Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Zur Belohnung unbezahlt

- Seit mehr als sieben Jahren ist "Maveric149", der eigentlich Daniel Mayer heißt, schon dabei. Tagsüber arbeitet er für die Stadtverwaltung von Atlanta an einem Projekt, das mit Logistik und Geo-Positionierungs-Systemen zu tun hat. Abends und nachts ist er für einen anderen Arbeitgeber tätig, der ihn nie beauftragt hat und ihm keinen Cent bezahlt: Wikipedia.

Maveric149 ist nicht irgendein Wikipedia-Mitarbeiter. Er ist die Nummer eins, weltweit. Er allein, das haben Wissenschaftler am GroupLens Labor an der University of Minnesota mit einem neu entwickelten Berechnungsverfahren herausgefunden, hat 0,5 Prozent der gesamten Online-Enzyklopädie produziert. Der Biologe, der um die 30 Jahre alt sein dürfte und mit seinem Lebensgefährten und drei Katzen in Atlanta lebt, kümmert sich um die Planung und Bearbeitung von Artikeln wie "Yellowstone Nationalpark", "1980 Eruption of Mount St. Helens" oder "Helium". Mittlerweile, schreibt er, halte er sich bei Beiträgen zu Biologie oder Transportwesen ein wenig zurück, weil sie ihn zu stark an seine Arbeit erinnerten. Stattdessen kümmert er sich um die "Reagan Administration", " John Travolta" und den "Penis".

Maveric149 und mit ihm die gesamte Wikipedia-Mannschaft sind ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, in welchem Maße das freiwillige Engagement einiger weniger wichtige Institutionen am Leben erhält. Ähnliches gilt für Leistungen, die zwar nicht unbezahlt sind, aber doch gegen vergleichsweise geringe Entlohnung erbracht werden - wie die Arbeit von Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Friseuren. "Alle diese Tätigkeiten haben gemeinsam, dass sie als unmittelbar sinnvoll erfahren werden", stellt der Hamburger Soziologe und Unternehmensberater Bernd Vonhoff fest, der gerade ein Ratgeberbuch mit dem Titel "Erfolgsfaktor Sinn" geschrieben hat. "Auf der anderen Seite", sagt er, "gibt es Tätigkeiten, die so unattraktiv sind, dass sie nur über ein hohes 'Schmerzensgeld' aufgewertet werden. Börsen-Broker etwa."

Geld bedroht Sinn

Über das konkrete Beispiel mag man streiten. Aber dass Geld und Sinn miteinander konkurrieren, leuchtet durchaus ein. Und es würde auch die Attraktivität von ehrenamtlicher Arbeit erklären - als einer Tätigkeit, die ihren Lohn aus sich selbst bezieht und sich so von bezahlter Arbeit absetzt. Eine Studie, die sich mit "Frei-gemeinnütziger Arbeit" aus Sicht der Arbeitspsychologie befasst, hält genau diesen Unterschied für elementar: "Der persönliche Sinn wird bedroht durch die Bezahlung dieser Arbeit, da sie dann in den Rang von Erwerbs- und Auftragsarbeit sinkt."

Ist also die Erwerbsarbeit, die Grundlage der Industriegesellschaft, zum sinnlosen Broterwerb verkommen? Und das Ehrenamt das Ideal einer Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst trägt?

Ein paar Indizien sprechen dafür. Denn für das Ehrenamt (in der geläufigen Definition: freiwillige und unentgeltliche Arbeit zugunsten Dritter, die im organisierten Rahmen stattfindet) ist charakteristisch, dass es sich weitgehend mit dem deckt, was man "gute Arbeit" nennen könnte: "Arbeit in Freiheit und Selbstbestimmung. Arbeit an der eigenen Vollkommenheit und dem Können. Handeln in Harmonie mit ethischen Prinzipien. Dauerhaftigkeit und Wertigkeit der Arbeit und des Werkes", so fasst es die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Christine Ax zusammen, die sich als Autorin und Beraterin am Berliner Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften ausgiebig mit Netzwerken regionaler Ökonomie befasst hat (siehe brand eins 09/2006: " Jenseits des Tellerrands").

