Ausgabe 09/2009 - Was Menschen bewegt

Herrn Lohmanns Vermächtnis

- Meine Frau und ich haben gestern Abend eine gute Flasche Wein aufgemacht, eine von den alten Bordeaux, die wir aus Herrn Lohmanns Keller mitgenommen haben. Wir wollten anstoßen auf unseren kleinen Sieg. Endlich haben wir einen Gebrauchtwagenhändler gefunden, der uns nicht gleich vom Hof gejagt hat. Wir haben ihm Herrn Lohmanns Auto verkauft. Dass uns dies gelingen könnte, daran hatten wir kaum noch geglaubt. Es liegt weniger daran, dass wir schlechte Autoverkäufer sind. Das sind wir natürlich. Es liegt an Herrn Lohmanns Auto. In den vergangenen Wochen hat sich unsere Vorahnung bestätigt, dass es für einen sechs Jahre alten Opel Signum mit V6-Zylinder-Motor, 211 PS und einem Durchschnittsverbrauch von 15 Litern einfach keinen Markt gibt. Es gibt zwar Leute, die solch ein Auto verkaufen wollen, aber offensichtlich niemanden, der eines haben will. Vermutlich wissen die meisten Menschen nicht einmal, dass Opel dieses Fahrzeug je gebaut hat.

Herr Lohmann war immer sehr stolz auf seinen Wagen, keine Inspektion hat er ausgelassen. Für 40 000 Euro, sagte er oft, bekomme ich keinen BMW oder Mercedes-Benz mit derart starker Motorisierung und so vielen Extras. Ich habe einige Male mit dem Wiederverkaufswert gekontert, aber wer Mitte 70 ist und sich noch ein Auto kauft, für den ist der Wiederverkaufswert wohl keine ausschlaggebende Kategorie.

Vergeblich hatte ich versucht, ihn zum Kauf eines Modells mit kleinerem Motor zu überreden. Wozu brauchte jemand, der meist innerorts unterwegs ist, ein Auto mit 3,2-Liter-Maschine, die so unzeitgemäß viel Benzin verbraucht? Und auf der Autobahn, ich hatte es selbst erlebt, vergaß er oft, beim Überholen in den Rückspiegel zu schauen. Ein Unfall bei 230 km/h ist tödlich. Der Sechszylinder läuft ruhiger, entgegnete Herr Lohmann nur. Der Opel-Händler hat dem militanten Nichtraucher Lohmann noch ein Raucherpaket aufgeschwatzt und ein kompliziertes Navigationssystem für fast 2000 Euro, das sein Besitzer nie bedienen konnte. Der Zielspeicher war auch nach sechs Jahren noch leer.

Nun ist Herr Lohmann tot, und ich soll sein Auto verkaufen. Ich habe Order von meiner Mutter erhalten - "Madame", wie Herr Lohmann sie immer anredete. Sie hat das Auto geerbt und auch alles andere, wovon noch die Rede sein wird. Ich solle den Wagen auf keinen Fall unter Wert abgeben. Sie hat die Reisen in der komfortablen Limousine immer sehr genossen, nach Südtirol, an den Chiemsee, in die Schweiz. Die gängigen Gebrauchtwagenlisten taxieren das Auto zu Madames Verdruss auf nur 12 000 Euro. Ich ahne, dass wir selbst diesen Preis wohl nicht erzielen werden, fotografiere das Fahrzeug von allen Seiten, vorteilhaft mit dem Weitwinkelobjektiv, das erweckt den Eindruck von Dynamik, und inseriere es in den führenden Internet-Portalen für Gebrauchtwagen. Gegen Madames zähen Widerstand gehe ich mit dem Preis 1000 Euro unter das billigste Angebot, auf 10 900 Euro. Wenn ein Signum verkauft wird, soll es der von Herrn Lohmann sein.

