Ausgabe 11/2010 - Schwerpunkt Vergessen lernen

Das digitale Erbe

- Es ist ein Tag im Juni 2009, als sich Rosmarie Bernasconi in Bern wie so oft bei Facebook einloggt. Sie scrollt über die Profilseiten einiger Freunde, bemerkt, dass einer von ihnen Geburtstag hat, und wünscht ihm auf der virtuellen Pinnwand "Alles Gute". Am nächsten Tag erfährt sie, dass der Mann bereits Wochen zuvor beerdigt worden ist.

"Das war ein Schock, den ich nie vergessen werde", sagt Bernasconi. "Es war eine absurde Vorstellung, dass er schon längst tot war, aber bei Facebook noch über Wochen weiterlebte. Ich hätte mir gewünscht, dass dort auf seinen Tod hingewiesen worden wäre." Doch nichts dergleichen geschah. Einige Wochen später wurde sein Profil schließlich gelöscht.

Heute bewegen sich allein in Europa mehr als 400 Millionen Menschen im Internet. Sie versenden Mails, chatten, bloggen, twittern, laden Fotos, Videos oder Arbeitsunterlagen hoch, gehen einkaufen und tauschen sich in sozialen Netzen aus. Auch viele Ältere sind darunter: Fast jeder zweite über 50-jährige Deutsche surft bereits durchs weltweite Datennetz. Unter den 30- bis 49-Jährigen sind es 85 Prozent, unter den 14- bis 29-Jährigen sogar 95 Prozent, Tendenz steigend. Für die heranwachsende Generation ist das Web zu einem zweiten Zuhause geworden.

Doch was passiert damit, wenn der Nutzer stirbt? Was geschieht mit seinen digitalen Hinterlassenschaften? "Trotz zunehmender Vernetzung macht sich momentan kaum einer darüber Gedanken", sagt Carsten Ulbricht. Der Rechtsanwalt bei Diem & Partner in Stuttgart ist auf Rechtsfragen im Netz spezialisiert. Wenn im Testament nichts anderes stehe, gelte für digitale Daten Ähnliches wie für Schriftstücke aus Papier. "Dann übernehmen die gesetzlichen Erben das Recht daran", so der Jurist. Ob E-Mail-Account, Myspace-Seite oder Guthaben bei einem Online-Bezahldienst - all das geht in ihre Hände. "Aber in vielen Fällen wissen die Erben überhaupt nicht, wo der Verstorbene im Internet überall Daten hinterlassen hat."

Und selbst wenn sie es wissen, bleibt das Problem des Zugangs. In Großunternehmen wissen meist IT-Fachleute darüber Bescheid. "Aber gerade bei Einzel- und kleinen Familienunternehmen besteht die Gefahr, dass bei einem Todesfall wertvolle Geschäftsdaten verloren gehen", warnt Rutger von der Horst, Anwalt in einer Kanzlei für Medienrecht in Münster. Er berichtet von einem erfolgreichen Fotografen, der seine Werke auf einer Internetseite vermarktete. Als er überraschend starb, stieg die Nachfrage nach seinen Fotos sprunghaft an. Doch seine hinterbliebene Lebensgefährtin kam nicht an die Daten, obwohl sie wusste, bei welchem Webhoster sie lagen. Der hatte seinen Sitz in den USA und verweigerte die Herausgabe. Als er viele Schreiben und Monate später schließlich doch nachgab, war die Nachfrage nach den Fotografien wieder abgeebbt.

Des einen Problem ist des anderen Geschäft. Birgit Janetzky aus Freiburg im Breisgau hat die Marktlücke rund um das digitale Erbe erkannt. Die Theologin arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Trauerbegleitung. Sie kennt die Bestattungsbranche mit all ihren Dienstleistungen rund um den Tod. Die Gründungsidee kam ihr vor zwei Jahren, als sie unliebsame Einträge über sich im Internet löschen lassen wollte und merkte, "wie schwierig das ist". Da fragte sie sich: "Wenn das für Lebende schon so kompliziert ist, wie schwierig muss erst das Löschen digitaler Daten von Verstorbenen sein?"

Im Februar dieses Jahres gründete Janetzky zusammen mit einem Informatiker die Firma Semno. Die Zielgruppe: Erben, die sich um den digitalen Nachlass eines Verstorbenen kümmern wollen, jedoch nicht wissen, welche Daten vorhanden und vor allem welche wichtig sind. "Angehörige können bei uns den Computer eines Verstorbenen einschicken und bekommen daraufhin eine Datenanalyse über dessen PC-und Internet-Nutzung", so Janetzky. "Sie erhalten einen Überblick über Dateien, E-Mail-Konten, Netzwerkprofile und Kontakte."