Ax hat der Idee der "guten Arbeit" ein dieser Tage erscheinendes Buch gewidmet. "Die Könnensgesellschaft" lautet der Titel, und darin ist viel von "Slow Work" und dem zu Unrecht schlechten Stand handwerklicher Arbeit in der Wissensgesellschaft die Rede. "Es kann heute nicht mehr darum gehen, Arbeit überflüssig zu machen und zu rationalisieren", schreibt Ax. "Das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen einen Übergang in eine Wirtschaft, die es möglichst vielen Menschen erlaubt, Arbeit unter den Bedingungen der Freiheit zu leben."

Der neue Job

Marianne Rudzinski, die ihren wirklichen Namen lieber nicht in der Presse lesen will, hat sich solche Bedingungen für ihr Leben zu einem guten Teil geschaffen. Eine Teilzeit-Tätigkeit in einer Hausverwaltung erlaubt es ihr, sich als "materiell abgesichert" zu bezeichnen - was wohl auch so zu verstehen ist, dass sie ihre Ansprüche entsprechend heruntergeschraubt hat. Neben dem Brotjob arbeitet sie ehrenamtlich als Vollzugshelferin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Einen Nachmittag in der Woche verbringt Rudzinski in der Haftanstalt, wo sie jeweils zwei bis vier Häftlinge langfristig betreut. Für ein, zwei Stunden trifft sie sich mit ihnen, um im abhörgeschützten Anwaltszimmer zu reden. Außerdem ist sie über eine eigens eingerichtete Telefonnummer im Notfall Tag und Nacht für ihre Häftlinge zu erreichen.

Als Ort für ein Treffen hat sie einen Kaffeeausschank in einer kleinen Ladenpassage vorgeschlagen. Am Nebentisch sitzen Senioren beim Frühschoppen; es wird geraucht. Marianne Rudzinski ist eine Frau um die fünfzig mit langem braunem Haar, aus dem ein wenig die Farbe zu weichen beginnt. Sie bestellt sich ein Paprikahackbrötchen, "wie immer". Interessiert blättert sie in der aktuellen Ausgabe von brand eins. Das Magazin, sagt sie, wäre sicher auch für ihre Probanden interessant. Ob das kostenlose Online-Archiv nicht helfe? Gute Idee, aber das funktioniert nicht. Denn den Häftlingen ist jeder Zugang zum Internet verwehrt -und das ist auch richtig, findet Rudzinski. "Das sind alles keine Eierdiebe. Niemand hat so viel Fantasie wie die. Man muss die Gesellschaft vor ihnen schützen."

Vor dem Ehrenamt in der Vollzugshilfe hatte sie für die Telekom gearbeitet, selbstständig, in der Werbung. Als sich die Bezahlung rapide verschlechterte, gab sie den Job auf. Eine Zeit lang spielte sie mit dem Gedanken, eine Essensausgabe für Bedürftige zu organisieren. "Etwas zurückgeben. Man weiß nie, wie es einem selbst mal gehen wird", das war die Idee. Aber dann gründeten andere die Berliner Tafel. Der Plan hatte sich erledigt. Schließlich kam sie auf die Vollzugshilfe - ein Job, für den man nicht wie für manch andere Ehrenämter eigens eine Ausbildung absolvieren muss und nicht auf bestimmte Termine festgelegt ist. Das war wichtig wegen der Hausverwaltung, die oft spontane Einsätze mit sich bringt.

Einen Probanden betreut Rudzinski schon seit zehn Jahren. "Anfangs war der an allem total desinteressiert. Hat nur Gameboy gespielt und dumm rumgequatscht." Nach einem Jahr fing er an, sich auch mal Sendungen im Fernsehen anzuschauen: Berichte über Expeditionen oder Talkshows. Und er begann, Fragen zu stellen. "Das ist wichtig für die, dass die auch mal über externe Dinge sprechen. Die drehen sich sonst total im Kreis."

Marianne Rudzinski betont mehrmals die Verlässlichkeit der "Freien Hilfe". So heißt der Trägerverein, der die Vollzugshilfe organisiert. "Da kann ich jederzeit anrufen. Die würden mich nie hängen lassen." Die Gefängnisleitung ist für sie, anders als für die Insassen, ebenfalls jederzeit zu sprechen. Auch im Ehrenamt spielen offenbar Status und Wertschätzung durch die Vorgesetzten eine Rolle.

