Ausgabe 09/2010 - Schwerpunkt Nachfolge

"Liberaler als die Polizei erlaubt"

"Unabhängige Verleger sind Verrückte."

Klaus Wagenbach

"Warum gibt es Sie noch?"

Seit 46 Jahren häufig gestellte Frage an den Verleger Klaus Wagenbach

- Vor zehn Jahren hätte es sich Klaus Wagenbach leicht machen können. Er war damals 70 und ein ebenso eigenwilliger wie weithin angesehener Verleger. Sein kleiner Verlag, 1964 ohne viel Geld, dafür mit guten Freunden und ausgeprägten Vorlieben von dem damals 34-Jährigen gegründet, hatte alle Krisen umschifft und sich mit anspruchsvoller italienischer Literatur, linker Theorie und kulturwissenschaftlichen Standardwerken einen Namen gemacht. Wagenbach blieb über all die Jahrzehnte unabhängig und alleiniger Eigentümer, aus Prinzip: "Unabhängigkeit bedeutet: Der Verlag haftet mit Kopf und Kasse für seine Entscheidungen."

Was in seinem Verlag erschien, war weitgehend mit dem identisch, was dem Menschen Klaus Wagenbach etwas bedeutet. Weil er Italien liebt, veröffentlichte er schöne, wenn auch nicht immer gut verkäufliche italienische Romane. Weil er Kunstgeschichte studiert hat, verlegt er gern kunstgeschichtliche Essays. Weil er mit dem Dichter Erich Fried befreundet ist, bringt er dessen Gesamtwerk heraus. Dass ihm "Hedonismus, Anarchie und Geschichtsbewusstsein" am Herzen liegen, dass er Spaß daran hat, "liberaler als die Polizei erlaubt" zu sein, merkt man seinem Verlagsprogramm an. Ein Überzeugungstäter, kein Taschenrechner.

Von Anfang an ging es ihm nicht nur darum, schöne Bücher zu machen. Er wollte frischen Wind in die deutschen Verhältnisse bringen. "Da wird einem ein ordentliches, leicht gelangweiltes, ziemlich unsinnliches, eher puritanisches Volk mit gestörter nationaler Identität sozusagen in den Schoß gelegt, und man erhält als Intellektueller den Widerpart zugesprochen", sagt er. "Das ist ja fast eine Gnade! Denn natürlich ist es viel lustiger, für mehr Gesellschaft einzutreten und weniger Staat."

Vor zehn Jahren also hätte es sich der 70-jährige Verleger mit dem kleinen Verlag und dem großen Renommee leicht machen und verkaufen können. Zwei, drei Millionen Euro hätte er sicher dafür bekommen, auf jeden Fall genug für einen entspannten Lebensabend in der Toskana.

Fragt man Wagenbach heute, was er von solchen Gedankenspielen hält, guckt er, als hätte ihm ein Wahnsinniger einen unsittlichen Antrag gemacht. Seine Antwort: "Einen Verlag darf man unter gar keinen Umständen verkaufen. Wo soll das Kapital herkommen für den Kaufpreis? Der Käufer muss den neuen Verlag auspressen, um den Kauf zu finanzieren. Ich finde das unmöglich." Amüsiert erzählt er dann, dass es natürlich Angebote gegeben habe. "Habe ich alle abgelehnt. Ich habe von Anfang an gesagt: Dieser Verlag wird verschenkt, wenn er noch existiert, wenn ich alt bin."

Und genau das hat er getan: 2002 übertrug er 44 Prozent der Anteile an Susanne Schüssler, die schon zwei Jahre zuvor als Geschäftsführerin die Verantwortung übernommen hatte. Dass ihm die Entscheidung leicht gefallen ist, kann auch daran liegen, dass die 48-Jährige seit 14 Jahren seine Ehefrau ist. 22 Prozent der Anteile gingen an Nina Wagenbach, seine Tochter aus einer früheren Ehe, die im Verlag für den Vertrieb zuständig ist. Die restlichen 34 Prozent hat er vorläufig behalten. Bezeichnenderweise muss das Verleger-Ehepaar bei der Frage nach der genauen Aufteilung erst einmal überlegen. Denn für Klaus Wagenbach ist allein wichtig, dass Susanne Schüssler die Mehrheit hält und den Verlag leitet.

