Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Mutige arbeiten Teilzeit

- Am Montag wird in Bochum die Arbeitswoche wieder regulär beginnen. In einer von Europas größten Abteilungen für Unfallchirurgie am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil mit 257 Betten, einer Kaderschmiede für Chirurgen, werden die Patienten eingeliefert. Bei einigen wird es um Leben und Tod gehen. Doch den Leiter der Schulterchirurgie, den 44-jährigen Oberarzt Christoph Gekle, bewegen dann ganz andere Fragen. Wird er es schaffen, die Einkäufe zu erledigen, bevor er seinen dreijährigen Sohn vom Kindergarten abholen muss? Wann hat seine siebenjährige Tochter Schulschluss? Und was soll er zum Mittagessen kochen?

Nicht dass Gekle nicht gern Arzt wäre. Im Gegenteil. Er hat sogar den Anspruch, in seinem Fachgebiet "in der Bundesliga mitzuspielen". Aber montags hat er frei. Immer. Denn der Oberarzt, dem im Schnitt fünf Assistenzärzte unterstellt sind, arbeitet auf einer 80-Prozent-Stelle. Freiwillig. Er ist damit ein Exot an deutschen Universitätskliniken, aber auch unter den männlichen Führungskräften in Deutschland.

Gekle ging es um die Lösung eines dringenden Problems. "Wenn du so weiterarbeitest, bin ich alleinerziehend", hatte ihm seine Frau Ende 2001 gesagt. Da war sie zum ersten Mal schwanger. Sieben Jahre hatte Gekle zu der Zeit schon als Chirurg in der Uniklinik gearbeitet, in der Regel von morgens 6.15 Uhr bis etwa 20 Uhr, nicht selten 100 Stunden pro Woche. Gerade war er Oberarzt geworden. Unter seinen Kollegen galt als gut, wer 40 Stunden im OP stehen konnte und anschließend noch einen lässigen Spruch machte. Es war fast eine reine Männerwelt, mit strengen Hierarchien und dem Führungsprinzip "Motivation durch Kränkung", so Gekle. Auch seine Frau arbeitete viel als selbstständige Unternehmensberaterin. Sie hatte weder Lust, das gemeinsame Kind allein zu erziehen, noch wollte sie ihren Job aufgeben. Die Gekles hatten ein Problem, dessen Lösung nur heißen konnte da waren sich die Eheleute einig: Teilzeit für beide.

Ein Gedanke, der heute viele Paare umtreibt. Doch so logisch er klingt, so schwierig ist seine Umsetzung, besonders für die Väter. Monatelang vermied Gekle, sonst nicht ängstlich, ein Gespräch mit seinem Chef. Noch nie hatte ein Chirurg an der Klinik nach einer Teilzeitstelle gefragt. "Ich hatte Angst um meine Stellung." Irgendwann überwand er sich. Und weil er dem Chefarzt im Gegenzug anbot, eine Spezialeinheit für Schulterchirurgie aufzubauen und lästige Bürokratieaufgaben in der Abteilung zu übernehmen, stimmte der dem Experiment schließlich zu.

Heute, fast acht Jahre später, teilen die Gekles den Haushalt und die Erziehung untereinander auf. Sie arbeitet drei Tage die Woche als Marketingvorstand einer Krankenhauskette und ist sonst zu Hause; an zwei Tagen kümmert sich eine Tagesmutter um die Kinder, und montags ist Vatertag.

Eine Arbeitsteilung, die nicht nur die Gekles als ideal empfinden. Auch viele Wissenschaftler sehen in Teilzeitarbeit ein Zukunftsmodell. 30 bis 40 Prozent der deutschen Großkonzerne experimentieren bereits damit. Schon jeder zehnte leitende Mitarbeiter soll Erfahrungen mit reduzierter Arbeitszeit gemacht haben. Ein wichtiges Motiv: Frauen stellen mittlerweile die Mehrheit unter den Akademikern. Unternehmer können es sich angesichts des drohenden Fachkräftemangels nicht mehr leisten, auf sie zu verzichten. Doch bislang beenden viele Frauen ihre Karrieren früh, in der Regel nach der Geburt ihres ersten Kindes. Um sie zu halten, müssen Unternehmen ihnen daher ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Konkret bedeutet das: Führungspositionen müssen auch in Teilzeit möglich sein.