Was würde sie ändern an den Haftbedingungen? Sie muss kurz überlegen. "Es gibt zu wenig Arbeit in Haft. Nur zwei bis sechs Stunden am Tag." Und dann sagt sie noch etwas, das erstaunlich ist für jemanden, der sich selbst so sehr dem freiwilligen Engagement verschrieben hat: "Man sollte denen nicht die Entscheidung überlassen, ob sie arbeiten wollen." Einmal, erzählt sie, habe sie einem ihrer Probanden nahegelegt: "Es fällt Ihnen kein Zacken aus der Krone, wenn Sie auch mal anderen helfen. Tue ich auch für Sie." Diesen Mann hat sie als Freigänger zur Suppenküche geschleppt, als freiwillige Hilfskraft. "Ein halbes Jahr später hat er im Polizeisportverein angefangen und bei der Verteilung von Altkleidern an Obdachlose mitgemacht."

Im Ehrenamt sind Menschen ohne feste Arbeit eher die Ausnahme. Carola Schaaf-Derichs von der Berliner Freiwilligenagentur "Treffpunkt Hilfsbereitschaft" erklärt sich das so: "Freiwilliges Engagement steht immer in Bezug zur eigenen Person. Deshalb haben Erwerbslose, deren Leben sich oft in einem engeren Radius abspielt als das der Berufstätigen, es schwerer, Anknüpfungspunkte zu finden."

Die Sozialforschung unterscheidet verschiedene Formen des Zusammenhangs von Ehrenamt und Erwerbsarbeit. "Neutralität" heißt der Typus, der wohl für Marianne Rudzinski am ehesten infrage kommt: Hausmeisterei und Werbung für die Telekom haben mit Vollzugshilfe wenig gemeinsam. Andere suchen im freiwilligen Engagement den Ausgleich zur Berufsarbeit, die nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Persönlichkeit fordert (Typus "Kompensation"). Wieder andere (Typ "Kongruenz") setzen im Ehrenamt fort, was sie im Brotberuf leisten oder geleistet haben, oder versuchen, in der Freiwilligenarbeit Kompetenzen zu erwerben, die ihnen im Job Vorteile verschaffen (Typus "Interaktion").

In dieser letzten Gruppe findet man häufig schlecht bezahlte Selbstständige, die zwischen mager dotierten Gelegenheitsarbeiten und Leitungsfunktionen im Ehrenamt hin und her wechseln und mit einer Aufwandsentschädigung honoriert werden. Sozialforscher wie Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin, der zusammen mit Kollegen gerade einen umfangreichen "Bericht zur Lage und zu den Perspektiven bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland" vorgelegt hat, sehen hier eine Tendenz zur Entgrenzung: Das Ehrenamt werde der Erwerbsarbeit immer ähnlicher.

In diesem Fall ist es vom Ideal freien Schaffens weit entfernt. Eher verhält sich das Ehrenamt zur Erwerbstätigkeit wie der Urlaub zur Arbeit: Das Versprechen des 'ganz anderen' ist nichts als schöner Schein. "Freiheit als Massenbetrug" nannte Hans Magnus Enzensberger vor vielen Jahren die Institution Urlaub, in der er die Kraft einer revolutionären Auflehnung sah, die "in der Brandung ihrer eigenen Dialektik" zum Scheitern verdammt sei. Tatsächlich geht es für viele beim Ehrenamt nicht um ein berufsbegleitendes Engagement, sondern um eine Art Revolution -oder zumindest um eine alternative Idee von Arbeit und um eine Existenz, in der es das sogenannte Berufsleben eigentlich gar nicht mehr gibt. Mit vergleichbarer Tendenz zum Scheitern.

Lebenszeit statt Arbeitszeit

Ana Lichtwer hat die grauen Locken zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt ein sommerliches Jeanskleid. Durch zwei Hinterhofdurchfahrten vom stark befahrenen Mehringdamm mit seinen Restaurants und Boutiquen getrennt, sitzen wir vor dem "Berliner Büchertisch", recht idyllisch zwischen Kübelpflanzen und Badewannen. Zu unseren Füßen der Pudel Fuffi, "ein polnischer Migrant", wie man erfährt - so wie Ana Lichtwer selbst ein Einwandererkind ist, dessen Eltern von Serbien nach Bielefeld gegangen waren.

