Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Die Bürsten-Freaks

- Nehmen wir das Modell "Cool & Fresh" mit Allroundfresh-Borsten und Zungenreiniger für lang anhaltenden frischen Atem. Das Basiswissen dafür, sagt Pascal Lütolf, komme wie immer aus dem Haus. Die Idee für das Design, erzählt Felix Fischbacher, gehe zurück auf ein Poster im Zimmer des Kindes eines Mitarbeiters, das einen kleinen, bunten, sehr giftigen Frosch am Amazonas zeigt. Und für die Verpackung, ergänzt Christian Hilfiker, habe man sich wieder einmal an Spielwaren, Süßigkeiten und Medikamenten orientiert.

Da liegt sie nun auf dem Tisch, Ausführung "Medium", eingeschweißt in transparentes Plastik. Die Oberfläche des Schaftes schuppig, unter rosaroter gummiartiger Beschichtung schimmern zartrosa gewellte Linien und unförmige Punkte. Der Schaft verjüngt sich zum schmalen, langen Hals, an dessen ovalem Kopf Borsten in drei Farben montiert sind. Michael Emmenegger muss gar nicht fragen, woran man denkt. "Reptilienmäßig, nicht wahr?" Eine schöne Idee des Mitarbeiters, so Emmenegger, die auch noch zur ökologischen Philosophie seines Arbeitgebers passe.

Vier Männer sitzen im Ausstellungsraum der Trisa Aktiengesellschaft. Ihr Ziel: Wie erkläre ich einem Laien die Entstehung einer Zahnbürste? Und wer einen kurzen Vortrag über ein simples Produkt erwartet, wundert sich. Pascal Lütolf, CFO der Firma, könnte stundenlang referieren über kapitalintensive Produktion, Investitionsrisiken und Cash Flow. Felix Fischbacher, Marketingleiter, spricht blumig von Kunststoffkomponenten, Marktchancen und der Suche nach Trends. Christian Hilfiker, Maschinen-Ingenieur und spezialisiert auf Patentrecht, könnte sowieso mit allem Möglichen anfangen und nirgendwo aufhören. Und Michael Emmenegger, Bereichsleiter Business Excellence ist unter anderem zuständig für Umweltmanagement.

Von Aarau aus auf der Route 24 Richtung Luzern. Vorbei an Schöftland, Staffelbach und Kirchleerau. Breites Tal zwischen dichten Wäldern. Neben der Straße stehen Zäune, dahinter schwarzweiß gefleckte Kühe. Bauernhöfe, Misthaufen, Alpenidylle. Dann Triengen, 4300 Einwohner, Postleitzahl 6234. Gleich hinter dem Ortseingang die erste Halle, kantig und grau. Trisa Electro. Dann die nächste. Trisa Accessoires. Rechts geht es zum Flugplatz und zum neuen Werk 2 der Trisa AG, einem futuristisch anmutenden Holzbau. Schließlich das alte Verwaltungsgebäude, Kantonsstraße 12, ein blau-weiß getünchter, schmuckloser Flachbau im Schatten des Kirchturms, dahinter eine große Halle, gegenüber, in einem Haus an der Straße, die Trisonic AG.

1887 gründeten sechs Bürger des Ortes eine Bürstenfabrik. Der Name ergab sich aus Triengen und S. A. für Société Anonyme. Zunächst stellte Trisa Bürsten für die Landwirtschaft her, später kamen Modelle für Haushalt und Körperpflege dazu, bereits 1921 wurden 39 verschiedene Zahnbürsten produziert. Der manuelle Borsteneinzug wurde sukzessive durch Handstanzapparate ersetzt, irgendwann kamen die ersten Bürstenstanzmaschinen zum Einsatz. So weit, so normal. Trisa veränderte sich, blieb aber im Kern ein Handwerksbetrieb alter Prägung. Der Chef herrschte wie ein Patriarch über seine 300 Mitarbeiter, bezahlt wurde Akkordlohn, neun von zehn Produkten wurden in der Schweiz verkauft, der Umsatz lag bei fünf Millionen Schweizer Franken.

Wer weiß, ob es Trisa heute noch gäbe, wäre es so geblieben. Dass es nicht so blieb, lag an Ernst Pfenniger. Der Vater der beiden geschäftsführenden Inhaber erkannte, wie Lütolf es formuliert, "dass es mit dem Schweizer Markt alleine nicht mehr weitergeht". Er schickte seine Vertreter durch Europa, um Kundenwünsche zu erfragen. Er beschloss, zehn Millionen Franken zu investieren, 90 Prozent davon geliehen. Vabanque. Die Produktionsstätten wurden ausgebaut, modernisiert. Und Pfenniger spürte, er brauchte für diesen Kraftakt die Unterstützung seiner Leute. So entstand in der Schweizer Provinz ein revolutionäres Mitarbeitermodell. 1964 wurde zur bereits bestehenden Pensionskasse eine Erfolgsbeteiligung eingeführt und der Akkordlohn abgeschafft. Seit 1972 gehören den Mitarbeitern etwa ein Drittel der Aktien.

