Ausgabe 08/2010 - Schwerpunkt Tierisch!

Der etwas andere Chef

brand eins: Frau Schefer, Sie coachen Führungskräfte und setzen dabei Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung bei Wölfen ein. Böser Wolf, böser Manager, das passt ja gut zusammen.

Irina Schefer: Böser Manager, das mag hier und da stimmen. Böser Wolf ist eine nahe liegende Assoziation aus Rotkäppchen. Die ist natürlich Unsinn. Tiere können nicht böse sein, denn sie handeln nicht bewusst, in moralischen Kategorien.

Es ist ja problematisch, das Verhalten von Menschen mit dem von Tieren in Verbindung zu bringen. Warum machen Sie das trotzdem?

Erstens haben Sie natürlich recht. Eins-zu-eins-Übertragungen nach dem Motto "Die Natur macht das so - und so sollten wir es auch machen" führen zu nichts. Beim Coaching von Führungskräften oder bei der Arbeit mit Teams ist aber oft hilfreich, mit Analogien zu arbeiten. Das hilft Menschen, festgefahrene Denkmuster zu durchbrechen. Analogien geben Impulse. Die können durchaus emotional sein. Bei Führungskräften und Wölfen liegt die Analogie auf der Hand. Es gibt Leitwölfe. Die haben die Aufgabe, ihr Unternehmen gut zu führen.

Was können denn Manager oder Unternehmer von Leitwölfen lernen?

Leitwölfe leben die "Werte" ihrer Gattung in ihren Rudeln vor. Sie sind loyal und fürsorglich und verantwortungsbewusst. Sie kommunizieren sehr klar, besonders in Konfliktsituationen. Wenn der Konflikt gelöst wurde, ist der Fall dann auch wirklich erledigt. Sie betreiben im Wortsinn Walk-around-Management, das heißt, sie laufen ständig zu ihren Teammitgliedern und versichern sich, dass alles in Ordnung ist. Sie erlauben Jungwölfen, Fehler zu machen, und ermuntern sie.

Welche Fehler kann ein Jungwolf so machen?

Die Analogie zur Arbeit bei Menschen ist bei den Wölfen die Jagd. Leitwölfe hindern Jungtiere nicht daran, zu früh loszupreschen und das Wild so zu verscheuchen. Das führt dann mitunter dazu, dass die Familie nichts zu fressen bekommt, aber das wird akzeptiert, denn nur so lernen die Jungen. Delegieren ist ebenfalls ein wichtiges Element im Führungsstil der Wölfe. Das können Leitwölfe hervorragend. Wenn sie merken, dass ein Jungtier überfordert ist, reißen sie nicht wieder abrupt die Führung an sich, sondern stupsen die Lernenden in die richtige Richtung.

Bestrafen Leitwölfe auch, wenn die Leistung nicht stimmt? Oder haben sie Mittel der Motivation?

Vorsicht mit dem Begriff Leistung. Die Analogie hat, wie gesagt, Grenzen. Negatives Feedback gibt es aber schon, zum Beispiel bei Regelverletzungen. Die sanfte Form ist ein Knurren. Etwas unsanfter ist dann auch mal ein Biss ins Ohr. Systematische Motivation, in dem Sinne, wie wir Motivation verstehen, gibt es dagegen sicherlich nicht. Sie ist schlichtweg nicht nötig. Denn Wölfe sind von Natur aus zum Jagen motiviert. Weil sie Hunger haben und weil sie sich für ihr Rudel verantwortlich fühlen. Leitwölfe loben durch Zärtlichkeit. Und Leitwölfe machen nichts, das demotivieren könnte.

Da wären wir ziemlich nah bei Reinhard Sprengers "Mythos Motivation": Man kann Mitarbeiter nicht motivieren, man kann ihnen nur die Lust an der Arbeit nehmen.

Ja, das kommt hin. Leitwölfe geben wie gute Führungskräfte auch viele Entscheidungsfreiräume, damit die Jungwölfe sich entwickeln können. In Gefahrensituationen übernehmen sie hingegen ohne Wenn und Aber das Kommando. Da gibt es dann für die anderen Wölfe im Rudel keinen Raum für Diskussionen.

Wie sieht der Bildungsgang eines Leitwolfs aus? Anders gefragt: Wann macht ein Wolf Karriere?

Da muss man zwischen Wölfen in freier Wildbahn und Gehegewölfen unterscheiden. In der Natur sind die Leitwölfe die Eltern. Vater- und Muttertier arbeiten übrigens vollkommen gleichberechtigt miteinander. Mit der Geschlechtsreife, mit ungefähr zwei Jahren, verlassen die Jungtiere das Rudel und gründen eine eigene Familie, der sie dann als Leittiere vorstehen. In Wildparkgehegen ist das anders, denn die Wölfe dort können ja nicht ausweichen. Da wird jährlich um die Rangfolge gekämpft. In der Regel ist nicht das größte und stärkste Tier der Chef, sondern das jeweils sozial und emotional intelligenteste Männchen und Weibchen.

