Ausgabe 11/2009 - Schwerpunkt Denken

Zurück in die Zukunft

- Langsam, fast im Zeitlupentempo, rudert Silverino Emamani durchs Schilf. Vor ihm liegt Compi, ein Dorf mit 50 Häuschen, einer Kirche und einem Friedhof. Hinter ihm die Weite des Titi-caca-Sees. Am Ufer, auf den winzigen Feldern, klauben Frauen Kartoffeln aus der Erde. Die Sonne sticht, aber sie wärmt nicht. 14 Minuten könne man sich heute auf der Hochebene Boliviens ihrer UV-Strahlung aussetzen, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, stand am Morgen in den Zeitungen am Regierungssitz La Paz. Emamani ist den ganzen Tag in der Sonne. Hier draußen auf fast 4000 Metern Höhe gehen die Uhren anders.

Compi ist ein Dorf, in dem nur Aymara leben, die Ureinwoh ner der Hochebene Boliviens. Gut zwei Millionen Menschen gehören zu diesem Volk. Viele von ihnen leben heute noch immer fast wie vor tausend Jahren: in einer rückwärts gewandten Idylle wie Compi, in der die Menschen arm sind, aber zufrieden. So scheint es zumindest, doch das täuscht.

Aymara blicken nie zurück, sondern immer nur nach vorn.

Doch sie sehen dort etwas ganz anderes als alle anderen bekann ten Völker dieser Erde. Fast alle Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass sie aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft gehen. Für die Aymara ist es andersherum: Die Zukunft liegt für sie hinter ihrem Rücken. Dort, wo sie keine Augen haben. Sie können sie nicht sehen, sie kennen sie nicht. Vor ihnen ist die Vergangenheit ausgebreitet. Die ist bekannt; es ist sicher, dass sie gewesen ist. Sie ist bewiesen. Jeder kann sie sehen. Offen liegt sie vor aller Augen.

Die Geschichte folgt keiner klaren Linie

Dass die Aymara räumliche Metaphern zu Hilfe nehmen, wenn sie über Zeit nachdenken, ist nichts Besonderes. Alle Menschen tun das. Und fast alle - außer den Aymara - verwenden dabei zwei Grundmodelle. Im einen bewegt sich das Ich auf einer Linie innerhalb des Raumes. Es kommt aus der Vergangenheit und bewegt sich in die Zukunft: Wir gehen dem Jahresende entgegen. Im anderen Modell bewegt die Zeit sich auf uns zu: Das Jahresende rückt näher. Gemeinsam ist beiden Denkweisen, dass die Zukunft vor, die Vergangenheit hinter uns liegt.

Aymara finden das sonderbar. Wenn man Silverino Emamani nach der Zukunft fragt, nennt er sie "quipa pacha", was wörtlich übersetzt so viel wie "Zurückzeit" oder "Hinterzeit" bedeutet. Redet er von der Vergangenheit -und das tut er sehr gern -, dann spricht er von "nayra pacha", der "Zeit vor uns". Und wenn er gestikuliert, dann entspricht das seinem Denken und Reden: Erzählt er von der Vergangenheit, zeigt er intuitiv nach vorn. Fragt man ihn nach der Zukunft, macht er eine fast wegwerfende Handbewegung nach hinten, über die Schulter.

Zurück in La Paz, im Justizministerium, im dunklen, fast höhlenhaften Büro von Jorge Miranda, dem Abteilungsleiter für india nische Rechtsfragen. Der weiß, was es heißt, wie ein Aymara zu denken. Er ist selbst einer und dazu ein Yatichiri, ein Weiser, der das Geheimnis des Lebens lehrt. Miranda ist klein und rundlich und hat sein schulterlanges pechschwarzes Haar zu einem Pferde schwanz zusammengebunden. Man sieht, dass er viel Zeit für die Pflege seines Salvador-Dalí-Bärtchens aufwendet. Bevor er mit seinen Besuchern spricht, bietet er ihnen Kokablätter zum Kauen an. Er hat immer einen kleinen Vorrat auf seinem Schreibtisch liegen, eingeschlagen in ein handgewebtes erdfarbenes Tuch. In Europa wäre so etwas ein Drogendelikt und in einem Justizminis terium schon gleich undenkbar. Für Miranda ist es der Beginn eines Gesprächs. "Koka ist ein Kommunikationsmedium", sagt er. Erst wenn man gemeinsam Koka gekaut habe, könne man richtig miteinander reden.

Auch Miranda redet gern von der Vergangenheit. "Sie ist der Schatz der Menschheit", sagt er strahlend. "Alles, was wir sicher wissen, liegt in der Vergangenheit." Er malt Kringel auf ein Papier: der Schatz der Vergangenheit. "Aber wir leben in der Gegenwart", doziert er weiter und malt ein Kreuzchen neben die Kringel: die Gegenwart. "Bei jeder Entscheidung, die wir treffen, wenden wir unser Wissen aus der Vergangenheit an." Er verbindet auf dem Papier Vergangenheit mit der Gegenwart. "Bei allem, was wir tun, wird unser Wissen aus der Vergangenheit in der Gegenwart präsent. Gegenwart ist ständige Veränderung mit dem Blick auf die Vergangenheit. Und die Gegenwart wird, kaum dass sie gelebt ist, in diesem Prozess selbst zur Vergangenheit."

