einstellen, obwohl sein Unternehmen bei einem möglichen Unfall des Arbeitnehmers im Dienst eventuell haften müsste? "Wer auf alte Sünden stößt, wird gar nicht anders können, als Menschen wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen", sagt der "Delete"-Autor.

So weit hergeholt ist das Beispiel nicht. In den USA sind schon heute die meisten Informationen, für die man früher zum Rathaus, Grundbuchamt oder zur Polizeiwache musste, nur ein paar Klicks entfernt. Kreditbüros und Webdienste sammeln, was es an öffentlichen Daten gibt, und schnüren daraus immer neue Bündel, die sich entweder mit Werbung garnieren oder an neugierige Kunden verkaufen lassen. All diese vielen Geschäftsmodelle basieren einzig darauf, so wenig wie möglich in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn es könnte ja unter Umständen schon bald etwas wert sein - insbesondere für Sicherheitsbehörden, die sich immer mehr in kommerziellen Datenbanken bedienen.

Ein abschreckendes Beispiel ist die US-Auskunftei Intelius, die einen Sleaze Detector (zu Deutsch Schmuddel-Radar) als iPhone-App anbietet. Name oder Mobilnummer genügen, und man kann herausfinden, was ein flüchtiger Bekannter so auf Twitter sagt, ob er Vorstrafen hat, wer noch unter derselben Adresse gemeldet ist, wie viele Quadratmeter sein Haus hat, ob er zur Miete wohnt oder stolzer Eigentümer ist - und das in ein paar Sekunden, bevor der oder die Betreffende von der Toilette zurück ist.

Problematisch ist dabei nicht nur, dass diese Daten online greifbar sind, sondern dass viele der Informationen Fehler enthalten, veraltet und verjährt sein können - oder sich sogar auf eine ganz andere Person mit ähnlichem Namen beziehen. "Wir Menschen neigen dazu, schnell ein Urteil zu fällen, das ist herrlich bequem. Jetzt müssen wir damit leben, dass uns ein, zwei Links und ein paar alte Fehltritte eine Karriere oder eine Bekanntschaft vermasseln", klagt der Jura-Professor Solove.

Wo ein Problem ist, ist auch eine Geschäftsidee - elektronische Amnesie

Experten zerbrechen sich bereits die Köpfe, wie man so viele, meist unstrukturierte Informationen in Vergessenheit geraten lassen kann. Technisch ist die Sache klar: Der Computer-Archivar "vergisst" nur dann etwas, wenn eine Datei gelöscht wurde, Schaden nimmt, ein Link entfernt wird, sich das Speicherformat ändert oder der Zugriff zu aufwendig wird. Wenn etwa die Welt zu CDs und MP3-Dateien übergegangen ist, sinkt der Wert alter Tonbänder und Kassetten rapide, weil keine Datenbank schnellen Zugriff auf sie hat.

Was für Datensammler die goldene Gelegenheit ist, um den Lebenswandel von mitteilsamen und nichts ahnenden Millionen auszuwerten, ruft inzwischen neue Firmen auf den Plan, die ein Gegenmittel anbieten: elektronische Amnesie. Der Informatiker Tadayoshi Kohno von der University of Washington hat einen Dienst namens Vanish entwickelt, mit dem Nutzer für ihre Informationen ein Verfallsdatum festlegen. Professor Michael Backes von der Universität des Saarlandes propagiert ein fast identisches Konzept mit dem Namen X-pire. Nachrichten und Dateien lassen sich in beiden Fällen zu einem definierten Termin mittels Einwegverschlüsselung zerstören, damit die Erinnerung an sie verblasst, so wie ein altes Fax auf Thermopapier irgendwann unkenntlich wird.

Die Methode ist zwar nicht wasserdicht, denn die Daten können in der Zwischenzeit von den Empfängern oder unbeteiligten Dritten weiter verbreitet und anderswo gespeichert worden sein. Aber sie erreicht zwei wichtige Ziele, so Informationstheoretiker Mayer-Schönberger: "Ein Verfallsdatum anzugeben, wenn ich ein Dokument anlege, ändert die Grundeinstellung von ,aufheben' zu ,nur bedingt aufheben'. Und sie bietet eine Perspektive, wie man auch im digitalen Zeitalter noch Dinge vergessen kann: Jeder muss selber entscheiden können." Experten nennen das eine Informationsökologie, in der Individuen, Firmen und Organisationen in einem kontinuierlichen Dialog Regeln festlegen, was wie lange von wem und wo aufbewahrt wird, ohne dass es für jeden Einzelfall Gesetze oder Datenschutzvorschriften gäbe, die ohnehin schnell veraltet wären.

Sand ins digitale Getriebe zu werfen ist nicht einfach, denn es widerspricht dem Wunsch nach Effizienz und Wachstum. "Wir müssen in unser Wirtschaftssystem absichtlich wieder etwas Reibungsverlust einführen", sagt Michael Fertik. "Das läuft zwar der Überzeugung jedes Ökonomen zuwider, wonach alles immer glatter vonstattengehen soll. Aber wenn es um persönliche Daten geht, sind Transparenz und Geschwindigkeit nicht mein bester Freund." Der Jurist ist Gründer und Geschäftsführer von Reputation Defender, einer der ersten Firmen, die gegen eine monatliche Gebühr überwacht, was im Netz über eine Person oder Organisation gesagt und gespeichert wird, und die vielen tausend kleinen Flecken entfernt. Wie viele Kunden seine Firma von den USA bis Deutschland hat, verrät er nicht. Aber er hat alle Hände voll zu tun, um den automatischen Archivaren das Leben so schwer wie möglich machen, indem er alte Daten löschen lässt und die Sammlung von neuen blockiert.