Das klingt für viele noch sehr gewöhnungsbedürftig. Doch es funktioniert. Nicht in jeder Firma und mit jeder Position in gleicher Weise. Und nie ohne Koordinationsaufwand. Doch fast jeder Job ist zumindest mit einer 80-prozentigen Teilzeitstelle erfüllbar. "Alle, die Teilzeitarbeit für ihre Führungskräfte anbieten, ziehen eine eindeutig positive Bilanz", so Stefan Becker, Geschäftsführer der gemeinnützigen Berufundfamilie GmbH. Er untersucht im Auftrag der Hertie-Stiftung schon seit Jahren die betriebswirtschaftlichen Effekte familienfreundlicher Regelungen in kleinen und großen Unternehmen.

Beckers Erkenntnisse gelten theoretisch für alle Mitarbeiter.

Doch in der Praxis hält sich bei den Unternehmen, in der Politik und bei den Eltern die Überzeugung: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Frauenthema, Teilzeit ist weiblich. Männer, die das Gegenteil beweisen, sind die absoluten Ausnahmen. "Der Karrierebegriff ist keinesfalls geschlechtsneutral", sagt Jutta Rump, Professorin für Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Ludwigshafen. Dabei ist es nicht so, dass alle Männer darauf versessen wären, 60 Stunden pro Woche für ihre Karriere zu schuften. Bei Befragungen bedauern viele, dass sie so wenig Zeit für ihr Privatleben haben.

Zudem gibt es zahlreiche Gründe, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch als männliches Thema zu begreifen. Könnten beide Partner in Teilzeit Karriere machen, ließen sich die Lasten bei der Erziehung und im Haushalt besser verteilen. Es blieben mehr Frauen im Beruf, und vermutlich stiege die Geburtenrate in Deutschland.

Es spricht so vieles für Männer, die auch in Teilzeit Karriere machen, dass sich die Frage stellt: Was hindert sie daran?

Es sind Fragen wie: "Was werden die männlichen Kollegen sagen?" Oder: "Wie kann ich das vor meinen Klienten rechtfertigen?" Diese Fragen waren dem Schweizer Markus Leibundgut, Partner der Unternehmensberatung McKinsey im Zürcher Büro, 2006 durch den Kopf gegangen. Seine beiden Söhne waren gerade ins schulpflichtige Alter gekommen. Zwar kümmerte sich seine nicht berufstätige Frau um den Haushalt, doch der Physiker wollte mehr Zeit mit seinen Jungs verbringen. Er wollte sie "aufwachsen sehen" und deshalb mittwochs daheim bleiben, dem Tag, an dem in der Schweiz die Schulkinder traditionell nachmittags freihaben.

Wie der Oberarzt Gekle zögerte auch Leibundgut mehrere Monate, bevor er sich ein Herz fasste und den zuständigen Partner bei McKinsey ansprach, nachts, nach einem Treffen mit Kunden, in einer Tiefgarage. Im Gegensatz zu Gekle hatte er nicht einmal zwingende Gründe für seinen Wunsch nach Teilzeit vorzubringen. Zu seiner Überraschung reagierte der Chef dennoch entspannt. Im Hinterkopf hatte der wohl auch, dass es bereits einen anderen männlichen Partner bei McKinsey in den Niederlanden gab, der seine Arbeitszeit reduziert hatte. Zudem war damals den Personalern bei McKinsey klar: Familienfreundlichkeit kann für viele potenzielle Bewerber den Ausschlag geben, wo sie den nächsten Posten antreten.

