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Ausgabe 09/2009 - Artikel

Französisch - Deutsch

Kaum etwas fällt Franzosen so schwer wie ein Kompromiss. Die Suche nach einer Einigung beginnt üblicherweise mit einer Ablehnung, dem "non".

[le non] | Nein, das
Dabei geht es weniger um Überzeugung als ums Prinzip. Franzosen geben sich zwar charmant und höflich, sind im Grunde aber preußischer als die Preußen, nämlich knallhart.

[coriace] | knallhart
In Wirtschaft wie Politik gilt: Wer sich bewegt, verliert. Verhandlungen nennt man daher „Dialog der Tauben“.

[„le dialogue de sourds“] | Dialog der Tauben, der (meint: Alle reden, niemand hört zu)
Ausschweifende Rhetorik ist ein Statussymbol. Franzosen können endlos und über alles reden. Im Unterschied zu Deutschland, wo Ausbildung auf die Herausbildung von Fachleuten zielt, pflegt man an Frankreichs Eliteuniversitäten zusätzlich die Allgemeinbildung. Ein Techniker vermag mit einem Kaufmann auch über ökonomische Details zu streiten. Zu einer Unterhaltung keinen Beitrag leisten zu können gilt als peinlich. Tatsächlich gesagt wird dabei häufig – nichts. Franzosen sind Meister der rhetorischen Improvisation. Sie verlassen sich dabei auf ihren „pifomètre“.

[le pifom ètre] | Nasometer, das
Gemeint ist ein "Riecher" dafür, was sich auch zu abseitigen Themen noch anmerken ließe. Dabei geht es nicht darum, in der Sache voranzukommen. Konferenzen finden deshalb nicht nur kein Ende, sondern auch kaum ein Ergebnis. Das sorgt für Frust. Und den entlädt der Franzose gern mit einer ordentlichen „Zuspitzung“.

[l'aggravation] | Zuspitzung, die
Dazu taugt unter Umständen die Geiselnahme von Managern, das demonstrative Abladen von Stallmist auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder ein ganz normaler Streik. Erscheint dies selbst für französische Maßstäbe unverhältnismäßig, eröffnet man die nächste Runde in der Debatte: die Kaffeepause.

[la pause-café] | Kaffeepause, die (meint: Arbeitsbesprechung, die)
Nun beginnt die eigentliche Arbeit. In kleinen Zirkeln begibt man sich in das System D.

[le système D] | System D, das (D steht für démerde = sich durchschlagen)
Franzosen sind geborene Navigatoren beim Umschiffen von Klippen in wild bewegten Debatten. Da der direkte, kurze Weg zwischen A und B prinzipiell als unbefahrbar gilt (siehe auch: Nein, das), denken Franzosen generell in Umwegen. Man denkt und formuliert „um die Ecke“, sagt, was man nicht meint, und sucht nach den unbekannten Auswegen aus dem Labyrinth. Unbedingt meiden muss man vor allem die jungen Wölfe.

[les jeunes loups] | jungen Wölfe, die
Gemeint sind die Absolventen der elitären Écoles Normales. Da Franzosen in der Ausbildung aufs Tempo drücken, bekleiden manche mit 25 Jahren bereits Spitzenpositionen. Junge Wölfe gelten als extrem erfolgshungrige und übertrainierte Rhetoriker. Ältere Kollegen behaupten etwas abschätzig, sie würden im System D nur eines machen: „das Parkett zerbeißen“.

[Les dents qui rayent le parquet] | wörtlich: Zähne, die das Parkett zerkratzen (meint: in jeder Situation die Zähne zeigen)
Unangenehmer als die Wölfe ist nur noch einer: der Patron. Im streng hierarchischen Frankreich hat der Chef immer das letzte Wort und ist vielen deshalb so sympathisch wie eine „Gefängnistür“.

[une vraie porte de prison] | eine echte Gefängnistür (beliebte Umschreibung für: Chef, der)
Wölfe und Patron treibt und verbindet eine Gemeinsamkeit: die Angst zu scheitern. Franzosen betrachten sich als geborene Sieger, sind im Geiste Asterix, Napoleon und Sarkozy zugleich. Demütigungen und Niederlagen werden auf Jahre nicht vergessen. Mit persönlicher Kritik hält man daher unbedingt hinterm Berg. Nach einer Meinung gefragt, antwortet der Franzose:

[C'est intéressant] | Das ist interessant (kann allerlei bedeuten: 1. Das ist ja wirklich interessant, 2. Das ist mir völlig egal, 3. Das ist allerdings eine Katastrophe)
Bleibt zu klären, wie es doch noch zu einem Kompromiss kommt. Eine Möglichkeit ist, ihn durch die verbreitete Anarchie (siehe auch: Eskalation, die) zu erzwingen. Oder man verabredet sich zum Abendessen.

[le dîner] | Abendessen, das
Friedliche Übereinkünfte werden bei Tisch getroffen – zu vorgerückter Stunde, vor dem letzten Gang, wenn Wölfe und Patrons nach einigen Gläschen keine Zähne mehr zeigen und umgänglich werden. Meist geschieht es „zwischen Obstler und Käse“.

[entre la poire et le fromage] | wörtlich: zwischen Birne und Käse (typischer Zeitpunkt für den seltenen Fall einer Einigung)
Das erklärt auch, warum es in Frankreich – trotz der europaweit niedrigsten Wochenarbeitszeit (38,4 Stunden) – häufig heißt:

[la journée n'en finit pas] | der Tag hört einfach nie auf. ---

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