Ausgabe 09/2010 - Schwerpunkt Nachfolge

Eine Rebellion nach Noten

- Burkhard Schlagowski vermisst die schiefen Töne. Es ist still in seinem Wohnzimmer am Stadtrand von Cuxhaven, fast zu still. Die schiefen Töne bestimmten 25 Jahre lang sein Leben. 20 davon war er, 56 Jahre alt, akkurat gestutzter weißer Vollbart, Direktor der Jugendmusikschule Cuxhaven. Die Musikschule war eine, wie es sie überall gibt in Deutschland: In den sechziger Jahren gegründet als Institution mit Direktor, zwei Verwaltungsangestellten und zuletzt 20 angestellten Musiklehrern. "Kreative Köpfe", sagt Schlagowski. "Mit denen konnte man was entwickeln." Er sieht sich als Erneuerer. Er hat die musikalische Früherziehung umgekrempelt, das Instrumentenkarussell zum Kennenlernen von Instrumenten erfunden, das jetzt überall in den Musikschulen eingesetzt wird, und er hat Gruppenunterricht eingeführt. Fünf Partnerschaften hat er aufgebaut, mit England, Frankreich, Polen, Island und Russland, fast zu viele für eine kleine Musikschule. Er hat den Wettbewerb " Jugend musiziert" ausgerichtet und im Schlosspark die Tage der neuen Musik. Für Schlagowski war das Musikschule. Er hielt sich für unersetzlich.

Das war sein Irrtum. Schlagowski sitzt am Tisch im Wohnzimmer seines Reihenhauses. An der Wand steht ein schwarzes Klavier, die Noten aufgeschlagen, als wolle er gleich loslegen, anspielen gegen die Stille. 25 Jahre arbeitete er an der Musikschule als Lehrer für Klavier und Cello. Zum Dienst-Jubiläum bekam er die Kündigung. "90 Prozent der Kosten für die Musikschule waren Personalkosten", sagt er, "und ich war am teuersten."

909 öffentliche Musikschulen gibt es in Deutschland. Die meisten sind kommunale Einrichtungen, ein Drittel ist wie die Musikschule Cuxhaven als Verein organisiert. Doch nur in Cuxhaven kommen sie ohne Direktor aus.

Schief gespielte Melodienfetzen dringen in den Flur der Musikschule. Die logiert in den oberen Etagen einer Grundschule im Stadtteil Ritzebüttel. Auf den ersten Blick hat sich nichts geändert, seit kein Chef mehr da ist. Der Raum 107 ist der letzte des Flurs. Er hat eine doppelte Tür, eine Tür, hinter der man gut Verschwörungen planen kann. Im eleganten schwarzen Auftrittsanzug mit Gürteltasche steht der Schlagzeuglehrer Boris Moench im heruntergerockten Unterrichtsraum. Moench ist eine Art gealterter Nebenerwerbs-Rocker, ein Bühnenmensch, wortgewandt und selbstbewusst. "1tita2tita3tita4tita" steht auf dem vergilbten Flipchart, wie die Notiz eines harmlosen Gesumms.

"Ich versuche, dich jetzt aus dem Konzept zu bringen", sagt Moench zum 15-jährigen Lukas am Schlagzeug gegenüber. Und während Lukas stur den Takt halten soll, dreht Moench am Schlagzeug auf und singt auch noch mit. Moench ist ziemlich gut darin, andere aus dem Takt zu bringen. Zum Beispiel die Musikschullandschaft.

Im Jahr 2005 war das Ende absehbar. Die Stadt Cuxhaven hatte eine Bedarfszuweisung vom Land erhalten, im Gegenzug musste sie massiv sparen. Die Politik beschloss, die Zuschüsse zu kürzen. Bis 2005 bekam die Musikschule von Stadt und Landkreis 189 000 Euro. Nun sollten es noch 70 000 Euro sein, bis 2010 drohten die Zuschüsse ganz wegzufallen, entschied der Stadtrat. "Das haben wir aus der Zeitung erfahren", sagt Boris Moench. Eine solche Kürzung konnte man nicht mit höheren Gebühren auffangen, nicht mit Sponsorengeldern oder Einsparungen, das war allen sofort klar. Der Verein "Jugendmusikschule Cuxhaven" beschloss seine Selbstauflösung, um der drohenden Insolvenz zu entgehen. Den Angestellten wurde gekündigt.