Karriere bedeutet Kampf mit hohem Zeiteinsatz

Zwar arbeitet der 40-jährige Leibundgut nun seit wenigen Wochen "vorübergehend" wieder in Vollzeit - "weil in der Wirtschaftskrise die Aufgaben so spannend sind". Aber gut zweieinhalb Jahre blieb er meist mittwochs zu Hause, wenn nicht etwas besonders Wichtiges anstand. Dann erschien er trotzdem beim Kunden und notierte sich akribisch, wie viele freie Tage er im Rückstand war. Denn eines wollte er auf keinen Fall: nur 80 Prozent verdienen und am Ende doch Vollzeit arbeiten. Aktuell hat er 1,5 Tage Rückstand: Es ist ihm also gelungen, seine Arbeit zu reduzieren. Dies war insofern leicht für ihn, weil er als Projektleiter ohnehin nie die ganze Woche bei nur einem Kunden verbringt. Doch ihm half auch, dass Kollegen und Klienten verständnisvoll reagierten.

Selbstverständlich ist das nicht.

"Es ist das Zusammenspiel zahlreicher Faktoren, das das Thema so schwierig macht", sagt Regine Gildemeister, Professorin für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Eberhard Karls Universität Tübingen. So ist die Befürchtung der Männer, Teilzeitarbeit könnte sich negativ auf ihre Karriere auswirken, nicht unbegründet. "Karriere bedeutet noch immer oft einen Kampf, der mit männlichen Eigenschaften wie Lautstärke und Durchsetzungsfähigkeit in Verbindung mit hohem zeitlichen Aufwand ausgefochten wird", so auch die Organisationsexpertin Rump. Deshalb blieben viele Männer häufig lange im Büro. Weil sie Präsenz zeigen wollten, falls ein Kollege sich anschicke, sie zu überholen. "Karriere wird nach 18 Uhr gemacht" - dieser Satz gelte noch immer in vielen Unternehmen.

Was macht den Mann aus, wenn nicht der Job?

Und: Anders als einer Frau wird einem Mann nicht das naturgegebene Bedürfnis unterstellt, sich um seine Kinder kümmern zu wollen. Für ihn ist eigentlich nur eine Rolle vorgesehen: die des Versorgers. Will der Mann trotzdem weniger arbeiten, wird das als Illoyalität gegenüber der Firma wahrgenommen. Erschwerend kommt hinzu: Die heutige Generation der Führungskräfte ist noch immer fast ausschließlich männlich und hat dem Beruf oft die absolute Priorität eingeräumt. Viele haben ihr Privatleben vernachlässigt. Und manche schon den Punkt erreicht, an dem sie lieber im Büro sind als daheim. Äußern nun jüngere männliche Kollegen den Wunsch nach Teilzeit, ruft das deshalb nicht nur Neid hervor. Es werden auch die Lebensentwürfe vieler Vorgesetzter erschüttert: Wenn es eine Alternative zur Dauerpräsenz in der Firma gibt, dann war nicht allein die Karriere daran schuld, dass man die eigenen Kinder so wenig gesehen und die Partnerschaft so wenig gepflegt hat.

Deshalb werden Männer in ihrem Wunsch, weniger zu arbeiten, selten unterstützt, manchmal gar regelrecht bekämpft. So berichten einige, die anonym bleiben wollen, dass ihre Vorgesetzten sie im vertraulichen Gespräch gefragt hätten, was denn ihre Frauen so Wichtiges täten, dass sie Teilzeit beantragen müssten. Danach sei ihnen klar signalisiert worden, dass sich mit einer 80-Prozent-Stelle "das Thema Karriere natürlich verbietet" und sie "mal ihre Prioritäten im Leben überdenken" sollten.

