Ausgabe 09/2010 - Schwerpunkt Nachfolge

Alles auf Käse

- Wenn sie auf der kleinen Terrasse hinter dem Hühnerstall sitzt, in aller Ruhe Kaffee trinkt und den Blick auf den Garten genießt, wenn Tinka, ihr Jack-Russell-Terrier, um sie herumspringt, dann weiß Ulrike Fehling, dass sie alles richtig gemacht hat. Dass sie stolz sein kann auf das, was sie aufgebaut hat. Dank ihres Durchhaltevermögens und ihrer Courage.

Am Anfang, mit 25, war sie naiv. Sie hatte sich an der landwirtschaftlichen Fachschule in Celle überzeugen lassen von ihrem Lehrer, mit dem sie alles durchgerechnet und auf dessen Kompetenz sie sich verlassen hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Arbeit und Sorgen auf sie warteten. Sie wollte einfach nur den Hof, auf dem sie aufgewachsen war, vor dem Aus und der kompletten Verpachtung an Fremde bewahren. Sie musste nur noch ihre Eltern, zumal ihren Vater, gewinnen. Sie wollte den Hof umkrempeln, den Ackerbau aufgeben und die Viehwirtschaft verkleinern. Für eine Käserei. Ulrike Fehling beschloss vor 15 Jahren, den Hof ihrer Eltern zu pachten.

Sie hatte während der Lehre ihren heutigen Mann, Andreas Fehling, kennengelernt. Der Elektrotechniker, der in Hamburg arbeitet, zog zu ihr auf den Hof nach Fahrenholz, einem kleinen Ort in der niedersächsischen Samtgemeinde Elbmarschen. Sie heirateten, bauten das Obergeschoss des Wohnhauses für sich und die geplanten Kinder aus. Und in den alten Kälberstall kam eine Käserei. "Ich dachte, ich könnte alles auf einmal machen. Den Hof pachten, heiraten, Kinder kriegen, die Wohnung ausbauen und die Käserei bauen und bewirtschaften", sagt die Bäuerin. Dabei hatte sie nie zuvor Käse gemacht.

Jeden Morgen um fünf klingelt ihr Wecker. Dann holt sie die Kühe zum Melken von der Weide. Um halb acht gehen die beiden Töchter zur Schule. Fehling bespricht mit ihrer Mutter, welche Kräuter gekauft werden müssen, was es zum Mittagessen geben und was noch erledigt werden soll. Um acht kommen ihre Mitarbeiterinnen. Die eine fährt Käse aus, die andere hilft in der Käseküche, wäscht ab und arbeitet ihr zu, während sie Käse macht. Bis mittags. Dann wird gegessen, sie verbringt ein bisschen Zeit mit den Kindern, nachmittags schmeißt sie den Haushalt, telefoniert mit Kunden. "Es gibt immer etwas zu tun", sagt sie. "Den Kälberstall ausmisten, Weidezäune umsetzen, Kunden auf dem Hof, die quatschen und Käse probieren wollen." Abends um sieben werden die Kühe ein zweites Mal gemolken, dann kommt ihr Mann von der Arbeit nach Hause. "Es ist ein Vollzeitjob", sagt sie. "Und man muss aufpassen, dass man Mensch bleibt." Einmal im Jahr schaffen sie es für eine Woche in den Urlaub, und sonntags machen sie mal einen Ausflug an die Ostsee. Dann übernimmt ihre Mutter oder die Tante das Melken; die Milch wird abgeholt.

Auf dem Hof, der seit 1664 von der Familie ihres Vaters bewirtschaftet wird, hilft jeder mit. Ihre Mutter beim Melken und im Haushalt, die Tante, leicht behindert, macht die Wäsche. Selbst ihr Vater, der 1977 vom Heuboden fiel, sich einen Schädelbasisbruch zuzog, vier Wochen im Koma lag und seither halbseitig gelähmt ist, unterstützt seine Tochter auch noch mit 73 Jahren, so gut es geht. Er hat sich damit abgefunden, dass sie aus dem kleinen Hof mit 35 Kühen und 75 Hektar Ackerland die Landkäserei Fehling mit nur 13 Kühen und etwas Weideland gemacht hat; hat akzeptiert, dass sie es anfangs ablehnte, die Kälber großzuziehen, und dass sie den Ackerbau komplett einstellte, weil es für sie allein zu viel war. "Ein richtiger Bauer hat auch einen richtigen Misthaufen", fand er immer. Und es kam öfter vor, dass sich die beiden in die Wolle kriegten, weil er der alten Zeit nachtrauerte und die wirtschaftliche Notwendigkeit zu Veränderungen nicht immer einsehen wollte.