Der Altverleger selbst nennt sich kokett einen "Ausputzer und Hilfslektor". Er sitzt in seinem Büro im gutbürgerlichen Berlin-Wilmersdorf, hinter sich die Regale mit vielen Hundert Wagenbach-Büchern, seinem Lebenswerk. Es amüsiert ihn, dass er jetzt einen 400-Euro-Job hat, dass er nicht viel mehr tun muss, als zum Beispiel verzweifelte Übersetzer und ratlose Autoren zu trösten und Ideen zum Verlagsgeschäft beizusteuern. Die Verantwortung, die sollen nun andere tragen. "Susanne entscheidet", sagt er. Ein kregler Achtzigjähriger, der etwa nach jedem vierten Satz laut und meckernd kichert, wach, klug und offensichtlich sehr zufrieden mit seiner Situation.

Bei der Entscheidung, seiner Nachfolgerin die Mehrheit am Verlag zu schenken, ging es um Vertrauen und Fairness, auch gegenüber den drei Töchtern aus einer früheren Ehe. Um den Verlag in Zukunft vor Komplikationen zu schützen, hat er seine beiden erwachsenen Töchter, die nicht im Verlag arbeiten, aus seinem privaten Vermögen abgefunden. Sein Rückzug als Eigentümer aus dem Verlag hat ihn nicht wohlhabend gemacht, sondern einen sechsstelligen Betrag gekostet.

"Darüber, wie man Geld macht, kann ich keine Auskünfte geben", sagt er und kichert. "Geld zu machen ist nicht meine Profession. Meine Profession ist es, Bücher zu machen. Und Bücher machen heißt unter Umständen das muss man wissen und tapfer sein -, Geld zu verlieren. Das muss man ab und zu machen, wenn einem Dinge wichtig sind - zum Beispiel Gedichte von Johannes Bobrowski." Einen voraussichtlich schwer verkäuflichen Band des Dichters hat sich Wagenbach jetzt zum 80. Geburtstag selbst zum Geschenk gemacht. Bescheidene Auflage: 1000 Stück, sicher kein Gewinnbringer. Er spricht in solchen Fällen von einem "Ver-Lustobjekt". Und freut sich, dass er sich diesen Luxus leisten kann.

Wie Ruhm verblasst: der Fall Suhrkamp

Wie dominierende Verlegerpersönlichkeiten ihre Nachfolge regeln, das hat Wagenbach über Jahrzehnte immer wieder bei seinen Kollegen beobachten können. "Verleger, die einen Nachfolger suchen, scheitern oft am eigenen Narzissmus", sagt er. "Sie wollen jemanden, der ist, wie sie selbst. Gleichzeitig wollen sie natürlich nicht ersetzbar sein. Wenn man, so wie ich, einen Verlag aufgebaut und darin eine Befriedigung gefunden hat, muss man den Narzissmus regelrecht bekämpfen, und zwar spätestens ab 65. Nur so kann man die Zukunft des Unternehmens sichern."

So etwas verlangt Souveränität und zugleich Vertrauen, eine Kombination, die auch bei Unternehmern nicht alltäglich ist. "Wie kann man die Identität des Verlags erhalten?", fragt Wagenbach und antwortet: "Das ist nicht so schwer, wie man denkt. Der Verlag ist von einer bestimmten Person geprägt, dem Verleger. Also muss man für die Nachfolge eine Person suchen, die 30 oder 40 Jahre jünger als der alte Verleger ist. Diese Person wird mit Sicherheit den Makel haben, dass sie nicht so ist wie man selber." Wieder Gelegenheit zu kichern. "Das muss man aber nicht als Makel empfinden, sondern als Erneuerung. Susanne macht den Verlag anders, als ich ihn gemacht habe. Und das macht mich natürlich neugierig. Neugier hält jung. Wenn die Übergabe klar ist, kann man zugucken. Das ist eine schöne Erfahrung. Leute, die sich dieser Erfahrung nicht aussetzen, verpassen etwas."

Sich selbst hat er eine anspruchsvolle Nische im Verlagsprogramm reserviert: eine auf 45 Bände angelegte Edition des italienischen Kunsthistorikers Giorgio Vasari, einst Hofmaler der Medici. "Das gehört zu den Listen einer Übergabe: sich immer noch eine kleine Aufgabe zu sichern", sagt Wagenbach, grinst kokett und erzählt von einem seiner Lieblingsbücher, Norberto Bobbios "Vom Alter - De Senectute". Wagenbach: "Bobbio sagt, wenn man älter wird, bleibt man irgendwann stehen. Man weiß sehr viel, aber man weigert sich, alles Neue mitzumachen. In meinem Büro steht kein Computer. Man sieht die anderen weiterrennen. Darauf schaut man mit einer gewissen Distanz. Das ist auch interessant."

