Ausgabe 07/2009 - Schwerpunkt Stabilität

Der Unternehmer

-Die Visitenkarte liegt auf dem Schreibtisch. Neben Morten Lunds Füßen in Laufschuhen und einer Kreditkarte, auf der nicht der Name Morten Lund steht, sondern der eines Freundes. Der Freund steckt in privaten Problemen. Lund ist für eine Nacht aus Kopenhagen nach Berlin geflogen, um mit dem reichen Freund dessen Optionen durchzusprechen. "Warum gibt es keine Filme oder Bücher über glückliche Scheidungen?", fragt Lund. Er antwortet selbst: "Weil es keine gibt. Zumindest nicht, wenn Kinder im Spiel sind."

Er weiß, wovon er redet. Er hat eine Trennung hinter sich. Er sagt: "Ich hasse mich dafür, dass ich meinen Kindern nicht die gleiche Stabilität bieten kann, die ich immer hatte." Aber: "Mit mir kann kein Mensch zusammenleben. Wenn ich morgen nach Kairo will, fliege ich nach Kairo. Dafür muss es nicht einmal einen Grund geben." Das hat seine Frau wohl nicht mehr ausgehalten. Lund sagt: "Und trotzdem gibt es für alles Lösungen." Im Fall seiner Familie sind es zwei Häuser nebeneinander. Es gibt keinen Gartenzaun, über den die drei gemeinsamen Kinder steigen müssten. Und auch sein Inneres schirmt Morten Lund nicht ab. Er lädt jeden dazu ein, teilzuhaben an der geschäftlichen Achterbahnfahrt, die ihn in den vergangenen Monaten kräftig durcheinandergerüttelt hat. Totale Offenheit sei sein Weg, glaubwürdig zu bleiben, sagt er. In seinem Blog schrieb er kürzlich: "Ich fühle mich wie Superman, dem sein Kostüm geklaut wurde."

Das Hotelzimmer in Berlin ist gehobene Kategorie und geräumig. Aus eigener Tasche könnte sich der Skype-Mitbegründer, Serienunternehmer und Held der skandinavischen Start-up-Szene weder einen Billigflieger nach noch ein Billighotel in Berlin leisten. Das See- und Handelsgericht von Kopenhagen hat Lund im Januar in die Privatinsolvenz geschickt, nachdem sein zweijähriges Gratiszeitungs-Abenteuer namens "Nyhedsavisen" gescheitert ist. Haus, Auto und Designermöbel sind gepfändet. Der Insolvenzverwalter versucht gerade herauszufinden, wie viel die rund 80 Firmenbeteiligungen Lunds, verwaltet von "vier bis fünf" Holdings, noch wert sein könnten. Lund gibt auch hier die Antwort selbst. "Zurzeit nichts." Bei den Schulden herrscht weitgehende Klarheit. Es sind rund 45 Millionen Euro.

Wollte man ein Drehbuch über einen bankrotten Internet-Unternehmer in Zeiten der Finanzkrise schreiben, der versucht, wieder auf die Füße kommen - die Szene im Berliner Hotelzimmer würde vermutlich als zu klischeehaft verworfen. Im Macbook Air neben den Füßen in den Nike-Sneakers pingt alle 20 Sekunden eine E-Mail. Alle 20 Sekunden wandert der Blick ins Mail-Programm. Der Blackberry klingelt alle zehn Minuten, und bei jedem zweiten Anruf sagt Lund: "Sorry, da muss ich kurz ran." Der vierte Anruf ist von Lukasz Gadowski, dem Spreadshirt-Gründer, Superman der deutschen Gründerszene. Am Ende des Gesprächs sagt Lund: "Dude, ich muss vielleicht 100 000 Euro von dir leihen." Das scheint kein Problem zu sein. Zwischen den Telefonaten sagt Lund immer wieder Sätze wie: "Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt, etwas richtig Großes zu starten, als genau fucking jetzt! " Wenn ihm nur nicht die Hände gebunden wären. Oder: "Größter Erfolg bedeutet eben größtes fucking Risiko." Oder: "Ich werde nicht lange brauchen, um zurückzukommen. Auf keinen fucking Fall." Zwischenzeitlich twittert er noch eine Essenseinladung an seine Follower: "# Lunch at: Muret la barba in rosenthalerstr. 61, Berlin. StartupJoint Minds everyone wellcome. Pay urself." Auf seine Visitenkarten hat Morten Lund nicht nur seinen Namen drucken lassen, sondern auch das Programm, mit dem er sich aus dem Bankrottschlamassel befreien möchte: "no strategy - no plan - no weapons - no porn - no assholes".

