Ausgabe 09/2010 - Schwerpunkt Nachfolge

Die Wellenbrecher

- Der Wind pfeift über die Insel, als Wilhelm Loth mit seinen Gä-s ten über den Kurplatz läuft. Das Meer treibt die Kälte in die Stadt an diesem Januarnachmittag. Kein Spaziergehwetter. Die Begleiter des Kurdirektors Loth, Hoteliers von einer Nachbarinsel, sind aus beruflichen Gründen gekommen. Sie sind gespannt darauf, wie Norderney die harten Wintermonate übersteht. Als er die Tür zum Conversationshaus öffnet, stockt ihnen der Atem: Die lichtdurchflutete Lobby ist voller Menschen. Links im Bistro sitzen sie vor Kaffee und Kuchen, rechts an der Rezeption fragen sie nach dem Kinoprogramm, und im Kaminraum versinken sie in schweren Ledersesseln, ein Buch in der Hand oder auf dem Bauch. Die Hoteliers schwanken zwischen Neid und Bewunderung - Hochsaison im Januar, das ist unerhört.

450 000 Gäste kommen im Jahr nach Norderney, das sind etwa 150 000 mehr als vor zehn Jahren. Der Ex-Bundespräsident Horst Köhler hat hier seinen Sommerurlaub im Luxushotel verbracht, sein Nachfolger Christian Wulff kommt ohnehin gern, und mittlerweile, so hört man, reist angestammte Sylt-Klientel an, wenn sie ihre Ruhe haben will. Was ist passiert auf dieser 26 Quadratkilometer kleinen Insel, die wie ein schlafender Seehund im ostfriesischen Wattenmeer liegt?

Sie hatte Glück: Ein kluger Kurdirektor und ein mutiger Bürgermeister haben die Kommunalisierung vor sieben Jahren genutzt, um eine eigene Norderney-Qualität zu schaffen und damit neue Zielgruppen anzusprechen. Zum Dank haben die Insulaner sie abgestraft und den schärfsten Kritiker dieses Kurses zum neuen Stadtoberhaupt gewählt.

Wilhelm Loth sitzt am Besprechungstisch. Von seinem Bürofenster aus sieht er auf den belebten Kurplatz und das renovierte Conversationshaus, um die Ecke steht das neue Badehaus. Vor neun Jahren hatte er noch auf einem ausgestorbenen Kurplatz gestanden: In Deutschlands ältestem Nordseeheilbad mit seinen rund 6000 Einwohnern war schon lange nichts mehr los.

Damals besuchte er die Insel zum ersten Mal, weil er sich für den Geschäftsführerposten der zu jener Zeit staatlichen Kurverwaltung interessierte. Er lief vorbei an verbauten Stadtvillen, Kurkliniken und Restaurants, die gebratene Scholle mit Petersilienkartoffeln anpriesen. Ferienwohnungen über Garagen und in Kellern gab es hier, aber auch einen breiten Sandstrand. Mit jedem Kilometer Richtung Inselende wurde es schöner und einsamer.

"Überall lag das Potenzial brach. Das wirkte auf mich motivierend", sagt er. Damals war Loth 33 Jahre alt und hatte sich bereits einen Namen als Touristikmanager in Nordrhein-Westfalen gemacht. Nun sollte er die Kommunalisierung des Staatsbades für das Land Niedersachsen vorbereiten. Der Landtag hatte drei Jahre zuvor beschlossen, sich von seinen defizitären Staatsbädern zu trennen. Norderney stand oben auf der Liste. Die Kurverwaltung hatte die alten Häuser rund um den Kurplatz und die Strände vernachlässigt und dafür immer wieder teure Fehlinvestitionen getätigt. Ein Mitarbeiter des niedersächsischen Finanzministeriums umschreibt es diplomatisch: "Norderney hatte, als wir die Kommunalisierungsgespräche führten, einen massiven Rückstand gegenüber den Seebädern an der Ostsee."

Im Klartext bedeutete Loths Job, die Kurverwaltung so umzukrempeln, dass die Norderneyer dieses Unternehmen mit seinen 200 Mitarbeitern und jährlichen Verlusten vom Land Niedersachsen übernehmen konnten. Als Gegenleistung sollte es millionenschwere Liegenschaften und Startkapital geben. Das Ziel war, die Insel sich selbst zu überlassen.