Wagenbach spricht nicht über Kollegen. Aber wenn er sagt, dass der Narzissmus des Altverlegers gefährlich ist, kommt einem unwillkürlich der Fall Suhrkamp in den Sinn. Die Parallelen zwischen dem kleinen und dem großen, einst glänzenden Verlag sind unübersehbar. Eine mächtige Persönlichkeit, Siegfried Unseld, hat Suhrkamp über Jahrzehnte geprägt. Seine sehr viel jüngere Frau Ulla Berkéwicz folgte ihm 2003, ein Jahr nach seinem Tod, in die Verlagsleitung.

Weit deutlicher noch als die Parallelen fallen die Unterschiede auf. Susanne Schüssler, eine promovierte Literaturwissenschaftlerin, arbeitet seit zwei Jahrzehnten bei Wagenbach, erst als Pressesprecherin, dann als Lektorin, schließlich als Geschäftsführerin. Lange bevor sie die Chefin wurde, war sie Teil der Wagenbach-Kultur. Und davor hatte sie Erfahrungen in deutschen, französischen und amerikanischen Verlagen gesammelt - ein Profi.

Im Gegensatz zu Ulla Berkéwicz, einer Schauspielerin und Autorin. Gleich ihr erster Job in der nicht ganz unkomplizierten Verlagsbranche war die Leitung des großen, einst legendären und ebenfalls nicht ganz unkomplizierten Suhrkamp Verlags. Ein Himmelfahrtskommando. Bevor Unseld sie zu seiner Nachfolgerin bestimmte, hatte es andere Kandidaten gegeben. In den achtziger Jahren holte der Verleger seinen Sohn Joachim zu Suhrkamp und überschrieb ihm 20 Prozent der Anteile. 1991, ein Jahr nach der Hochzeit des Vaters mit Berkéwicz, verließ der Sohn den Verlag. Erst im vorigen Jahr hat er seine Anteile an die anderen Gesellschafter verkauft. Kurz vor Unselds Tod galt der langjährige Lektor Günter Berg als designierter Verlagsleiter. Auch er hat Suhrkamp nach Berkéwiczs Inthronisierung zügig verlassen.

Keinem seiner potenziellen Nachfolger schien Unseld zuzutrauen, das Unternehmen zu führen - auch seiner Frau nicht. Statt ihr seine Anteile zu übertragen, brachte er sie in eine Familienstiftung ein, deren Vorsitzende Berkéwicz ist. So hat sie zwar Entscheidungsbefugnisse, ist aber nicht Eigentümerin des Verlags. Das Stiftungsvermögen soll "im Fall einer Liquidation angeblich an das Land Hessen" fallen, berichtet die "FAZ". Außerdem hatte Unseld einen mit Jürgen Habermas und anderen Suhr-kamp-Autoren besetzten Beirat installiert, der seiner Nachfolgerin beistehen und die Ausrichtung des Verlages absichern sollte. Schon bald löste sich das Gremium wieder auf.

Die komplizierte Konstruktion zeugt von Misstrauen des Erblassers. "Gerade große Narzissten haben die Vorstellung, zur Kontrolle oder als Unterstützer der eigenen Nachfolger ein Gremium, einen Beirat einzusetzen", sagt Wagenbach, ohne Unseld beim Namen zu nennen. "So ein Gremium hätten sie selbst zu Lebzeiten nie neben sich geduldet. Das heißt, sie handeln gegen eigene Erfahrungen und signalisieren durch solch ein Gremium, dass sie ihren Nachfolgern nicht trauen. Großer Fehler. Integre Personen sind einfach besser als Verlagsstatuten und vertrackte juristische Konstruktionen. Man muss jemanden aus dem eigenen Haus einsetzen, den man aus der gemeinsamen Arbeit kennt. Anders geht es nicht." Unseld indes hat entschieden, als habe er sich Suhrkamp ohne Unseld nicht vorstellen können.

