Ausgabe 09/2009 - Was Wirtschaft treibt

Bausteine des Fortschritts

brand eins: Technik umgibt uns rund um die Uhr - und doch ist der Begriff eher diffus. Haben Sie eine Erklärung?

Brian Arthur: Der Begriff kam erst um 1860 in Umlauf und diente zum Studium "mechanischer Künste" und des "mechanischen Königreichs", wie es damals genannt wurde. Daraus hat sich langsam das Verständnis entwickelt, dass es primär um Maschinen geht. Karl Marx etwa benutzt den Begriff noch gar nicht, sondern spricht von Produktionsmitteln. Das Wort ist übrigens bis heute weder im Englischen noch im Deutschen genau definiert: Technik oder Technologie geistern wechselweise durch Literatur und Diskussionen.

Was haben wir davon, wenn wir uns Ihrer weit gefassten Definition anschließen, dass nicht nur Dampfmaschinen oder Faxgeräte Technik sind, sondern auch das Steuersystem eines Landes?

Einige Mittel zum Zweck sind Geräte, andere sind Prozesse, die wir der Natur abgeschaut haben, etwa in der Chemie oder Biologie, selbst die Imkerei. Andere Technologien sind künstliche Gebilde wie ein Konzert, ein Gemälde oder ein Software-Programm von Microsoft. Es geht mir ums Denken in Systemen - also wie sich alle Teile ineinanderfügen und zusammen funktionieren. Deswegen ist auch eine Symphonie von Gustav Mahler eine Technologie. Ich will Komponisten nicht mit Ingenieuren vergleichen, aber sie konstruieren Musikstücke, die einen klaren Zweck haben, nämlich die Menschen mit einer ästhetischen Erfahrung zu unterhalten und Konzertsäle zu füllen. Eine Symphonie ist insofern identisch mit einem iPod.

Was haben ein solches Gerät und ein Kunstwerk gemeinsam?

Jede individuelle Technologie entsteht um ein zentrales Konzept herum, eine fundamentale Idee. Diese Konzepte werden durch die Kombination von Komponenten, seien es Praktiken oder Bauteile, zur physischen Realität. Das trifft auf Beethovens Musik ebenso zu wie auf Mikrochips oder einen Flugzeugträger. Der einzige Unterschied besteht im Effekt, den diese Technologien auf uns haben. Wenn wir eine ganze Reihe solcher Bestandteile und Prozesse betrachten, spreche ich von einem ganzen Technologiefeld.

Wenn es die Bauteile alle bereits gibt, wo passiert dann die grandiose Innovation, die Neues in die Welt bringt?

Innovation wird oft missverstanden. Neue Technologien sind keine Erfindungen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, weil ein Genie sie entdeckt hat. Es gibt immer, ohne Ausnahme, Vorgänger, die als Steinbruch für Neues dienen - sozusagen das technologische Erbgut in unterschiedlich großen Blöcken. In der Öffentlichkeit herrscht der Irrglaube, dass neue Technologien als Geniestreich zur Welt kommen und die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Bestes Beispiel ist dieser Management-Begriff "thinking outside the box", das ist Unsinn.

Unkonventionelles Denken hat doch seine Vorteile. Wieso halten Sie das für Quatsch?

Innovation ist keine Zauberei, sondern ziemlich graue Arbeit. Sie ist nichts Triviales, aber sie spielt sich genau in dieser Box ab, denn in der stecken die vermeintlich alten Bausteine, aus denen wir das Neue basteln. Nehmen wir den iPod oder das iPhone, denen revolutionäre Kräfte zugeschrieben werden. Es gab bereits Mobiltelefone, kleine Festplatten, digitale Musikdateien, Plastikgehäuse und kleine Displays. Die Teile waren alle vorhanden, als Apple auf den Plan trat - es ging lediglich um eine neue Kombination.

Vermischen Sie hier nicht Erfindung mit Innovation?