Heute hat die Trisa Holding - zu der neben den fünf Trienger Firmen eine Dependance in Bulgarien und die Ebnat Bürstenfabrik in Ebnat-Kappel gehören - 1050 Mitarbeiter. Sie stellt Hand- und Elektrozahnbürsten, Mundhygieneartikel, Haushaltsbürsten, Elektrogeräte und Accessoires her und erwirtschaftet damit 235 Millionen Schweizer Franken. Wobei Trisa zu etwa einem Dutzend Unternehmen weltweit gehört, die in der Entwicklung und Massenfertigung von Zahnbürsten führend sind; eine Million Stück werden im Schnitt täglich produziert. Die 15 hauseigenen Zahnbürstenmodelle gehen überwiegend in die EU, nach Osteuropa, Nah- und Fernost sowie Nordafrika; daneben entwickelt und produziert Trisa für Global Player wie Colgate oder Unilever, aber auch für Drogerieketten wie dm, Schlecker oder Rossmann. Es gab mal einen legendären Werbespot, den in der Schweiz noch jeder kennt: "Mit der Tri-sa, mit der Tri-sa, mit der Tri-sa, cha-cha-cha."

7,5 Milliarden Zahnbürsten werden weltweit jährlich verkauft. Mindestens doppelt so viele, schätzen Experten, könnten es sein, würden diese, wie von Zahnärzten empfohlen, alle drei bis vier Monate ausgewechselt. Hinzu kommt die "hohe Erneuerungsfrequenz" (Hilfiker) in der Branche. Fischbacher etwa sagt: "Man sucht ständig nach Inspirationen, und sei es nur beim Design oder beim Schriftzug." Hilfiker ergänzt: "Wir suchen immer und überall nach Fragestellungen: Wohin geht es mit der Zahnbürste?" Keine schlechte Frage. Lütolf sagt, nach dem dramatischen Strukturwandel in den sechziger und siebziger Jahren sei Trisa in den neunziger Jahren gezwungen gewesen, auf Innovation zu setzen. "Man denkt, die Zahnbürste sei längst erfunden, dabei erreichen wir bislang nur einen Wirkungsgrad von 65 Prozent, um Plaque auf der Zahnoberfläche zu entfernen. Wir haben viel zu tun."

Pascal Lütolf ist ein freundlicher, ernsthafter Mann, der sehr leidenschaftlich werden kann, wenn es um Zahnbürsten geht. Hätte man ihm das vor 15 Jahren gesagt, hätte er darüber geschmunzelt. Damals war er von Knutwil gleich hinter Triengen aufgebrochen, um mindestens die Schweiz zu erobern, wenn nicht die ganze Welt. Lütolf studierte in St. Gallen, arbeitete in Zürich und Luzern, wurde Unternehmensberater. Es war die Zeit von Internetgründungen und New Economy. Doch dann traf Lütolf auf Philipp Pfenniger, einen der beiden geschäftsführenden Inhaber, mit dem er zur Schule gegangen war. Pfenniger fragte, ob er sich Trisa einmal anschauen wolle. Lütolf schaute. Lütolf sah. "Da geht es bodenständig zu, da gibt es Produkte, da ist alles real. Man kauft Maschinen, man stellt Leute ein, man muss und kann führen, da ist nichts Abgehobenes, nichts zwanghaft Theoretisches." Lütolf sagt: "Das macht einfach Spaß."

Wer im Besucherraum der Trisa sitzt, merkt schnell, dass es bei Fischbacher, Hilfiker und Emmenegger nicht anders sein kann. Jeder hat seine Geschichte. Jeder hat seine Lieblingsepisode. Sie erzählen von Kompetenzteams, von den Treffen ihrer diversen Zirkel, die im Dachstock der ehemaligen Gaststube "Eintracht" stattfinden, wo 1887 die ersten Bürsten hergestellt wurden. Sie erzählen von Tüftlern im Unternehmen, die Boote ohne Plan bauen können, von Hilfikers Großvater, der in seiner Garage Metallfräsen für Trisa bastelte. Und sie erzählen natürlich von der hausinternen Frage des Monats, die innerhalb der Zirkel traditionell debattiert wird. Einmal sucht man nach einer stabilen, rationell produzierbaren Verpackung für eine Reisezahnbürste von Colgate. Einmal nach einer technischen Lösung für Trisas Schallzahnbürste "Sonicpower", weil sie nicht wissen, wie man den Motor im Schaft unterbringen soll.

