Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

Die Autonomen

Heimat ist da, wo man satt wird Orhan Tozlu, 50, wollte keine Angst mehr haben. Und tat deshalb, wovor sich die meisten Angestellten fürchten: Er gründete ein Unternehmen.

Foto: Jens Umbach

"Als Kind war Geld für mich fremd. So fremd wie das Flugzeug, das über mich und meinen Vater hinwegflog, wenn wir auf unserem Acker in der anatolischen Region Eskiflehir standen. Ich hatte damals noch nie Geld in der Hand gehabt. Mein Vater war arm, er konnte weder lesen noch schreiben. Aber im Herzen war er der reichste Mann der Welt - und er kaufte mir mit seinen Worten die ganze Welt. 'Wart's ab! Eines Tages fliegen wir auch mit so etwas', sagte er zu mir.

Als ich zwölf Jahre alt war, im September 1971, holte er mich und meine Geschwister nach Hamburg nach, wo er schon eine Weile als Gastarbeiter gearbeitet hatte. Ich tat mich schwer in der Schule, lernte mühsam Deutsch, hatte keine Freunde. Ich wollte nicht in Deutschland bleiben. Aber mein Vater brachte mir den Satz bei: , Heimat ist da, wo man satt wird.'

Nach der Hauptschule machte ich eine Lehre als Maschinenschlosser bei MAN. Im Juli 1983 wurde die Produktion von Schiffsmotoren nach Singapur verlagert und das Werk geschlossen. Ich überlegte schon damals, mich selbstständig zu machen, fragte meinen Bruder, ob er mit mir einen Marktstand für Obst und Gemüse eröffnen würde. Aber ihn schreckte das Risiko, und so suchte auch ich mir wieder eine feste Anstellung: Im November 1984 fing ich bei den Philips-Valvo-Röhrenwerken an. Als Operator, so hießen dort die normalen Arbeiter, arbeitete ich zwölf Jahre lang im Drei-Schicht-Betrieb. Als meine Abteilung aufgelöst wurde, wechselte ich in die Halbleitersparte des Konzerns. Ich arbeitete an den Wochenenden in Zwölf-Stunden-Schichten - mal von 6 bis 18 Uhr, mal umgekehrt. Meine Aufgabe war größtenteils, Computerchips zu messen. Da diese Tests sehr teuer sind, haben wir sie auch für Fremdfirmen wie Hitachi oder Sony gemacht. Aber ich bekam damals schon ein schlechtes Gefühl und wollte mir zur Sicherheit ein zweites Standbein schaffen.

Selbstständiger Unternehmer zu sein, das war schon immer mein Traum gewesen. Genauer gesagt: die Idee, ein Markstück in meiner Hand zu halten, das ich verdient hatte, ohne selbst zu arbeiten. Dass mir mein Vertrag eine Nebentätigkeit verbot, machte die Sache noch klarer: Ich machte 1998 den Taxischein, legte die I H K-Prüfung ab, besorgte mir eine Konzession und eröffnete im Jahr darauf ein Taxiunternehmen mit zwei Angestellten.

Während mir meine Familie Rückhalt gab und meine Freunde zumindest neugierig waren, spürte ich von den Kollegen größtenteils Neid - selbst von meinem Vorgesetzten. Vielleicht weil sie merkten, dass ich plötzlich im Betrieb nicht mehr erpressbar war. Dass ich mir keine Sorgen um die Zukunft machte - sie aber gleichzeitig immer mit einer gewissen Angst lebten. Dem einzigen Kollegen, der frei von diesem Neid war, habe ich geholfen, sich ebenfalls selbstständig zu machen. Er hat auch ein kleines Taxigeschäft, wie ich.