Dabei ging es ihr doch um den Hof und die Familie. Nicht dass sie sich verpflichtet gefühlt hätte, aber sie konnte nicht akzeptieren, dass ihre lange Tradition enden sollte. "Wenn ein Klempner in der Stadt seine Werkstatt aufgibt und einen Nachfolger sucht, dann ist das etwas anderes", sagt sie. "Es ist meinem Vater schwergefallen, alles aus der Hand zu geben." Martin Junge, dem die harte Arbeit anzusehen ist, möchte das nicht zugeben: "Veränderungen nimmt man hin. Es ist nicht so, dass ich den alten Zeiten nachweine", sagt er knurrig.

Wozu Pläne? Es kommt, wie es kommt

Tatsächlich waren die Eltern froh, dass ihre Tochter den Hof weiterführte. Sonst hätten sie aufgeben, verkaufen oder verpachten müssen. Allein vom Milch- und Getreideverkauf hätten sie nicht mehr leben können. Die Preise verfielen rasant. Der Maschinenpark hätte dringend und für viel Geld erneuert werden müssen. Im Kälberstall steht noch eine alte Silagemaschine, von Spinnweben überzogen.

Auch Ulrike Fehling ist froh, dass es so gekommen ist, dass sie allen Widrigkeiten und Mühen zum Trotz nicht gekniffen hat. Sie hätte es sich leicht machen und den Hof komplett verpachten können. Glücklich gemacht hätte es sie nicht, so ganz ohne Aufgabe. Sie hat lieber zu wenig Zeit als zu viel. Seit zwei Jahren zieht sie wieder Kälber auf, weil sie möchte, dass von der Geburt eines Kalbes bis zur Auslieferung des fertigen Käses alles auf dem Hof passiert. Sie denkt ständig darüber nach, was sie alles verbessern könnte, jetzt, da die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Irgendwann möchte sie nur noch die Wochenend- und die Ferienmilch an die Molkerei verkaufen und den Rest komplett für die Käseproduktion verwenden.

Im kleinen Hofladen, gegenüber dem mit Weinranken bewachsenen Wohnhaus, gibt es Wein, Honig, Eier und Käse, natürlich nur den aus eigener Herstellung. An der Wand hängt eine Urkunde vom "Feinschmecker": Sie wurde 2001 als einer der besten Käseproduzenten Deutschlands ausgezeichnet. "Es wäre schön, meinen ganzen Käse hier zu verkaufen, in einem richtig schönen Hofladen", sagt sie. "Ich weiß, ich mache ein super Produkt, aber ich bin zu sehr in die Produktion eingebunden. Ich habe zu wenig Zeit, mich um neue Kunden zu kümmern und Marketing zu machen." Büroarbeit ist nötig - sie ist ihr mehr als lästig. Arbeit am Computer überlässt sie gern ihrem Mann und den Töchtern. Kalkulieren? Geschäftspläne? Sie verlässt sich lieber auf die bäuerliche Erfahrung: Es kommt, wie es kommt.

Zwei-, dreimal im Monat führt sie Schulklassen oder Radtouristen über den Hof und durch die Käserei, lässt sie Käse aus dem 500-Liter-Pasteur in die Formen gießen und verkosten. Das ist nötig und macht ihr zugleich zu schaffen. Wenn sie Führungen macht, kann sie nicht käsen. Um den Laden auszubauen, müsste sie viel mehr Kunden anlocken. Das hätte aber viel Trubel zur Folge - zu viel für ihre Eltern. Deshalb verkauft sie den Großteil an andere Hofläden in der Umgebung - und verzichtet damit auf ein Drittel des Erlöses. Für ein Kilo Käse bekommt sie 14 Euro, ein ganzer Schnittkäse kostet 50 Euro. Im Jahr könnte sie aus den 100 000 Litern Milch ihrer 13 Kühe rund 10 000 Kilo Schnittkäse produzieren. Das schafft sie aber nie. Die Hälfte der Milch geht an die Molkerei. "Über das Jahr mache ich keine Verluste", sagt sie, "aber es bleibt auch nicht allzu viel hängen."

Um überhaupt anfangen zu können, hatte sie vor 15 Jahren 100 000 Mark Kredit aufgenommen, den sie immer noch abträgt. Zu Anfang, sagt sie, hätte sie es ohne das Einkommen ihres Mannes nicht geschafft. Geholfen haben Zuschüsse und Subventionen, die sie etwa dafür bekommt, dass sie ihr Weideland natürlich wachsen lässt. "Das ist zwar nur Kleinkram, aber ich versuche alles mitzunehmen", sagt sie.

