Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Weniger ist mehr

- Zu groß zum Scheitern, zu klein zum Durchhalten. Das war Manfred Hintners Problem. 80 Milchkühe besaß er, einen 120-PS-Schlepper, einen Vier-Schar-Pflug, eine Kreiselegge-Drillkombination, eine Mähkombination, einen Ladewagen und ein Güllefass. Für einen Landwirt mit 78 Hektar Fläche im Allgäu ein beachtlicher Maschinenpark. "Ich hatte zwar alles", sagt Hintner. "Aber verdient habe ich nix."

Inzwischen stehen bei Hintner kaum noch eigene Maschinen auf dem Hof. Doch er verdient gutes Geld. Und dafür gibt es einen Grund: Er arbeitet nicht mehr allein, totes Kapital ist nicht mehr sein Problem. Sind Landwirte sonst Einzelkämpfer, die mit Argusaugen über ihre Maschinen wachen, gründete Hintner mit drei weiteren Betrieben eine Maschinengemeinschaft. In Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) kauften sie moderne Traktoren, Pflug und Mähmaschine, um sie gemeinsam zu nutzen. Seither hat sich für Hintner einiges geändert. Er muss flexibler sein, sich auf seine Partner einstellen und akzeptieren, dass an den Pflugscharen manchmal noch Ackererde klebt. Aber dafür hat er jetzt Kollegen und kann sich austauschen. Das Wichtigste aber: "Ich komme viel besser über die Runden." Er stellte fest: Weniger ist mehr.

Während sich Produktionsnetzwerke in der Industrie erst langsam durchsetzen, gibt es sie in der Landwirtschaft schon lange. Die Maschinenringe existieren in Deutschland seit 1958 und nehmen zwei Aufgaben wahr: Sie vermitteln zum einen Maschinen und Arbeitskraft zwischen Landwirten und übernehmen die Abrechung dafür. Zum anderen helfen sie einer Maschinengemeinschaft, wie Hintner sie gegründet hat, auf die Sprünge. Der Gedanke dahinter ist einleuchtend: Ein Traktor, ein Pflug oder ein Güllefass sind teuer. Da ist es nur sinnvoll, wenn man sie gemeinsam anschafft und nutzt - die Betriebe aber weiterhin getrennt bewirtschaftet. Eine Idee, die offenbar vielen Landwirten einleuchtet. Der Bundesverband der Maschinenringe zählt 193 500 Mitglieder.

Es ist ein strahlender Juli-Tag im Allgäu. Die Sonne brennt auf die goldenen Gerstefelder, die Grillen zirpen, und aus den grünen Wiesen ragen die Kirchtürme von Frankenhofen, Stockheim und Schlingen. Manfred Hintner, ein fröhlicher Mann Mitte 30, sitzt bei Himbeertorte und Kaffee auf der Terrasse seines Kollegen Xaver Kurz in Frankenhofen. Die anderen sind auch da: Reinhold Bäßler, Franz Reiter und Helmut Reiter. "Maschinengemeinschaft Wertach" steht auf ihren Anhängern und Traktoren. Unter diesem Namen haben sie sich für die Dauer von zehn Jahren zusammengeschlossen. So lange braucht es, bis die gemeinsam gekauften Geräte bezahlt sind.

Die Idee zu der Gemeinschaft hatten Hintner und Kurz. Sie wollten sich zusammen Maschinen kaufen und fanden bei der Suche nach Gleichgesinnten die anderen. Ihr Zusammenschluss folgt einer einfachen Logik. "Nicht jeder braucht alles zu jeder Zeit", sagt Reinhold Bäßler, 36, der in seinem Leben schon einiges gemacht hat: Er ist Bankkaufmann, Agraringenieur, Landwirt und Geschäftsführer der Filiale des Maschinenrings Mindelheim. Im Nebenerwerb baut Bäßler auf 72 Hektar Getreide an. Einen Anhänger braucht er dafür nur einmal im Jahr - zur Ernte. Hintner und Kurz, die Milchviehwirtschaft betreiben, brauchen den Anhänger fünfmal im Jahr, wenn sie ihre Wiesen mähen. Da liegt es nahe, den Zweiachser zusammen zu kaufen. Doch so einfach ist es noch nicht - man muss manchmal auch auf den Anhänger verzichten können. Und das bedeutet, dass ihn nicht alle zur gleichen Zeit nutzen dürfen.

