Ausgabe 09/2010 - Schwerpunkt Nachfolge

Die Scherz-DNS

- Florian Bergers Unternehmen Donkey Products hat sich auf Dinge spezialisiert, die die Welt nicht braucht. Zum Beispiel Teebeutel, an denen Pappschildchen mit Gesichtern der britischen Königsfamilie hängen. Seife in der Gestalt rosaroter Pistolen. Por-zellan-Salzstreuer mit einem schwungvollen Schriftzug in Gold: Cocaine. Gehäkelte Kettensägen oder Schlagbohrmaschinen. "Geschenkartikel gibt es unendlich viele", sagt er, "aber unsere Kombination aus Humor und Design, das macht kaum einer."

Der 38-jährige Betriebswirt kauft nicht einfach auf Messen in Fernost billig ein, sondern vertreibt selbst entwickelte und in seinem Auftrag gefertigte Produkte. Er versucht, Donkey als Marke zu etablieren. Keine drei Jahre nach der Gründung steuert seine Firma nach eigenen Angaben auf einen Jahresumsatz von knapp zwei Millionen Euro zu, seit einem Jahr schreibt Berger operativ schwarze Zahlen. Knapp die Hälfte des Umsatzes macht er im Ausland. Seine Artikel liegen in hippen Museumsshops vom Centre Pompidou in Paris bis zur Saatchi Gallery in London.

Donkey Products hat er Anfang 2008 gegründet, aber die Vorgeschichte reicht wesentlich länger zurück. Weil schon sein Vater Michael Berger ein Unternehmen für Scherz- und Geschenkartikel hatte (Harlekin), ist Florian Berger damit aufgewachsen. Und auch seine Großmutter beglückte die Welt mit Schabernack. 1957 gründete Eva-Maria Berger ihr Unternehmen (Berger Geschenke), das sie bis zu ihrem Tod vor 13 Jahren stoisch weiterführte. Die Produkte: Kaffeefilter-Halter, Kochlöffel mit Mütze, Tassen, auf denen steht, was rein soll (Kräutertee). "Meine Großmutter war auch die Erste, die Klopapier bedruckt hat, zum Beispiel mit Dollarzeichen und Kreuzworträtseln."

Wie sich am stillen Örtchen Geld verdienen lässt, wusste auch der Vater. Michael Bergers erfolgreichstes Produkt ist ein Toiletten-Gästebuch, das er 340 000-mal verkauft hat. Er selbst sagt: "Es gibt ja kein Volk, das auf dem Klo so gestört ist wie wir. Das ist der Ort, wo man loslassen und Platz für Neues schaffen kann." Wenn das keine Produktphilosophie für toilettennahe Scherzartikel ist.

Um das Geschäft mit den humorigen Geschenkartikeln weiterzutreiben, bauten Großmutter, Vater und Sohn Berger in jeder Generation ein eigenes Unternehmen auf. In der ersten Generation ging es kunsthandwerklich gemütlich zu. Harlekin, die 1969 gegründete Firma von Michael Berger, setzte auf rustikalen Witz - von der Ostfriesentasse mit dem Henkel innen bis zu verfremdeten Firmenlogos. Mit dem Prozess um den Lusthansa-Aufkleber, der zwei im Geschlechtsakt innig verbundene Kraniche zeigte, kam Harlekin sogar in die Tagesschau.

Michael Bergers Scherzartikel fielen nicht durch Feinsinn und Geschmack auf - doch das gefiel den Leuten. Fünf Jahre nach der Gründung konnte er sich als Firmensitz in Wiesbaden ein Pfarrhaus samt Kirche kaufen, die er zu einem Museum des Humors umfunktionierte. Die beste Zeit für Harlekin, sagt er heute, waren die siebziger und achtziger Jahre.

Der Humor seines Sohnes ist trockener und weniger brachial. Das Design der Produkte wirkt kühler, moderner. Nichts ist offenbar so zeitgeistabhängig wie Humor-Ware. Einige Produkte aus dem Harlekin-Katalog hat Florian Berger trotzdem in sein Programm aufgenommen, etwa eine Porzellan-Hand mit sechs ausgestreckten Fingern oder einen Kugelschreiber mit eingebautem Spickzettel. "Aber das läuft bei uns nicht besonders gut. Viele Harlekin-Produkte sind zwar gut und schön, aber das kann man heute so nicht mehr verkaufen." Sätze, die sein Vater vermutlich nicht gern hört. "Mein Vater hat das Konzept meiner Großmutter in die Moderne übertragen - und genau das Gleiche mache ich jetzt wieder", so Florian Berger.