Der Spielmacher

In Dänemark ist Morten Lund so bekannt wie hierzulande Lars Windhorst. Mindestens. Er hat nur einen deutlich besseren Ruf. Lunds Geschichte ist die eines cleveren Jungen aus der Mittelschicht, der es mit Gespür für Technik- und Marketing-Trends, großer Klappe, unbändiger Energie und harter Arbeit sehr weit gebracht hat. Er ist der Beweis dafür, dass amerikanische Erfolgsgeschichten auch in Dänemark geschrieben werden können. Sein Bankrott wurde - im Unterschied zu dem von Lars Windhorst nicht mit Hohn quittiert. Eher mit einem Schulterzucken und der Erwartung: Der steht bald wieder auf. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Morten Lund pleite ist. Hinter der wechselvollen Unternehmerbiografie scheint eine Kraft zu wirken, die trotz kaum steigerbaren Ausschlägen im betriebswirtschaftlichen Auf und Ab ein hohes Maß an Stabilität garantiert. Er selbst betont immer wieder, dass unternehmerischer Erfolg im Wesentlichen mit Glück zu tun habe. Richtiger Ort zur richtigen Zeit und so weiter. Einer seiner engsten Vertrauten sagt: "Ich habe in meinem Leben keinen besseren Netzwerker getroffen."

Morten Lund kennt jeden. Und er gibt jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Jedem Anrufer. Jedem Twitter-Follower, der zum Essen in Berlin-Mitte aufkreuzt. Jedem Journalisten, der ein Porträt über ihn schreiben möchte. Binnen Minuten gelingt es Lund, eine Vertrauensbasis herzustellen, als wäre man schon seit Jahren sein Kumpel. Er fragt nach. Er provoziert. Er speist Ideen ein und fordert Feedback. Das ist sein Trick. Er funktioniert schon ziemlich lange ziemlich gut.

Im Handball macht der Spieler im Zentrum des Rückraums das Spiel. Er bestimmt das Tempo, sagt die Spielzüge an, sorgt für überraschende Momente und Zuspiele, die es seinen Mitspielern ermöglichen, den Ball ins Tor zu hämmern. Der "Rückraum Mitte" ist nicht der auffälligste Spieler, für das Gefüge der Mannschaft aber der wichtigste. Morten Lund war der Spielmacher der dänischen Jugend-Handballnationalmannschaft. Und nebenher auch noch sehr geschäftstüchtig. Die Unternehmerkarriere des Jugendlichen vom Dorf beginnt mit elf oder zwölf Jahren. In seinem 400-Seelen-Dorf geht Morten von Tür zu Tür und fragt, wem er gegen ein Taschengeld den Rasen mähen darf. Das Unternehmer-Gen kommt vom Großvater. Der ist im Hauptberuf Schmied, in seinem Garten aber züchtet der Senior Blumen, die er hochprofitabel auf den örtlichen Märkten verkauft. Als der Enkel auf dem Sperrmüll einen kaputten Rasenmäher-Traktor findet, macht der Großvater den wieder flott. Morten kann plötzlich viele Rasenkunden betreuen und stellt seine Freunde ein.

Schule, Handball und Rasenmähen lasten den Jungen mit der großen Energie nicht aus. Mit 14 trägt er zusätzlich Zeitungen aus. Später, als er die größte dänische Tageszeitung besitzt, wird er davon oft erzählen. Von den tollen Sonnenaufgängen und den kalten Wintermorgen auf dem Fahrrad. Und dass er seitdem nie mehr Probleme hatte, um fünf Uhr morgens aufzustehen.

Nach dem Abitur muss er keine Zeitungen mehr austragen. Er schreibt sich pro forma als Student an der Universität von Odense ein, spielt aber hauptberuflich Handball. Der dänische Erstliga-Club der Studentenstadt bietet ihm 1000 Euro Gehalt und einen Peugeot 205 als Dienstwagen. Lund gilt als Riesentalent.

Der Trainer bittet ihn zum Gespräch für die Karriereplanung und sagt: "Wenn du weiter hart trainierst, wirst du in fünf Jahren der Spielmacher der Nationalmannschaft sein." An diesem Tag entscheidet Morten Lund, mit dem Handball aufzuhören. Fünf Jahre? "Viel zu fucking lang." Damals ist noch nicht absehbar, dass sich der Handballsport so stark kommerzialisiert, in den großen europäischen Ligen gutes Geld zu verdienen ist und Dänemark zur wichtigen Exportnation für gute Handballer wird.