Ob das funktioniert, fanden die Bauern unter Anleitung des Kuratoriums Bayerische Maschinen- und Betriebshilfsringe selbst heraus. Während eines Seminars ermittelten sie, wer welche Maschine für wie lange braucht. Bäßler, ein schlanker Mann, blond und jugendlich, hat alles dokumentiert. In seinem Büro in Mindelheim öffnet er einen Ordner und deutet auf eine Tabelle. Dort ist eingetragen, wer wie viel Hektar Wiese besitzt: Hintner 39, Kurz 32, Reiter 36. Gesamt: 107 Hektar. Daraus erstellen die Landwirte einen "Maschinenleitplan", wie er es nennt. "Die Wiesen werden fünfmal im Jahr gemäht, um aus dem Gras Viehfutter zu machen", sagt Bäßler. "Nehmen wir den dritten Schnitt. Den macht man zwischen dem 10. und dem 20. Juli. Wir haben davon sieben bis neun Feld-Arbeitstage à zehn bis zwölf Stunden zur Verfügung. In diesem Zeitfenster müssen die 107 Hektar gemäht werden, das Gras angestreut, wieder zusammengerecht, gehäckselt und ins Fahrsilo verladen werden. Das bedeutet: Für das Mähen allein haben wir nur drei Tage Zeit. Also brauchen wir eine Maschine, die 40 bis 50 Hektar am Tag weghauen kann. Genauer: die eine Stundenleistung von vier Hektar hat."

Nachdem die Landwirte ihren Bedarf errechnet hatten, blätterten sie in den Katalogen der Hersteller. Sie fanden das passende Mähwerk und stellten fest: Es muss an einen 180-PS-Schlepper gespannt werden. Doch dabei bleibt es nicht. Es ist noch ein 160-PS-Schlepper nötig, der das gemähte Gras zusammenrecht. Und zwei 120-PS-Schlepper, die Anhänger ziehen und die Ernte nach Hause bringen. In einem Kalender trägt Bäßler den Maschinenbedarf ein. Dann sieht er, wie lange die Maschinen im Jahr laufen und wann sie gebraucht werden.

Diese Rechnung wiederholten die Landwirte für alle Aufgaben. Am Ende hatten sie eine lange Maschinen-Liste. Darauf standen ein leistungsstarker Schlepper, ein Fünf-Schar-Pflug, ein Grubber, eine Sämaschine, eine Pflanzenschutzspritze, ein Muldenkipper, ein Mähwerk, ein Mulchgerät. Investitionssumme: gut 250 000 Euro netto. Mit dieser Aufstellung besuchten sie zu fünft Landhändler und feilschten um Rabatte. "Wenn man dem Verkäufer als Gruppe gegenübersitzt, hat man eine viel bessere Position", sagt Bäßler. "Alleine lenkt man beim Verhandeln viel früher ein. Aber so schwitzt der Landhändler, nicht der Landwirt." Gut 20 Prozent lassen sich so rausschlagen. Die neuen Maschinen kauften sie auf Pump, ohne Eigenkapital. Da Bauern Land, Häuser und Lagerhallen besitzen, können sie der Bank gute Sicherheiten bieten und erhalten günstige Darlehen. Zins und Tilgung überweist Bäßler halbjährlich vom gemeinsamen Konto an die Bank.

Aber nicht alle sind mit derselben Summe dabei. " Jeder von uns bezahlt nur, was er auch nutzt", sagt Hintner. Die Landwirte haben nämlich eine bestimmte Stundenzahl oder Hektarleistung an dem Traktor oder dem Anhänger erworben. So besitzt jeder einen Anteil an der Maschine, über den er verfügen kann und den er bezahlen muss. Wenn jemand den Schlepper nicht so lange braucht, muss er die vorher vereinbarten Arbeitsstunden des Schleppers trotzdem bezahlen, sonst geht die Rechnung nicht auf. Damit Bäßler am Monatsende eine makellose Buchhaltung vorzeigen kann, gibt es ein Maschinenbuch. So hat Hintner am 5. Mai den Schlepper sechs Stunden lang benutzt. Der dafür fällige Betrag landet dann auf dem Konto der Gemeinschaft.