"Ich bin der Spinner in der Familie"

Fragt man Michael Berger, weshalb er sich mit Harlekin überhaupt selbstständig gemacht hat, nachdem er mehrere Jahre im Unternehmen seiner Mutter mitgearbeitet hatte, kommt die Antwort: "Ich wollte etwas Eigenes machen. Ich bin der Spinner in der Familie." Die Option, irgendwann das Geschäft seiner Mutter zu übernehmen, stand offenbar nie zur Debatte. Von seinen Kindern erwartete er eine ähnliche Selbstständigkeit.

Der Traum vieler Mittelständler (und manchmal der Albtraum ihrer Kinder), die Tochter oder der Sohn möge den Betrieb übernehmen, war für Michael Berger kein Thema. Als er vor zehn Jahren nicht mehr wollte, hat er Harlekin bei einem Jahresumsatz von drei Millionen Mark und stabilen schwarzen Zahlen einfach einschlafen lassen. Der letzte Katalog ("Mit Freude Nichts schenken") war fröhlicher Nihilismus: lauter Produkte mit der Beschriftung "Nichts" - zum Beispiel leere Gläser. "Ich wollte die Welt nicht weiter zumüllen", sagt er. Und weil sein Laden schuldenfrei und überschaubar war, konnte er ihn entspannt dichtmachen. Berger: "Irgendwann geht es im Leben mehr um Sein als um Haben." Ein freier Mann, der weder sich selbst noch seinen Sohn in eine Unter-nehmer-Dynastie drängen wollte.

In der Firma des Vaters hat der Sohn nur gelegentlich ausgeholfen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre, arbeitete für eine Sprachenschule in den USA und gründete mit einem Jugendfreund vor zehn Jahren in Hamburg eine Werbeagentur. "Ich wollte unabhängig sein." Das wichtigste Startkapital hat er von den Eltern geerbt: einen gewissen Eigensinn, die Unlust zur Angestelltenexistenz und das nötige Selbstbewusstsein, sich selbstständig zu machen. Im September 2007 verkaufte er seine Anteile an der Agentur an seinen Partner. Das war das Startkapital für Donkey Products. Von der stillgelegten Firma des Vaters übernimmt er einige Produkte, die typische Kombination von Design und Humor und einige Kontakte, etwa zu einem Agenten, der ihn mit Herstellern in Asien zusammenbringt.

Talent, mit skurrilen Produkten Geld zu verdienen, zeigte Berger schon vor seiner Firmengründung: Er brachte einen altmodischen Telefonhörer auf den Markt, der sich ans Handy anschließen lässt, und verkaufte davon 35 000 Stück. "Das Auge zu entwickeln, Alltagsgegenstände anders zu sehen, Dinge in einen anderen, überraschenden Kontext zu rücken - das habe ich sicher von meinen Eltern. Diese frühe Prägung steckt in der DNS von Donkey", sagt er. "Meine Eltern und die Großmutter haben mich immer bei ihren Flohmarkt- und Museumsbesuchen mitgenommen, in New York, Amsterdam, London oder Kopenhagen. Es ging immer darum, Kunst zu sehen, zu shoppen und Ideen zu sammeln." Arbeit, private Ticks und Spaß sind da schwer auseinanderzuhalten.

Bergers Eltern und seine Großmutter waren manische Sammler. Sobald Harlekin genug Geld abwarf, fing Michael Berger an, neben Micky-Maus-Heften, Emaille-Schildern und Coca-Cola-Produkten auch systematisch Kunst zu sammeln. Und zwar die radikalste, aber auch komischste Kunst dieser Jahre: Fluxus. Zum Beispiel Arbeiten von Joseph Beuys und Nam June Paik. Der Südkoreaner, einer der Erfinder der Videokunst, saß oft bei den Bergers im Wohnzimmer.