Alle lamentierten, man müsse etwas tun. Moench tat etwas. "Als klar war, dass das Ende kommt, musste ich mir etwas überlegen", sagt Moench. Seit 1991 unterrichtet der 46-Jährige Schlagzeug an der Musikschule Cuxhaven. "70 000 Euro Zuschuss sind eine Menge Geld", dachte er. Er überlegte nicht, was war, sondern was ging.

Wer sich keine Hierarchie mehr leisten kann, dem fällt etwas ein: Er schafft sie einfach ab

Bei der Planung war er vorsichtig, übervorsichtig. Seine Suche begann in der Stadtbibliothek, Regal Beratungsliteratur. In aller Stille prüfte er dort Gesellschaftsformen und Stiftungen und entschied sich für die Form eines Vereins. Hinter der doppelten Tür stoppelte er eine Satzung zusammen. "Zweck des Vereins ist die Bereitstellung einer Musikschule in Cuxhaven für Musikinteressierte jeden Alters", schrieb er in den Entwurf. Mit seinen Kollegen sprach er nicht darüber. "Es wäre unverantwortlich gewesen, irgendjemanden einzuweihen, bevor ich selbst völlig überzeugt war", sagt er. Er ließ die Satzung prüfen, von einem Anwalt, vom Amtsgericht. Mit dem Vereinsrecht tat sich für den Schlagzeuger Moench ein Feld zur Rebellion auf. "Wer so etwas toll fand, war für mich früher ein Popper", sagt er. "Dann habe ich entdeckt, dass man auch da kreativ sein kann."

Er entwickelte ein neues Modell für eine Musikschule, eines, das auf Unternehmergeist beruht, nicht auf Hierarchien. "In Deutschland ist die Vorstellung, dass geleitet wird, immer an eine Person geknüpft. Nein, wir sind neun Schulleiter. Das ist alles."

Zu einem Treffen im März 2005 waren sieben Lehrer der Musikschule erschienen, um miteinander über die Zukunft zu reden. "Sieben ist gut", habe er gedacht, sagt Moench, "das sind genug für eine Vereinsgründung." Noch aber wartete er ab, ob vielleicht jemand eine bessere Idee hatte. Eine Stunde ließ er die anderen reden. Dann sagte er: "Okay, Leute, wir können da was machen." Dann stellte er sein Modell vor, das er heute mit der Erfindung eines Flugzeugs vergleicht. Die Kollegenmit Existenzängsten sahen darin eher ein wackeliges Rettungsboot, doch das genügte. Die sieben gründeten einen Verein. Und sie behielten es für sich.

"Wir hatten nur zwei Möglichkeiten: Die Verwalter lernen Musikinstrumente. Oder die Musiklehrer lernen verwalten", sagt Moench.

Im bisherigen Verein "Jugendmusikschule e. V." waren Direktor, Verwaltungsmitarbeiter und Musiklehrer Angestellte. Auch Moenchs Modell beruht auf einem Verein. Femic e. V. heißt er: für eine Musikschule in Cuxhaven. Er bündelt das Engagement der zehn selbstständigen Musiklehrer. Der Clou: Jeder Musiklehrer verwaltet sich selbst, als Freiberufler. "Das System ist billiger, den Leuten geht es besser bei der Arbeit", sagt Moench.

Zu diesem Zeitpunkt versuchte auch Direktor Schlagowski noch alles, um seine Schule zu retten. Doch er ist kein Kämpfer. Er ist Musiker. Er ahnte nicht, dass seine Belegschaft bereits ohne ihn plante. Weil er in Cuxhaven nichts erreichte, fuhr er in die Landeshauptstadt Hannover.

Als ihnen die Arbeitslosigkeit drohte, wurden eher stille Musiker zu Kämpfern

Im November 2005 beschloss der Verwaltungsausschuss der Stadt Cuxhaven: "Mit dem Verein ,Für eine Musikschule in Cuxhaven' (Femic) ist ein Vertrag über eine eigenverantwortliche Verwaltung des Musikmaterials der bisherigen Jugendmusikschule Cuxhaven sowie eine finanzielle Grundausstattung von 25 000 Euro pro Jahr abzuschließen. Weitere Mittel können je nach Haushaltslage projektbezogen zur Verfügung gestellt werden." Heute bekommt die Musikschule diese 25 000 Euro und die Räume in der Grundschule von der Stadt. Cuxhaven hat damit wahrscheinlich Deutschlands billigste Musikschule.