Doch solch klare Abwehr ist selten. "Man trifft heute kaum einen Vorstand mehr, der öffentlich sagt, Teilzeit oder Elternzeit sei unter ihm nicht möglich", sagt der Politologe Peter Döge. Meist findet eine subtilere Abwertung der männlichen Mitarbeiter statt. "Dies beginnt bei einer intensiveren Beobachtung und kritischen Beurteilung ihrer Leistung, geht weiter über die Nichtweitergabe von wichtigen Informationen und die Nichtberücksichtigung bei Beförderung und endet im handfesten Mobbing", sagt Nina Baur, Professorin am Institut für Soziologie der TU Berlin. Wie unangenehm das sein kann, hat auch Christoph Gekle erfahren: In den ersten zwei Jahren seiner Teilzeittätigkeit wurde er weniger für repräsentative Aufgaben eingesetzt. Er galt inoffiziell als Oberarzt zweiter Klasse. Und vonseiten der Kollegen fielen immer wieder Kommentare wie: "Ach, da warst du ja wieder nicht da bei der Dienstbesprechung."

Es ist nicht nur die Unternehmenskultur, die es Männern schwer macht, kürzerzutreten. Manchmal geht es schlicht ums Geld. Nicht jeder Haushalt kann eine 20-prozentige Gehaltseinbuße verkraften oder durch Mehrarbeit der Frau kompensieren. Und oft bereitet der Gedanke an Teilzeit den Männern Unbehagen. "Normalarbeitsverhältnisse machen den Kern der industriegesellschaftlichen Männlichkeitskonstruktion aus", schreibt der Soziologe Michael Meuser. Traditionell fühlt sich ein Mann als Mann durch seine Rolle im Job. Er legt daher großen Wert darauf, im Unternehmen als Leistungsträger anerkannt zu werden. Eine Reduzierung der Arbeitszeit führt nicht selten zu Selbstzweifeln. Christoph Gekle fühlte sich in den ersten Wochen seiner Teilzeittätigkeit montags daheim mit den Kindern unwohler als bei der anstrengenden Arbeit im OP. "Ich machte mir plötzlich Sorgen, weniger leistungsfähig zu sein. Zudem wurde mir klar: Ich bin relativ leicht ersetzbar."

Auf Unterstützung durch ihre Partnerin warten Männer manchmal vergebens. Denn auch das Verhältnis der Frauen zur männlichen Teilzeitarbeit ist zumindest nicht frei von Widersprüchen. Zwar wünschen sich viele, dass auch ihr Mann mehr Zeit zu Hause verbringt. Will einer jedoch tatsächlich seine Stundenzahl reduzieren oder gar zwölf Monate Elternzeit nehmen, haben etliche damit Probleme. "Viele Frauen wollen Geld verdienen, aber das Haupteinkommen soll der Mann erzielen", sagt die Tübinger Soziologin Regine Gildemeister.

Dazu passt, dass in Untersuchungen über männliche Teilzeit vor allem die Frauen antworten: "Der Beruf meines Mannes lässt eine Verringerung der Wochenarbeitszeit nicht zu." Nicht zufällig wird Männern im Väterzentrum Hamburg empfohlen, ihre Partnerin mitzubringen, wenn sie sich zum Thema Teilzeit informieren wollen.

Die Hürden für Männer, die Teilzeit arbeiten wollen, sind meist höher als die für Frauen. Dass sich trotzdem immer mehr trauen, gegen diese Widerstände anzugehen, spricht für ihren Mut. Oft sind es Männer, die bereits die ersten Karrierehürden genommen und ihre Leistungsfähigkeit bewiesen haben. Sie müssen kaum befürchten, dauerhaft arbeitslos zu werden - und finden schnell Gefallen an ihrem neuen Leben.

"Ich hätte nie gedacht, dass der positive Effekt eines zusätzlichen freien Tages pro Woche so groß ist", sagt Roger Lutgen. Der gebürtige Luxemburger sitzt in Hannover am Besprechungstisch der Windwärts Energie GmbH. 1994 hat der Elektroingenieur und Psychologe Lutgen gemeinsam mit vier Kollegen das Unternehmen gegründet. Kerngeschäft ist die Entwicklung, Finanzierung und der Betrieb von Windenergie-, Fotovoltaik- und Biogasanlagen. Heute arbeiten 61 Mitarbeiter in der Firma.