"80 bis 90 Prozent Erfolgsquote ist gut genug, um ordentlich Reibungsverluste zu generieren", sagt Fertik. "Ich mag online bereits 500 Datenpunkte über mein Leben hinterlassen haben, die werde ich alle nur schwer los. Aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass ich für den Rest meines Lebens nicht noch einmal 5000 neue hinterlasse, mit jedem Cookie, jeder Suche, jedem Einkauf, jedem Kommentar. Wenn ich verhindere, dass 4000 dieser Datensätze erst gar nicht angelegt werden, ist schon viel erreicht." Wie elektronische Fleckentfernung genau gehen soll, hat Michael Fertik in seinem neuen Buch mit dem Titel "Wild West 2.0" aufgelistet.

Bei der Lektüre der vielen Checklisten wird klar, dass etwa ein vom Staat zentral geregeltes Vergessen unmöglich ist. Eine digitale Amnesie erfordert viel Arbeit, da der Datenstaubsauger immer eingeschaltet ist. Und der Einzelne gar nicht weiß, was über ihn wo aufgehoben ist und sich irgendwann von einer Software neu kombinieren lässt, wenn eine Werbeagentur, eine Behörde oder ein Anwalt im Trüben fischen. Reputation Defender muss Verträge mit Datensammlern, Marketingfirmen und Kreditbüros abschließen, um Einträge über seine Abonnenten zu löschen oder auf der Entfernung von Informationen bei Suchmaschinen und anderen Webdiensten zu bestehen.

Zumindest eines weiß Fertik nach vier Jahren im Geschäft des organisierten Vergessens: "Die Behauptung, dass das alles ein Generationenproblem sei und dass jüngere Menschen keine Probleme mit der Langlebigkeit ihrer privaten Daten hätten, ist Unsinn. Sobald man einen neuen Job, ein Haus oder einen Partner sucht, wird das Thema plötzlich wichtig. Wir brauchen eine grundsätzlich neue Definition des Begriffs Öffentlichkeit." Umfragen geben ihm recht, wonach sich junge US-Bürger sogar mehr Sorgen über die Verwendung und Aufbewahrung ihrer eigenen Daten machen als ältere Semester, da sie um die explosiven Konsequenzen wissen. Nicht ohne Grund wirbt Fertiks Firma mit dem beängstigenden Slogan: "Das Internet ist dein Lebenslauf."

Was hilft, wenn nichts mehr hilft? Der "Reputations-Konkurs"

Juristen wie Daniel Solove und sein Harvard-Kollege Jonathan Zittrain schlagen deswegen radikale Reformen vor. So sollten Einzelpersonen gegen verleumderische Behauptungen im Internet klagen und eine Unterlassung verlangen dürfen - eine Grauzone, da Online-Dienste in den USA als Hosting-Dienstleister wie eine Telefongesellschaft nicht der Verpflichtung unterliegen, bei ihnen eingestellte Inhalte im Voraus zu prüfen. Außerdem lässt sich nicht immer ermitteln, wer ein Gerücht in die Welt gesetzt hat.

"Das wird politisch schwer durchsetzbar sein, aber in der Zwischenzeit sollte man junge Leute zu Hause und in der Schule aufklären, dass alles, was sie tun, online ewig lebt", sagt Daniel Solove. Er vergleicht die Situation mit der Einführung der Anschnallpflicht in den achtziger Jahren. "Kaum jemand hat ein Knöllchen bekommen, weil er sich nicht anschnallte. Aber das Gesetz und die Buße haben die Grundeinstellung in der Gesellschaft geändert. Wer online rücksichtslos fährt, sollte ebenso mit Konsequenzen rechnen."

Zittrain geht noch einen Schritt weiter und fordert dazu gesetzliche Regelungen. Der Professor wünscht sich ein Recht auf "Reputations-Konkurs", wonach jeder Bürger mit Erreichen der Volljährigkeit seine online befleckte Identität einmal komplett säubern kann. "Ein solcher Neuanfang kann dazu beitragen, dass man in seiner Jugend experimentierfreudig sein darf, ohne dass man zum Gefangenen einer ständigen Kartei wird." Er gibt allerdings zu, dass sich diese Bankrotterklärung technisch wie rechtlich schwer durchsetzen lässt, denn irgendwo werden immer Spuren der alten digitalen Existenz zurückbleiben.

Und wer entscheidet, welche die guten Aspekte sind, die man besser nicht vergessen will? Zumindest besäße selbst die Tatsache, dass jemand die große Löschtaste betätigt, noch reichlich Aussagekraft für die Mitmenschen. Der weiße Fleck in der Biografie signalisierte dem Rest der Gesellschaft auf diskrete, aber unmissverständliche Weise, dass jemand neu anfangen wollte. "Das", sagt Jonathan Zittrain, "ist der Preis, den man zahlen muss, um unerwünschte Details zu löschen." -

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