Loth legt die Finger aneinander und überlegt, bevor er von seiner Anfangszeit als Kurdirektor erzählt. Sein erster Eindruck: Grundlegende Veränderungen waren nicht erwünscht. Denn die ehemaligen Führungskräfte, die kamen, um ihn in das Inselleben einzuführen, redeten nur über die vergangenen 30 Jahre - über die nächsten 30 Jahre hatte sich keiner Gedanken gemacht.

Aber bei den Kommunalisierungsgesprächen in Hannover, die Anfang 2002 begannen, hatte er auch die andere Seite kennengelernt: Der neue Bürgermeister und die lokalen Politiker hatten längst begriffen, dass nur Qualität die Insel vor dem touristischen Abstieg retten konnte. Norderney brauchte exklusive Orte, wenn es langsam den Charme der fünfziger Jahre ablegen und sich gegen andere Küstenorte behaupten wollte.

Loth sah schnell, dass eine Menge möglich war. Denn außer Immobilien hatte die Insel auch noch das Geld aus der Kommunalisierung, mit dem man wiederum an Fördermittel und Fremdkapital käme. Andererseits konnte der Zukunftsplan auch leicht am Widerstand im Rat und in der Bevölkerung scheitern, dann würde man ihn davonjagen. Loth ging das Risiko ein: Als der neue Bürgermeister ihn fragte, ob er nicht nach der Kommunalisierung als Kurdirektor der Staatsbad GmbH der Stadt Norderney bleiben wollte, sagte er zu.

Es war ihm klar, dass es nicht leicht werden würde. Um aus der Kurverwaltung ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen zu machen, musste er Kosten senken, Erlöse steigern, neue Pächter für die Strandcafés suchen, langjährige Mitarbeiter schulen. Die Liste ließe sich endlos weiterführen, und er ahnte, dass daraus ein Kampf gegen die ganze Insel werden konnte. Aber der Marathonläufer und vierfache Vater hatte sich entschieden. In der Sturheit, sagt er, stünden die Emsländer den Ostfriesen in nichts nach: "Sie haben als Kurdirektor zwei Möglichkeiten - Sie können sich beim Gast oder beim Einheimischen beliebt machen. Beides geht nicht."

Er hält die Tür zum Badehaus auf. Für dieses Badehaus hat der Kurdirektor 2004 alles riskiert. Denn das alte Wellenbad aus dem Jahr 1931 versprach, die Lösung für viele Probleme zu sein. Nach seinem Umbau konnte man andere Verlustbringer schließen, Mitarbeiter umschulen, versetzen und einen unverwechselbaren Ort schaffen. Das Badehaus sollte das Modell für alle weiteren Bauvorhaben werden.

Er recherchierte so lange, bis er das perfekte Beispiel fand. In einem mehrtägigen Workshop erarbeiteten Experten und Einheimische ein Konzept für das Badehaus. Dann nahm er allen Mut zusammen und vergab den Auftrag an ein Konsortium aus erfahrenen Bäderbauern und zwei jungen Architekten aus Bremen. Sie machten alles anders als andere, verbauten schwarzen Naturstein im Salzwasserbecken. Das erzürnte die Fliesenhersteller, aber Loth blieb standhaft. Er ist unbestechlich, sagen Leute, die mit ihm zusammengearbeitet haben. "Ich würde alles wieder so entscheiden", sagt der Kurdirektor.

Heute ist das Badehaus das größte Thalassozentrum Deutschlands und auf der Insel eine der Hauptattraktionen. Seinetwegen ist Norderney sogar für einen europäischen Tourismuspreis nominiert worden. Es ist die Loth'sche Landmarke.

Der Kurdirektor läuft zurück zum Verwaltungsgebäude. Für ihn sind die Querelen um die Qualitätsoffensive und seine Person vergessen. Veränderungen provozieren Widerstand, so ist das nun mal. Er richtet lieber den Blick nach vorn. In seinem Kopf jagt ein Projekt das nächste. "Wenn wir fertig sind, können wir gleich wieder von vorn beginnen", sagt er. Die Flut attraktiver Urlaubsorte steige, wie schnell verliere man da den Anschluss.