Seit 2004 ist Lutgen Teilzeit-Chef. Wie der Berater Leibundgut bleibt auch Lutgen in aller Regel mittwochs zu Hause. Nicht weil er mehr Zeit für seine Familie bräuchte - der 48-Jährige lebt allein. Sondern weil er mehr Freiraum für sich wollte, "zum Nachdenken, zum Auftanken". Wenn das Wetter es zulässt, fährt Lutgen mittwochs mit seinem Motorrad durch die Gegend "einfach so", um den Kopf freizubekommen. Anschließend fühle er sich frisch. Ihm fielen neue Lösungen für Probleme im Unternehmen ein, und wenn er donnerstags wieder an seinem Arbeitsplatz erscheine, wisse er ganz genau, was zu tun sei.

Als er vor fünf Jahren mitteilte, er werde von nun an mittwochs freimachen, waren einige seiner Angestellten zunächst irritiert: "Ein Chef in Teilzeit - wie soll das gehen?" Doch indem Lutgen nach und nach immer mehr Arbeit delegierte und sich stärker strategischen Aufgaben widmete, schaffte er sich den nötigen Freiraum. Dass er einen Tag pro Woche nicht im Büro ist, daran haben sich nicht nur die Angestellten, sondern auch die Kunden und die Mitgeschäftsführer längst gewöhnt.

In der Firma hieß es anfangs: "Der tut sich was Gutes." Wenn Lutgen daran denkt, wird seine Stimme eine Nuance lauter: "Ich arbeite ein Fünftel weniger, ich verdiene aber auch entsprechend weniger - nur das vergessen die meisten. Teilzeit ist kein Incentive, das mir das Unternehmen gewährt."

Und sonst? "Arbeiten in Teilzeit hat fast nur Vorteile", sagt Lutgen. So ähnlich sehen das auch die anderen Männer. "Der Effekt auf die Partnerschaft und die Beziehung zu den Kindern ist gigantisch", sagt Gekle. Er fühlt sich ausgeglichener, seit er in Teilzeit arbeitet, auch weil er nun wieder mehr Zeit und Kraft hat, sich in seiner Kirchengemeinde zu engagieren.

Für den Berater Leibundgut war es eine Überraschung, wie viele Menschen sich überhaupt ehrenamtlich engagieren - vom Fußballtrainer bis hin zum Jugendgruppenleiter - und wie wichtig diese Menschen für seine Kinder und die Gesellschaft sind. Ebenso, dass er erst jetzt richtig zu schätzen weiß, welche "Riesenarbeit" seine Frau zu Hause leistet. "Durch die Teilzeitarbeit habe ich eine viel realistischere Einschätzung, was im Leben überhaupt wichtig ist", sagt der McKinsey-Mann.

Doch bei aller Euphorie: Die Vereinbarung von Karriere und Teilzeit hat offenbar ihre Grenzen. Dass man in den ersten drei Berufsjahren auch mit einer 80-prozentigen Stelle im Unternehmen vorwärtskommt, halten die meisten Praktiker für eher unwahrscheinlich. Zudem gehe die Karriere auch für diejenigen, die später reduzieren, langsamer voran. "Wer ein Fünftel weniger arbeitet, der braucht auch - grob gesagt - ein Fünftel mehr Zeit bis zum nächsten Karriereschritt", sagt Leibundgut. Auch glauben nicht alle daran, dass man einen Führungsjob beliebig aufsplitten kann, etwa in zwei Halbzeitstellen. "Verantwortung ist nur bedingt teilbar", sagt Lutgen.

Rund 30 Prozent der Männer zögen Teilzeit ohnehin niemals in Betracht, schätzt der Politologe Döge. Doch immerhin 25 Prozent würden liebend gern auch als Führungskräfte Stunden reduzieren, wenn das denn leichter möglich wäre.

Was es dazu braucht?