Erfindungen sind für mich ein Teil von Innovation. Nehmen wir den Laserdrucker. Der wurde 1971 hier neben meinem Büro erfunden, als dieses Gebäude noch als Entwicklungslabor für Xerox diente. Damals dachten Ingenieure darüber nach, wie man etwas anderes als nur reinen Text ausdrucken kann. Gary Starkweather hatte den Einfall, bereits bestehende Kopiertechnologie zu modifizieren, sodass der Computer ein Bild auf eine rotierende Trommel schrieb und damit Tonerpartikel aufs Papier gebrannt wurden. Dafür waren alle Einzelteile bekannt und vorhanden. Wenn also jemand etwas erfinden will, egal, ob es ein Chirurg oder Umweltingenieur ist, der die Folgen des Klimawandels in den Griff kriegen will, dann tut man nichts anderes, als im Werkzeugkasten der Menschheit zu kramen: Statt in einem Haufen voller Zangen, Schraubenzieher oder Hämmer suchen die Experten nach bereits bestehenden Funktionalitäten, die darauf warten, neu kombiniert zu werden.

Was aber ist das wirklich Neue daran? In der Biologie gibt es überraschende Mutationen - kommt das in der Technik auch vor?

Technologie macht einen Evolutionsprozess durch, der in vielem dem ähnelt, was Darwin für die Tier- und Pflanzenwelt beschrieben hat. Wenn eine neue Technologie entsteht, ist sie nicht immer nützlich, geschweige denn anderen überlegen. Einige bleiben in Gebrauch und werden zu Bestandteilen künftiger Technologien, die wiederum selbst zu Bausteinen werden. Feuer und Blasebalg etwa wurden zur Grundlage der Metallverarbeitung und so weiter.

Darwins Prinzip gilt auch für das Informationszeitalter?

In der Technologie läuft der Prozess etwas anders ab: Der Mechanismus ist eine abrupte und nicht schrittweise Rekombination wie in der Natur. Ich kann ohne Ansehen der Spezies meine Bausteine wild durcheinanderwürfeln und trotzdem etwas Brauchbares erhalten. Das wäre etwa so, wie wenn wir aus der Leber einer Giraffe, dem Kreislaufsystem eines Lemurs und einem Schnabeltier-Hirn ein neues Lebewesen schaffen würden.

Warum überleben so viele minderwertige Technologien?

In der Technologie überleben durchaus die Besten - aber nicht immer. Damit hatte ich mich als Ökonom schon in den achtziger Jahren beschäftigt, als ich die Konsequenzen steigender Grenzerträge beschrieb (siehe brand eins 05/2001). Wenn eine neue Technologie entsteht und auf die richtigen Bedingungen trifft, wird sie rasch besser und billiger und damit zum Selbstläufer.

Zum Beispiel?

Etwa der Leichtwasser-Reaktor, der sich dank der US-Marine durchsetzte - aber keineswegs, weil diese Form der Nukleartechnik die beste wäre, sondern weil sie die Chance hatte, sich aufgrund ihres massiven Einsatzes beim Militär weiterzuentwickeln und preiswerter zu werden. Niemand weiß, ob andere Reaktoren nicht noch billiger und ebenso sicher gewesen wären. Sie wurden nie im entsprechenden Maßstab gebaut. Dasselbe Argument lässt sich für Autos aufstellen, die mit Wasserdampf oder Strom angetrieben werden.

Wie kann eine neue Technik sich dann überhaupt durchsetzen?

Das kann viele Ursachen haben, etwa dass mehr und mehr Menschen das Neue fordern - schneller zu reisen, effizienter zu arbeiten und so weiter. Der Wandel kann aber auch von ein paar Visionären ausgehen, die bereit sind, genügend Entwicklungsgelder in eine radikal andere Verbesserung zu stecken.

Wie schnell setzt sich das Neue durch?

Oft dauert es Jahrzehnte, bis Technologien entwickelt werden, eine neue Domäne bilden und deren Auswirkungen schließlich spürbar sind. Eine wichtige Innovation ist nämlich nicht eine einzige Erfindung, sondern eine ganzes Feld von Anwendungen und Werkzeugen, die schrittweise Branche für Branche umkrempeln. Es geht nicht darum, den besonderen Computer einzuführen, sondern das ganze weite Feld der Digitalisierung in allen Bereichen der Volkswirtschaft einzusetzen. Diese Art der Problemlösung erfordert oft komplettes Umdenken. Zu Beginn der Massenfertigung wusste kaum jemand, wie eine Fabrik organisiert sein musste. Und wir stehen immer noch am Anfang der Frage, wie unsere künftigen Arbeitsplätze und Prozesse aussehen sollen.

Werden moderne Volkswirtschaften von der Technik getrieben oder vom Geld?