Vier Kilometer vom Ort entfernt liegt der Strand Weiße Düne mit dem gleichnamigen Restaurant, einem Strandhaus aus sibirischer Lärche. Es ist ein bisschen wie die Sansibar auf Sylt, in ungezwungen. Klaus-Rüdiger Aldegarmann nimmt die Stufen sportlich, zieht die Mütze vom Kopf und streicht sich über die Glatze. Die Mitarbeiter begrüßen ihn wie einen guten Freund. Das Strandrestaurant, das die Kurverwaltung im Zuge der Kommunalisierung umgebaut und neu verpachtet hat, ist sein Beweis dafür, dass sich der Kampf gegen die Bewahrer gelohnt hat.

Er setzt sich an den Cheftisch und beobachtet. Wie die Menschen auch im Winter auf einen freien Tisch warten, wie sie Risotto und weißen Merlot bestellen. Und dann erinnert er sich an die alte Weiße Düne, eine heruntergekommene Bude, in der man bis zum Frühjahr vor verschlossener Tür stand, wo es nach ausgestopften Möwen und muffigen Gardinen roch, Dosenbier und Würstchen serviert wurden. Und dann weiß er wieder, dass all die unbequemen Entscheidungen richtig waren.

Klaus-Rüdiger Aldegarmann war zufällig Bürgermeister zur Zeit der Kommunalisierung. Das hatte er gar nicht geplant, eigentlich führte er ein ausgefülltes Leben, mit Schule, Sport und Strand. Seit vier Jahren machte der Lehrer mit seiner kleinen Wählerinitiative WI N nebenbei Lokalpolitik. Er nutzte sein theoretisches Politikwissen für kritische Fragen, die die führende SPD clever beantwortete: Sie ernannte ihn zum stellvertretenden Bürgermeister, um ihn in die Pflicht zu nehmen.

Die Arbeit machte ihm Spaß. Deshalb kandidierte er 2001 für das Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters, ohne sich große Chancen auszurechnen. Seit 50 Jahren herrschte fast ausschließlich die SPD auf der Insel. Sie hatte viel für Arbeitnehmer und Arbeitgeber getan, sie dominierte die Verwaltung, da käme keiner, so Aldegarmanns Vermutung, dazwischen. Dann gewann er die Stichwahl. "Das war eine reine Protestwahl", sagt er. Tatsächlich ging es weniger um ihn, eher um einen Wechsel. Die Menschen wollten die Verwaltung mal ein bisschen aufmischen.

Aldegarmann hat einen dicken Ordner neben sich liegen. Um seine blauen Augen haben sich Falten gebrannt, von der vielen Zeit am Meer. Seit seiner Kindheit liebte er die Weite des Ozeans, deshalb zog er nach dem Studium nach Norderney und blieb. Als das niedersächsische Finanzministerium ihn über die anstehende Kommunalisierung informierte, sagte ihm das nichts. "Ich hatte dieses Wort noch nie gehört", sagt er freimütig.

Für den Lehrer begann ein neues Leben. Statt zu unterrichten, verhandelte er nun in Hannover mit Finanzbeamten. Die Kommunalisierung bedeutete, dass die kleine Stadt- die große Kurverwaltung schlucken musste. Plötzlich hatte er mit Sozialplänen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Förderanträgen und Bauplänen zu tun.

Andere hätten vielleicht Angst bekommen - Aldegarmann reizte die Herausforderung. Er sah in der Kommunalisierung hauptsächlich Chancen. Mit Loth und den anderen war er sich einig, dass die Stadt in Qualität investieren musste. "Wir wollten ein Vorbild sein", sagt der ehemalige Bürgermeister. Wenn sie bewiesen, dass sich die Anstrengung lohnte, würden die Norderneyer hoffentlich irgendwann auch ihre Restaurants und Pensionen modernisieren.

Aldegarmann machte vieles wie in der Schule. Der ehemalige Vertrauenslehrer gründete interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaften und gewann Menschen für sich: die Finanzbeamten in Hannover, den Kurdirektor, die Fraktionsvorsitzenden von CDU und SPD. Sie entschieden alles einstimmig. "Wenn man etwas erreichen will, muss man Mehrheiten mobilisieren. Dabei geht es um Persönlichkeiten und nicht um Parteizugehörigkeit", sagt er.

