Ausgabe 12/2010 - Schwerpunkt Familie

Family-Business

brand eins: Lange Jahre galt die Regel: Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps. Dienst, das ist die Arbeitswelt und das öffentliche Leben. Schnaps ist das Private. Neuerdings aber wird die Familie in der Gesellschaft, aber auch in der Wirtschaft als Chance zur Neuorientierung betrachtet. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Nassehi?

Armin Nassehi: Wir können uns das ganz nüchtern ansehen. Der ökonomische Status eines Menschen in dieser Gesellschaft hängt zu einem erheblichen Teil von seiner Familienmitgliedschaft ab. Ehepaare werden gemeinsam beim Finanzamt veranlagt; Leute, die Arbeitslosengeld I I bekommen, müssen füreinander aufkommen; wer seine Schulden nicht bezahlen kann, für den werden Familienmitglieder zur Kasse gebeten und so weiter. Die Familie ist ein mächtiger wirtschaftlicher Faktor. Warum? Weil der Staat davon ausgeht, dass Familien Räume sind, in denen ein gegenseitiges Füreinander-Einstehen erwartet werden kann. Das gilt nicht nur für den Staat, sondern für alle Gläubiger: Wenn ein Einzelner Schulden macht, ist das unsicherer, als wenn eine Gemeinschaft das tut. Familien halten zusammen. Das ist ein idealer Kreditschutz.

Der Satz "Die Familie bringt Sicherheit" gilt also vor allem für die, die mit der Familie Geschäfte machen - den Staat beispielsweise. Sind Familien wirklich so zuverlässig?

Ja. Hegel hat mal gesagt, die Familie sei eine Person, die Einzelnen gehen darin unter. Übersetzt ins System bedeutet das, dass Familie etwas Kontinuierliches ist, langfristiger angelegt als der Rest der Gesellschaft. Familien sind als lebenslange Gemeinschaften angelegt, und sie wirken selbst nach dem Tod ihrer einzelnen Mitglieder noch weiter. Das ist jedenfalls das alte bürgerliche Familienbild: Da ist der Staat, eine sich ändernde und immer ein wenig unzuverlässige Gesellschaft, und hier die Familie - der Fels in der Brandung, der bleibt. Aus Sicht des Staates ist das natürlich auch sehr interessant. Auf die Familie ist ökonomisch Verlass.

Nur - stimmt das auch?

Es herrscht Diskontinuität, überall, auch in den Familien. Denken Sie an die Scheidungsraten, an das, was man Patchwork-Familien nennt. Denken Sie daran, was nach dem Auseinanderbrechen einer Lebensgemeinschaft im Hinblick auf die Altersversorgung passiert. Wer hat für wen einzustehen? Das ist ganz schön unübersichtlich. Die Familien sind nicht mehr der Fels in der Brandung, so stabil, wie sie das einmal waren.

Andererseits: Das Modell Familie verschwindet nicht, es verändert sich. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Jugendliche das Thema geglücktes Familienleben ganz oben auf ihrer Agenda haben. Wichtig ist den jungen Leuten, einen Partner zu finden, Kinder zu kriegen - und das sind natürlich Dinge, für die man Dauerhaftigkeit braucht. Das Bild, als normativer Zielpunkt, besteht nach wie vor.

In der Sprache der 68er ist das Spießertum. Warum sind solche Bilder für Jugendliche attraktiv?

Das waren nicht erst die 68er, die die Familie in Zweifel gezogen haben. Alle sozialutopischen Ideen - von rechts bis links - haben ein Problem mit der Familie, weil sie sie als natürliches Gegenmodell zur Gesellschaft verstehen. Wer die Gesellschaft verändern will, der muss die Leute in die Gesellschaft holen - und das heißt immer: raus aus der Familie. Diese Leute sind stark daran interessiert, dass zum Beispiel Kinder in Schulen und Gruppen reinkommen, die der Staat organisiert und kontrolliert.

Die Familie soll ihre Macht nicht ausüben können. Und diese Zweifel sind wirklich nicht immer unbegründet. Denken Sie an die Diskussionen, die heute im Zusammenhang mit Unterschichten und Migrationsproblemen geführt werden. Das entspringt auch Zweifeln und dem Verdacht gegenüber den Familien. Das Beste, was man für Kinder manchmal tun kann, ist, sie aus diesen Familien rauszuholen und früh in Kindergärten und Ganztagsschulen zu stecken.