Er malt vom Kreuzchen einen Pfeil zurück zu den Kringeln:

Das eben Erlebte gehört schon zum Schatz der Vergangenheit, der im neuen Augenblick der Gegenwart als Erfahrungsschatz genutzt werden kann. Eine ständige Kreiselbewegung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in der mehr und mehr Vergangenheit angehäuft wird. Fast triumphierend fragt Miranda: "Und was sehen wir nun?" Er antwortet selbst: "Die Geschichte ist keine pfeilgerade Linie; sie bewegt sich zyklisch, spiralig."

Doch wo bleibt in diesem Denken die Zukunft? "Ach, die Zukunft", sagt Miranda matt und macht jene für Aymara typische Handbewegung über die Schulter. "Niemand hat sie je gesehen. Die Zukunft erübrigt sich."

Eben deshalb, weil sie nicht an die Zukunft dächten, lasse sich mit den Aymara kein Staat machen, behauptet die an europä ischem Denken orientierte weiße Minderheit, die Bolivien regiert hat, seit das Land existiert. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte die indianische Mehrheit - neben den gut zwei Mil lionen Aymara gibt es in Bolivien etliche weitere Ethnien - bei Wahlen kein Stimmrecht. Erst 2006 wurde mit Evo Morales zum ersten Mal ein Indio ins Präsidentenamt gewählt. Die hellhäutige Oberschicht wirft dem Präsidenten und den Aymara oft vor, sie könnten nicht planen und würden ziellos durch die Geschichte irren, ohne Logik und Verstand.

"Alles Quatsch", sagt Iván Guzmán de Rojas, der selbst zur weißen Oberschicht des Landes gehört und Präsident des obers ten Wahlgerichts war. Mit seinem wirren weißen Haar und seinem wilden Adlerblick sieht er aus wie eine Kreuzung aus Sigmund Freud und Albert Einstein. Von Beruf ist Guzmán de Rojas Mathematiker. In den sechziger Jahren arbeitete er zusammen mit einer Forschergruppe in der damaligen Sowjetunion an der Entwicklung eines sogenannten trivalenten Computers. An einem Rechner also, der nicht nur null und eins auseinander halten kann und nach dieser Logik alles in Falsch und Richtig aufteilt. Der trivalente Computer sollte auch das ganze Feld des mehr oder weniger Sicheren verstehen, das sich zwischen diesen beiden Polen auftut. Und er sollte aus dieser schwammigen Grauzone präzise Schlüsse ziehen können.

Die Forschung wurde eingestellt, bevor es einen solchen Rechner gab. Immerhin aber hatte de Rojas begriffen, warum er seine Landsleute vom Volk der Aymara vorher nie richtig verstanden hatte. Sie denken wie der projektierte Computer: trivalent.

Der Mathematiker setzte sich hin und schrieb ein dickes Buch darüber ("Problemática Lógico - Linguística de la Comunica ción Social con el Pueblo Aymara"). Es ist ein schwer verständliches Werk voller Formeln und Schaubilder, gespickt mit komplizierten Beispielsätzen aus der Sprache der Aymara. Deren Grammatik lässt es zu, an jeden Wortstamm beliebig viele Nachsilben zu hängen, sodass am Ende ein Ungetüm herauskommen kann wie der Ein-Wort-Satz "aruskipt'asipxañanakasakipunirakispawa" (übertragen in etwa: "Weil wir menschliche Wesen sind, sind wir gezwungen zu kommunizieren").

Zu jeder Aussage, die ein Aymara macht, nennt er die Quelle: Hat er selbst etwas gesehen oder erlebt? Oder wurde es ihm erzählt? Von wem? Wie vertrauenswürdig ist das? Je nachdem, wie die jeweilige Quelle des Wissens eingeschätzt wird, ist eine Aussage mehr oder weniger sicher. Falsch und richtig sind nur zwei von unendlich vielen Möglichkeiten. Und richtig ist eigentlich nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. "Mein Vater wollte nicht glauben, dass es Autos gibt", erzählt Silverino Emamani ganz ohne den ironischen Unterton dessen, der es besser weiß. "Er musste erst eines fahren sehen." Alles, was man nicht selbst erlebt und erfahren hat, ist mehr oder weniger ungewiss.

