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Ausgabe 01/2010 - Schwerpunkt Selber machen

Kosovo 2.0

- Zwei 18-jährige DJs legen Platten auf, mischen Beats mit Melodie. Langsam geht vor dem Spray Club in Pristina die Morgensonne auf. Bersant Rizaj, 35, in T-Shirt und Jeans, tanzt und hüpft in einer noch immer wachen Meute. Plötzlich ruft er: "Das hier, jetzt - das ist Pristina Sound! " Nach London und Berlin jetzt Pristina: Die Hauptstadt des Kosovos als neue Hauptstadt der House-Musik, das gefiele Rizaj, dem Besitzer des Spray Clubs. "Pristina hatte immer einen tollen Ruf in der Szene. In den achtziger Jahren war der Einfluss von London riesig. Dann kamen New York, Wien, Berlin", sagt Rizaj. Im Spray Club gastierten in den vergangenen Monaten die Szenegrößen DJ Digweed, LTJ Bukem und David Morales. Für Rizaj ein klares Zeichen dafür, dass es im Kosovo aufwärtsgeht.

Sein Club liegt im Gorenje Village, einer ständig wachsenden Großbaustelle, wo die ersten Autobahnkilometer des Landes verlegt wurden. Der Name stammt von dem Haushaltsgerätehersteller Gorenje, der in dem Viertel vor vier Jahren ein Hotel mit Restaurant eröffnet hat. Hier kaufen die Kosovaren Toiletten kästen und Keilriemen, sie gehen schick essen und tanzen. In den vergangenen zwei Jahren wurden der Grand Store, Kosovos ers tes Edel-Einkaufszentrum, ein 24-Stunden-Restaurant, etliche Tankstellen und die Route-66-Bar eröffnet. Um die Ecke entsteht das Luxusdorf "International Village".

Der Kosovo steht für wirtschaftliche Abhängigkeit und fanati schen Nationalismus, für Unterdrückung und Krieg, für Flücht lingslager und Vertreibung, für UCK, Uno, Mafia, Nato-Truppen, Hilfsgelder und Stillstand. Doch in dem kleinen Land wächst eine neue Generation heran. Zwei von drei Kosovaren sind unter 30, und die Jungen wollen vom Ethno-Nationalismus nichts mehr wissen. Es sind Unternehmer und kreative Köpfe, sie sind engagiert und mischen sich ein. Ihr Programm: Kosovo 2.0.

"Mein Traum ist wahr geworden", sagt Rizaj, als er um fünf Uhr morgens per Mobiltelefon eine Pizza bestellt. "Meine Geschwister leben in Österreich. Ich bin hierher zurückgekommen und kann jetzt das beste Nachtleben überhaupt mitgestalten. Pristina hat viel Energie." Vor knapp zwei Jahren hat er den Club aufgemacht - damals hatte er noch keine Nachbarn.

Der Gallup-Umfrageserie "Balkan Monitor" zufolge sind die Kosovaren die optimistischsten Balkan-Bürger. Und das, obwohl die Arbeitslosigkeit bei schätzungsweise 45 Prozent liegt und das Handelsdefizit weiter steigt. Aber die ausgerufene Unabhängigkeit des Landes im Jahr 2008 wirkte für viele wie eine Initialzündung. Weniger der Krieg prägt ihr Geschichtsbild, sondern die Fremdbestimmung. Akan Ismaili, 35-jähriger Gründer der IT- und Telekommunikationsfirma Ipko, sagt: "Bis vor Kurzem lebten wir, als hätte jemand den Pausenknopf in unseren Biografien gedrückt. Nichts hat sich bewegt."

In den vergangenen 600 Jahren fühlte sich immer irgendwer für den Kosovo zuständig: Osmanen, Albaner, Montenegriner, Österreicher, Serben, Deutsche, Italiener; Tito, Slobodan Milosevic, Ibrahim Rugova, die Nato, die Uno. Zwei Jahrzehnte, so Ismaili, hätten er und seine Freunde auf das Ende der Unterdrü ckung der albanischen Mehrheit durch die serbische Verwaltungs elite gewartet. In den neunziger Jahren wurden die Schulen von Polizeisperren blockiert, und der serbische Fußballfreund durfte plötzlich nicht mehr in der Mannschaft mitspielen. Später wartete Ismaili auf das Ende der Kriege in Bosnien und Kroatien und schließlich auf ein Ende des Krieges im eigenen Land. Viele Koso varen warteten auf die Rückkehr aus den Flüchtlingslagern und aus dem Ausland. Endlich rollte eine schwere politische, militäri sche und wirtschaftliche Entwicklungsmaschinerie unter Führung der Vereinten Nationen an.

Seit der De-facto-Unabhängigkeit haben viele den Schalter von Stillstand auf Dynamik umgelegt. Seit fast zwei Jahren sind nun die Kosovaren für ihr Land selbst verantwortlich. "Die Unabhängigkeit bedeutet für uns auch, dass niemand mehr kommt, um unser Leben zu regeln. Jetzt wissen wir: Wir sind es, die unsere Zukunft in der Hand haben", sagt Akan Ismaili.

