Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Ein Lob der Klitsche

- Das Firmenschild ist so gut wie leer. Keine Information, nur der Name Data2impact, in die Ecke gedrängt. Kein Wort, woran sie in diesem Unternehmen arbeiten. "Ich wusste nicht, was ich draufschreiben soll", sagt Edwin Ederle, Inhaber und Geschäftsführer. "Kein Begriff trifft, was wir tun." Dabei weiß Ederle genau, was er kann und was er macht. Doch jedes Wort klingt nach Standard. Und wenn er eines nicht liefert, dann vorgefertigte Schablonen. Er löst mit seinem Team Probleme. Das ist eine Dienstleistung, nur eben keine von der Stange, sondern maßgeschneidert. Und weil er ein durch und durch pragmatischer Mensch ist, hat er das Schild am Eingang des Münchener Büros leer gelassen.

Dieser Pragmatismus hat sich herumgesprochen, bis nach Libyen. Dort suchte die Zentralbank jemanden, der ein komplexes Datenproblem löst: Die Kreditverwaltung sollte aus handschriftlicher Buchhaltung ins digitale Zeitalter versetzt werden. Am besten sofort. Denn das Ende der internationalen Sanktionen lässt Libyens Wirtschaft sprunghaft wachsen: rund neun Prozent Plus allein im vorigen Jahr.

Für das Wachstum brauchen Unternehmen Kredite. Vor drei Jahren wurde der Bankenmarkt liberalisiert. Galten Banker im planwirtschaftlichen Libyen als verhasste Kapitalisten, sind sie heute Hoffnungsträger der Modernisierung. Für die Kehrtwende braucht Libyen nicht die ausgefeilteste Lösung, sondern die schnellste. Und eine, die funktioniert.

"Libyen ist klein, sodass jeder jeden kennt. Bonitätsprüfungen waren bisher informelle soziale Überprüfungen, einfach Erkundigungen über die Person", sagt der Geschäftsmann Sami Zaptia. Er berichtet von Problemen im Bankenalltag: Außerhalb von Tripolis dauern Scheckeinlösungen 20 bis 30 Tage, Überweisungen ins Ausland mindestens zwei Wochen. Kredite sind für kleine Unternehmen kaum erhältlich. "Lange Zeit gab es kein wirksames Verfahren für Banken, Schuldner zur Rückzahlung ihrer Verbindlichkeiten zu zwingen", sagt Zaptia. Er setzt große Stücke auf das neue Kreditbüro, das im April eröffnet wurde. "Libysche Banken sitzen auf einem großen Haufen Geld. Sie sind aber nicht geneigt oder außerstande, dieses Geld zu verleihen."

Nach einer Lösung haben die Libyer überall gesucht. Schon eine Kreditverwaltung für mehr als 300 Bankfilialen erwies sich als Herausforderung. So etwas auf Arabisch und in wenigen Monaten zu installieren, vor dieser Aufgabe haben die Software-Häuser kapituliert. Die bayerischen Experten von Data2impact3 aber griffen zu. Und so schuf die kleine Software-Firma aus München das Programm für ein Kreditüberwachungssystem des Kreditbüros in Libyen. "Eine Lösung zu finden, wo andere abwinken, das hat mich gereizt", sagt Edwin Ederle. Dem 50-Jährigen mit ovaler Brille und weißem Dreitagebart traut man auf den ersten Blick seine Vergangenheit bei McKinsey nicht zu, so entspannt, wie er wirkt, ein Gegenentwurf zum glatten Unternehmensberater. Doch so hat er das libysche Projekt realisiert: entspannt. Und sein warmer bayerischer Tonfall sorgt zusätzlich für Vertrauen.

" Ja, wir sind eine Klitsche", sagt Ederle. "Daraus mache ich vor Kunden kein Geheimnis." Klitsche klingt negativ. Dabei ist es, positiv gewendet, der einzige Begriff, der das Geschäft halbwegs trifft. Data2impact ist eine globale Highend-Klitsche. In Deutschland beschäftigt die Firma gerade einmal sieben Vollzeitmitarbeiter, zwei Studenten, bei Bedarf zwei oder drei Freiberufler. "Mit 300 Mitarbeitern würde die Kundenorientierung nicht funktionieren", sagt Ederle, der die Kunst perfektioniert hat, aus Kleinheit große Vorteile zu ziehen: Datenprobleme als Dienstleistung lösen, hochflexibel, zuverlässig, schnell - und teuer. Denn die Firma zeigt, dass Dienstleistung nichts mit schlechter Bezahlung zu tun haben muss: Ederles Tagessatz liegt bei 1800 Euro, das ist ziemlich viel für einen Kleinbetrieb. Und ein guter Satz, selbst für einen Berater. Doch Ederle bietet dafür: ein kleines Team, nah am Kunden, das jedes Problem bewältigt. Es bringt kein fertiges Patentrezept mit. Vor Ort suchen die Berater nach der richtigen, nicht nach einer technisch möglichen Lösung.