Lange Zeit geschieht nichts. Kein Interessent ruft an, niemand schickt eine E-Mail. Vorsichtshalber schaue ich ein paarmal nach, ob die Annonce auch wirklich eingestellt ist. Ich erinnere mich an eines meiner Uni-Seminare zur ökonomischen Theorie. Der Professor legte Wert darauf, dass jeder Student begriff, was es mit der Preiselastizität der Nachfrage auf sich hat: Um wie viel Prozent steigt oder sinkt die Nachfrage nach einem Produkt, wenn es teurer beziehungsweise billiger wird? Ich hatte damals Probleme, mir vorzustellen, was eine absolut unelastische Nachfrage ist. Wie tief der Preis auch sinkt - die Nachfrage nach dem Produkt steigt trotzdem nicht. Jetzt verstehe ich es. Den Preis für einen gebrauchten Opel Signum 3.2 V6 Cosmo kann man offenbar immer weiter senken - es will ihn einfach niemand haben.

Nach drei Wochen erhalte ich die erste E-Mail auf meine Annonce. Ein Mann namens Darren Taylor schreibt, er sei US-Soldat, vor Kurzem aus dem Irak zurückgekehrt und erhalte jetzt, nach seinem Abschied aus der Army, eine gute Abfindung. Der Preis für den Wagen gehe völlig in Ordnung. Allerdings bekomme er die Abfindung erst im Herbst. Ob es in Ordnung sei, wenn er bei Übernahme des Autos erst einmal ein Drittel des Kaufpreises anzahle und den Rest dann später? Ich lösche die E-Mail. Nach weiteren zwei Wochen sagt Madame: "Geh runter mit dem Preis. Verkauf es. Weg mit dem Ding."

Herr Lohmann wurde 81 Jahre alt. Er verfiel binnen weniger Wochen, aß kaum noch etwas und kam nur noch mit Mühe aus dem Auto. Dann lag er ein paar Tage zu Hause auf seinem Sofa, bleich und ausgemergelt, zu schwach zum Aufstehen. Den Notarzt, den wir riefen, schickte er wieder weg. Als er sich doch überreden ließ, ins Krankenhaus zu gehen, war es zu spät. Nach einer Woche war er tot. Er wusste wohl, dass er sehr krank war, und hatte entschieden, nicht um ein oder zwei Jahre Verlängerung im Pflegeheim zu kämpfen. Vielleicht hatte er aber auch gespürt, dass sein Lebensgebäude in Scherben lag.

Ich war bei ihm, als er seinen letzten Atemzug tat. Das war in Ordnung so, denn er war sehr gut zu Madame gewesen. Nachdem mein Vater vor zehn Jahren gestorben war, hatte Herr Lohmann, ein Freund aus Jugendzeiten, sich meiner Mutter angenommen. Sie waren kein Paar, eher eine Altersgemeinschaft für gegenseitigen Beistand. Wenn sie gemeinsam verreisten, wurden immer zwei Hotelzimmer gebucht.

Schon auf dem Rückweg vom Krankenhaus wird mir klar, dass jetzt einiges auf mich zukommt. Madame, auch schon 78 Jahre alt und in letzter Zeit sehr gebrechlich, ist mit der Beerdigung und dem Nachlass überfordert. Es ist ja nicht nur das Auto. Herr Lohmann hat Madame all seinen Besitz hinterlassen: das Einfamilienhaus, in dem er gewohnt hat, eine Eigentumswohnung in einer benachbarten Kleinstadt, jeweils mit allem Inventar, dazu Geldvermögen in unbekannter Höhe und Wertpapiere. In dem Städtchen, in dem er seit seiner Geburt lebte, galt Herr Lohmann als wohlhabender Mann. Als Direktor der Wertpapierabteilung einer namhaften Bank in einer westdeutschen Großstadt war er Anfang der Neunziger zwei oder drei Jahre vorzeitig in Rente gegangen. Er war ein Bankier alter Schule, hatte das Geschäft von der Pike auf gelernt. In seinem Auftreten blieb er seinem Beruf auch als Rentner treu. Selten sah man ihn anders als im dunklen Anzug und mit akkurat gebügeltem weißen oder hellblauen Hemd. Im Bekanntenkreis raunte man sich zu, Herr Lohmann habe zu seiner aktiven Zeit Geld ins Ausland geschafft, "an der Steuer vorbei". Auch habe er vermögende Kunden "entsprechend beraten" und sei dafür gut entlohnt worden. Ich bin gespannt, worauf ich stoßen werde.

