Ausgabe 09/2009 - Was Unternehmern nützt

Gelobt sei, was smart macht

- Müssten wir uns einen Kurort mitten im Schwarzwald ausdenken, in der einen Hälfte des Jahres ideal für Wanderer, in der anderen für Skiläufer: Schonach gehörte zur ersten Wahl. Die Luft ist rein auf 1000 Meter Höhe. "Ruhe, Erholung und Natur pur" sind kein leeres Versprechen, sondern tägliches Erlebnis. Einzige Ablenkung von der Erholung bietet "die erste weltgrößte Kuckucksuhr", so groß wie ein Haus.

"Landschaftlich ist das hier ein Traum", sagt Silke Burger. Doch die Personalchefin der mittelständischen Burger-Gruppe kennt auch die Kehrseite der Idylle: Gut ausgebildete Fachkräfte von auswärts sind kaum nach Schonach zu locken. Sie winken ab: zu ruhig, zu abgelegen, zu klein, zu kalt, zu lang der Winter. Falls überhaupt mal einer der begehrten Ingenieure, Mechaniker und Mechatroniker auf ein Stellenangebot reagiert.

An den beruflichen Herausforderungen oder der Solidität des Unternehmens kann es nicht liegen. Der Umsatz der Burgers mit ihren 390 Mitarbeitern lag im vorigen Geschäftsjahr bei rund 50 Millionen Euro. Das Geschäftsfeld: Antriebe, Getriebe, Komponenten, mechatronische Systeme aus Metall und Kunststoff zu entwickeln und zu produzieren, die zum Beispiel in Automobilen, Küchengeräten, Motorsägen und Krankenhausbetten eingebaut werden. Und in Schwarzwälder Kuckucksuhren, für die das 1856 gegründete Unternehmen ganze Uhrwerke fertigt - damit hat einmal alles begonnen. Den Kern der heutigen Firmengruppe bildet die SBS-Feintechnik GmbH & Co. KG.

Silke Burgers Mann Thomas leitet das Unternehmen in fünfter Generation. Ihre 22-jährigen Zwillingssöhne werden, wie es aussieht, irgendwann die sechste bilden.

Wenn die 45-jährige Betriebswirtin die vielen auf Alarm gestimmten Zeitungsgeschichten über den Fachkräfte- und Ingenieurmangel betrachtet, muss sie jedes Mal schmunzeln. "Das gab es bei uns schon immer", sagt Silke Burger. "Als ich 1991 ins Unternehmen einstieg, konnten wir etliche freie Stellen nicht besetzen. Wir haben mit Zeitarbeitern angefangen. Nicht um saisonale Schwankungen auszugleichen, sondern weil wir keine festen Mitarbeiter bekommen haben."

Ende der neunziger Jahre wollten die drei großen Schonacher Unternehmen in einer gemeinsamen Aktion das Problem lösen. Weil allen die Fachkräfte fehlten, taten sie sich mit dem Arbeitsamt zusammen und luden Arbeitslose aus den neuen Bundesländern zu einer Bustour in den Schwarzwald ein. "Arbeiten, wo andere Urlaub machen", hieß die Kampagne. Ein Wochenende lang wurde den Kandidaten vieles geboten: Betriebsführungen, Rundfahrten, Abendprogramm und Hotelübernachtung. Das Ergebnis, laut Silke Burger: "Aus diesem Bus sind zwei Leute nach Schonach gekommen, zwei von etwa 50. Das war nicht gerade effizient."

Danach beschlossen die Burgers, in der Personalarbeit neue Wege zu gehen. "Wir haben uns gesagt: Wenn der Markt uns nichts gibt, müssen wir uns die Fachkräfte, die wir brauchen, eben selbst heranziehen", sagt Silke Burger. "Angenehm anders" hätten sie sein wollen, als lokal verwurzelter Arbeitgeber und besonders als Ausbildungsbetrieb. Das Unternehmen engagierte sich deshalb in der Haupt- und Werkrealschule am Ort, um potenzielle Auszubildende möglichst früh an sich zu binden. Abiturienten können duale Studiengänge belegen, die das Theoretische eng mit der Betriebspraxis verzahnen.

Vor allem orientierten sich die Schonacher an "Max", dem Motivationskonzept, das im Nürnberger Hotel "Schindlerhof" entstand und bundesweit Nachahmung findet (siehe auch "Vom Lächeln, das man hört", brand eins 09/2008). Das Instrument wirkt "angenehm anders", weil sämtliche Mitarbeiter in Projekte eingebunden sind, und das nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der 4000-Einwohner-Gemeinde. Den Anfang für die Lehrlinge aber machen die Schafe.

Das sei für sie zunächst ein Experiment gewesen, erzählt Silke Burger und öffnet den kleinen Stall neben der am Berg gelegenen Fertigungshalle. Wie weit darf man gehen in einer gewerblichen technischen Ausbildung? Sie habe sich gefragt, wie sie die Wiese am Hang vor der Halle nutzen könnte, und den Auszubildenden vorgeschlagen, dort Schafe zu halten. Rund 20 der 46 Lehrlinge und Studenten sind aktuell am Happy-Sheep-Projekt beteiligt. In Eigenregie haben sie den Stall konstruiert und gebaut, Zäune errichtet und einen Wasseranschluss gelegt.