Es war ein Projekt in drei Schritten. Der erste: die Software auf Arabisch einzurichten. Der zweite, das denkbar einfachste System zu entwickeln. Der dritte, es mit den Einheimischen zu testen und zu optimieren.

Ederle spricht kein Arabisch. Aber er ist ein leidenschaftlicher Problemlöser. Also ging er das Sprachproblem an: Er schrieb eine kleine Software, die sein Programm auf Knopfdruck ins Arabische übersetzt. Die Übersetzung nach einer Änderung dauert Sekunden. Und statt mit englischen Begriffen sind die Menüs, Buttons und Fenster arabisch betextet.

Der zweite Schritt war schwieriger. Libyens Finanzsystem ist alles andere als einfach, ein großer Apparat, dem der Dienstleistunggedanke fremd ist. Eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik spricht vom "institutionellen und institutionalisierten Chaos". Erst vor drei Jahren wurde die Marktwirtschaft eingeführt, nach fast 40 Jahren Staatswirtschaft unter Muammar al-Gaddafi. Auch die Banken waren seit 1970 verstaatlicht und dienten vor allem als Verteiler für die Löhne der Angestellten im Staatsdienst. Service für mittelständische Kunden war nicht gefragt in einem Land, dessen Einkünfte hauptsächlich aus dem Verkauf von Erdöl und Gas stammen. Nun sind ausländische Banken eingestiegen, die das Kreditgeschäft stärken wollen.

Ederle konzentrierte sich auf das Datenproblem. Eine junge Marktwirtschaft brauchte andere Daten als eine Staatswirtschaft. Den Banken fehlte es nicht an Geld. Sie trauten sich nur nicht, es zu verleihen. Die Daten der Schuldner sind über 300 Bankfilialen im ganzen Land verstreut und stecken in dicken Büchern, in Tresoren, in Formularen und in den Köpfen der Mitarbeiter. Ederles Software lenkt sie nun in das Kreditbüro in Tripolis, bei dem die Banken zentral Bonitätsauskünfte einholen können.

Er hat dafür ein Programm geschrieben, das in eine E-Mail passt. Es startet nach einem Doppelklick. Um es einzuführen, war er in keiner Filiale. Es sammelt die Kreditdaten der Gumhouria Bank, der National Commercial Bank, der Sahara Bank und der Wahda Bank ein und macht die Daten zentral verfügbar. Wo es kein Netz gibt, werden die Daten eben auf Datenträgern in die Zentrale gefahren. Für Ederle ist die Lösung einer Flussüberquerung vergleichbar: "Eigentlich würde man eine große Fähre in Auftrag geben. Wir haben ein Ruderboot entwickelt und an der schmalsten Stelle den Fluss überquert."

Probleme lösen - mit der Wegwerf-Software

Ederle profitiert von dem Ruf, den sich deutsche Unternehmer in Nordafrika erarbeitet haben: Gibt es ein Problem, werden sie es bewältigen. Es wird nicht billig, es klappt nicht sofort. Doch das deutsche Resultat wird funktionieren und lange halten.

Data2impact ist Problemlöser, outgesourcte Analyse-Einheit, Luxus-Software-Bastler, Coach und Berater in einem. So sagen es Kunden. "Ich vermeide es, Lösungen zu versprechen, die andere ausbaden müssen", sagt Edwin Ederle. " Jeder Mitarbeiter ist für sein Projekt eigenverantwortlich." Deshalb kann die Firma nicht schneller wachsen. Statt Experten werden Analytiker gesucht. Höchstens zwei neue Leute stellt er jedes Jahr ein und schult sie in seiner Art der Problembewältigung. Es ist Arbeit in einer winzigen Nische. Data2impact lebt von Empfehlungen.