Ismaili, der aussieht wie Harry Potters Freund Ron, hat mit seiner Firma Ipko dem früheren Monopolisten Post und Telekom Kosovo (PTK) die Stirn geboten. Er hat eine starke Marke etabliert und mit modernen Läden das kaputte Stadtbild von Pristina ein klein wenig aufgefrischt. Er beschäftigt 500 Angestellte und meldet sie regel mäßig zu Fortbildungskursen für Netzwerktechniker an. Ein Geschäft, das sich für ihn gelohnt hat: Telekom Slovenia kaufte im Jahr 2006 die Mehrheitsanteile von Ipko. Für den Aufschwung in seiner Branche hat Ismaili eine einfache Erklärung: "Der Kosovo erlebt einen Internet-Boom, weil wir isoliert sind. Nur in drei Länder können wir ohne Visa reisen. Den Rest müssen wir im Netz erledigen."

Ismaili steckt voller Tatendrang und Unternehmergeist. So gründete er einen Pensionsfonds für seine Mitarbeiter und eine Stiftung für Studien- und Sozialprojekte. Er brüskiert die Regierung, indem er via S MS eine Spendenkampagne startet, mit der er deren Sozialpolitik anprangert. "Jeder hier möchte lernen, jeder greift nach den Möglichkeiten", sagt er.

Nur mit der politischen Klasse des Landes wollen die jungen Unternehmer nichts zu schaffen haben. Die Elite steht für Korruption, Kleptomanie und Machtgier. Dafür kehren erstaunlich viele gut ausgebildete Kosovaren in ihr Land zurück. Viele studierten in Harvard und Oxford, haben in den Metropolen New York und London gelebt. Sie mischen das Land auf. Da ist Shpend Ahmeti, Harvard-Absolvent und Gründer des GAP Instituts für wirtschaftliche Studien in Pristina; da ist Engjellushe Morina, Oxford-Absolventin und Direktorin des I KS Instituts für sozioökonomische Recherchen; da ist Besa Luci, Absolventin der Columbia University und Mitarbeiterin beim neuen Kosovo Foreign Policy Club. Weitere - etwa Sevdije Kastrati, derzeit Kosovos ers te Master-Studentin am American Film Institute in Kalifornien, und Rozafa Basha, Master-Studentin für Architektur an der Lund Universität in Schweden - planen bereits ihre berufliche Zukunft in Pristina.

Doch warum machen diese jungen Kosmopoliten ausgerechnet Pristina zu ihrem Standort? Eine Stadt, in der regelmäßig der Strom ausfällt und die Wasserversorgung aussetzt? In der man als Patient im Krankenhaus das nötige Verbandsmaterial und Kanülen für Spritzen selbst mitbringen muss. Eine Stadt, deren zwei Flüsse unter Betonplatten fließen. Wo die Bürgersteige ungeniert zugeparkt werden und Radfahren lebensgefährlich ist. Wo es keine Parks gibt, und wo selbst der Kulturminister nicht einsehen will, wozu eine Fußgängerzone gut sein soll.

Für die Heimkehrer zählen vor allem zwei Gründe.

Der erste: weil es all dies zu verbessern gilt und die Volkswirtschaft noch viel vor sich hat. Wo noch keine H&M-Filiale eröffnet ist, man seinen Kaffee nicht bei Starbucks trinkt und die Hotelkette Hilton keine Herberge betreibt - dort ist Raum für Pioniere.

Der zweite: Der Familienzusammenhalt ist so stark, dass es die Söhne und Töchter aus dem Ausland nach Hause zieht. Viele unterschiedliche Erfahrungen haben diese Bande gefestigt: fehlendes Vertrauen in den Staat, Unterdrückung, jahrzehnte lange Arbeitsmigration.

Die 29-jährige Modeschöpferin Krenare Rugova zupft in ihrem Atelier am Kleid einer Braut und sagt: "Die Leute zeigten mir den Vogel. Du gehst - von New York - zurück nach P-r-i-s-t-i-n-a?" Das war vor sechs Jahren, nachdem sie mit einem Stipendium die Parsons The New School for Design in New York abgeschlossen hatte. Sie kaufte sich ein Ticket nach Pristina und eröffnete im Zentrum ein helles Atelier mit Holzboden und großem Schaufenster. Inzwischen betreibt sie zusätzlich eine Fabrik, hat 20 Angestellte und liefert ihre Kollektionen an Boutiquen in Zürich und Wien.

"Haute Couture kannte man in Pristina nur aus dem Fernsehen. Dabei ist Mode ein toller Weg, um Frauen zu befreien. Mode ist eine Art der Meinungsfreiheit", sagt Rugova. Ihr Rezept für die Emanzipation: kecke Jersey-Kleider für den selbstbewussten Alltag. "Die Leute meinen, unsere Frauen seien konservativ. Doch sie ändern sich rasant. Sie entscheiden längst selbst über ihr Leben."