Man muss mit dieser Sprache und Logik aufgewachsen sein, um sich in dem Gestrüpp aus Wägbarkeiten und Unwägbarkeiten zurechtzufinden. Das erste Kapitel des Buches von de Rojas trägt die treffende Überschrift "550 Jahre des tiefen Missverständnisses". Bei Lesern, die nicht mehr als die Grundrechenarten beherrschen, führt die Lektüre zu Knoten im Gehirn. Aymara aber sind es von Kind an gewohnt, mit solchen für europäisch denkende Menschen vagen Informationen zu leben, und sie können etwas, das sonst wohl nur Wahrscheinlichkeitsmathematiker und Chaostheoretiker können: Sie ziehen aus diesen unsicheren Vorgaben ganz präzise Schlüsse für ihr tägliches Handeln.

Spiraliges Denken ist anstrengend, dafür erweitert es den Horizont

Habe man erst einmal die besondere Logik dieses Volkes begriffen, sagt der Mathematiker, werde alles ganz einfach. "Für einen Aymara gibt es nicht nur Ja oder Nein. Er bewegt sich ständig dazwischen." Wer nur die Vergangenheit kenne und nicht in die Zukunft sehen wolle, der könne auch keine Pläne machen und sich konkrete Ziele stecken. "Aymara brauchen diesen Schwebezustand, das Offene, das Sowohl-als-auch." Nur dann können sie handeln, abwägen und ausprobieren, das Schlechte verwerfen und das Gute behalten. "Sie können in unseren Augen sogar eine glatte Kehrtwende vollziehen, ohne dabei das Gefühl zu haben, sich in logische Widersprüche zu verwickeln."

Was aussieht wie ein zielloses Vorgehen nach der Methode von Versuch und Irrtum, hat doch ein klares Zentrum. Jorge Miranda aus dem Justizministerium nennt es "das gute Leben", und Präsident Morales hat diesen Begriff als Leitmotiv in den "Nationalen Entwicklungsplan" seiner Regierung geschrieben. "Unser Vorschlag hat als Grundlage das Konzept des guten Lebens, das der ursprünglichen und indigenen Kultur Boliviens eigen ist", steht da. Gemeint ist "die gemeinsame Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse jenseits des rein Materiellen und Wirtschaftlichen".

Der Bauer und Fischer Emamani in Compi sagt das so: "Mein Vater war froh, wenn er Tiere hatte - einen Esel und eine Kuh vielleicht, ein paar Schweine und ein paar Hühner. Und wenn das Haus nach der Ernte voll war mit Vorräten. Das war für ihn das gute Leben." Für den Sohn gilt heute noch dasselbe. Er hat eine Kuh, ein paar Schweine und ein paar Hühner und sogar ein Boot. Die Kartoffelernte reicht für die ganze Familie, und es bleiben meist noch zwei oder drei Säcke übrig zum Verkaufen auf dem Markt. Mit dem wenigen Geld, das er dafür bekommt, lebt die Familie ein ganzes Jahr.

Reicht die Logik der Aymara also doch nur zu einem sehr bescheidenen Glück? "Nein", sagt Miranda, "wir müssen nicht arm sein. Bolivien ist reich. Es hat Erdöl und Erdgas und die größten Lithiumvorkommen der Welt." Wieder geht er weit zurück in die Vergangenheit, bis in die Zeit vor der Ankunft der Spanier. Damals herrschten im Hochland des heutigen Boliviens die Inka - kein Volk wie die Aymara, sondern so etwas wie eine Kaste aus Priestern, weltlichen Herrschern und Verwaltungsbeamten. "Es gab eine Staatsregierung", doziert er. "Die Regierung des Mais." Der Anbau von Mais aber braucht Planung, und dafür waren die Inka zuständig. "Daneben gab es das Dorf, die Gemeinschaft, die Regierung der Kartoffel." Der Anbau von Kartoffeln braucht keine Planung. Man muss sie nur in die Erde tun, und sie wachsen von allein.

"Die Spanier haben uns den Staat genommen und die Regierung des Mais", fährt Miranda fort. "Was uns blieb, ist die Subsistenzwirtschaft der Kartoffel. Wir sind ein Land ohne Staat." Diesen Staat müsse nun der erste indianische Präsident des Landes wieder schaffen. Was früher der Mais war, das seien heute die Bodenschätze. Die müssten vom Staat verwaltet und gewinnbringend vermarktet werden - zum Wohl der Gemeinschaften in den Dörfern. Der Aymara hat also doch eine Vision. Doch sie liegt nicht in der Zukunft, sondern weit zurück in der Vergangenheit.-

Mehr aus diesem Heft

Denken 

Die Herausragende

Die Welt der Manager ist männlich, weiß, christlich. Wer aus einer anderen stammt, fällt sofort auf. Manchmal kann das auch ein großer Vorteil sein. Die Beraterin Amel Karboul hat ihn genutzt.

Lesen

Denken 

Die richtige Schraube

Die Wirtschaftswissenschaften waren modellverliebt und haben die Krise deshalb nicht vorhergesehen. Jetzt sind neue Ideen gefragt. Doch die sind längst da. Nur war ihre Zeit noch nicht reif.

Lesen

Idea
Read