Ausgabe 09/2009 - Editorial

Hauptsache Arbeit

• Vier Jahre ist es her, es war auch gerade Wahlkampf, da geisterte durch Parteiprogramme und Politikerköpfe die schöne Illusion, Deutschland könne, wenn man es nur richtig anstellte und die richtige Führungsmannschaft hätte, zu jenem wunderbaren Zustand zurückfinden, in dem jeder eine Arbeit hat. Eine sozialversicherungspflichtige Arbeit, versteht sich, weil sich nur dann die Sozialkassen füllen und Politiker gut sein, also geben können.

Seither ist viel passiert. Die Konjunktur erholte sich und stürzte dann um so heftiger ab. Die Zahl der Arbeitslosen ging zurück und stieg dann wieder an. Vor allem aber hat sich die Arbeitswelt gewandelt: " Jobsicherheit" ist zu einem Begriff aus alter Zeit geworden. Junge Menschen richten sich gar nicht erst darauf ein, ihr Berufsleben in einem Beruf oder gar bei einer Firma zu verbringen. Und während auf der einen Seite die Zahl derer steigt, die beim Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- oder Wissensgesellschaft an den Rand gedrängt werden, suchen auf der anderen Seite Unternehmen händeringend nach jenen hoch qualifizierten Mitarbeitern, mit denen sich in einer veränderten Wirtschaftswelt überleben lässt.

So ist vieles schon anders geworden. Nur eines blieb: Auch in dieser Vorwahlzeit ist das Versprechen der Vollbeschäftigung wieder da. Eindrucksvoll ist nur, dass es kaum noch einer glaubt. Wer nicht im Berliner Reichstag, sondern draußen in der freien Marktwirtschaft um seine Existenz ringt, hat längst begriffen, dass der Rohstoff Arbeit nicht mehr der alte ist (S. 76).

Was sich geändert hat und noch weiter ändern wird, das ist Thema dieser Ausgabe und einer Serie, die danach beginnt. Denn die Frage, was wir morgen arbeiten, wovon wir leben werden, ist nicht nur für jeden Einzelnen existenziell: Es geht darum, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, wenn Deutschland auch künftig wohlhabend bleiben will.

Da ist eine Menge zu tun. Zuerst und vor allem: zu überlegen, was Arbeit eigentlich ist.

Ist sie nur Mühsal und Fron, um sich die Existenz und ein wenig Spaß in der Freizeit zu erkaufen? Oder ist sie der Weg zu Zufriedenheit und Sinn? Zählt Arbeit nur, wenn sie Erwerbsarbeit ist? Oder ist Arbeit ohne Lohn genauso viel wert? Und überhaupt: Ist uns Arbeit etwas wert und wenn ja, was? Und schätzen wir den, der sie verrichtet? Da sind Zweifel erlaubt, wenn man die Porträts eines Facharbeiters und eines Polizisten liest (S. 116). Und auch die Putzkolonnen beim Reinigungskonzern Wisag kennen eher Gering- als Wertschätzung (S. 70). So richtig gern haben viele die Arbeit offenbar nur, wenn sie verloren zu gehen droht, zum Beispiel bei der Telekom (S. 90).

Oder aber, wenn sie – und das ist längst ein Trend – selbst gewählt und selbstbestimmt ist (S. 62, 66, 84, 106, 112, 122). Wenn sie als Chance gesehen wird, an die man kaum noch glaubte (S. 56). Oder kluge Unternehmer den Wandel nicht einfach nur geschehen lassen, sondern moderieren, wofür der Zahnbürsten-Hersteller Trisa ein gutes Beispiel ist (S. 50).

Das ist die Arbeitswelt, für die sich einzusetzen lohnt. Und dazu gehört, all jene nicht zu vergessen, für die es erst einmal keine Erwerbsarbeit mehr gibt. Man kann sie mit Hartz IV bestrafen – oder ihnen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Würde erhalten. Und damit die Chance, einen eigenen Weg zur selbstbestimmten Arbeit zu finden (S. 40, 128).

Ein Schicksal jedenfalls ist die Arbeitswelt von morgen nicht. Wir haben die Wahl. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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