Wir stellen uns eine Volkswirtschaft gern wie eine große Maschine vor, in die man neue und unterschiedliche Technologien ein- und ausbaut, als ob sie Zahnräder wären. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Eine Volkswirtschaft ist eine Abfolge von Arrangements, wie wir Menschen unsere Bedürfnisse abdecken. Sie ist also grundsätzlich technologie-neutral. Die Wirtschaft eines Landes trifft auf neue Technologien und absorbiert sie, meist nur in Teilen und sehr langsam, was zu spekulativen Blasen und Crashs führt. Andererseits sendet eine Volkswirtschaft Signale in Form von Preisen und kommerziellen Anreizen aus und fungiert als Maklerin des technischen Fortschritts.

Welchen Effekt haben Konjunkturzyklen und spekulative Blasen auf Technologie?

Finanzkrisen können Technologien wenig anhaben, eher umgekehrt. Neue Technologien können für Blasen sorgen und ökonomisches Unheil anrichten, aber die Karawane zieht weiter. Eisenbahnen führten in Großbritannien im 19. Jahrhundert zu ähnlich großen Flurschäden an den Börsen wie die Dotcom-Blase in diesem Jahrzehnt. In solchen Phasen werden Technologien plötzlich schick, und Außenseiter ohne Wissen verzerren den Markt.

Lässt sich Innovation mit finanziellen Signalen erzwingen?

Innovation fängt bestehende Phänomene ein und macht sie zu Bausteinen. Technologie rekombiniert diese Teile, schafft aber auch komplett neue Bereiche - das sind die abrupten Sprünge, von denen ich vorhin sprach. Wenn ein Land wirklich innovativ sein will, muss es dafür sorgen, dass aus solchen Prozessen und Praktiken ein neues Fachgebiet, eine Technologie im weiteren Sinne, wird: Dampfmaschinen und Eisenbahnen, Molekularbiologie und Genetik. Solche Technologiefelder haben tiefgreifende Auswirkungen auf eine Volkswirtschaft.

Welche Technologien brauchen wir heute für mehr Wachstum?

Langfristig zählt das Eisenbahnnetz und nicht, wer die schnellste Lokomotive baut. Langfristig wird derjenige Erfolg haben, der auf Grundlagenforschung setzt und damit neue Phänomene begreifen kann, damit sie zu neuen Bausteinen werden. Ob wir uns Computer, Photonik oder Genetik ansehen - sie existieren nur, weil Experten fundamentale wissenschaftliche Phänomene verstanden und in den Werkzeugkasten gelegt haben. Länder, die in den Naturwissenschaften führend sind, sind technologisch wie wirtschaftlich stark.

Spielt Deutschland als naturwissenschaftliche Macht noch eine Rolle?

Wirtschaftliche Aktivität sprudelt oder quillt aus neuen Technologien hervor, die wir nicht immer auf Anhieb sehen und die wie Vulkane zwischen tektonischen Platten schlummern. Wer ein Technologiefeld beherrscht, kann immer wieder neues Wachstum schaffen, weil das Wissen und die Erfahrung vorhanden sind, um die oft unerwarteten Kombinationen zu schaffen. Die Vereinigten Staaten sind momentan im Vergleich zu Europa in einem Dutzend wichtiger Technologien dominierend, weil sie vergleichsweise viel in ihre Forschung investiert haben. -

Der Wirtschaftswissenschaftler W. Brian Arthur (64) war einer der Ersten seiner Zunft, der sich in den achtziger Jahren der Komplexitätsforschung verschrieb, um Phänomene aus dem Wirtschaftsleben und an den Finanzmärkten mit Einsichten aus Physik und Biologie zu erklären. Seine Arbeiten bildeten die Basis für das heutige Verständnis von Monopolen und Innovations-Hemmnissen in einer Informationsgesellschaft. Seine Theorien wurden im Prozess des US-Justizministeriums gegen Microsoft bekannt. Arthur forscht seit 1988 am Santa Fe Institute, der internationalen Hochburg für Komplexitätsforschung, in New Mexico. Er arbeitet heute als Gastforscher im Intelligent Systems Labor von PARC, dem ehemaligen Thinktank von Xerox. Sein im August erschienenes Buch trägt den Titel: The Nature of Technology: What It Is and How It Evolves (Simon & Schuster/ Free Press, 2009).

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