Schon eine erste flüchtige Durchsuchung des Schreibtischs macht klar, dass Herr Lohmann nicht als reicher Mann gestorben ist. Es finden sich genügend Hinweise, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil seines früheren Vermögens in den vergangenen zehn Jahren in Madames Haushalt geflossen ist. Madame hat täglich für Herrn Lohmann gekocht, er hat das Heizöl bezahlt, die wöchentlichen Einkäufe, den neuen Herd und die neue Waschmaschine, neue Tapeten und neue Teppichböden, das neue Dach und die neue Couchgarnitur, knapp ein Dutzend Tischlämpchen, sämtliche Reparaturen am Haus und darin, das Gartenhäuschen, die gemeinsamen Urlaube und das eine oder andere Schmuckstück. Auch wenn im Frühjahr und im Herbst ein Trupp von Arbeitern gärtnerische Höchstleistungen bei Madame vollbrachte, zahlte stets Herr Lohmann.

Der andere, vermutlich größere Teil von Herrn Lohmanns Vermögen ist im Laufe der Jahre auf seltsame Weise zerronnen. Ich stelle fest, dass Herr Lohmann noch Aktien gekauft hat, als der Dax bei fast 8000 Punkten stand - und sie wieder verkaufte, als ihr Wert auf ein Viertel geschrumpft war. Ein Blick in Herrn Lohmanns Konto- und Depotauszüge offenbart, dass von seinem einstigen Wohlstand ein Festgeldkonto mit knapp 50 000 Euro sowie Aktien im Wert von 5245,34 Euro übrig geblieben sind. Seiner Bankberaterin teile ich telefonisch mit, dass Herr Lohmann gestorben ist, und schicke ihr eine Kopie der Sterbeurkunde.

Zwei Wochen darauf schickt sie Herrn Lohmann einen Brief mit einer Einladung zum persönlichen Beratungsgespräch über die optimale Anlagestrategie für das Jahr 2009. Meine Frau schlägt vor, ich solle zurückschreiben: "Mein derzeitiger gesundheitlicher Zustand lässt es leider nicht zu, Sie in der Filiale aufzusuchen. Ich würde mich aber freuen, das Gespräch an einem für mich besser erreichbaren Ort zu führen." Dann solle ich die Adresse des Friedhofs reinschreiben. Ich lasse es. Man kann eine Sache auch zu weit treiben.

Jetzt stehe ich da mit all den Dingen, die ich zu Geld machen soll. Denn Madame will natürlich kein Haus, keine Eigentumswohnung, keine Teppiche und keinen Opel Signum. Sie hat ja nicht einmal einen Führerschein. Sie will Geld.

In den folgenden Wochen entwickle ich mich zum Experten auf dem Markt für möblierte Zwei-Zimmer-Eigentumswohnungen mit Tiefgaragenplatz in Bahnhofsnähe. Ich sondiere die Verkaufschancen für 15 Jahre alte Schlafzimmereinrichtungen in Eiche rustikal und quäle mich mit der Frage, ob ich die Gebäudehaftpflicht- und Feuerversicherung für Herrn Lohmanns Haus kündigen soll. Madame hat die Order ausgegeben, die laufenden Kosten zu senken. Aber was, wenn das Haus abbrennt? Dann stünde sie vor einem Haufen rauchender Trümmer. Wann hat der Pastor Zeit für die Beerdigung? Werden die Friedhofsarbeiter an einem Samstag anrücken und das Grab zuschütten? Soll Herr Lohmann in seinem Sarg auf einer saugfähigen gepolsterten Einlage liegen? Der Bestatter, ein Freund aus Kindertagen, empfiehlt das nachdrücklich. "Die Einlage saugt die Flüssigkeit auf, die aus der Leiche heraustritt." Ich nehme die Einlage.

