Ausgabe 06/2008 - Schwerpunkt Wettbewerb

Warum Luther als guter Katholik anfing

brand eins: Eines Ihrer Forschungsprojekte untersucht den Aufstieg und Fall des mechanischen Weltbildes. Das klingt nach Wettbewerb: Das Bessere löst das Gute ab. Herrscht bei wissenschaftlichen Modellen eine Konkurrenz wie am Markt?

Jürgen Renn: So einfach ist das nicht. Was da stattfindet, ist ein langfristiger Transformationsprozess, keine einfache Konkurrenz. Interessant ist ja gerade die Beobachtung, dass das mechanische Weltbild aus dem vorangegangenen, aristotelischen entstanden ist. Auch wenn die Anti-Aristoteliker die Aristoteliker bekämpfen, sind sie im Grunde selbst Aristoteliker, zwangsläufig, denn zu Beginn des Prozesses hat man gar keine andere Struktur. Genau wie später Einstein auf Newton aufbaut, auch wenn sein Modell Newtons Modell ablöst.

Modell A löst Modell B zunächst nicht ab, sondern ergänzt es?

So ist es. Dass man sich gegen das alte Modell abgrenzt, steht immer erst am Ende der Entwicklung. Dass Einsteins Modell Newton ablöst, weiß auch Einstein erst am Ende des Prozesses. Genau das Gleiche gilt für Galilei und die Aristoteliker. Galilei fängt als Aristoteliker an, obwohl er sich anti-aristotelisch geriert; er ist polemisch, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber er bewegt sich auf genau den gleichen Grundlagen wie die Aristoteliker, weil es zu dem Zeitpunkt keine anderen gibt. Der Rest ist die Eigendynamik seiner Forschung.

Eine Parallele in der Geistesgeschichte wäre, dass Luther als guter Katholik anfängt?

Ganz genau, und erst am Ende differenziert sich der Protestantismus als etwas ganz anderes heraus. Das neue Paradigma ist erst am Ende sichtbar.

Sie beschreiben, wie ein Denkmodell zu seinem eigenen Umbau führt. Wäre es möglich, dass nebeneinander zwei Modelle existierten, die voneinander nichts wissen oder nichts wissen wollen?

Das tun sie die ganze Zeit. Die Spezialisierung führt zu Kanonbildung und zu etablierten Standards. Aber die sind so ausdifferenziert, dass sie sich unabhängig voneinander entwickeln. Das ist nicht einmal ein Konkurrenzverhältnis. Zu Konkurrenz würde gehören, dass man sich gegenseitig beobachtet. Es ist eine Frage, ob es heute angesichts dieses Desintegrationsprozesses überhaupt noch etwas wie ein einheitliches, von der Wissenschaft geformtes Weltbild gibt. Die Rückkopplungsprozesse hin zu den Grundlagentheorien funktionieren angesichts der enormen Spezialisierung nicht mehr automatisch.

Ein klassischer Paradigmenwechsel wie die Kopernikanische Wende, also das Ende der Vorstellung, die Erde sei das Zentrum des Universums, wirkt dagegen ziemlich übersichtlich.

So ist es. Durch einen Wechsel des Denkmodells wurde bei Kopernikus die Astronomie vereinfacht. Das setzt eine gewisse Übersicht über verschiedene Aspekte der damaligen Astronomie und Physik voraus. Die Frage ist, wie man unter den Bedingungen heutiger spezialisierter Wissenschaft diese Übersicht herstellt. Ich vermute, dass Review-Journale und das Internet als Medien immer wichtiger werden, um aus diesen Zellen des Wissens herauszuführen. Das Wissen über das Wissen ist ein wichtiger Motor des Transformationsprozesses, den die Wissenschaft als System immer wieder leisten muss, um auf die Zerfaserung der Spezialisierung zu reagieren. Dieses System muss sich selbst permanent reflektieren, auf allen Ebenen.

Ist das nun reine Neugierde, interessefrei - oder erzeugt es nicht neue Konkurrenz?