Er schlägt den Ordner auf. Im Hintergrund läuft Lounge-Musik, die Sonne scheint durch die bodentiefen Fenster und spendet Wärme. Damals aber wurde die Stimmung mit jedem neuen Baukran frostiger. Die Norderneyer waren ganz und gar nicht begeistert von der Chance zur Veränderung, denn sie mögen ihre Insel so, wie sie ist. Sie bleiben am liebsten unter sich und dienen nicht gern, das ist spätestens seit Heinrich Heines Reisebericht "Die Nordsee" bekannt. Deshalb akzeptieren sie auch nach 200 Jahren Tourismus die Urlauber nur bedingt. Aldegarmann erinnert sich an seine Tante, die er oft im Sommer besucht hatte. Sie hätte die Gäste ihrer Ferienpension am liebsten zum Duschen ins Schwimmbad geschickt.

Der Lehrer hat vieles richtig gemacht in seiner Zeit als Bürgermeister. Im niedersächsischen Finanzministerium ist man stolz auf diese Kommunalisierung, weil Norderney die Chancen so gut genutzt hat. Nur die Insulaner bekamen davon wenig mit, denn bei der Informationspolitik zeigte Aldegarmann Schwächen. Bald gab es die ersten bösen Gerüchte, aus denen Wahrheiten wurden und letztlich ein schmutziger Wahlkampf im Jahr 2006. Seine zweite Kandidatur handelte ihm eine herbe Niederlage und persönliche Anfeindungen ein.

Heute ist er mit der Zeit versöhnt, Dankbarkeit, das hat er gelernt, kann man nicht erwarten. Er arbeitet in weniger exponierter Position weiter politisch. Sonst genießt er das Leben, fährt mit seinen 65 Jahren und zwei künstlichen Hüftgelenken auf dem Fahrrad durch Thailand und freut sich, wenn die Menschen in der Weißen Düne auf einen Tisch warten.

Ludwig Salverius, der Bürgermeister, sitzt in seinem Büro im Basargebäude und schenkt schwarzen Tee aus einer Porzellankanne in kleine Tassen, verziert mit der klassischen ostfriesischen Rose. Der 55-Jährige trägt Stoffhose und Blazer, die Haare kurz gestutzt. Sein Fenster zeigt Richtung Meer, mit Blick auf Rasen und Bäume. An den Wänden hängen maritime Motive eines Norderneyer Malers.

Salverius ist ein Mann der Verwaltung. Er hat im Rathaus praktisch jeden bedeutenden Posten innegehabt und kennt sich aus wie wenige andere. Er ist mit genauso viel Begeisterung Bürgermeister wie sein Vorgänger, auch wenn er es nicht so zeigen kann. Er ist stolz auf seine Heimat und inzwischen auch auf die Veränderungen. "Ich bin guter Dinge. Norderney hat ja mittlerweile eine ganze Menge zu bieten", sagt er.

Ihn führte ein fünfjähriger Umweg an die Spitze der Insel. Im Wahlkampf 2001 war er als SPD-Kandidat das Opfer der Protestwahl geworden. Das schmerzte ihn sehr. Schließlich war er nicht nur geborener Insulaner und Sohn eines angesehenen Bürgermeisters, sondern als damaliger Stadtdirektor der geeignete Anwärter - es wäre ja nur eine andere Benennung seiner Tätigkeit gewesen. Unter Aldegarmann rückte er ins zweite Glied. Zunächst blieb er sein allgemeiner Vertreter. Der offene Politneuling und der erfahrene Fachmann fanden nicht zueinander. Nach etwa der Hälfte der Amtszeit übernahm er andere Aufgaben und hielt sich im Hintergrund.

Salverius hielt damals viele Entscheidungen für falsch und sagte das auch. Die Kommunalisierung barg ihm zu große Risiken; er hätte sie lieber verhindert. Ein geplantes Fünf-Sterne-Hotel am Kurplatz, politisch von Hannover gewollt und als Anreiz noch mit einer möglichen Bonuszahlung versüßt, schien ihm wie ein millionenteures Luftschloss. Damit sprach er aus, was viele Norderneyer dachten. Im Jahr 2006 versuchte Salverius es noch einmal. Die SPD mochte ihn nicht aufstellen, also trat er als Parteiloser zur Bürgermeisterwahl an. Mit seinem Programm - den Kurdirektor und seine Qualitätsoffensive zu stoppen - gewann er hoch.