Seit seinem Tod trudelt der Verlag. Wichtige Lektoren haben gekündigt. Prominente Schriftsteller wie der Bestseller-Autor Daniel Kehlmann oder der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész haben Suhrkamp verlassen. Martin Walser, seit Jahrzehnten Suhrkamp-Autor, nannte 2004 bei seinem Wechsel zu Rowohlt ausdrücklich "enttäuschende Erfahrungen mit der Verlagsleitung" als Grund. Auch wenn die Pressesprecherin Tanja Postpischil betont, dass der Verlag neue Autoren wie Christa Wolf gewinnen konnte und im Lektorat trotz der Abgänge in wichtigen Positionen große Kontinuität herrsche, gilt Suhrkamp in der Branche als Krisenfall. "Der Untergang des Hauses Suhrkamp", so überschrieb das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" vor einiger Zeit eine Reportage.

Immer wieder wird kolportiert, Verlagsanteile seien Außenstehenden zum Kauf angeboten worden. Der Verkauf des Suhr-kamp-Verlagsarchivs und des Frankfurter Verlagsgebäudes, der Umzug nach Berlin im vergangenen Jahr - all das wirkt wie nervöse Rettungsmaßnahmen. "Am hartnäckigsten hält sich die Vermutung, Suhrkamp sei in Geldnot", schrieb die "FAZ" im Juli.

Die Reaktion der Suhrkamp-Sprecherin auf solche Gerüchte fällt wachsweich aus: "Das sind Dinge, die schon lange behauptet werden. Es gibt uns immer noch, und wir machen nach wie vor ein sehr erfolgreiches Programm. Im vergangenen Jahr zum Beispiel erschien mit ,Der Turm' von Uwe Tellkamp ein Titel, der sich im Hardcover weit mehr als 100 000-mal verkauft hat. Wir haben derzeit ganz wunderbare Verkaufserfolge mit dem neuen Roman von Christa Wolf. Das ist alles, was ich dazu sagen will." Ein selbstbewusstes Dementi klingt anders.

Verglichen mit Suhrkamp, dem Verlag von Bertolt Brecht und Theodor W. Adorno, von Hermann Hesse, Niklas Luhmann, Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger, ist der Wagenbach-Verlag ein Winzling: etwa zwei Millionen Euro Jahresumsatz, elf Angestellte, davon fünf Lektoren, etwa 60 neue Titel im Jahr. Und: 600 lieferbare Titel, neben der Kreativität der Mitarbeiter das eigentliche Kapital des Unternehmens. Der Suhrkamp Verlag dagegen weist für 2008 einen Umsatz von mehr als 25 Millionen Euro aus.

Auf altmodische Tugenden ist Verlass

Seit Susanne Schüssler den Wagenbach-Verlag leitet, hat sich das Programm leicht verändert: mehr Bücher von Frauen, eine neue Reihe mit politischen Taschenbüchern, mehr Titel aus der lateinamerikanischen und englischen Literatur. Letzteres hat dem Verlag vor zwei Jahren völlig unerwartet den ersten Bestseller seiner Geschichte beschert: Alan Bennetts amüsante Erzählung "Die souveräne Leserin", in der die Queen die Freuden manischer Lektüre für sich entdeckt - schrullig, geistreich und very british. 350 000 Exemplare hat Wagenbach davon seit 2008 verkauft, ein Erfolg, bei dem auch große, reiche Konkurrenten neidisch werden. "Wenn plötzlich viel Geld reinkommt, heißt die Parole: Nicht rausnehmen und sich damit eine Verlegervilla bauen, sondern das Geld im Verlag lassen", sagt Klaus Wagenbach über diesen Glücksfall. "Das ist ja eine Verführung, wenn plötzlich der Umsatz in die Höhe schießt und das Geld durchs Fenster reinkommt. Seltene Momente! Häufig ist es eher anders herum. Als es uns mit dem Erfolg von Bennett so ging, haben wir mit einem Schlag alle unseren Schulden bezahlt."