Er bewahrte alles auf. Sogar die vor 35 Jahren von seiner Mutter eingeweckten Erdbeeren

Natürlich will auch das Finanzamt seinen Anteil. 30 Prozent Erbschaftsteuer sind fällig. Madame findet das ungerecht. Sie wird zum ersten Mal in ihrem Leben nicht CDU wählen, sondern FDP. Die fordert Steuererleichterungen für Erben, hat sie gehört.

Beim Ausfüllen der Formulare helfen solche Diskussionen wenig. Wie viel ist Herrn Lohmanns Nachlass wert? Was in aller Welt ist die "Versicherungssumme 1914", auf deren Basis man offenbar den Wert einer Immobilie berechnen kann? Wo hat Herr Lohmann wichtige Unterlagen aufbewahrt - Verträge, Auszüge aus dem Grundbuch, Gutachten, Versicherungspolicen, Steuerbelege?

Herr Lohmann hat es in seinen letzten Jahren offenbar nicht mehr geschafft, all diese Dinge in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Es gibt keinen bestimmten Platz für irgendetwas. Alles kann überall sein. Die Unterlagen für die Steuererklärung liegen im Wäscheschrank zwischen Handtüchern. Den Kaufvertrag für die Eigentumswohnung finde ich in einer Kiste mit Feldpostbriefen, Aufsatzheften aus den dreißiger Jahren und dem Eisernen Kreuz des im Krieg gefallenen Bruders. In einem Regal im Keller stehen Einmachgläser mit Erdbeeren, die Herrn Lohmanns Mutter eingeweckt hat. Sie starb 1974.

Der Ehemann von Herrn Lohmanns Putzfrau entrümpelt das Haus vollständig. Niemand wollte etwas von Herrn Lohmanns Hausstand haben, nicht mal geschenkt. Und so landet alles im Müll: Möbel, Geschirr, das riesige Fernsehungetüm, Teppiche, Bücher und Schallplatten. Über die Hemden, teils noch in Folie verpackt, freut sich der Entrümpler. Sie passen ihm perfekt.

So ein Einfamilienhaus, erbaut Anfang der dreißiger Jahre und im Laufe der Jahrzehnte ziemlich graumäusig geworden, verkauft sich nicht von allein. Madame will keinen Makler beauftragen. Der koste zu viel Geld, sagt sie. Soll ich das Haus verkaufen? Ich wohne fünf, sechs Autostunden entfernt. Zu den Besichtigungsterminen müsste ich anreisen. "Mach das ja nicht! ", warnt ein Freund, der Ähnliches schon mal versucht hat. "Du stehst jeden Samstag da und wartest auf Interessenten, die dann doch nicht kommen."

Es sei keine gute Zeit, Immobilien zu verkaufen, erkläre ich Madame, deren Preisvorstellung eher bei 300 000 als bei 200 000 Euro liegt. Ich recherchiere und finde heraus, dass sich für jede Wohnlage, für jede Straße in Deutschland der Quadratmeterpreis eines Grundstücks relativ zuverlässig ermitteln lässt. Das Ergebnis für die Straße, in der Herrn Lohmanns Haus steht, fällt mit 190 Euro pro Quadratmeter etwas ernüchternd aus. "Nur 64 000 Euro für das Grundstück?", fragt Madame. "Und das Haus?" "Das Haus ist gar nix wert", sagt meine Frau. "Ein gruseliger Kasten." Sie hat nicht ganz unrecht. Herrn Lohmanns Haus ist dunkel und verwinkelt, die Zimmer sind beklemmend klein, der Keller feucht und muffig. Ein Mausoleum. Der Käufer wird Wände herausnehmen und größere Fenster einbauen müssen. Küche und Bad entsprechen dem Standard der sechziger Jahre. Man wird alles herausreißen, auch die Einbaukleiderschränke im Treppenhaus, im Schlafzimmer und im Ankleidezimmer. Wer braucht heute noch ein Ankleidezimmer?