Er sitzt mit dem Rücken zur Fensterfront, spricht mit norddeutschem Akzent und trockenem Humor, auch über seine Kehrtwende. Denn bevor Salverius nur eines seiner Wahlversprechen einlösen konnte, holte ihn die Realität ein. Das Fünf-Sterne-Hotel stand kurz vor dem offiziellen Baubeginn vor dem Aus. Der Investor hatte alle auf offenen Rechnungen sitzenlassen und sich dann abgesetzt. Das hatte Auswirkungen auf die Planungen für das alte Conversationshaus und den Kurplatz und damit auf bewilligte EU-Fördergelder. Nach kurzem Aktenstudium war ihm klar, dass er seine politischen Anliegen erst einmal zurückstellen musste.

Sie hatten ein Jahr Zeit für den Umbau des Conversationshauses, sollten die EU-Mittel nicht verfallen. Bislang gab es aber gerade mal Skizzen dafür. Wer wäre in der Lage, ein Millionenprojekt innerhalb so kurzer Zeit zu stemmen? Dem einberufenen Krisenstab fiel nur ein Team für diese Aufgabe ein - das Architekturbüro Brune, das schon das Badehaus gebaut hatte und wie kaum jemand sonst die Qualitätsoffensive verkörperte. Sie standen für das, was er bekämpft hatte.

Salverius konnte sich zwischen Volkszorn und Geldverschwendung entscheiden: Entweder brach er sein Wahlversprechen und führte die Qualitätsoffensive weiter. Oder er verzichtete aus persönlicher Befindlichkeit auf viel Geld. "Wenn die Faktenlage so ist, kann man sich einer Sache nicht verschließen", sagt er. Analysieren ist seine Stärke. Er kann, das sagen andere über ihn, alte Rivalitäten begraben, wenn die Situation es erfordert. Sie erforderte es. Der Bürgermeister bat die Architekten um Hilfe.

Sie arbeiteten gut zusammen, mit jedem Monat wuchs das Vertrauen. Der ehemalige Kritiker wurde Teil der Bewegung. Mit jedem Monat sah man auch anderswo Veränderungen auf der Insel. Private Gastronomen und Kaufleute investierten ihrerseits Millionen in die Verschönerung ihrer Gebäude - die Qualitätsoffensive ging auf.

Als das Conversationshaus 2008 eröffnet wurde und mit ihm auch der Kurplatz in seiner jetzigen Form, waren alle stolz. "Das Haus nimmt am öffentlichen Leben teil, und darüber freue ich mich", sagt Salverius. Für einen Friesen ist das ein ziemlich großes Lob. Der neue Bürgermeister hat es geschafft, die Menschen zu versöhnen.

Salverius steht auf und holt einen Ordner aus dem Privatarchiv seines Vaters. Seine feinen Hände blättern routiniert durch Hunderte von Seiten, bleiben an skurrilen Briefen hängen. Es sind Informationen zum Haus der Insel, einem überdimensionierten Tagungszentrum, das unter seinem Vater erbaut worden ist. Der Sohn will es abreißen. Es ist viel zu groß, zu hässlich, verschlingt unendlich viel Geld und passt nicht mehr zum neuen Stil. Salverius ist angekommen in einem Amt, in dem die Baustellen nicht ausgehen. Da ist er sich - wie mittlerweile in so vielen Dingen - mit dem Kurdirektor einig.

Doch erst einmal müssen andere aufholen. Die Hoteliers der Nachbarinsel, die Norderney im Winter besuchten, überschlugen sich in ihrem Lokalblatt mit Lob für die Konkurrenz und sehen ihre eigene Zukunft schon vorbeisegeln. Für ihr Eiland fanden sie harsche Worte: "Daher brauchen wir die Entschlossenheit einiger weniger, aber die Unterstützung aller für eine bessere Zukunft unserer Insel." Es scheint, als käme wieder Sturm auf an der Nordsee. Nur diesmal an anderer Stelle. -

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