Täglich müssen die Auszubildenden zwölf Berg- und Waldschafe versorgen beide Rassen sind vom Aussterben bedroht. An der Stalltür hängt eine Aufgabenliste zum Abhaken: "Heu aufgefüllt? Wasser kontrolliert? Zaun überprüft? Alle zwölf Schafe da?" Die jungen Leute misten regelmäßig den Stall aus und setzen die Zäune um. Zweimal im Jahr scheren sie die Tiere und spinnen und filzen die gewaschene Wolle unter Anleitung einer Bäuerin. Das meiste geschieht wie selbstverständlich nach Feierabend und an Wochenenden.

"Es ist wichtig zu lernen, dass man da sein und etwas eigenverantwortlich erledigen muss", sagt Silke Burger. Verantwortung übernehmen, Projekte managen, Teamgeist entwickeln, dazu bekommen die Auszubildenden vielfältig Gelegenheit. Etwa wenn sie den Auftrag erhalten, einen Elternabend zu organisieren. Sie habe nicht gewusst, sagt die Personalchefin, was sie erwarte, außer dass sie und ihr Mann eine Begrüßungsrede halten sollten. Die Auszubildenden hätten eine Präsentation über die Firma und die Ausbildung vorbereitet, sie hätten ihre Eltern durch ihre Abteilung und die Fertigung geführt und zuletzt in langen Schürzen Getränke und selbst zubereitete Speisen serviert.

Lektion für Lehrlinge: Einzelkämpfer unerwünscht

Auch Jasmin Kaltenbach hat ihren Eltern an jenem Abend die Firma gezeigt. Sie trägt eine Latzhose mit Firmenlogo und hat ihr welliges blondes Haar zum Zopf gebunden. Die 19-Jährige ist mit vier kleineren Geschwistern auf einem Hof außerhalb von Schonach aufgewachsen und könnte nie in der Stadt leben, wie sie sagt. Bei der S BS-Feintechnik wird sie zur Industriemechanikerin ausgebildet und hat auch sonst eine Menge zu tun. So gehörte sie dem Team an, das 2008 mithilfe von Dirk Christen, dem Ausbildungsleiter, den alljährlichen Workshop organisierte. Dessen Schwerpunktthema: Umweltschutz.

Sie mieteten ein Haus an und legten das Programm fest, Sporteinlagen und Kochwettbewerb inklusive. Vor Beginn des Workshops teilten sie Arbeitsgruppen ein - zum "Auto der Zukunft" oder über regenerative Energien. Die Gruppen wurden bunt gemischt: Studenten, angehende Industriekaufleute und Werkzeugmechaniker mussten ihr Wissen und ihre Fähigkeiten miteinander teilen.

Als Übungsprojekt montierten die Gruppen aus einem vorbereiteten Bausatz kleine Elektroautos, die sie am Abend vor einer Jury vorführten. Der Workshop diente zudem als Start für ein Projekt: Ein halbes Jahr lang sollten die Gruppen in der Folgezeit untersuchen, wie sich in den Abteilungen des Unternehmens Energie einsparen lasse. "Wir haben zu jeder Einsparung, auf die wir gekommen sind, berechnet, wann sich eine dafür nötige Investition wieder amortisiert", sagt Manuel Burger, einer der Zwillingssöhne des Chefs. Seine Gruppe nahm die Montageabteilung unter die Lupe.

Manuel Burger studiert an der Berufsakademie Lörrach Betriebswirtschaftslehre. Er ist abwechselnd drei Monate in Lörrach und drei Monate im elterlichen Unternehmen. Jetzt sitzt er neben seiner Mutter und berichtet, wie ungeduldig er häufig reagiert habe, wenn die Gruppe nicht vorankam. Er habe lernen müssen, dass ein 15-jähriger gewerblicher Azubi anders als ein Student an ein Umweltprojekt herangehe. Silke Burger lächelt. "Im Unternehmen können wir an fast keiner Stelle Einzelkämpfer gebrauchen", sagt sie. "Wir möchten starke Teams haben. Deshalb sind Aufgaben so angelegt, dass einer allein nicht zum Ziel kommen würde."

Viele Aktivitäten liegen in der Freizeit, und die Lehrlinge wissen selten, was sie erwartet. Mal ist es ein Musical-Abend, mal besuchen sie ein Eishockeyspiel der Schwenninger Wild Wings und treffen danach mit Spielern und Trainern zusammen. "Die erklären uns etwa, wie so ein Team aufgestellt ist und wie es zusammenspielt", sagt Silke Burger. "Davon kann man viel ins Unternehmen übertragen."