Das hatte Folgen, vor allem für Florians Bruder Tobias: Er studierte Kunstgeschichte und ist heute Kurator am Nam June Paik Art Center in Südkorea. Florian Berger: "Wir sind mit Nam June Paik aufgewachsen. Er hat in Wiesbaden gewohnt, er ist dann immer zu uns gekommen. Wir haben ihn später in New York besucht. Ich weiß noch, wie er völlig fasziniert MTV geschaut hat, als wäre das die Fortsetzung seiner Videoinstallationen. Paik hatte eine unglaubliche Aura und war einfach sehr witzig."

Für seinen Vater, den Paik-Fan und Fluxus-Sammler, waren die Grenzen zwischen den Scherzartikeln und der Kunst fließend. Noch heute klebt er selbst entworfene Fluxus-Briefmarken auf seine Briefe. Die Kunst- und Sammelleidenschaft liegt in der Familie. Florians Großmutter, die Erfinderin des launig bedruckten Klopapiers, eröffnete mit 84 Jahren in Amorbach ein eigenes Museum: hochkarätige moderne Kunst von Rebecca Horn bis Yves Klein und Roy Lichtenstein neben einer riesigen Sammlung der Alltagskultur - zum Beispiel unzählige Puppen und 2467 "humorvolle Teekannen aus aller Welt". Dort ist alles Kunst; die alte Dame hat auf ihre Weise Ernst gemacht mit Joseph Beuys berühmtem "erweitertem Kunstbegriff". Als sie 1997 starb, hat Michael Berger das Museum übernommen und in "Mutter" umbenannt.

Gesunde Konkurrenz unter Humoristen

Das klingt harmonisch, als wäre für die Humor-Händler alles lustig. Stimmt natürlich nicht. Die unvermeidlichen Eifersüchteleien, die Komplikationen, wenn Vater und Sohn in der gleichen Branche tätig sind, kennen auch die Bergers. "Natürlich wollte mein Vater immer, dass sein Unternehmen erfolgreicher ist als das seiner Mutter", erzählt der Sohn gut gelaunt. Dass er selbst ähnlich tickt, muss er gar nicht erst hinzufügen.

Er redet freundlich über seinen Vater, aber dass der Alte auch ein harter Knochen sein konnte, klingt schon durch. "Die Firma war immer Mittelpunkt des Familienlebens. Wir wurden eigentlich immer dazu erzogen, da mitzuhelfen. Leistung war wichtig. Mein Bruder und ich sind durch eine harte Schule gegangen. In seinen Werten ist mein Vater ein konservativer Mensch." Michael Berger seinerseits sagt zu diesem Thema: "Wer seine Kinder verwöhnt, zerstört sie."

Vor drei Jahren hat es noch mal gekracht zwischen den beiden. Der Junior wollte für seine Firmengründung die Harlekin-Reste nutzen: Name, Lager, Geschäftsräume. "Die Hoffnung war, dass das ein etwas wärmerer Start wird, als bei null anzufangen. Am Anfang war bei meinem Vater die Bereitschaft dazu da. Ich wäre nach Wiesbaden gezogen. Aber je konkreter es wurde, desto geringer wurde die Bereitschaft meines Vaters, sich darauf einzulassen. Irgendwann war klar, dass das nicht geht", erinnert er sich. "Mein Vater wollte nicht, dass da jemand sitzt und seine Firma fortführt und er schaut zu."

Für Florian Berger bedeutete das: Stress und jede Menge zusätzliche Lauferei, um seine eigene Firma zu gründen, die auf Deutsch Esel heißt. Trotzdem sei das, im Rückblick, genau die richtige Entscheidung gewesen, statt das Unternehmen des Vaters zu reanimieren. "Ich wäre, auch wenn mir die Firma alleine gehörte, nicht völlig unabhängig, wenn ich im alten Gebäude und mit dem alten Namen arbeitete. Aber für das, was wir tun, ist Unabhängigkeit und die Freiheit im Kopf notwendig", so sein Schluss. Außerdem: "In Hamburg habe ich das nötige kreative Umfeld. In Wiesbaden wäre ich nicht so schnell dahin gekommen, wo ich jetzt bin. Ich hätte viel länger gebraucht, um zu verstehen, dass die alten Dinger nicht funktionieren."

Jetzt schaut der Senior aus der Ferne entspannt zu, und der Junior wirft eine Humor-Kollektion nach der anderen auf den Markt. -

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