Ihre Eltern beziehen Rente und wollen ihrer Tochter nicht zur Last fallen. "Wir standen manchen Ideen schon skeptisch gegenüber und waren lange Zeit der Meinung, dass es für Ulrike zu schwer wird, den Hof zu übernehmen", sagt Ursula Junge, 63, die Mutter, die in ihrer bestickten blauen Schürze dem traditionellen Bild einer Bäuerin entspricht. "Ihr fiel es vielleicht sogar schwerer als uns, zu sehen, dass der Hof nicht mehr weiterläuft."

Der Gedanke, aufzugeben und von dem zu leben, was die Verpachtung des Hofes einbringt, ist Ulrike Fehling nicht fremd. Er kommt ihr zum Beispiel, wenn mal wieder eine ganze Partie Camembert von Fremdschimmel befallen ist, weil sie für einen Moment nicht aufgepasst hat oder nicht gründlich genug war. Vor wenigen Tagen erst sei das wieder passiert, sagt sie. Eine Mitarbeiterin hatte den Käse nicht richtig abgewaschen, das Wasser war zu kalt. Wenn sie das erzählt, wenn der Ärger wieder aufsteigt und das Lächeln aus dem freundlichen runden Gesicht weicht, ist der Ehrgeiz zu spüren, der sie antreibt.

Mitarbeiterinnen hat sie schon lange, doch die wichtigsten Prozesse der Käseproduktion mag sie nicht abgeben. Sie ist die Einzige auf dem Hof, die das nötige Händchen dafür hat, wann der Käse die richtige Konsistenz besitzt, wie lange er trocknen, wann er gewendet, gesalzen und bei welcher Temperatur er abgewaschen werden muss. Sie hat sich alles selbst beigebracht, nach zwei Wochenendkursen. Nun produziert sie Frischkäse, Weichkäse, Schnittkäse und Camembert, mit Schnittlauch, Pfeffer oder Paprika, mit Kräutern oder in Öl eingelegt, ganz nach den Wünschen der Kunden.

Und sie weiß jetzt: Mit dem Käse hat der Hof eine Zukunft bekommen. Naivität und Courage sind belohnt worden. Doch häufig läuft die Übergabe komplizierter ab als auf dem kleinen Hof in Fahrenholz. Vielen Altenteilern fällt das Loslassen schwer, und sie versteifen sich nicht selten auf den Satz: "Ich übergebe den Hof erst mit kalter Hand." Das hat Konsequenzen. Ist es eines Tages unvermeidlich geworden, fehlt den jungen Bauern jemand, der ihnen mit seiner Erfahrung beisteht. Auch Ursula Junge gibt zu, dass es nicht leicht war: "Wenn man so lange mit der Verantwortung gelebt hat, lebt man damit auch weiter." Doch die endgültige Übergabe ist jetzt nur noch Formsache. Eine Behördenangelegenheit, die sich seit anderthalb Jahren hinzieht. Es gibt einen Formvertrag, der den Wünschen der Familie angepasst wird. Eltern und Tante bekommen ein lebenslanges Wohnrecht; es wird genau festgelegt, welche Teile des Gartens von den Eltern genutzt und bepflanzt werden dürfen, solche Fragen. Eigentlich ändert sich nichts. Außer, dass Ulrike Fehling im Grundbuch stehen wird und endgültig Besitzerin des Hofes ist.

Dadurch könnte es leichter für sie werden mit einem neuen Kredit bei der Bank, wenn es mal hart auf hart kommt. "Man wird dadurch nicht zum Triple-A, aber man wird hochgerated", sagt ihr Mann Andreas. Was seine Frau aber jetzt schon beschäftigt, ist die Frage, was im Alter auf sie zukommt. Ob ihre Töchter den Hof übernehmen werden? "Bisher sehe ich nicht, dass es weitergeht", sagt sie. "Die können zwar melken, interessieren sich aber für andere Sachen." Doch bis es so weit ist, hat Ulrike Fehling genügend Zeit, an ihren Träumen zu arbeiten.

Die Bäuerin weiß, dass sie mit ihren Problemen gegenwärtig noch eine von vielen ist. "Nachwuchs gibt es noch genug", das bestätigt Peter Pascher, Statistikbeauftragter beim Deutschen Bauernverband. "Schätzungsweise rund 12 000 landwirtschaftliche Betriebe pro Jahr werden in Deutschland von Familienmitgliedern übernommen. Und es kommt vermehrt vor, dass die Nachfolger den Hof nicht zu den bestehenden Bedingungen übernehmen." Die das Geschäftsmodell verändern, damit es überhaupt eine Zukunft hat, so wie bei Ulrike Fehling.

Doch der Trend ist eindeutig: Von 2007 bis 2009 sank die Zahl der Höfe in Deutschland von 375 000 auf 360 000. Geht es so weiter, wird sich der Bestand alle 20 Jahre halbieren. -

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