Ziel dieser straffen Organisation ist es, effizient zu arbeiten, Kosten zu senken - und schnell fertig zu werden. "Die höhere Schlagkraft der Maschinen macht viel aus", sagt Xaver Kurz auf seiner Terrasse gegenüber dem Kuhstall. Früher besaß er ein eigenes Mähwerk. "Das war aber nur 5,40 Meter breit", sagt er. "Unser gemeinsames ist neun Meter breit." Dabei fallen die Mehrkosten kaum ins Gewicht: Für das kleine Mähwerk hat Kurz 20 000 Euro bezahlt. Das neue hat die Gemeinschaft für 27 000 Euro erworben. Früher saß Kurz sechs Stunden auf dem Schlepper, um seine Wiesen zu mähen. Heute sind es vier Stunden.

Mit dem Handy auf dem Trecker damit er nie stillsteht

Soll das funktionieren, müssen sich alle gut verstehen. "Wenn ich sehe, wie sich der Himmel zuzieht, ich mähen will und der Kurz dreimal mit dem Schlepper an meinem Fenster vorbeifährt, könnt ich durchdrehen", sagt Hintner mit einem Bubengrinsen. "Man muss eben auch zurückstecken können." Kurz nickt zustimmend und sagt ruhig: "Ich hatte noch keinen Schaden, weil ich eine Maschine nicht rechtzeitig gekriegt habe." Was neu für alle war: Sie sind auf ihren Äckern keine Ein-Mann-Unternehmer mehr, sondern sie haben Partner, auf die sie sich einstellen müssen. "Man kann im Privaten nicht mehr so gut planen", sagt Sigried Kurz, die Ehefrau von Xaver Kurz. Und Franz Reiter meint: "Es muss auch auf der persönlichen Ebene passen."

Dass die Chemie zwischen den fünf Allgäuern stimmt, hat noch einen anderen Grund: Sie ackern auf unterschiedlichen Feldern. Hintner und Kurz haben Milchvieh, Reiter Biogas, Bäßler Getreide. "Das ist ein Vorteil, den wir erst bemerkt haben, als wir schon angefangen hatten", sagt Bäßler. "Wir kommen uns selten in die Quere. Die Arbeitsspitzen der einzelnen Betriebe addieren sich nicht auf, sondern sie kommen zeitlich hintereinander. Wenn es doch mal eng wird, muss man sich eben gut absprechen."

Deshalb ist neben den vielen schweren Maschinen ein ganz kleiner Apparat das wichtigste Gerät der Gemeinschaft: das Mobiltelefon. Das von Hintner tönt beim Klingeln wie ein alter Schlepper beim Starten. Das von Bäßler ebenfalls. Er zieht es aus der Tasche und sagt: "Faktisch senkt man damit die Standzeiten auf null und hat eine höhere Schlagkraft. Man kann schon vom Acker aus anrufen, dass man gleich vorbeikommt, um die Maschine zu übergeben, und der andere weiterfahren kann."

Diese Art der Kooperation sorgt in einer schwierigen Branche wie der Landwirtschaft für einen großen, entscheidenden Unterschied - den zwischen Aufgeben oder Weitermachen. Hintner bekommt von der Molkerei 24 Cent pro Kilo Milch bezahlt. Im Jahr zapft er seinen Kühen 620 000 Kilo ab. Macht 148 800 Euro Umsatz mit der Milch. Früher gingen 13 Cent je Kilo für seine Maschinenkosten drauf. Heute sind es nur noch neun Cent. Aufs Jahr gerechnet, spart er damit 24 800 Euro. "Wenn man allein arbeitet, braucht man große Maschinen, weil man die Arbeit in kurzer Zeit schaffen muss. Aber dann hat man teure Maschinen, die dann doch die meiste Zeit auf dem Hof stehen - und verdient kein Geld."

Und es gibt noch einen ganz anderen Vorteil. Als Kurz sich Anfang des Jahres das Bein brach, konnte er sechs Wochen lang nicht arbeiten - für einen selbstständigen Landwirt eine Katastrophe. Aber Bäßler, Hintner und die Reiters kannten seinen Hof. Sie wussten, wo seine Wiesen sind und wann sie gemäht werden müssen - und sie haben es für ihn erledigt. "So hilft einer dem anderen", sagt Reiter. Es geht also um mehr als nur ums Geld. Der Maschinenring macht aus vier eigenständigen Betrieben eine funktionierende Kooperation. Nur die Nachbarn sind noch nicht überzeugt von dem Modell. "Die dachten, wir können uns keine eigenen Maschinen mehr leisten", sagt Hintner und lacht. Mag sein, dass kluge Bauern kleinere Kartoffeln ernten als dumme Bauern. Ganz sicher aber kommen sie mit weniger Maschinen aus. -

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