Der Büchertisch, den Lichtwer gegründet hat und leitet, ist eine bemerkenswerte Institution. Einerseits ist der Laden ein Antiquariat: Man kann hier gebrauchte Bücher kaufen oder über das Internet bestellen. Andererseits wird aber auch ein Großteil der Bücher, die alle durch Spenden in den Laden kommen, verschenkt

- an vorbeikommende Kinder, an Schulen oder Kirchengemeinden. Regelmäßig finden Lesungen statt. Eine Ehrenamtlichen-AG arbeitet zusammen mit den Schulbibliotheken, deren Koordinationsstelle von der Stadt gestrichen wurde. Und schließlich werden beim Büchertisch Menschen in Arbeit gebracht, die sonst schwer eine Beschäftigung fänden. Als Geschäftskonzept für einen mittelständischen Betrieb, der von einem Verein getragen wird und keinerlei staatliche Unterstützung erhält, mag das etwas seltsam klingen. Aber wenn man sich anhört, wie es dazu kam, klingt es auf seine eigene Weise logisch.

Am Anfang stand die Erfahrung mit Emmaus - einem in Frankreich gegründeten Netzwerk von kommunalen Einrichtungen, die es vor allem Obdachlosen ermöglicht, sich durch das Sammeln, den Verkauf und die Nutzung von Trödel eine Existenz aufzubauen. Mittlerweile unterhält das Netzwerk Einrichtungen in vielen Ländern; Nachahmerprojekte wie die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim haben das Prinzip aufgegriffen.

Ana Lichtwer hatte Emmaus in Frankreich kennengelernt und war davon so begeistert, dass sie nach einem abgebrochenen Studium mit ihrem Mann und den beiden kleinen Kindern quer durch die Welt reiste, um eine Wohn- und Arbeitskooperative zu finden, die sie als Familie aufnahm. Als sich nichts Passendes fand, landete die Familie in Berlin. Und als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, erbat sich Ana von ihrem Mann ein Jahr familiäre Auszeit, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. "Mir ist erst mit 33 Jahren klar geworden: Ich verkaufe nicht meine 3 Arbeitszeit. Ich verkaufe meine Lebenszeit", leitet sie die Erzählung ein. Sie begann, zweimal in der Woche ehrenamtlich in einem Kreuzberger Trödelladen auszuhelfen, der von der Evangelischen Obdachlosenhilfe geführt wird. Bald nach ihrem Antritt wurde der Leiterin gekündigt, weil die ABM-Stelle auslief. Ein Unding, fand Lichtwer. Und machte sich daran, einen eigenen Betrieb zu gründen. "Wir hätten alles machen können. Auch Brötchen backen. Ich dachte mir, ich fang' mit Büchern an, weil ich welche habe." Das war 2003. Mittlerweile beschäftigt sie 32 Mitarbeiter. Der Laden ist inzwischen einmal komplett ausgebrannt und wieder aufgebaut worden; er hat mehrere Filialen und Schwes-ter-Einrichtungen. Als Einheitslohn wird 6,90 Euro die Stunde gezahlt, "7,50 Euro streben wir an". Lichtwer und ihr Mann, der als Elektrotechniker arbeitet, leben mit den beiden Kindern in einer 65-Quadratmeter-Wohnung.