Doch ist dieser Aufwand wirklich nötig? Und: Ist es nicht respektlos, ohne testamentarische Einwilligung im digitalen Hab und Gut eines Verstorbenen zu wühlen? "Natürlich können da auch mal sehr private, auch unangenehme Dinge zum Vorschein kommen, die Angehörige wenig erfreuen dürften, etwa Beschimpfungen, eine heimliche Online-Affäre oder Opas gut sortierte Pornosammlung", sagt der Anwalt von der Horst. "Auf der anderen Seite aber besteht eben das Risiko, dass wichtige Daten verloren gehen."

Das Wissen über den Verbleib solcher Informationen kann wertvoll sein. Etwa dann, wenn ausschließlich digital vorliegende Verträge nicht gekündigt, Rechnungen nicht beglichen werden. Wenn eine Domain-Adresse für eine Website nicht abgemeldet wird. Wenn bei einem Online-Bezahldienst wie Paypal noch ein Guthaben besteht, das verfällt, wenn sich kein Berechtigter darum kümmert.

In der Parallelwelt Internet entstehen mit jedem Tag neue virtuelle Schauplätze. Orte, an denen Menschen Spuren hinterlassen. Viele pflegen immer mehr Kontakte nur noch online. Und so kommt es wie im Fall von Rosmarie Bernasconi aus Bern vor, dass ein Lebender einem Toten zum Geburtstag gratuliert.

Menschen gehen, Daten bleiben

Es scheint, als verdrängten die Betreiber und Nutzer sozialer Netze die Unausweichlichkeit des Sterbens. In den Menüs kann man zu Lebzeiten so ziemlich alles regeln, nur eines nicht: was mit den persönlichen Daten im Todesfall passieren soll. Je nach Community ist der Umgang mit dem heiklen Thema sehr unterschiedlich. Mal kümmert es niemanden, wenn der Betreiber vom Tod eines Mitglieds erfährt, mal wird ein Profil unsichtbar oder in einen sogenannten Trauerstatus geschaltet. Automatisch gelöscht werden Profile und E-Mail-Konten in der Regel nicht. Oftmals können Hinterbliebene bei den Anbietern neue Passwörter anfordern, um Zugang zu den Accounts des Verstorbenen zu erhalten - vorausgesetzt, sie können Sterbeurkunde und Erbschein vorlegen.

Noch ist die Verwaltung der digitalen Spuren eines Verstorbenen kein großes Geschäft. Trotzdem setzen bereits einige Firmen auf diese Nische. In den USA sind es Start-ups wie Legacy Locker (Erbschafts-Schließfach), Deathswitch (Todesschalter) oder Asset Lock (Nachlass-Schloss). Internetnutzer können bei diesen Dienstleistern ihre wichtigsten Passwörter und teilweise auch Dokumente verschlüsselt hinterlegen. Zugleich können sie bestimmen, wer im Todesfall welche Daten erhalten soll. Logins zu E-Mail-Konten, E-Banking und sozialen Netzen, Geschäftsunterlagen und Fotos sollen auf diese Weise gesichert werden. Der Service von Legacy Locker kostet derzeit 30 Dollar im Jahr oder einmalig 300 Dollar für eine lebenslange Mitgliedschaft.

Im deutschsprachigen Raum tummeln sich ebenfalls erste Online-Dienste dieser Art auf dem Markt, etwa Idivus in Berlin oder Data-Inherit in Zürich. Der Stuttgarter Rechtsanwalt Carsten Ulbricht rät jedoch zur Skepsis: "Man sollte sich gut überlegen, ob man sensible Daten wie Passwörter einer Firma anvertraut, die es vielleicht in einigen Jahren nicht mehr gibt." Sicherer und billiger sei es, in einem Testament unter anderem auch zu regeln, wer nach dem Tod Zugang zu welchen Daten bekommt und was damit geschehen soll.

Rosmarie Bernasconi liebt es nach wie vor, im Internet "herumzuwuseln", wie sie sagt. Mittlerweile hat sie allerdings auch darüber nachgedacht, was aus all ihren Daten wird, wenn sie mal nicht mehr lebt. "Mir wurde klar, dass ich mich darum kümmern sollte, bevor ich ins Gras beiße." Ihre Lösung: ein Passwortschlüssel, den sie auf ihrem Computer angelegt hat. Sämtliche Zugangsdaten verbergen sich hinter einem Master-Passwort, das sie auch ihrem Ehemann mitgeteilt hat. "So weiß ich, dass sich jemand um meine Daten kümmert und nicht einfach alles irgendwann verloren geht."

Und noch eine Konsequenz hat Bernasconi aus ihren Geburtstagsgrüßen an einen Toten gezogen: "Ich bin seitdem zurückhaltender geworden, was Kontakte über das Internet betrifft. Echte Begegnungen im echten Leben - darauf kommt es an."

Vor einigen Wochen hat die 56-Jährige ihr Profil bei Facebook gelöscht. -

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