Wer kann, entzieht auf der anderen Seite dem Staat die Kinder und schickt sie auf Privatschulen.

Ja, weil diese Eltern wissen, dass die Kinder umso autonomer und freier sein werden, je mehr Bildung sie haben. Da liegt es an der Familie, dass aus der nächsten Generation was wird. Genau andersherum geht das in den bildungsfernen Schichten. Da ist die Familie ein Hinderungsgrund. Aber unsere Politik tut so, als ob alles gleich wäre. Da ist die Familie immer noch die Institution, in der den Menschen beigebracht wird, fleißig zu sein, zu arbeiten, zu lernen, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Da ist die Familie die Einheit, in der der Wille zum sozialen Aufstieg festgelegt wird. In vielen Familien aber gibt es keine Hoffnung mehr, dass das möglich ist. Ihre Familien vermitteln keine Kompetenzen mehr. In diesen Familien werden keine Motive produziert, warum man aufsteigen sollte.

Wer soll diese Motive sonst erzeugen? Staat und Politik traut doch beim besten Willen keiner mehr die Lösung der Aufgabe zu. Bleibt da - außer Selbsthilfe - mehr als Resignation?

Ich würde das nicht so generalisieren. Der Staat ist die Agentur, die diese Aufgaben übernommen hat; dass er sie nicht angemessen erfüllt, ist eine andere Sache. Das Problem liegt darin, dass der Staat versucht, ständig Lösungen zu produzieren, fix und fertig, und das klappt nie. Das ging vielleicht früher mal - aber auch nicht gut. Heute geht es darum, zwischen den einzelnen Interessengruppen zu moderieren, also eine Rolle einzunehmen, bei der es gilt, zwischen verschiedenen Lösungsvorstellungen zu vermitteln. Doch genau das kann der Staat nicht. Er will Organisator sein, nicht Moderator. Und das geht schief. Dabei brauchen wir heute statt eines paternalistischen oder allwissenden Staatsmodells ein Modell des moderierenden Staates.

In den bürgerlichen Schichten wächst das Misstrauen gegen den Staat sehr, sehr stark. Das können Sie an Stuttgart 21 beobachten. Da wird in feinem Zwirn demonstriert. Warum? Weil der Staat nicht mehr in der Lage ist, den Bürger als Bürger anzusprechen, ihn einzubinden, ihn auch zum Entscheider zu machen. Es ist Ohnmacht, die da die Dinge antreibt, und dann kommt die Wut: Der Staat nimmt uns nicht ernst, er respektiert uns nicht. Zur bürgerlichen Familie hat es ja immer gehört, dass man diese protestantische Fähigkeit hat, sein Leben selbst zu führen und aufsteigen zu können.

Nimmt die Wirtschaft die Familie ernst? Immerhin tut sie eine Menge dafür, dass Mütter und Väter arbeiten können. Es gibt Be-triebs-Kitas, Mutterschutz, flexible Arbeitszeiten, Eltern werden vielerorts eindeutig bevorzugt. Das kostet eine Menge. Sollen die Unternehmen alles wuppen, was Staat, Gesellschaft und Einzelne nicht hinkriegen?

Das ist hier nicht die Frage. Es kostet Geld, aber es bringt auch was. Wir gehen auf einen massiven Fachkräftemangel zu, und vielfach haben wir heute schon kaum mehr Leute, die qualifiziert einen Job machen können. So gesehen ist die familienfreundliche Politik der Unternehmen ein Investment.

Aber in der Praxis spielt dieser Aspekt doch kaum eine Rolle: Da geht es um Ansprüche - um das Recht auf Familie, Kuscheln und ein gutes, sicheres Gehalt.

Sie übertreiben - in Wahrheit ist es so, dass viele gut ausgebildete Frauen in Deutschland eben keine Kinder kriegen, weil sie den Widerspruch zum Berufsalltag sehen. Frankreich ist in vielerlei Hinsicht ein Land, das unserem ähnelt - auch in der enormen Trägheit, der mangelhaften Bereitschaft, sich zu verändern. Aber eines haben die Franzosen uns voraus: Die Geburtenquote von gut ausgebildeten Frauen ist hoch. Warum? Weil es in Frankreich normal ist, dass eine Frau mit guter Ausbildung arbeitet und Kinder hat. Das ist eine Frage der Normen, der Kultur. Und das liegt auch am weniger romantischen Mutter- und Familienbild, das die Franzosen haben. Das lässt sich politisch nicht verordnen.