Und das Organigramm eines Rudels im Gehege?

So wie man es sich vorstellt. An der Spitze stehen die beiden Alphatiere. Die haben auch das Chefbüro. Das sind die Plätze im Gehege, die leicht erhöht und möglichst weit weg von den Besuchern sind. Darunter angeordnet ist ein Beta-Wolf, der Stellvertreterfunktionen übernimmt. Dann kommt das Fußvolk. Ganz unten rangiert der sogenannte Omega-Wolf. In Gehegen erkennt man ihn an seiner geduckten Körperhaltung und dem häufig zwischen den Beinen eingeklemmten Schwanz. Omega-Wölfe in Wildparks zeigen oft Bisswunden, die ihnen andere Wölfe zugefügt haben.

Gibt es Erkenntnisse in der Forschung, warum ein Rudel einen Omega-Wolf braucht? Was seine Funktion im sozialen Gefüge ist?

Stand der Wissenschaft ist, dass der Omega-Wolf Aggressionen im Rudel kanalisiert, die das Rudel handlungsunfähig machen könnten. Er ist also eine Art Blitzableiter. Man könnte die Funktion des Omega-Wolfs aber auch mit der eines Hofnarren vergleichen: Aggressionen auf sich nehmen, dazwischengehen, Aggressionen ablenken beziehungsweise umlenken. Omega-Wölfe gehen manchmal spielerisch zwischen Streithähne und halten diese so vom Kämpfen ab.

Welche Wölfe werden zum Blitzableiter? Was fehlt ihnen?

Gute Frage. Um die Rolle des Omega-Wolfs ranken sich viele Legenden. Manchmal sind es kleine, schwächere Wölfe, die sich nicht durchsetzen können. Manchmal sind es auch alte oder abgesetzte Leitwölfe eines Gehege-Rudels. Ein Omega-Wolf hat allerdings auch Aufstiegschancen, zum Beispiel mithilfe eines anderen Wolfs, etwa der Leitwölfin. In der freien Wildbahn ist die Omega-Rolle eher selten besetzt und wenn, dann nur temporär.

Was passiert auf beiden Seiten des Zauns, wenn Sie mit Ihren Managern in Wildparks gehen?

Bei den Wölfen natürlich nichts Besonderes. Omega-Wölfe suchen gegen ihre eigentliche Natur manchmal Schutz in der Nähe von Menschen. Die Coaches oder Teilnehmer an den Workshops bekommen zunächst die Aufgabe, die Hierarchie im Rudel zuzuordnen. Beim Leitwolf liegen sie oft falsch. Trotz theoretischer Einführung sind viele Seminarteilnehmer oft ganz überrascht, dass nicht das größte und stärkste Tier das Rudel führt. Beliebt ist auch die Suche nach so etwas wie der rechten Hand des Chefs. Hochrangige Manager haben oft ein Problem, zu akzeptieren, dass die Leitwölfin absolut gleichgestellt ist. Die kommen oft nicht von der Vorstellung los, dass die doch auch so etwas wie Assistentinnenaufgaben haben müsse. Den Omega-Wolf erkennen fast alle sofort. Da kommt dann fast immer der Spruch: So einen haben wir auch.

Wölfe sind ja keine Schoßhunde. Man darf ihnen also nicht zu nahe kommen, oder?

In eingeschränkter Form schon. Es gibt Wolfsgehege, in denen es möglich ist, die Tiere von einer Plattform aus zu füttern. Auch daraus können sich interessante Impulse ergeben. Die Teilnehmer bekommen bei der Übung keine Vorgaben außer: Jetzt bitte einen Wolf auswählen und füttern. Hochrangige Führungskräfte suchen sich oft den Leitwolf und werfen ihm das Stück Fleisch hin. Der beißt die anderen weg und nimmt sich das Stück. Aufgabe erfüllt. Es ist viel schwieriger, einen Omega-Wolf zu füttern. Oft sind es besonders integrative Führungskräfte, die sich diese Aufgabe selbst wählen. Im Nachhinein kann man dann reflektieren, was das über die eigenen Führungsmuster aussagt.

Es gibt in Deutschland auch einen Wildpark, in dem es möglich ist, mit einem sehr jungen Wolf spazieren zu gehen. Die Wildhüterin ist natürlich dabei. Man setzt sich auf eine Wiese, und der Wolf kommt dann irgendwann und fängt an zu schnuppern. Das ist eine ziemlich beeindruckende Erfahrung. Da können die Seminarteilnehmer beziehungsweise Coaches an sich beobachten, wie sie in ungewohnten Situationen reagieren und wie sie mit buchstäblich Fremden umgehen. Das Ganze darf freilich nicht den Charakter einer Mutprobe gewinnen. Deshalb nehme ich davon zurzeit eher Abstand.