Klaus Behncke ist Vorsitzender des neuen Vereins. Er schiebt den Stuhl, aus dessen aufgeplatzten Polster der Schaumstoff quillt, an den hellen Flügel, der schon jeden falschen Ton gehört hat. "Achte auf die Achtel, Justyn!", sagt er zu seinem Schüler, der neben ihm an einem Klavier sitzt. Der Teppich ist so abgewetzt, wie der Flügel und das Klavier abgespielt sind; in der Ecke steht ein alter Atari, die Fensterscheibe hat einen Sprung.

Seit 18 Jahren unterrichtet Behncke Klavier und Keyboard. Er will Spaß am Spiel vermitteln, nicht Exzellenz am Instrument.

Er ist kein großer Redner. Aber er ist gern Lehrer. Im Unterricht klingelt plötzlich sein Handy. Eine Schülerin sagt ab. "Weiter geht's", sagt er zu seinem Schüler und steckt das Mobiltelefon weg. "Das hätte früher die Verwaltung erledigt."

"Die Schüler, die mehr auf Radau stehen, spielen auf dem Flügel", sagt er. Behncke steht nicht auf Radau. Er sitzt am Flügel, wenn der Schüler das Klavier wählt. Und doch hat er damals mitgemacht beim Umsturz der Musiklehrer. Die Umstände haben aus dem stillen Mann einen Kämpfer gemacht. "Es klappt ganz gut", sagt Behncke. "Dass wir das selbstverwaltet hingekriegt haben, ohne uns zu zerfleischen, hätte damals ja niemand gedacht."

Im Stadtrat dachten sie nur ans Sparen. Die Musiklehrer machten daraus neue Chancen

Alle Entscheidungen treffen sie basisdemokratisch als Aktivmitglieder im Verein. Die Verwaltung teilen sie sich, die Bürodienste ebenso. 446 Schüler hatten sie im Jahr 2009, fast genauso viele haben in Musik-Projekten in Kindertagesstätten und Schulen mitgemacht. Und auch die Beiträge sind gleich geblieben: Für 63 Euro im Monat bekommt ein Kind eine halbe Stunde Unterricht in der Woche. Dieses Geld geht direkt auf das Konto der Lehrer. Sie haben weniger Geld und mehr Arbeit, auch weil sie das Risiko als Unternehmer tragen. Aber sie haben es selbst in der Hand, Projekte zu suchen und Schüler.

Mehr Geld von der Stadt gibt es nur für Projekte. "Das sind Sachen, die die Stadt machen will", sagt Heike Rüther, die in der Stadtverwaltung für die Musikschule zuständig ist. Die Musikschule fördert nicht mehr Exzellenz, sie unterstützt die Kommune bei der Lösung ihrer Probleme in Kindertagesstätten, Stadtteilen und bald auch bei der Ganztagsschule. "Die übernehmen Projekte auf Zuruf. Diese Flexibilität bringt uns viel", sagt Rüther. Wenn das Haus der Jugend, eine Kindertagesstätte oder ein Stadtteil ein Musikprojekt starten will, können sie die Leistung bei der Musikschule einkaufen. Der Verein entwickelt dann eine Idee und findet einen Lehrer. "Die alte Musikschule hat das gar nicht gemacht. Da gab es nur Unterricht für Kinder, die von ihren Eltern eh gebracht wurden", sagt Heike Rüther. Wenn die Musikschule für die Stadt oder auf einer privaten Feier auftritt, gibt es Spenden in den Musikschulfonds, aus dem sozial Bedürftigen der Unterricht subventioniert wird.

"Die machen nur noch, was sich rechnet", sagt der einstige Direktor Schlagowski. "Eine Musikschule muss aber doch mehr sein als Instrumentalunterricht." Was wegfiel - der Austausch mit Frankreich, die Teilnahme bei Jugend musiziert -, hat Schlagowski neben seinem Lehramt am Gymnasium weiterzuführen versucht. Doch er hat gemerkt, wie eng die Grenzen sind, wenn man nicht Direktor, sondern einfacher Lehrer ist. "Die Eltern haben mich am meis ten enttäuscht", sagt er und zeigt auf die Pressespiegel zu den Veranstaltungen, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat. "Die brauchten das nicht. Das zu erkennen fiel schwer."