Für Lund lockt an anderer Stelle schnelleres Geld. Um das Handball-Salär aufzubessern, hatte er einen Vertrieb für Abitur-Abschlussfeierartikel gegründet. Wichtigstes Utensil in seiner Abi-Box ist eine Art Schiffermütze, die dänische Abiturienten traditionell wie einen Doktorhut tragen. Mit einem Freund klappert Lund die Gymnasien des Landes ab und bietet preiswerte Sammelbestellungen an. Und das Geschäft läuft. Binnen weniger Monate werden er und sein Partner zum größten Abi-Hutvertrieb des Königreichs. "Ich hatte plötzlich so viel Cash, dass ich nicht wusste, wohin damit", erinnert sich der 37-Jährige. Er erinnert sich aber auch daran, dass er vergaß, die Umsatzsteuer zu bezahlen. Und wie ihm plötzlich das ganze Geschäft auf die Füße fiel, wie ihn das Regionalgericht von Odense für insolvent erklärte und wie er auf seinem Fahrrad voller Scham nach Hause fuhr und dachte, jeder könne sehen, dass er ein jämmerlicher Bankrotteur war.

Der Serienunternehmer

Das war 1994, das Jahr, in dem das amerikanische Unternehmen Netscape mit seinem Mosaic-Browser das World Wide Web für jedermann zugänglich machte. Da bewies Lund zum zweiten Mal, dass er ein Gespür für Marktlücken und Trends besaß. Und dass er in Fragen der Geschäftsführung ordentlich dazugelernt hatte. Er ging nach Kopenhagen und gründete zusammen mit ein paar Kumpels eine der ersten dänischen Werbeagenturen. ne@twork, später in Neo Ideo umbenannt. Neo Ideo wuchs und wuchs und war, kurz bevor die erste Internet-Blase platzte, rund 40 Millionen Euro wert. So viel zahlte zumindest die Großagentur Leo Burnett an die vier Anteilseigner. Für die war zu dem Zeitpunkt glasklar: "Wir sind die Könige der Welt."

Anfang 2000 war ein toller Zeitpunkt, eine Internet-Agentur zu verkaufen. Nicht so gut war das Timing, um einen Start-up-Inkubator zu gründen. Start-up-Inkubatoren sind Firmen, die sich an kleinen Internet-Firmen beteiligen und ihnen helfen, groß zu werden. Morten Lund nannte seinen Prey4 und investierte nahezu sein ganzes Geld, das ihm abzüglich der satten dänischen Steuern aus dem Burnett-Deal zur Verfügung stand. Der Spielmacher verteilte die Bälle, doch den jungen Mitspielern gelang kein Tor. Zwischen vier und fünf Millionen Euro liefen binnen zwei Jahren durch den Inkubator, ohne Aussicht auf Rendite. Diesmal nur de facto, nicht formalrechtlich pleite, übernahm Lund ein paar Beratungsjobs für den dänischen Telefonriesen TDC -und bekam einen Anruf des schwedisch-dänischen Gründer-Duos Niklas Zennström und Janus Friis. Die beiden hatten mit ihrer rechtlich umstrittenen Internet-Musiktauschbörse Kazaa.com gerade der Plattenindustrie zugesetzt. Die wiederum bombardierte die Website mit Viren, die auf den Festplatten der Raubkopierer datenfressende Denkzettel hinterließen, was wiederum den Erfolg der Tauschbörse gefährdete. Die etablierten Anti-Virus-Programmanbieter hatten jedoch Angst, mit Kazaa.com zu kooperieren.

Lund flog nach Rumänien, kaufte Lizenzen für ein gängiges Anti-Viren-Programm, versah sie mit dem Label Bullguard und stellte sie dann Kazaa zur Verfügung. Ein halbes Jahr nach dem Launch der ersten Version hatte das neue Programm drei Millionen Nutzer und Lund ein paar Millionen Dollar Risikokapital eingeworben. Inzwischen gehört die Software mit dem weißen Wachhund auf rotem Grund als Logo zu einem der führenden Anti-Virus-Programme weltweit. Bullguard war für Lund eine tolle Sache, hatte er doch nach der Web-Agentur zum zweiten Mal einen Volltreffer gelandet. Die tolle Sache führte zu einer noch besseren.

Zennström und Friis hatten den Plan, die Kazaa-Technik, die Musikdateien von Nutzer zu Nutzer vermittelte, zu einer Tele-fon-Technik via Internet Protocol, Voice over IP genannt, auszubauen. Lund hielt das damals für keine gute Idee, aber da es mit Bullguard gerade so gut lief, Zennström und Friis in der Tendenz pleite waren, er sie aber für "fucking brilliant" hielt, half er dem technisch ambitionierten Telefon-Start-up Skype im Oktober 2003 mit 50 000 Dollar Startkapital aus. "Einer musste ihnen ja die Miete zahlen", sagt er. Nach dem Launch von Skype kümmerte sich Lund noch ein wenig um das Marketing - dann hatte er mit dem Projekt nicht mehr viel zu tun.