Bei Trisa, erzählt Lütolf, wolle man möglichst alle Mitarbeiter in die Innovation einbeziehen. "Das hat mit Vertrauen zu tun. Wir geben den Jungen gerne viel Kompetenz. Unser Gewerbe hat zwar naturgemäß eine begrenzte Fehlertoleranz, aber wir wollen auch keine Null-Fehler-Kultur." Fehler machen sei wichtig. Ohne Fehler keine Erkenntnis. Manchmal hilft auch der Zufall. Die rettende Idee für die Verpackung der Reisezahnbürste von Colgate kam einem Mitarbeiter zwei Tage vor dem Präsentationstermin, der Prototyp entstand in der Nacht davor. Auf den Platz für den Motor der "Sonicpower" kam ein Mitarbeiter, als er aus Spielerei eine Hülse über eine Bleistiftmine steckte; die "Sonicpower" ist dadurch kein Hochpreisprodukt mehr und kann nachgeladen werden wie ein Mobiltelefon. Sie sagen bei Trisa gern, sie seien Bürsten-Freaks. Hilfiker etwa kommt täglich um sechs zur Arbeit; ein Abteilungsleiter hat eine Hängematte im Zimmer.

Mittelständisch und höchst innovativ: die Zahnbürstenbranche

Reto Strähler steht im Foyer des Verwaltungsgebäudes. Man könnte ihn jetzt fragen, wann er zur Arbeit kommt, aber dass er seinen Job mag, sieht man auch so. Strähler ("Wir sind Bürsten-Freaks") ist Produktionsleiter, und wer ihm durch Spritzerei, Stanzerei und Packerei folgt, erlebt einen gut gelaunten Mann, der häufig lacht, während er den Besucher in die Philosophie der Spritzgusstechnik einführt. Oder in die Poesie der Ankertechnologie im Bürstenkopfbereich. Strähler steht vor Meisterwerken der Ingenieurskunst, die durch Glasscheiben Einblick in ihr Innenleben gestatten. Da sind Drähte und Schläuche, hin und her sausende Kisten, Kästen, Wägelchen. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag sind sie im Einsatz. Die Maschinen kommen von Engel oder Netstal (Strähler: "Der Rolls Royce unter den Spritzgussmaschinen"), kosten eine Million Euro und mehr; das Verfahren kommt ursprünglich aus der Autoindustrie. In Werk 2 etwa stehen Montageanlagen von Boucherie aus Belgien, die aussehen wie eine Mischung aus Raumstation und Kleinbus, die montieren, sortieren, drucken und mit rotierenden Köpfen jeden der 2000 Nylonfäden des Bürstenkopfes abrunden.

Vor 50 Jahren stellten 200 Mitarbeiter bei Trisa jährlich 50 000 Zahnbürsten her; heute sind es viermal so viele Mitarbeiter, aber zwanzigmal so viele Zahnbürsten. Automatisierung ist das Schlüsselwort der Branche. Strähler spricht von der "höchsten Computerdichte des Kantons". Wenn nicht der ganzen Schweiz. Und logischerweise liest sich Trisas jüngere Firmengeschichte wie eine Science-Fiction der Bürstenmacherei. In der Januarausgabe der Hauszeitschrift wird daran erinnert, dass Trisa 1984 "mit der ersten CNC-gesteuerten Fräsmaschine einen Meilenstein" setzte; heute wird die Verarbeitungskapazität dieser Technik um mehr als das Zehnfache überboten. Oder: 1999 wurden CAD-Programme eingeführt, damit Zahnbürstenkörper nicht mehr per Hand, sondern virtuell am Computer dargestellt und dreidimensional modelliert werden können. Oder: Seit 2002 können mit der sogenannten AFT-Technologie gestanzte Borstenbündchen ohne Anker im Bürstenkopf befestigt werden.

Man muss kein Fachmann sein, um zu verstehen, wo die Herausforderung liegt. Ein Zahnbürstenmodell, so Strähler, habe im Schnitt eine Lebensdauer von drei bis fünf Jahren. Danach muss die Anlage umgerüstet, für Elektrozahnbürsten sogar komplett neu gebaut werden. Zahnbürsten bestehen inzwischen aus bis zu sechs Kunststoffkomponenten. Es gibt Dutzende Bürstenköpfe mit tausend Details. Strähler: "Da muss man sich jede Investition gut überlegen, und dann kommt es bei der Produktion auf Zehntelsekunden an, damit der Stückpreis stimmt."