Einige der Mitarbeiter sind ALG-I I-Empfänger und arbeiten nur zwei Tage die Woche, weil ihnen sonst der Zuverdienst abgezogen würde. "Mittlerweile sind aber auch Leute mit Hochschulabschluss und vorzeigbarer beruflicher Laufbahn bei uns, die nach einem inneren Zusammenbruch arbeitsunfähig geworden sind. Die sind froh, hier einen Platz zu finden, wo sie nicht nur mit psychisch Kranken zusammen sind." Andere gehören zu den Menschen, die man als Sozialfälle bezeichnet. Ein großer, stämmiger Mann, den im Büchertisch alle nur "Karlchen" nennen, war nach dem Tod seiner Mutter in einem Wohnheim untergebracht. Lichtwer hat ihm, im Alter von 58 Jahren und gegen den Willen seiner Betreuerin, eine eigene Unterkunft verschafft. Auf seine Mitarbeit beim Büchertisch mag mittlerweile niemand mehr verzichten. Daneben gibt es eine Reihe von Ehrenamtlichen. Der wohl fleißigste unter ihnen ist der Rentner Reimar Delley, in seinem früheren Beruf Lobbyist für einen Wirtschaftsverband und selbst Büchernarr. Sechs Tage die Woche, sagt er, arbeite er im Laden - "mehr als in meinem früheren Beruf".

"Leute, die Bücher kaufen, sind einfach angenehme Menschen. Ganz andere Leute als solche, die kommen würden, wenn man Handys verkaufte", sagt Lichtwer. "Habe ich Glück gehabt, dass ich gerade Bücher genommen habe. Das war mir vorher nicht bewusst." Ihr Traum für die Zukunft ist immer noch eine Lebens-und Arbeitsgemeinschaft, wie sie sie bei Emmaus kennengelernt hat. Aber mit dem, was sie erreicht hat, ist sie schon ganz zufrieden. "Das Schönste wäre, wenn der Büchertisch auch anderen Leuten Kraft gibt, etwas zu versuchen."

"Nowtopians" nennt der kalifornische Publizist und Do-it-Yourself-Aktivist Chris Carlsson Menschen wie Ana Lichtwer, die aus etwas, das die meisten wohl als Hobby bezeichnen würden, ein politisches Anliegen machen. "Immer mehr Menschen erkennen die Erniedrigung, welche rein geschäftsmäßigen Beziehungen innewohnt, und bilden Aktivistennetzwerke, die die Idee der Messbarkeit von Arbeit durch Geld zurückweisen", schreibt er in seinem Buch "Nowtopia", das teils als Reportage, teils als Manifest für eine neue Bewegung angelegt ist - eine neue Arbeiterbewegung, bestehend aus Computer-Hackern und Wikipedianern, Gemeinschafts-Schrebergärtnern und Fahrrad-Aktivisten in US-amerikanischen Großstädten.

Sie alle haben sich anderes auf die Fahnen geschrieben als den gewerkschaftlichen Kampf um einen fairen Lohnanteil. "Für diese Leute ist nicht mehr die Arbeitszeit der Maßstab des Reichtums, sondern die freie Zeit - die Zeit, in der wir unsere Talente nach unserem eigenen Gutdünken entwickeln können." Dabei geht es weniger um Arbeitszeitverkürzungen, als um die Abschaffung dessen, was die Sozialwissenschaftlerin Christiane Ax als schlechte Arbeit bezeichnet: "Arbeit, die immer öfter schlecht bezahlt wird und die dem Vermögen und den Bedürfnissen der Leute genauso wenig gerecht wird wie die billigen Produkte, die sie nach Feierabend kaufen müssen, weil sie sich gute Arbeit und gute Produkte nicht mehr leisten können."

So viel Freiheit, wie hier gefordert wird, ist sicher mehr, als die meisten Ehrenamtlichen anstreben. Viele suchen nicht nach einem neuen Begriff von Arbeit, sondern einfach nur nach mehr Befriedigung als im Beruf. Was beide verbindet: Sie gehen im Ehrenamt einer Arbeit nach, die nur außerhalb der gewöhnlichen Ökonomie funktioniert. Die alte Dame, die ins Krankenhaus kommt, um dort Patienten vorzulesen oder sie im Rollstuhl spazieren zu fahren, wird gerade deshalb so freudig begrüßt, weil bekannt ist, dass sie ihre Dienste aus freien Stücken und unbezahlt anbietet. Der achtjährige Junge arabischer oder russischafrikanischer Herkunft aus Berlin-Neukölln, der von einem Patenschaftsprojekt wie "Neuköllner Talente" einen studentischen Mentor vermittelt bekommt, wird diesen nicht zuletzt auch deshalb akzeptieren, weil der sich nicht aus professionellen Gründen, sondern um seiner selbst willen für ihn interessiert.