Es ist nicht bekannt, wie hoch genau Lunds Profit zwei Jahre später war, als die skandinavischen Gründer ihr Sprachdienstprogramm mit dem Marken-Claim "einfach reden" für 2,6 Milliarden Dollar an Ebay verkauften. Er selbst spricht von Faktor 300 bis 500, was auf eine Summe zwischen 15 und 25 Millionen Dollar hinausliefe. 2008 war er dann noch einmal mit froher Kunde in den Schlagzeilen. Die von ihm mitgegründete dänische Social-Networking-Plattform ZYB ging für 49 Millionen an Vodafone. Vergangenes Jahr verkaufte er dann auch noch seine restlichen Anteile an Bullguard.

All die vielen Millionen verbrannten mit der Gratiszeitung, mit der Lund dann endgültig Unternehmergeschichte schreiben wollte. Nun ist Dänemark bekanntlich nicht der einzige Markt, in dem sich tägliche Gratiszeitungen mit journalistischem Anspruch als Millionengrab entpuppten. Doch im Fall von "Nyhedsavisen" kam erschwerend hinzu: Der Haupteigner hatte offenbar sein ganzes Privatvermögen dafür eingesetzt.

Der Pleitier

"Niemand hat mir das geglaubt, weil es schlicht nicht rational ist", sagt Lund. Inzwischen sitzt er zum Business-Lunch beim Italiener in Berlin-Mitte. Dem Twitteraufruf zum "Pay-urself-Startup- Joint Minds" gefolgt sind unter anderen eine Event-Frau, die Lund als Rednerin für einen Werberkongress gewinnen möchte. Ein deutscher Internet-Gründer, dessen Gründungen offenkundig auch nicht so richtig gut laufen und der auf seine Chance lauert, Lund kurz allein zu sprechen. Und ein angenehm zurückhaltender Pole, der vor drei Tagen nach Berlin gezogen ist, um für Lukasz Gadowskis Risikokapitalfirma Team Europe Ventures zu arbeiten. Sie alle hängen an Lunds Lippen. Sie alle scheinen seine prekäre finanzielle Situation ernster zu nehmen als er selbst.

Und sie alle wollen im Detail wissen, wie es zu dem Absturz kam. Das hat der Däne recht schnell erzählt. Seinen Traum von der anspruchsvollen Gratiszeitung frei Haus konterten die etablierten Verlage ihrerseits mit Gratiszeitungen. Für die Schlacht um werbefinanzierte Marktanteile hatte Lund zwei beinharte Verlagsmanager angestellt. "Ich habe sie für ihre Kriegerqualitäten angeheuert", sagt er. "Dumm, wenn du solche Typen dann gegen dich hast."

Den beiden Managern hatte Lund die Fortzahlung ihrer Gehälter für ein Jahr zur Not aus eigener Tasche garantiert, wenn sie den Zeitungskrieg mit ihm bis zum Schluss durchstünden. Als er die Zeitung am 1. September 2008 von einem auf den anderen Tag dichtmachte, hatte der Seriengründer allerdings die letzten Bullguard-Anteile bereits verkauft. Den Managern versprach er zu zahlen, sobald er wieder flüssig sei. Die wollten sich auf das Versprechen nicht mehr einlassen und verlangten den Offenbarungseid. "Seitdem trage ich als Unternehmer Handschellen und muss mich abends zum Essen einladen lassen", sagt Lund. Grinst mal wieder. Und kündigt auch in dieser Runde an: "Lang wird das aber nicht so gehen."

Durch einen Deal mit seinen Schuldnern will er die Handschellen wieder loswerden. Drei Viertel von ihnen muss er davon überzeugen, dass er zurückkommt. Dann können die restlichen 25 Prozent, zum Beispiel die beiden Zeitungskrieger, eine Entschuldung nach dänischem Recht nicht mehr blockieren. Sein Ass in der Hinterhand sind seine "vier bis fünf" Holdings. Solange Lund sich in Insolvenz befindet, sind die vielen Start-ups, an denen er über die Holdings beteiligt ist, in ihrem Wachstum stark behindert. Ihr Spielmacher sitzt auf der Strafbank und kann nicht eingreifen. Die Schuldner stehen deshalb vor der Alternative: Wir bekommen jetzt fast nichts. Oder wir lassen ihn machen in der Hoffnung, dass er wieder ein großes Ding aus dem Hut zaubert und seine Schulden bezahlen kann. Nach eigener Einschätzung stehen die Chancen gut, "dass wir das hinbekommen". Zur Not hat Morten Lund einen Back-up-Plan.