Richtig verdient wird ohnehin erst ab zwei Millionen Stück.

Und weil die Konkurrenz über die gleichen Maschinen verfügt, machen Innovation und Effizienz den Unterschied. Zwei von drei Arbeitsplätzen bei Trisa entfallen auf die Produktion, wobei nicht mehr die angelernte Kraft an der Maschine den Unterschied macht, sondern der qualifizierte bis hoch qualifizierte Mitarbeiter, der Polimechaniker, Wartungsmechaniker, Werkzeugmacher, der Elektroniker. Selbstverständlich bilden sie selbst aus, denn, so Produktionsleiter Strähler, "den Beruf des Zahnbürstenmachers gibt es natürlich nicht".

Kurioses Gewerbe. Einerseits geprägt von computergesteuerter Technik, Zehntelmillimeterarbeit. Andererseits dominiert von Mittelständlern, die zurückgehen auf die Anfänge der Industrialisierung. In Europa sind neben Trisa Firmen wie M+C Schiffer und Interbros führend; M+C Schiffer ("Aus Tradition innovativ") wurde ebenfalls 1887 gegründet, als Rheydter Bürstenfabrik; Interbros ist seit mehr als 180 Jahren in Schönau im Schwarzwald ansässig. Ponzini S. p. A. in Mailand entstand 1862, Jordan in Oslo bereits 1837. Jordan übernahm kürzlich Wisdom Toothbrushes, das ursprünglich aus Whitechapel, London, kommt und dessen Gründer William Addis 1780 die moderne Zahnbürste erfand. Doch Lütolf glaubt, dass gerade darin das Geheimnis des Erfolges liegt: Tradition aus Jahrhunderten plus technischem Know-how aus Jahrzehnten plus Anpassung an zeitgemäße Trends und globale Märkte ergeben "vier, fünf Jahre technischer Vorsprung gegenüber Herstellern in Billiglohnländern".

Das alles hat die Konkurrenz in China oder Pakistan nicht. Und noch etwas kommt dazu. Im Jahresbericht 2008 schreibt Ernst Pfenniger, Präsident des Verwaltungsrates der Trisa Holding: "Im Weltkonzert bleiben weit größere Akzente zu setzen in puncto Ökologie und Klimaerwärmung, Wasser, Luft, vor allem aber im menschlich sozialen Bereich, wo es überall mangelt, an Anstand, Sicherheit und Menschenwürde, angefangen bei den täglichen Grundbedürfnissen." Dieser Mann darf das sagen. Unter ihm wurde bei Trisa schon 1968 auf kadmiumfreies Granulat umgestellt; 1989 von Nitro- auf Wasserlack; 1992 auf wiederverwertbares Verpackungsmaterial. Für ihre 1998 gebaute Produktionshalle aus Holz mit Fotovoltaikanlage bekamen sie zahlreiche Auszeichnungen. Das 2008 entstandene Werk 2 ist mit Isolations- und Wärmerückgewinnungstechnik ausgestattet, luftig und hell, kaum ein Pfeiler verstellt die Sicht. Strähler sagt: "Wenn Sie hier arbeiten, fühlen Sie sich einfach wohler als in einer Betonhalle."

Zurück zu Pascal Lütolf. Die Herren Fischbacher, Emmenegger und Hilfiker sind längst gegangen. Doch Lütolf sitzt noch lange im Ausstellungsraum und findet kein Ende. Wenn ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch komme, erzähle er gern, worum es bei Trisa geht, sagt Lütolf. Nicht primär um die Gewinnbeteiligung, die aktuell 7,4 Prozent vom Grundgehalt beträgt. Nicht um die positiven Schlagzeilen für die umweltfreundliche Politik, etwa die ökologische Zahnbürste "My Planet", bei der 72 Prozent Neumaterial eingespart werden. "Die Frage ist nicht, ob sich das rechnet oder wie viel Profit sich damit machen lässt", sagt er. "Die Frage ist, ob wir unserer Aufgabe als Vorbild in der Region nachkommen, ob wir nicht nur Arbeit schaffen, sondern auch Freude an der Arbeit vermitteln. Und die Frage ist, ob es das Unternehmen langfristig geben wird." Es gibt Trisa seit Generationen. Es soll Trisa noch Generationen geben. An Lütolf soll es nicht liegen. Soweit es ihn betrifft, ärgert ihn an Trisa nur eines: "Ich hätte schon viel früher hier sein sollen."-

Mehr aus diesem Heft

Idea
Read