Der Faktor Freiwilligkeit ist ein nicht wegzudenkender Bestand teil ehrenamtlicher Dienste. Und oft ließe sie sich in bezahlten Arbeitsverhältnissen nicht erbringen - und das nicht nur aus Kostengründen.

Profession einer eigenen Art

Die Telefonseelsorge ist solch ein Fall. Telefonseelsorge zählt zu den am stärksten professionalisierten Ehrenämtern. Wer hier tätig werden will, muss eine anderthalbjährige Ausbildung durchlaufen. Auf manche wirkt das abschreckend, für andere wird die Arbeit genau dadurch attraktiv. Immerhin gibt es regelmäßig mehr Anwärter als Plätze, deren Zahl aufgrund knapper Finanzen begrenzt ist. Helga Wagner, eine kleine, ruhig auftretende Frau mit weißblonden Haaren, ist seit drei Jahren bei der Telefonseelsorge Berlin e. V. dabei. Zweimal im Monat sitzt die Endfünfzigerin vor allem nachts am Telefon, um mit Menschen zu reden. Menschen, denen Sorgen den Schlaf rauben und die niemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können; Menschen, die sich vielleicht sogar umbringen wollen - und anderen, die sich einfach nur einsam fühlen. "Verstehen. Nicht bewerten. Keine Probleme lösen", so beschreibt Helga Wagner ihre Arbeit. "Gefühlsmäßig dabei sein, aber die Gesprächsführung im Auge behalten."

Bei der Telefonseelsorge beworben hatte sich Wagner, nachdem das kleine Pharmazieunternehmen, in dessen Marketingabteilung sie gearbeitet hatte, schließen musste und sie arbeitslos geworden war. "Mir war immer klar, dass ich so etwas einmal mache würde", sagt sie. Auf das Bewerbungsschreiben folgte ein Vorstellungsgespräch, dann, als Teil der Ausbildung, eine dreimonatige Selbsterfahrungsphase.

"Ich musste lernen, mich einer mir noch unbekannten Gruppe gegenüber zu öffnen wie noch nie zuvor in meinem Leben", erzählt sie. Sie musste den Teilnehmern ihren Lebensweg erzählen, vorbehaltlos und bis ins letzte Detail. Empfindlichkeiten, aber auch Potenziale jedes einzelnen wurden offengelegt. Nach drei Monaten wurde aus dem Kreis der Bewerber eine erneute Auswahl getroffen. Im Anschluss folgten weitere Workshops, Vorträge, Rollenspiele. Die Themen: Welche psychischen Störungen gibt es? Wie erkenne ich eine Depression? Oder: Suizid-Androhung im Erst-Telefonat. "Das war das Damoklesschwert", sagt Wagner, die schon einmal mit einem solchen Fall zu tun hatte. "Insgesamt ging es aber weniger um konkrete Inhalte als darum, dem anderen ein Gegenüber sein zu können."

Trotz der qualifizierten Ausbildung gibt es keine kommerzielle Dienstleistung, die dem Angebot der Telefonseelsorge gleichkäme. Im Unterschied zur kirchlichen Seelsorge versteht sich die Telefonseelsorge als neutral in religiösen Belangen. Und anders als die Psychotherapie, die eine vergleichbare Dienstleistung sein könnte, geht es nicht um Heilung. Außerdem gehört zum Konzept, dass sich Telefon-Seelsorger stärker persönlich einbringen als ein Therapeut, der auf Abstand bedacht sein muss.

Im Vordergrund, sagt Helga Wagner, stehe bei ihr heute nicht mehr der abstrakte Wunsch des Helfen-Wollens, sondern ob es ihr gelinge, während eines Gespräches mit dem Anrufer in Kontakt zu kommen. "Manchmal erlebt man richtige Sternstunden. Da denkt man: Ich war genau die Richtige, um mit diesem Menschen zu sprechen. So etwas bringt einen in der persönlichen Entwicklung weiter. Das bestätigen auch viele Kollegen."

Reine Nächstenliebe, sagt sie, sei kaum die richtige Motivation für den Job. "So jemand neigt nur dazu, am Telefon wohlmeinende Ratschläge zu geben, statt sich auf ein Gespräch auf Augenhöhe einzulassen."