Wissenschaft ist ein kostspieliges, komplexes System. Dieses System konkurriert mit anderen Systemen, zum Beispiel um finanzielle Ressourcen. Die Frage ist: Wie viel soll eine Gesellschaft in die Produktion von Wissen investieren, auch wenn dessen Verwertbarkeit nicht unmittelbar gegeben ist? Wie viel investiert sie in konkrete Problemlösungen, etwa bei Energie, Krebs, Ernährung, und wie viel in die Grundlagenforschung? Vielleicht stößt man beispielsweise in der neugierdegetriebenen Forschung zur Astrophysik auf völlig unvorhersehbare Anwendungsmöglichkeiten. Wissenschaft hat nicht nur die Dimension der Notwendigkeit, sondern auch die der Freiheit. Das kann L'art pour l'art sein, aber ohne L'art pour l'art findet man eben auch nicht das Unvorhergesehene. Die nächste Frage ist, ob man das Wissen selbst als ein exklusives Konkurrenzgut versteht. Wissen wird wertvoller, wenn es von mehr Leuten genutzt wird.

Aber teure Forschung lohnt sich nur, wenn der Wissensvorsprung gegenüber der Konkurrenz exklusiv vermarktet werden kann.

Das mag für manche Arten des Wissens stimmen, jedenfalls kurzfristig. Aber langfristig, für den Prozess der Entwicklung neuen Wissens im Sinne der Wissenschaft, ist Exklusivität schädlich. Sie verhindert das Wachstum neuen Wissens. Wenn andere meine Forschungsergebnisse für ihre Zwecke anwenden, wird erst sichtbar, welches Potenzial in diesem Wissen steckt. Ein Beispiel: Craig Venters Unternehmen hat das Genom frei verfügbar gemacht, nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Eigeninteresse, um daraus zu lernen, wie andere mit diesem Wissen arbeiten.

In Ihrer Beschreibung ist die Vorstellung von Konkurrenz um Wissen eine anachronistische Blockade. Weshalb wird Ihrer Ansicht nach Wissen wertvoller, wenn es von möglichst vielen Forschern und Anwendern genutzt wird?

Ein Beispiel: Die Erforschung der kalten Kernfusion ist ein Großprojekt, der Traum, Energie zu gewinnen aus der Verschmelzung leichter Kerne, sozusagen die saubere, risikolose Version der Kernenergie. In diese Forschung investiert man viele Millionen. Man denkt da inzwischen in Jahrzehnten und halben Jahrhunderten. Vor Jahren glaubten einige Wissenschaftler, sie hätten es im Labor mit relativ simplen Mitteln geschafft, eine Fusion zu erzeugen. Das wurde im Internet durch die Experten heftig diskutiert. Nach zwei Wochen war sich diese Internetöffentlichkeit einig, dass das wahrscheinlich ein Flop ist. In den Fachzeitschriften hat sich diese Diskussion noch Jahre hingezogen.

Was geschieht, wenn die Max-Planck-Gesellschaft viel Geld, Zeit und Forschungsressourcen in ein aufwendiges Forschungsprojekt steckt? Macht sie das Ergebnis jedem potenziellen Anwender frei zugänglich?

Im Prinzip ja. Wenn andere Forschungseinrichtungen ihrerseits ihre Forschungsergebnisse barrierefrei zugänglich machen, profitieren wiederum wir davon. Und genau einen solchen globalen Prozess, der auch ein produktiver Wettstreit um die beste Infor-mations-Infrastruktur ist, hat die von der Max-Planck-Gesellschaft im Jahre 2003 initiierte Berliner Erklärung zum offenen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und kulturellem Erbe ausgelöst.

Sie haben leicht reden, als Mitarbeiter eines steuerfinanzierten Instituts.

Wir glauben, dass "open access" prinzipiell außerordentlich sinnvoll ist. An frei verfügbare Information können andere sofort anknüpfen. Es entstehen externe Anwendungs- und Kontrollmöglichkeiten. Und aus beidem können wir wieder lernen. -

Jürgen Renn, 52, ist Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Seine Abteilung beschäftigt sich mit "Strukturellen Veränderungen in Wissenssystemen". In Forschungsprojekten untersucht Renn zum Beispiel die Globalisierung des Wissens und ihre Konsequenzen und den Aufstieg und Fall des mechanischen Weltbildes.

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