Madame übergibt das Haus schließlich der Immobilienabteilung ihrer Hausbank. Die soll sich kümmern. Eine Mitarbeiterin der Bank fotografiert das Haus, zum Glück nur von außen, erstellt ein Exposé und setzt den Preis auf 149 000 Euro fest. Es hängt jetzt auch ein Schild im Wohnzimmerfenster. Noch hat niemand angerufen. So etwas brauche Zeit, sagt die Frau von der Bank, vielleicht ein halbes Jahr. Die Zeiten sind schlecht, und in der gleichen Straße steht noch ein Haus zum Verkauf, das viel hübscher aussieht und kaum mehr kosten soll.

Die Eigentumswohnung hat Herr Lohmann vor 14 Jahren gekauft, vermutlich als Geldanlage. Er hat sie seinerzeit komplett möbliert und mit Einbauküche, Wäschetrockner, Bildern, Perserteppichen, Büchern, Fernsehapparat und Telefon ausgestattet.

In all den Jahren hat dort nie jemand gewohnt. Herr Lohmann hatte keine Lust, sich mit Mietern herumzuärgern, heißt es. Die Wohnung, die er 1995 für 140 000 Euro gekauft hat, wird in Kürze für 76 000 Euro weggehen. Ein imposantes Verlustgeschäft von 64 000 Euro, Inflation nicht eingerechnet.

So viel Geld zu vernichten: Wie schafft ein Banker das mit den eigenen Ersparnissen?

Aber dabei bleibt es leider nicht. Über die Jahre sind Betriebs- und Nebenkosten, Hausverwaltungsgebühren, Grundsteuer sowie Kosten für Strom, Wasser, Telefon, G EZ und Heizung von mindestens 35 000 Euro aufgelaufen. Bleiben also 41 000 Euro. Aber nein, die Einrichtung, in die Herr Lohmann gut und gern 30 000 Euro investiert hat, ist bis auf die Küche im Müllcontainer gelandet. Einen Teppich habe ich mitgenommen, aber auch der liegt jetzt im Müll. Unser fünf Monate altes Hündchen wurde vor ein paar Tagen von Durchfall geplagt. In seiner Not fand das Tier, dass Herrn Lohmanns Bachtiar-Teppich der richtige Ort war, um sich zu erleichtern. Hundedünnschiss kriegt man nie wieder raus. Bleiben also 11 000 Euro. 11 000 von 140 000. Herr Lohmann hat sich für eine Kapitalanlage entschieden, bei der das Grundkapital nach 14 Jahren bis auf 7,86 Prozent aufgefressen worden ist ohne Inflation.

Die Sache wird noch schlimmer, wenn man überlegt, was Herr Lohmann mit dem Geld alles hätte anstellen können, ganz ohne Zockerei. Hätte er die 140 000 Euro seinerzeit in todsicheren Bundesschatzbriefen mit durchschnittlich drei Prozent Verzinsung plus Zinseszins angelegt, könnte Madame jetzt über knapp 212 000 Euro verfügen. Anders ausgedrückt: Herr Lohmann hat ein Wertpotenzial von mehr als 200 000 Euro vernichtet. Das muss ihm doch klar gewesen sein, denke ich. Solche Berechnungen muss er als Banker doch angestellt haben. Er hätte sie zumindest anstellen können. Welchen Sinn hatte das alles?