20 Gehminuten von ihrem Atelier entfernt wirkt ein weiterer Pionier. "Akupunktura" steht auf einem kleinen Schild an der staubigen Bajram-Krasniqi-Straße. Die Praxis von Lulzim Mripa ist das erste Akupunkturstudio in Pristina. Erst vor wenigen Monaten hat er es eröffnet. Während des Krieges war er nach London geflohen, wo er Traditionelle Chine sische Medizin studierte. "Eines Tages wachte ich auf und sagte zu meiner Frau: Ich gehe zurück." Seither pendelt die Familie zwischen London und Pristina.

Mripa ist ständig ausgebucht. Sein Kalender ist voll mit Namen aus allen Volksgruppen im Kosovo. Wenn einer seine Behandlung nicht gleich bezahlen kann, bringt er das Geld eben, wenn er wieder welches hat. Oder er wird gratis verarztet. "Eine Therapie kennt weder reich noch arm, hässlich oder schön. Akupunktur will Harmonie schaffen, und so wollen wir den Kosovo sehen. Wir haben viel zu teilen", sagt Mripa.

Apathie und Aussichtslosigkeit scheinen in Pristina fremd. Eher spinnen die Macher Träume über alle Grenzen hinweg. Die junge serbisch-stämmige Jazz-Sängerin Irina Karamarkovic, die Pristina 1998 verlassen hat, spielt auf ihrer neuen CD "Songs from Kosovo" alte Lieder verschiedener Volksgruppen. Sie widmet das Werk "jenen, die ihre Identität verloren haben".

Zivojin Rakocevic, Direktor der serbischsprachigen Radio station Kim in Caglavica, sagt: "Wer in Europa heute glaubt, dass zwei Völker nicht zusammenleben können, der frönt der Tyrannei." Club-Besitzer Rizaj wünscht sich, "dass die Serben wieder zurückkommen. Ohne sie sind wir wie ein Baum, dem man den Ast samt Blüten abgeschnitten hat." Außerdem solle sich der Bürgermeister Pristinas mit seinem Amtskollegen in Bilbao zusammensetzen, um zu erfahren, wie man zu einem Guggenheim Museum kommen könne. Und Ismaili, der Ipko-Chef, träumt vom Reisen ohne Visa, denn "wer reisen kann, der muss nicht auswandern". -

Der Kosovo

Der Kosovo ist von seiner Fläche her etwas größer als die Oberpfalz und hat etwa zwei Millionen Einwohner. Davon sind 88 Prozent Albaner, sieben Prozent Serben und fünf Prozent andere ethnische Minderheiten wie etwa Bosnier oder Gorani. Die Hauptstadt Pristina hat etwa 250 000 Einwohner.

Bereits 1989 hatte der damalige Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, die Autonomie des Kosovos aufgehoben. Albaner wurden aus dem Staatsdienst entlassen und rücksichtslos enteignet, kaum einer von ihnen hatte noch einen Job. Ein Jahrzehnt lang organisierte sich die albanische Mehrheit im Kosovo in einem Schattenstaat unter Ibrahim Rugova selbst: Schulstunden wurden notdürftig in privaten Wohnzimmern abgehalten, Krankenhilfe wurde von Nachbarn geleistet.

Mitte der neunziger Jahre formierte sich die UCK, die ultranationalistische Kosovarische Befreiungsarmee. Sie verübte Terroranschläge auf Einrichtungen des Zentralstaates und lieferte sich Gefechte mit den jugoslawischen Streitkräften. Die jugoslawische Armee zog daraufhin die Truppen rund um den Kosovo zusammen. Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen in Rambouillet bei Paris bombardierte die Nato, angeführt von den USA, ohne U N-Mandat Ziele in Jugoslawien, um den serbischen Truppen Einhalt zu gebieten, die eine Abspaltung der Provinz Kosovo verhindern wollten. Es war der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr seit dem Zweiten Weltkrieg. Tausende von Menschen flüchteten während des Balkankrieges.

Der Kosovo wurde nach dem Krieg von den internationalen Truppen besetzt. Im Sommer 1999 wurde er in der U N-Resolution 1244 zum UN-Protektorat "als Teil Serbiens" erklärt.

Serbien, Russland und fünf EU-Staaten bauen ihre Beziehungen zum Kosovo bis heute auf dieser Resolution auf. Die übrigen Balkan-Staaten, die USA und 22 EU-Staaten, darunter auch Deutschland, erkennen den Kosovo seit dem Frühjahr 2008 als souveränen Staat an. Bedingung dafür ist die Umsetzung des "Ahtisaari-Plans". In dem sind die Garantien und Rechte für die etwa 130 000 Serben im Kosovo festgehalten. 2008 reichte Serbien eine Klage gegen Kosovos Unabhängigkeitserklärung beim Internationalen Gerichtshof ein. Die Entscheidung steht noch aus.

Im UN-Protektorat wurde 2002 der Euro als offizielle Währung übernommen. Auf Kosovos Rohstoffvorkommen - Zink, Nickel, Braunkohle - gründen einheimische und ausländische Politiker ihre Zukunftspläne.

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