Solche Vorbehalte hört man auch anderswo. Eine Berliner Freiwilligenagentur hat in einem Ratgeber zum Freiwilligenmanagement Erfahrungen von Organisationen zusammengefasst, welche Motivation der Ehrenamtlichen auf bestimmte Tätigkeiten besser passt und welche weniger. "Am schwierigsten", sagt Bernd Schüler, der Autor des Ratgebers, "erweisen sich Menschen, die ausschließlich und starr davon angetrieben sind, etwas verändern zu wollen. Da kommen oft überzogene Ansprüche ins Spiel, die mit der Praxis im Ehrenamt schlecht zu vereinbaren sind, die aber im Laufe der Zeit auch angepasst werden."

Diese eigenartige Form von Professionalisierung, die mit der Professionalisierung bezahlter Arbeit nur schwer zu vergleichen ist, kennt Schüler auch von seiner eigenen ehrenamtlichen Arbeit bei "Big Friends for Youngsters", einem Patenschaftsprogramm für Kinder und Jugendliche. "In der Mentoring-Forschung spricht man hier von professionalisierter Freundschaft: persönlich auf der Ebene der Motivation, aber in der Art und Weise teilweise doch professionell geprägt."

Vielleicht ist dies am Ende einer der interessantesten Aspekte freiwilligen Engagements: nicht der Ausblick auf eine zukünftige Posterwerbsgesellschaft, sondern die konkrete Vorstellung eines Arbeitslebens, das auch andere, auf ihre eigene Weise professionelle Tätigkeiten kennt als die Erwerbsarbeit. -

Zahlen und Fakten

Wie viele engagieren sich?

Nach Angaben aus dem Engagementatlas 2008 engagieren sich rund

34 Prozent der Bürger. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit auf einem guten Mittelplatz, hinter den skandinavischen Ländern und den Niederlanden.

Wer engagiert sich?

Frauen engagieren sich weniger als Männer - 2008 waren es 32 Prozent der Frauen gegenüber 38 Prozent der Männer. Frauen sind dort überdurchschnittlich engagiert, wo eine Nähe zum Sozialen und zur Familie besteht.

Alterszusammensetzung:

Von den 14- bis 29-Jährigen engagieren sich: 35 Prozent

Von den 30- bis 59-Jährigen engagieren sich: 39 Prozent

Von den 60- bis 69-Jährigen engagieren sich: 37 Prozent

Von den 70- bis 75-Jährigen engagieren sich: 28 Prozent

Von den 76- bis 79-Jährigen engagieren sich: 21 Prozent

Entwicklung:

Nach den Angaben des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), die eine langfristige Analyse ermöglichen, ist der Anteil der Engagierten von 22,6 Prozent im Jahre 1985 auf 30,4 Prozent im Jahre 2007 gestiegen.

Wo findet Engagement statt?

50 Prozent der Engagements sind familienbezogen.

95 Prozent der Engagements werden über Organisationen vermittelt.

Sport: 19,8 Prozent

Schule/ Kindergarten: 13 Prozent

Kirche: 10,4 Prozent

Sozialer Bereich: 10 Prozent

Kultur und Musik: 9,8 Prozent

Freizeit: 8,9 Prozent

Politik: 5 Prozent

Rettungsdienste: 5 Prozent

Umweltschutz: 4,5 Prozent

Jugendarbeit und Erwachsenenbildung: 4 Prozent

Berufliche Interessenvertretung: 3,9 Prozent

Gesundheit: 1,6 Prozent

Justiz: 0,8 Prozent

Bedeutung für den Arbeitsmarkt:

Rund um Ehrenamt und Engagement entsteht eine wachsende Zahl an Teil-und Vollzeitstellen. 1990 lag sie in der alten Bundesrepublik noch bei 1,3 Millionen, 1995 gab es im vereinigten Deutschland dort bereits 2,1 Millionen Arbeitsplätze. Aktuell wird ihre Zahl auf etwa drei Millionen geschätzt.

Quelle: Alscher, Mareike/ Dathe, Dietmar/ Priller, Eckhard/Speth, Rudolf: Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Herausgeber: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), 2009

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