Er hat einen sozialen Abstieg erlebt. Als der alte Schuldirektor starb, war Schlagowski überraschend mit 31 Jahren zum Nachfolger ernannt geworden. Es war sein Leben. "Als Direktor, der Lehrer gesucht hat, war ich beim Arbeitsamt immer willkommen. Mit einem arbeitslosen Musikschuldirektor wussten die nichts anzufangen." Er hätte auch umgeschult, auf Klavierbauer vielleicht oder Klavierstimmer. Das Ende der alten Musikschule hat ihn hart getroffen, doch er ist weich gefallen. Er ist jetzt Musiklehrer am Gymnasium. Mit 56 Jahren macht er, was er studiert hat, aber eigentlich nicht machen wollte: Schulmusik. Am meisten trifft ihn, dass es auch ohne ihn in der Musikschule funktioniert. "Natürlich hätte ich dagegen vorgehen können, querschießen, aber das wäre nicht gut gewesen für Cuxhaven", sagt er.

"Eine Schule ist für mich die Summe der Lehrer-Schüler-Beziehungen", sagt Boris Moench. Wenn man ihm zuhört, käme man nicht auf die Idee, dass man eine Musikschule sinnvoll anders organisieren kann, als er sich das ausgedacht hat.

Doch der Verband Deutscher Musikschulen weigert sich, die neue Cuxhavener Musikschule aufzunehmen. Was daraus folgt: keine Fördermittel vom Land Niedersachsen, die der Landesverband verteilt. Hauptgrund für die Ablehnung war, dass "die Struktur der Musikschule keine richtliniengemäße Leitungsstruktur aufweist". Auch dass es keine Angestellten und keine Schulordnung gibt, störte den Verband; dass die Lehrer das Geld verwalten und nur Unterricht an den Instrumenten angeboten wird, die von den Schülern nachgefragt werden.

Es liest sich wie eine Liste von Vorwürfen gegen alles, was sie in Cuxhaven anders gemacht haben. Es sind die Kernpunkte von Moenchs Konzept. Und ohne Boris Moench hätte Cuxhaven heute keine Musikschule mehr. Doch der Verband hat Angst, dass auch andere Kommunen das Modell Cuxhaven für sich entdecken könnten.

Wäre es nach Norma Folczynski gegangen, hätte es ruhig weitergehen können wie zuvor. Für eine Festanstellung an der Musikschule war sie aus Leipzig nach Cuxhaven umgezogen. Fünf Jahre war sie Geigenlehrerin. Es war einer der selten gewordenen, begehrten Verträge. Um neue Schüler brauchte sie sich nicht zu kümmern. Heute muss sie selbst Werbung machen, wenn nicht genügend Eleven kommen. Den Revolutionären hat sich Folczynski erst spät angeschlossen. "Es gab da ja noch andere Ideen", sagt sie. Sie ist immer noch skeptisch, sieht das Modell Cuxhaven nicht als Vorbild für andere Städte. "Nicht dass die da auch die Musikschulen plattmachen", sagt sie. Sie hat zwölf Geigen gekauft, die sie an ihre Schüler verleiht. Früher habe sie mehr verdient. Was besser geworden ist, weiß sie nicht auf Anhieb zu sagen. Später fällt ihr ein: Dass jetzt alle Lehrer das gleiche Geld für die gleiche Arbeit bekommen, das finde sie richtig gut.

Kein Platz im Verband, kein Geld für Rebellen

Abends sitzen die Musiklehrer um den Tisch im Direktorenzimmer. Gerade haben sie ihre Aktivmitgliederversammlung abgehalten. Klaus Behncke hatte ein Blatt hochgehalten und gefragt: "Das Protokoll sieht so aus: Hat jemand was dagegen?" Jetzt gibt es Schnittchen, Salat und Sekt. Sie feiern fünf Jahre neue Musikschule, nicht 44 Jahre Musikschule in Cuxhaven. Als die Frage aufkommt, was sie gelernt haben, selbstverwaltet, zitiert ein Gitarrenlehrer spontan Reinhard Mey: "Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars/ Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars/ Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt/ Zum Behuf der Vorlage beim zuständ'gen Erteilungsamt." Die Bürokratie ist ihnen nicht leicht gefallen. Doch auch sie haben Formulare entwickeln müssen, ganz einfache, darauf hat der Beirat zur Erleichterung der Überprüfungen bestanden.

Behncke hat keine Rede vorbereitet. "Wahrscheinlich gibt es draußen eine Menge Leute, die gehofft haben, dass wir es nicht schaffen", sagt er nach kurzem Zögern, "aber wir sind immer noch da." Seine Kollegen gucken, als wüssten sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. Sie schauen wie schiffbrüchige Kreuzfahrtpassagiere, die nach Jahren immer noch auf der einsamen Insel sitzen und über ihre Situation nachdenken. "Was läuft da für Musik?", fragt irgendwann Moench. Es ist die neunte Sinfonie von Antonín Dvorák. Sie heißt "Aus der Neuen Welt". -

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