Im Schreibtisch finde ich doch noch Wertpapiere. Zwiespältiges ist auch dabei, ein Besserungsschein der Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft (Brabag) von 1963 für eine Schuldverschreibung von 1940. Die Brabag, zu der unter anderem die IG Farben gehörte, war eines der Zwangskartelle der NS-Wirtschaft, gegründet mit der Zielsetzung, synthetisches Benzin aus Braunkohle für die Kriegsmaschinerie der Nazis herzustellen. In den Brabag-Fabriken arbeiteten auch 13 000 KZ-Häftlinge. Hatten Herrn Lohmanns Eltern zu NS-Zeiten diese Anleihe über 1000 Reichsmark gezeichnet? Doch woher sollte eine Buchdruckerfamilie so viel Geld gehabt haben? Oder hatte Herr Lohmann jemandem seine Ansprüche an die Brabag abgekauft? Aber warum kaufte er ein solches Papier, an dem das Blut von KZ-Häftlingen klebte?

Die anderen Wertpapiere nähren, vorsichtig gesagt, den Zweifel an Herrn Lohmanns Anlagekompetenz. Ein größerer Posten Gramco-Aktien ist dabei. Gramco, eine amerikanische Immo-bilienfonds-Gesellschaft mit Sitz auf den Bahamas, war Ende der sechziger Jahre ein ganz heißer Tipp, zumindest ein paar Monate lang. Dann ging die Gesellschaft pleite. Die Aktien habe ich jetzt für einen Euro bei Ebay versteigert. Mit der Herstatt-Aktie über 1000 Mark vom Dezember 1972 konnte ich dagegen eine kleine Bieterschlacht entfachen. Sie ging für 56 Euro weg. Herr Lohmann arbeitete damals selbst bei Herstatt. Was mag er gedacht haben, als er mitkriegte, wie die 20 Jahre jüngeren Devisenhändler, Dany Dattels Goldjungs, das große Rad drehten und täglich zig Millionen hin und her schoben, während er mit Kunden zu Mittag aß, die ein paar Tausend Mark Schwarzgeld ins Ausland schaffen wollten?

Als die Herstatt-Bank anderthalb Jahre später zusammenbrach, war Herr Lohmann bereits zu einer anderen Bank gewechselt. Hatte er, dieses eine Mal nur, ein gutes Gespür gehabt, das Schiff verlassen, lange bevor es den Eisberg rammte? Oder war er nicht gut genug für Herstatt? Die Fragmente von Herrn Lohmanns Leben fügen sich immer deutlicher zur Geschichte eines Mannes, der am Ende seines Lebens einsehen musste, dass er nichts erreicht hatte. Vielleicht hat ihn deshalb der Lebenswille verlassen.

Der Gebrauchtwagenhändler hat uns Herrn Lohmanns Auto gestern für 7850 Euro abgekauft. Es wird bestimmt lange auf seinem Hof stehen. Zum Glück ist ihm der bedenklich rostige Auspuff entgangen. Wir haben uns erkundigt: So ein Doppelauspuff kostet inklusive Montage fast 1000 Euro. Dafür hat der Wagen ein fast neues Getriebe. Herr Lohmann hat voriges Jahr fast 4000 Euro dafür bezahlt. Das Getriebe war wohl immer eine Schwachstelle beim großen Signum.

Den Bordeaux, einen 1985 Saint-Émilion Grand Cru, den ich mit meiner Frau auf den Verkauf von Herrn Lohmanns Auto trinken wollte, habe ich in den Ausguss geschüttet. Was da im Glas schwappte, braunrot, fast wie Rost, schmeckte abscheulich. Mit der nächsten Flasche, einem 79er Rioja Gran Reserva, war es nicht besser. Vermutlich ist der Großteil von mehr als 100 Flaschen aus Herrn Lohmanns Weinkeller, darunter viele Weißweine von Mosel und Nahe aus den achtziger Jahren, komplett verdorben. Herr Lohmann hatte immer so sehr von seinen alten Weinen geschwärmt. Wir haben eine Flasche Aldi-Rotwein für 2,69 Euro aufgemacht. Der hat ganz gut geschmeckt. So etwas Billiges hätte Herr Lohmann garantiert nie angerührt. -

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