Mit so einem Taxi und zwei Fahrern wird man natürlich auch nicht reich, aber es gab mir ein zusätzliches Einkommen, mit dem ich meinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen konnte. Meine Tochter macht diesen Sommer ein Praktikum in den USA - natürlich kostet mich das Geld, aber Bildung ist doch die beste Investition, die man finden kann. Was aber noch viel wichtiger war: Mein zweites Standbein gab mir die Freiheit, immer meine Meinung zu sagen - auch Vorgesetzten gegenüber. Ich merkte: Ein einfacher Arbeiter bekommt in einer so großen Firma nicht die Wahrheit gesagt - und es will sie auch niemand von ihm hören. Als wir 2006 an die US-Finanzinvestoren von KKR verkauft wurden, war mir klar: Die Sache ist bald gelaufen. Spätestens zur nächsten Tarifrunde.

Und im September 2008 wurden tatsächlich mit mehr als 800 rund ein Drittel der Beschäftigten in Hamburg entlassen. Ich natürlich auch. Aber es war mir egal: 'Kündigen Sie mir, dann gehe ich heute vor Freude barfuß nach Hause', sagte ich dem Personalchef. Ich bin noch bis Ende September 2009 freigestellt, dann endet mein Arbeitsverhältnis. Dann kaufe ich mir vermutlich noch ein zweites Taxi und fahre auch selbst einige Schichten.

Mein eigentlicher Plan ist es aber, sechs Monate im Jahr in Istanbul zu leben - und den Rest des Jahres in Hamburg. Mein kleines Taxiunternehmen, mein zweites Standbein, werde ich an meinen 21-jährigen Sohn übergeben. Der kann es auch gut gebrauchen - denn ihm wurde vor Kurzem bei Mercedes-Benz gekündigt."

Unstillbarer Hunger nach Sinn

Eckart Flöther war Wirtschaftsjournalist und Redenschreiber und wurde Managementberater. Die neueste Herausforderung des 70-Jährigen: Hilfspfarrer in einer anglikanischen Gemeinde.

Foto: Michael Hudler

"Als die Stimme zu mir sagte: , Ich will, dass du mein Jünger wirst', da wusste ich sofort, wer da sprach: Es war Gott. Ich merkte aber auch: Der da zu dir redet - den kennst du überhaupt nicht. Und mir wurde klar: Das solltest du ändern. 1979 war das. Ich war 40 Jahre alt und saß in einem Hotel in Indien, unweit des Ashrams, den ich gerade besuchte. Ich war damals auf so etwas wie einer spirituellen Rundreise. Ein Kurs "Meditation für Manager" - den ich offen gesagt zuerst für reine Geldschneiderei hielt - hatte einige Jahre zuvor mein Interesse geweckt. Ein sechswöchiger Kurs in Zen-Buddhismus in einem japanischen Kloster hatte es vertieft.

Eine Weile hatte ich mich sogar für den damals populären Guru Baghwan interessiert. Doch ausgerechnet während eines Besuchs eines indischen Ashrams fand ich dann zurück zu meinem christlichen Gott - mit dem ich seit meinem Weggang aus dem pietistischen Schwabenland meiner Kindheit und Jugend nicht mehr allzu viel zu tun gehabt hatte. Das war ein höchst intensives Erweckungserlebnis, und ich schwöre, dass dabei weder Alkohol noch andere berauschende Drogen im Spiel waren.

Ich war die drei Jahre davor Redenschreiber des hessischen Ministerpräsidenten gewesen, davor ebenfalls drei Jahre lang Leiter des Ressorts "Management" beim Magazin "Wirtschaftswoche". Und ich merkte damals, wie ich im Zuge meiner Arbeit immer häufiger auf existenzielle Fragen stieß: auf die nach dem Sinn. Und so beschloss ich, nach Los Angeles zu gehen, um am renommierten Fuller Theological Seminary Theologie und Psychologie zu studieren. Angehörige 26 verschiedener Konfessionen, von Presbyterianern bis zu Mennoniten, studierten dort gemeinsam - statt mit Lithurgie, Dogmatik und detaillierten Kirchenregeln beschäftigten wir uns also zum Glück mit grundsätzlichen theologischen und philosophischen Gedanken. Sonst wäre das auch kaum etwas für mich gewesen.