"Zunächst einmal eine Unternehmenskultur, die unterschiedliche Karrieremodelle nicht nur toleriert, sondern sogar fördert", sagt der Ingenieur Reiner Hohl, 43, seit elf Jahren bei Bosch. In Schwieberdingen, 20 Minuten von Stuttgart entfernt, leitet er eine Gruppe von neun Mitarbeitern, die sich um die Entwicklung von Kraftstoff-Fördermodulen kümmert, also darum, wie der Sprit vom Tank zum Motor kommt. Als sein erstes Kind vor mehr als zwei Jahren geboren wurde, nahm er vier Monate Elternzeit, anschließend arbeitete er auf einer 70-Prozent-Stelle weiter. Montags bis donnerstags kommt er für sieben Stunden ins Unternehmen, freitags bleibt er zu Hause. Seine Frau, eine Geophysikerin, die in einem kleinen Ingenieurbüro in Mainz arbeitet und pendelt, ist ebenfalls in Teilzeit beschäftigt. Vor Kurzem haben die Eheleute ihren zweiten Sohn bekommen.

Bei Bosch ist man stolz darauf, dass sich die Zahl der Väter in Elternzeit in den vergangenen drei Jahren auf insgesamt 630 Männer verdreifacht hat, und vor einem Jahr haben die Schwaben damit angefangen, Führungsaufgaben sowohl als Vollzeit- als auch als Teilzeitstellen auszuschreiben - aus Überzeugung, dass das den Mitarbeitern wie auch dem Unternehmen nützt. Hohls Chef versuchte gar nicht erst, ihm seinen Wunsch nach Teilzeit auszureden. Stattdessen begann er sofort mit der Planung. Hohl sagt: "Ich muss auch als Führungskraft ersetzbar sein, sonst stimmt doch etwas nicht." Seine Effizienz im Job habe außerdem zugenommen, seit er am Nachmittag seinen älteren Sohn aus der Kita abholen muss. Wenn jemand in Besprechungen ausschweift, wird er schneller ungeduldig.

Ob es Männern möglich ist, in Teilzeit zu arbeiten, hängt zu einem großen Teil vom Verhalten der Führungskräfte ab, die Vorbildfunktion haben. Bei Windwärts sind mittlerweile neun Mitarbeiter - vier Frauen und fünf Männer - dem Arbeitsmodell ihres Geschäftsführers Lutgen gefolgt. Im Universitätsklinikum Bochum ist Gekle zwar noch immer der einzige Oberarzt in Teilzeit, aber von den jüngeren männlichen Assistenzärzten haben ebenfalls einige reduziert. Bei McKinsey in Zürich erkundigen sich zumindest immer mehr Kollegen bei Leibundgut nach seinen Erfahrungen. Und von den acht Mitarbeitern Hohls arbeitet einer ebenfalls Teilzeit.

Noch gehören diese Männer zu einer kleinen Minderheit. Doch Wissenschaftler wie Stefan Becker sind überzeugt, dass ihre Zahl stark steigen wird. Jutta Rump glaubt, dass dies langfristig zu zwei parallelen Karrierepfaden in den Unternehmen führen wird: Zum einen bleibt der traditionelle, hierarchische Weg, um mehr Macht zu gewinnen. Daneben wird sich ein zweiter Karriereweg entwickeln, vor allem in Form von Projektarbeit. Hier spielen Inhalte, Leistung und das Sammeln von Erfahrungen eine größere Rolle. Mitarbeiter mit Teilzeitwunsch werden sich vor allem für diese Variante entscheiden, die auch für die Unternehmen wertvoller wird - "schließlich wird in den Projekten die Wertschöpfung generiert", sagt Jutta Rump.

Wie schnell es so weit kommt, hängt vor allem von den Männern ab und ihrem Willen, sich von ihrer traditionellen Rolle zu lösen. "Auf einem silbernen Tablett werden sie ihre neuen Rollen nicht serviert bekommen", sagt Becker. Das erinnert an die Anfänge der Frauenbewegung. Der Unterschied: Frauen hatten eine recht genaue Vorstellung davon, wofür sie auf die Barrikaden gingen. Vielen Männern hingegen ist dies noch nicht klar. Auch deshalb sind Vorbilder wie Gekle, Leibundgut, Lutgen oder Hohl so wichtig, die euphorisch über das neue Männerleben berichten. -

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