Was Ederle als Dienstleistung anbietet, hat er früher für die Berater von McKinsey gemacht. Elf Jahre war er dort, hat die Abteilung Analytics Service geleitet, hat berechnet und analysiert, was Kunden aus ihren eigenen Daten nicht herauslesen konnten. Ederle verschaffte den Beratern Ergebnisse, wenn Ergebnisse gebraucht wurden. Die McKinsey-typische Can-do-Haltung hat er verinnerlicht. "Ich habe zwar keine Zeit, aber wir kriegen das bis heute Abend fertig. Und es ist dann fertig", sagt ein ehemaliger Berater über die Einstellung.

Dass seine Programme in eine E-Mail passen, hat einen weiteren Vorteil. So kann Ederle sie ständig weiterentwickeln. Und jede neue Version per E-Mail versenden, als fortwährendes Update. Ständige Anpassung - das ist es, was seine Dienstleistung so wertvoll macht. Die Software für Libyen steht bei Version 127.

"Hätten wir alles, was wir in Libyen jetzt in Version 127 wissen, vorher gewusst, hätten wir es von Anfang an so gemacht", sagt Ederle. "Die IT-Industrie leidet unter Entwicklern, die ihren Code nicht als Mittel zum Zweck sehen. Die wenig Interesse an den Problemen der Benutzer haben." Das will er ändern. Mit den Erfahrungen, die seine Kunden sammeln, lassen sich aufwendige Systeme realisieren. "Die Software-Industrie ist die einzige, die meint, ohne Prototypen auszukommen", sagt Ederle. Bei ihm arbeiten Kunden an der Entwicklung mit - und mit den Prototypen. Seine Programme haben oft eine kurze Lebensdauer, sie sind eben extrem zugeschnitten, auf einen Fall, für eine Zeit. "Ich schreibe Wegwerf-Software", sagt er selbstbewusst.

Seinen Kunden hat Ederle etwas voraus: Er kann in Datenbanken denken. Und ganz normal darüber sprechen. "Je nach Sichtweise ist unsere Lösung dilettantisch oder sehr nützlich", sagt er. In einem niederländischen Unternehmen wurde das allerdings nicht akzeptiert, weil die hausinterne IT-Abteilung ein Ergebnis auf der Basis des Programms Microsoft Access als unprofessionell ansah und ablehnte. Viele Software-Entwickler rümpften über Ederles Lösung die Nase, das weiß er. "Die würden erst einmal ein Pflichtenheft aufstellen und festlegen, wie groß die Eingabefelder sein sollen", sagt er. Während andere noch am Pflichtenheft feilen, hat er schon die erste Version geliefert. Data2impact entwickelt Software in Tagen, nicht in Monaten.

Die Lösung des libyschen Datenproblems enttäuscht auf den ersten Blick. Der Startbildschirm des "Data Acquisition Tool" ist ein kleines Windows-Fenster. Vier große graue Buttons und ein kleiner, um das Programm zu beenden. Es erinnert eher an die arabische Variante einer Vereinsverwaltungs-Software oder einer Hobby-Rechnungsdruckerei. Doch das täuscht. Unter der schlichten Oberfläche laufen komplexe Tests und Überprüfungen der erfassten Daten. Data2impact programmiert in einfachen Programmiersprachen hochkomplexe Systeme. Die Programme sind so leistungsfähig, dass sie eine wichtige Funktion in einer aufstrebenden Marktwirtschaft übernehmen können. Sie brauchen nicht mehr als einen Rechner mit Standard-Software.

Zwei Partner von Ederle führen nach demselben Prinzip Data2impact-Schwestern in London und Atlanta. Ihre Programme machen aus Daten, die ein Staat oder Unternehmen in Köpfen, Akten, Datenbanken oder Karteien hat, Wissen für das Management in Form standardisierter Berichte. Dabei ist es egal, ob es um eine neue Direktbank, die Zentralbank von Libyen oder Krankenhausplanung in Norddeutschland geht. Ein Standardprojekt gibt es nicht, nur Spezialfälle, jeder maßgeschneidert. Und so ist Ederles Data2impact mit seinen Nischenlösungen fast ohne Konkurrenz. Gerade hat er einen Anruf aus einem anderen arabischen Staat erhalten. Man hat ihn empfohlen - und dabei offenbar einen arabischen Begriff für das gefunden, was er kann. -

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