Nach meinem Abschluss dort hatte ich das Angebot, Pfarrer zu werden. Doch ich wollte zurück nach Deutschland. 1985 machte ich mich in Bayern selbstständig und gründete zum einen das Management Institut Starnberg, das ich sieben Jahre später verkaufte und das es als Gabler Finance heute noch gibt. Zum anderen gründete ich damals meine Unternehmensberatung, mit der ich bis heute weltweit tätig bin. Ich coache Vorstände, berate Firmen bei Fusionen und entwickle für Unternehmen Führungsinstrumente. In Riad berate ich beispielsweise gerade sieben Manager, die von der Fraport AG entsandt wurden, um den dortigen Flughafen effizienter und profitabel zu machen. In China moderiere ich seit zehn Jahren einen zweiwöchigen "Management Course" für Führungskräfte der Versicherungsbranche.

Manche Menschen fragen mich: Warum tust du dir das mit deinen 70 Jahren noch an? Aber ich habe mich mein ganzes Leben neuen Herausforderungen gestellt und Aufgaben übernommen, die mir zuerst fremd erschienen, in die ich mich erst hineindenken musste. Warum sollte ich jetzt damit aufhören?

Im Juli habe ich wieder ein neues Kapitel meines Lebens aufgeschlagen: Ich arbeite als Assistenzpfarrer in einer kleinen anglikanischen Gemeinde in Portugal. In Praia da Luz an der Algarve - neben Edinburgh der zweite Wohnort, an dem ich mit meiner schottischen Frau lebe - bin ich schon seit Jahren Gemeindemitglied. Immer wieder habe ich Bibelstunden oder einzelne Predigten übernommen. Das möchte ich nun ausbauen. Meine Beratungsarbeit werde ich vielleicht nach und nach reduzieren, aufgeben möchte ich sie aber auch nicht - solange mich meine Kunden weiterhin haben wollen. Und bisher tun sie das.

Für mich war es immer ein Schrecken zu sehen, wie manche Menschen älteren Semesters nur darauf zu warten scheinen, endlich in Rente gehen und sich hängen lassen zu dürfen. Ich glaube, wir Menschen brauchen unser ganzes Leben lang Aufgaben, die uns locken, Herausforderungen, denen wir uns stellen können. Und das möchte ich nicht nur in meinem eigenen Leben immer weiter tun, dazu möchte ich auch andere Menschen motivieren. Nicht nur die Manager, die ich berate und coache - sondern eben auch die Menschen in meiner Gemeinde. Die will ich nicht mit einem Feelgood-Gottesdienst in so einem sanften Kinderglauben einlullen. Nein, ich will sie mit anspruchsvoller Bibelarbeit herausfordern, mit essenziellen Fragen beschäftigen, will, dass sie über sich selbst nachgrübeln.

Denn ich habe mein ganzes Leben lang an Sätze geglaubt wie: , Das Lernen ist wie ein Meer ohne Ufer.' Auch wenn der nicht aus der Bibel stammt - sondern von Konfuzius."

Der konsequente Traumtänzer

Arzt, Pilot, Schauspieler, Regisseur. Das ist die erstaunliche Karriere von Enrique Piñeyro, 52. Er selbst bezeichnet sich übrigens als faul. Und kann sich noch ein paar weitere Berufe vorstellen.

"Schon als Kind wollte ich Pilot werden. Nichts anderes. Flugzeuge waren meine Leidenschaft, und in der Schule spielte ich Theater. Doch nach meinem Schulabschluss fuhr ich nach Formosa, eine Provinz im Norden Argentiniens. Was ich dort sah, schockte mich. Ich bin in Genua geboren, in Buenos Aires aufgewachsen und hatte noch nie in meinem Leben solche Armut gesehen. Als ich von dieser Reise nach Buenos Aires zurückkam, wollte ich etwas Sinnvolles tun und schrieb mich für Medizin ein.

Doch je länger ich an der Universität war, desto stärker kam meine alte Leidenschaft wieder durch. Ab dem vierten Jahr nahm ich zusätzlich Flugstunden.