Aber nochmals: Ist denn die Zielvorstellung Familie so wünschenswert? Sollten Menschen nicht auch ohne Familie leben können, wie sie es für richtig halten? Ohne all die Verpflichtungen, die einem die bucklige Verwandtschaft auferlegt?

Aber natürlich. Das ist ein wichtiger und legitimer Teil unserer Gesellschaft. Das Paradoxe ist ja: Die meisten Menschen wollen ihr freies, selbstständiges Leben führen, aber sie wollen auch Familie.

Weil sie sich nicht entscheiden können und alles wollen?

Aber nein. Das zeigt doch nur, wie realistisch die Leute sind, ganz im Gegensatz zur Politik, die mal den Staat, mal die alte Familie verherrlicht. Wir haben doch längst ganz andere Verhältnisse. Sehen Sie: Interessant ist eigentlich nur, wie man eine Familie logistisch organisiert, das heißt die Einzelinteressen aller ihrer Mitglieder so managt, dass es noch zusammenpasst. Das ist eine Organisation wie ein Unternehmen, ganz klassisch sogar. Die Logistik ist eine echte Herausforderung: Da lebt ein Teil der Familie hier, der andere dort, es gibt unterschiedliche Arbeitszeiten, ein unterschiedliches Freizeitverhalten. Man braucht sehr viel Kommunikation und Organisation, weit mehr als früher, als die Dinge so klar schienen. Menschen, die in ihrem Beruf unternehmerisch und selbstständig handeln, müssen das nun auch in der Familie lernen.

Heißt das, die alten Widersprüche aus Familie und Gesellschaft lösen sich in einer Art sozialem Kleinunternehmertum auf? In einer neuen Form von Familienunternehmen?

Genau. Das ist das, worauf alles hinausläuft. Das ist allerdings immer noch sehr ungewohnt, da üben wir noch. Aber wir sind auf einem guten Weg. Da wird über neue Formen der Arbeitszeit und des Arbeitsortes nachgedacht - das ist gut. Anwesenheit am Arbeitsplatz ist nicht gleich Arbeit - diese einfache Weisheit setzt sich allmählich durch. Viel Zeit am Arbeitsplatz abzusitzen ist kein kreatives Maß für Arbeitsleistung, und das gilt auch umgekehrt für die Familienzeit. Nehmen Sie mal den Satz: Man muss viel Zeit mit den Kindern verbringen. Je länger Eltern und Kinder zusammenkleben, desto besser. Warum eigentlich? Weil wir glauben, dass Menge alles ist, Quantität bestimmt uns, nicht Qualität. Es geht heute einfach nicht mehr, dass alle ständig physisch an einem Ort sind. Das heißt doch aber nur, dass wir lernen müssen, dass wir unsere Beziehungen auch anders leben können. Und dass es viel wichtiger ist, eine gute Zeit mit der Familie zu haben statt möglichst viel Zeit. Das ist alles eine durchaus unternehmerische Perspektive. Mit knappen Ressourcen große Erfolge erzielen. Das ist das erste ökonomische Prinzip.

Sehen das die Leute so nüchtern, wenn es um Familie geht?

Es wäre gut, wenn sie es täten. Eine Politik der Gefühle nützt niemandem. In der neuen Familie geht es um schlichte Alltagsorganisation. Es gibt da den Witz, dass man heute eine Familie wie ein Unternehmen mit Zielvereinbarungen und Ressourcenlegitimation und all diesen Geschichten führen müsste. Ich verstehe nur nicht, warum das witzig sein soll. Da ist viel Wahres dran.

Die neuen Eckpunkte der Familie wären demnach Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Verträgt sich das mit familiären Abhängigkeiten?

Liberalismus heißt ja nicht, von anderen nicht abhängig zu sein. Es bedeutet, dass man die Möglichkeit hat, die Dinge selbst zu tun, und sie mit anderen koordiniert, die ihre Dinge selbst tun. Dafür ist die neue Familie, die nicht mehr aus Abhängigen besteht, sondern aus Menschen, die freiwillig zusammen sind und bleiben, gar kein schlechtes Vorbild. -

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist verheiratet und hat einen 15-jährigen Sohn. Zuletzt erschien von ihm: Mit dem Taxi durch die Gesellschaft - Soziologische Storys. Murmann, 2010; 224 Seiten; 19,90 Euro

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