1,5 Millionen Euro, so schätzt er, könnte er jährlich mit Reden und Beratungsjobs verdienen. Gerüchte, dass er dafür seinen Wohnsitz von Kopenhagen in die Schweiz verlagern würde, mag er, der sonst zu allem etwas sagt, ausnahmsweise mal nicht kommentieren. Er bestätigt aber: "Eigentlich möchte ich das alles nicht." Eigentlich möchte er jetzt die Welt verbessern. Und dabei wieder ordentlich Geld verdienen.

Das Comeback Kid

Morten Lund ist immer noch muskulös. Aber auch fünf bis zehn Kilo zu schwer, wie ein Alte-Herren-Handballspieler in einer unteren Liga. Vor der Weltverbesserung kommt die Selbstverbesserung. Seine Twitter-Follower hat Lund gebeten, jeden Tag zu schauen, ob er auch wirklich laufen geht. "Today Berlin-Tiergarden! " Das Tempo ist mäßig, die Runde sieben Kilometer lang. "Die Wahrheit ist das neue Schwarz", sagt Lund. Zu Zeiten seines Höhenflugs hat sich der 37-Jährige nicht nur beliebt gemacht. Wer viel redet, redet gelegentlich Unsinn. "Es findet nicht jeder toll, wenn du laut darüber nachdenkst, welches Flugzeug du dir kaufen möchtest." Und die eine oder andere "asshole decision" habe er ebenfalls treffen müssen. Der Absturz hat einen Besinnungsprozess beschleunigt, der bereits vor ein paar Jahren begonnen hat. In seinem Investment-Portfolio gibt es eine Kategorie mit dem Titel WILD, Worldwide Investments and Involvement in Life Development. Dahinter stecken Beteiligungen an technischen Lösungen für soziale Probleme. Verfahren zur Entkeimung von Trinkwasser für Entwicklungsländer, Investitionen in regenerative Energie, eine genetisch veränderte Pflanze, die ihre Farbe wechselt, wenn sie über Landminen wuchert und diese dadurch aufspürt.

Warum er in den Wandel zum Besseren investiert? Um seinen Kinder eine gute Antwort auf die Frage zu geben: "Was machst du eigentlich?", sagt er.

Neben der Überwindung der Privatinsolvenz arbeitet Lund an einem weiteren großen Projekt. Er kommt gerade aus Guatemala und hat sich dort eine Kleinraffinerie angeschaut, die aus Palmöl Biodiesel macht. Ein paar Hunderttausend Dollar soll die Anlage nur kosten, dafür aber aus zehn Hektar Palmenwald klimaneutralen Treibstoff in rauen Mengen pressen. Lund redet davon, die Technik nach dem Open-Source-Prinzip vertreiben zu wollen. Die Baupläne könnten zum Download ins Netz gestellt werden, und jeder könnte die Raffinerie einfach nachbauen, ohne dafür Lizenzen zahlen zu müssen. Das wäre dann ein Baustein für eine dezentrale, nachhaltige Energieversorgung der südlichen Erdhalbkugel. Details wolle er bald bekannt geben - und parallel weiter nach Investitionsmöglichkeiten suchen, die ihm die Möglichkeit geben, seine Villa endlich aus der Insolvenzmasse auszulösen und wieder mit Möbeln zu bestücken.

Angst, dass alles am Ende doch nicht hinhaut? Die Frage, irgendwo zwischen Reichstag und Siegessäule, führt zu einem japsenden Kopfschütteln. "Im Grunde kann ich als Person gar nicht wirklich abstürzen." Der Skype-Deal mit Ebay hat langfristig etwas viel Wertvolleres gebracht als die 15 bis 25 Millionen Dollar. "Seitdem ist jede fucking Tür, an die ich klopfe, offen. Ich muss nur durchgehen." -

Mehr aus diesem Heft

Stabilität 

„Es ist ein Kampf auch mit mir selbst“

Marion Krämer ringt an jedem Arbeitstag um ihre Balance. Denn an jedem Tag wird sie angepöbelt, angegriffen, beschimpft. Marion Krämer ist Zugbegleiterin im Regionalverkehr.

Lesen

Stabilität 

Respekt!

Unternehmen, in denen es anständig zugeht, leben länger. Das jedenfalls behaupten die Berater Moritz Freiherr Knigge und Michael Schellberg. Ein Gespräch über Souveränität, Mäßigung und Strenge gegen sich selbst.

Lesen

Idea
Read