Und das wurde dann mein Zweitberuf. 1988 trat ich in die argentinische Fluggesellschaft Lapa ein, die ersten zwei Jahre arbeitete ich weiter als Arzt in einer Kinderklinik. An manchen Tagen zog ich den weißen Kittel aus und die dunkle Uniform an. 1995 wurde ich zum Kapitän befördert, und ich machte in den USA einen Kurs zum Gutachter für Flugzeugunfälle.

Fliegen ist etwas Wunderbares. Man bewegt sich in drei Dimensionen, was sonst nur unter Wasser möglich ist. Es überkommt einen ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wenn man über den Wolken gleitet und sich der Himmel permanent verändert. Als Pilot entkommt man der Routine: Mal fliegt man nachts, mal fliegt man tagsüber; mal hat man an einem Dienstag frei, mal muss man an einem Sonntag arbeiten. Mir kam diese Art zu leben sehr entgegen. Sie ließ mir Zeit, bei Lito Cruz, einem berühmten argentinischen Schauspieler, Unterricht zu nehmen.

Das war ein guter Ausgleich. Denn die Zustände bei Lapa waren kriminell. Ich wurde in den Betriebsrat gewählt und gewann einen Einblick in die Machenschaften meiner Chefs. Piloten flogen zum Teil an 30 Tagen im Monat, obwohl die Sicherheitsbestimmungen nur 19 erlaubten. Oft saß man in einem Flugzeug, das nicht flugtauglich war. Ich bin dann immer am Boden geblieben. Im Juni 1999 beendete ich meinen Traum vom Fliegen und kündigte bei Lapa, weil ich für diese Gesellschaft nicht mehr arbeiten wollte. In meinem Kündigungsschreiben teilte ich meinen Vorgesetzen mit, dass sie verantwortlich dafür seien, sollte eine Maschine ihrer Linie verunglücken.

Noch als ich Pilot war, spielte ich in dem Film "Garage Olimpo" von Marco Bechis. Der hatte am 30. August 1999 Premiere. Am 31. August schoss am Stadtflughafen von Buenos Aires eine Lapa-Maschine beim Start über die Landebahn hinaus, 65 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Ursachen waren Müdigkeit und Ignoranz des Piloten sowie schlechte Wartung und mangelnde technische Ausstattung durch die Firma. Genau so hatte ich es vorausgesehen.

Nach der Katastrophe drehte ich meinen ersten eigenen Spielfilm. Er trägt den Titel "Whisky Romeo Zulu" und handelt von dem Unfall. Darin spiele ich einen Piloten. In Argentinien war der Film ein großer Erfolg, und inzwischen produziere ich mit meiner kleinen Firma Aquafilms auch für andere Regisseure. Der Film "El Otro" von Ariel Rotter gewann im Jahr 2007 bei der Berlinale einen Silbernen Bären.

Aber trotzdem fühle ich mich auch in diesem Bereich als Anfänger. Denn ich habe mich nie auf eine Karriere eingelassen. Vielmehr habe ich immer in Projekten gedacht: Ich träumte von einer Sache, und in diesen Träumen brauchte ich eben einen Piloten, einen Arzt oder einen Schauspieler. Und das habe ich dann gemacht. Das Karrieredenken hindert uns nur daran, zu tun, was wir eigentlich wollen.

Andererseits habe ich auf keinem Feld große Erfahrungen. Als Pilot sammelte ich 4000 Flugstunden. Das genügt, um Kapitän zu sein, aber es ist nicht so richtig viel. Als Schauspieler trat ich nur in 13 Spielfilmen auf. Und als Arzt kann ich nicht auf einen sehr großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Trotzdem bin ich mit mir immer noch nicht fertig. Gern würde ich Rechtswissenschaften studieren. Oder ein Restaurant aufmachen. Denn eine Sache, die mich immer begleitet hat, ist das Kochen. Aber mal sehen, ob daraus etwas wird: In Wahrheit bin ich nämlich auch ein klein wenig bequem. -

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