Auch in der Schwarzwälder Natur lässt sich mancherlei lernen. Manuel Burger legt Fotobände vor, in denen es dokumentiert ist: Auszubildende mit Bergführern; wie sie sich von einer Felswand abseilen; wie sie den Chef suchen und ihre Vesper mit Lawinensuchgeräten aufspüren. Das andere Album dokumentiert die Höhepunkte des "Survival-Trainings", die Übernachtung im regennassen Wald, auf Reisig gebettet und unter Planen, die sie zwischen die Bäume gespannt hatten. Grenzwertig sei das gewesen, sagt Manuel Burger. "Wir mussten das Ziel ändern, sonst wären wir weggeschwommen", ergänzt seine Mutter, die bei allen Aktivitäten dabei ist.

So auch am Abend im "Volltreffer", dem Vereinsheim des FC Schonach. "Wir leben vom Ehrenamt - da sind wir stark", ruft Bürgermeister Jörg Frey in die Runde. Er hat die Freiwilligen aus der Gemeinde eingeladen, um zu danken: dem Harald, weil er den Naturerlebnispark pflegt, dem Markus, weil er den Jugendtreff "Saftladen" geschaffen hat, und den Obertalern für den Bau eines "Bushäusles, damit die Kinder nicht im Regen stehen". Irgendwann kommt er zu Silke Burger und ihren sechs Auszubildenden, die sie stellvertretend für alle anderen mitgebracht hat. Mit dem Förster haben sie auf dem Rohrhardsberg aus halbierten Baumstämmen eine 63 Meter lange Kugel-Rollbahn gebaut, eine Feuerstelle hergerichtet und den Wanderpfad vom Skilift zu den Elzfällen freigeschlagen. Und das alles in 24 Stunden. Tolle Leistung, lobt der Bürgermeister.

Veranstaltungen wie diese sind für Silke und Thomas Burger an der Tagesordnung, denn als Unternehmer unterstützen sie fast alle Schonacher Vereine, von der Feuerwehr über die Sportclubs bis hin zum Gesangverein. Die Burger-Gruppe zahlte das Startgeld für ihre Mitarbeiter beim Jedermannschießen im Schützenverein und hatte beim Nordic-Walking-Lauf des Skiclubs zuletzt rund 80 Leute am Start, die komplette Familie Burger mittendrin, selbst die Großmutter. "Wir schätzen die Vereinsarbeit", sagt Silke Burger. "Nicht zuletzt halten wir so unsere Mitarbeiter. Wenn sie hier eingebunden sind, ziehen sie nicht so leicht aus Schonach weg." Dazu soll auch der Runde Tisch beitragen: Seit gut zehn Jahren setzen sich die Ausbildungsleiter der Schonacher Unternehmen regelmäßig mit den Lehrern der Haupt- und Werkrealschule zusammen. Die Techniklehrer schauen sich als "Praktikanten" die Arbeit in den Betrieben an; die Betriebe schicken ihre Mitarbeiter in die Schulen. Die Studenten der Burger-Gruppe üben mit den Schülern, wie man sich bei einem Unternehmen bewirbt. Die gewerblichen Auszubildenden stellen den Einsteigern in spe ihre Berufe vor und lassen die Schüler ein Produkt anfertigen.

Auch der Direktor der Schule hat sich zur Ehrung der Ehrenamtlichen eingefunden. Er sagt, er nutze den Runden Tisch, um bei den Betrieben ein gutes Wort für seine schwächeren Schüler einzulegen. Die Burger-Gruppe nimmt die Aufgabe ernst: Einmal pro Woche steht betrieblicher Nachhilfeunterricht zusätzlich auf dem Plan - nach Feierabend. Und Hausaufgaben dazu. "Sie brauchen mehr Betreuung als andere", sagt Ausbilder Helmut Jockmann. "Doch dann läuft das meist auch."

Spätestens wenn am ersten Tag der Burgerschen Ausbildung der Betriebsratsvorsitzende zur Gitarre greift, um mit der Belegschaft ein selbst getextes Begrüßungslied anzustimmen, wenn auch die Schnitzeljagd und die beiden Kennenlerntage in der Berghütte hinter den Neulingen liegen, spätestens dann dürfte ihnen die Botschaft klar sein: Ihr seid hier nicht die dummen Anfänger, sondern unsere Zukunft, schmettert es ihnen entgegen.

Für Thomas Burger, den Chef, der sich vierteljährlich mit den Lehrlingen zum Stammtisch trifft, liegen die Vorzüge der ungewöhnlichen Nachwuchsförderung auf der Hand: "Sie hat sich allein schon insofern ausgezahlt, als dass wir jetzt ausreichend Bewerbungen aus dem Ort und der Region bekommen, selbst von Abiturienten." Image-Kampagnen, Anzeigen und teures Personalmarketing konnte er sich sparen. Es hat sich ganz von allein herumgesprochen, dass man auf der Suche nach sicheren Arbeitsplätzen nicht mehr aus dem Schwarzwald fortziehen muss. Wo andere nur Urlaub machen. -

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