Welchen Nutzen hat der Umgang mit Wölfen?

Im Ansatz ist das emotionales Lernen. Wölfe polarisieren. Menschen lieben sie, oder sie haben Angst vor ihnen, aber sie lassen fast niemanden kalt. Die frei werdenden Emotionen können wir in Trainings nutzen. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass emotionalisierte Menschen eher bereit sind, neue Impulse aufzunehmen. Beim Blick in ein Gehege können wir vieles sehen, was wir im Unternehmen besser vermeiden sollten, zum Beispiel das Mobbing. Andererseits können Führungskräfte auch beobachten, welche natürliche Autorität Leitwölfe ausstrahlen, wie klar sie kommunizieren und wie sie darauf achten, dass Regeln eingehalten werden.

Ein bisschen esoterisch klingt das schon.

Das ist natürlich nicht das erste Mal, dass ich diesen Vorwurf höre. Auch viele meiner Kunden wollen unter keinen Umständen, dass ich ihre Namen nenne. Meine Haltung hierzu ist die: Wenn ich als Coach Tiere als Inspirationsquelle für emotionales Lernen nutze, muss ich mich mit wissenschaftlichem Anspruch mit der Gattung auseinandergesetzt haben. Ich bin keine Verhaltensforscherin, aber ich muss auf dem Stand der aktuellen Wissenschaft sein. Alles andere ist unseriös. Ich muss als Coach zudem in der Lage sein, die analytische Distanz wiederherzustellen. Es gibt Coaches, die nach den Übungen anfangen, tatsächlich zu viel in das Wolfsverhalten hineinzuinterpretieren. Denen muss ich klarmachen: Halt, hier geht es nur um Denkanstöße.

Sie sind in Europa eine von wenigen Führungsberaterinnen, die mit Wölfen arbeiten. Aber Trainings mit Pferden, Hunden oder Greifvögeln gibt es zuhauf. Warum boomt die Tier-trainiert-Manager-Branche?

Von einem Boom zu sprechen scheint mir übertrieben. Aber es stimmt: Das Angebot wächst, und zwar sowohl von seriösen als auch von weniger fundierten Anbietern. Die Trainings mit Pferden waren in Deutschland als erste auf dem Markt. Auch da hatten die Trainer am Anfang mit besonders vielen Vorurteilen zu kämpfen. Inzwischen haben sich eine Reihe seriöser Anbieter etabliert, und es ist anerkannt, dass sich in der Arbeit mit Pferden zum Beispiel Körpersprache reflektieren lässt. Pferde reagieren nun mal sehr sensibel auf Körpersprache. Es gibt in den Niederlanden jemanden, der seit Kurzem sehr sachkundig mit Affenbeobachtung arbeitet. Ich habe auch mal einen österreichischen Kollegen kennengelernt, der mit Ameisen und Logistikunternehmen arbeitet. Es ist offenkundig so, dass Ameisen Transport enorm effizient organisieren, ohne doppelte Wege und durch sehr klare, geruchlich codierte Absprachen. Ich verstehe davon nichts, aber das hat sich für mich sehr schlüssig angehört.

Und die unseriösen?

Ach, der Markt für Trainings und Coachings ist nun mal ziemlich umkämpft. Da hat man schon manchmal den Eindruck, dass sich ein Coach auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal irgendein Tier aussucht und etwas oberflächlich Analogien zieht, die vielleicht nicht so gewinnbringend sind. Im Zweifelsfall fehlt da auch das nötige Fachwissen. Aber wer weiß: Man kann sicher auch von den Lemmingen irgendetwas lernen.

Dummer Lemming, dummer Manager?

So habe ich das eigentlich nicht gemeint, aber das ist natürlich auch möglich. Meine favorisierte Analogie wäre eher: guter Wolf, guter Manager.-

Irina Schefer hat Politikwissenschaft studiert. Nach dem Studium absolvierte sie mehrere Coaching-Ausbildungen. Wölfe haben sie seit ihrer Kindheit fasziniert. Ihre Großmutter, die aus dem polnisch-russischen Grenzgebiet stammt, hatte ihr immer wieder Geschichten über die Tiere erzählt. Als selbstständige Organisationsberaterin in Berlin begann sie, sich mit der Verhaltensforschung über Wölfe zu beschäftigen, und bietet seit 2006 Seminare für Führungskräfte an. Zur Recherche für ein Buch (Arbeitstitel: "Vertrauen vor Rang -Wie viel Leitwolf steckt in Ihnen?"; soll im März 2011 bei Redline erscheinen) beobachtet sie in diesem Sommer sechs Wochen lang frei lebende Wölfe in Kanada.

Information: www.schefernet.de

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