Bei allen Veränderungen hat der Verlag sein Profil, seine Identität nicht verwässert. Dass der Übergang, anders als bei Suhrkamp, so geräuschlos funktionierte, hat viele Gründe. Der wichtigste, neben Wagenbachs klarer Entscheidung, die Verantwortung abzugeben, ist Susanne Schüssler, eine nüchterne, kluge Frau, der zuzuhören Vergnügen macht. "Als ich den Verlag 2002 übernommen habe, war es für die gesamte Branche eine ökonomisch extrem schwierige Zeit", erinnert sie sich. "Seitdem habe ich das Gefühl, dass mich so schnell nichts mehr umwerfen kann. Ich habe auch gelernt, in so einer Situation ruhig zu bleiben. Wir können den Verlag verändern in den Schwerpunkten, in den Interessen. Was wir nicht dürfen, ist, die Ansprüche in der Qualität aufgeben. Wir mussten sparen und genau hinsehen, welche Ausgaben notwendig sind und welche nicht. Solche Überlegungen sind furchtbar langweilig, aber sie müssen sein. Doch wir haben nie an der Qualität der Bücher gespart. Das hat sich als richtig erwiesen. Und darauf bin ich stolz."

Was den Verlag auszeichnet, ist die Haltung seiner Macher: Neugier, Eigensinn, undogmatisches Denken, eine ausgeprägte Diskussionskultur und die Entscheidung, nur Bücher zu veröffentlichen, hinter denen alle Lektoren stehen. "Titel, die vor zehn Jahren erschienen sind, sind heute noch in Nachauflagen lieferbar", sagt Schüssler. "Die Bücher werden nicht für den Augenblick gemacht. Das ist das eigentliche Geheimnis. Deshalb diskutieren wir so skrupulös über jeden Titel. Und deshalb ist es so wichtig, dass die Kompetenz nicht nur bei einem allein liegt."

Ebenso wichtig ist bei Wagenbach das Desinteresse an Wachstum um jeden Preis. Ein Buch nur zu machen, weil man sich davon gute Verkäufe verspricht, obwohl es inhaltlich eher flach ist, passt nicht in diese Kultur. Die Leser merken und honorieren es - mit Treue. Mit dem Verlag Geld zu verdienen erscheint Schüssler offenbar eher wie eine lästige Notwendigkeit, nicht als der eigentliche Antrieb. Sie selbst hat, als sie aus dem Lektorat in die Geschäftsführung wechselte, ihr Gehalt nicht erhöht "warum auch?" Solche altmodischen Verlegertugenden haben die Firma stabilisiert, während sich andere bei der Jagd nach Wachstum verzockten oder mit Profitcenter-Mentalität und der Spekulation auf Bestseller ihre Linie verloren.

Zum sanften Übergang gehörte auch, dass Schüssler und ihr Mann allen Autoren des Verlages anboten, die Rechte an ihren Buchtiteln freizugeben. Eine Geste des Respekts: Kein Autor sollte gezwungen sein, gegen seinen Willen in einem Verlag unter neuer Leitung zu bleiben. Wagenbach, nicht ohne Stolz: "Kein einziger Autor hat davon Gebrauch gemacht."

Ein Vertrauensbeweis für die neue Verlegerin. Als wichtigsten Grund dafür, dass sich der Verlag so bruchlos weiterentwickelt hat, nennt sie die Unternehmenskultur: "Es hängt ja nicht alles an Klaus oder mir, sondern an den Menschen, die hier arbeiten. Es ist nicht so, dass hier einer etwas autoritär durchsetzt. Bei den Lektoratssitzungen kommt jeder mit bestimmten Projekten an. Und dann hängt es davon ab, wie enthusiastisch man die anderen überzeugen kann. Das sind gemeinsame Entscheidungen - mit jedes Mal wechselnden Fronten in der Diskussion. Der Verlag ändert sich durch das Engagement eines jeden Einzelnen. Lange bevor ich Geschäftsführerin wurde, habe ich natürlich schon viel im Verlag verändert."

Dass das funktioniert, hat auch mit der überschaubaren Größe zu tun und einem hohem Maß an Eigenverantwortung. " Jede Meinung ist gefragt. Nur weil jeder eine hat und auch dazu aufgefordert ist, ist der Verlag lebendig", sagt Schüssler. Dann kehrt sie an die Arbeit zurück mit dem "dicksten Buch, das wir je gemacht haben" - eine wissenschaftliche Arbeit über "Die Stadt im 20. Jahrhundert", 960 Seiten, zwei Bände, großes Format, 640 Abbildungen, ein Monstrum von einem Buch, schwere und nahrhafte Kost für Leser, die Lust zum Selber-Denken haben.-

Literatur-Tipp:

Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers - Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe. Wagenbach, 2010; 350 Seiten; 19,90 Euro

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