Ausgabe 06/2008 - Editorial

Uns reicht kein Unentschieden

• Mit Popeye wäre das nicht zu machen gewesen. Mitbewerber? Marktbegleiter? Von wegen! Wer auch immer seiner Olivia zu nahe kam, war sein Konkurrent und musste sich auf handfeste Argumente gefasst machen. So kämpfte sich der treuherzige Seemann, 1929 vom Comic-Zeichner Elzie Segar zunächst als Nebenfigur erdacht, schnell in die Herzen der Leser und drängte die einstigen Comic-Hauptfiguren Castor Oyl und Ham Gravy aus dem Blatt.

So war das, damals. Und heute? Wird immer noch gekämpft, im Sport, in der Wirtschaft und in der Liebe. Nur so direkt und eindeutig haben wir es nicht mehr gern, wofür die Degeneration des Begriffes Konkurrenz ein schönes Beispiel ist. Derzeit letzte Entwicklungsstufe des Versuchs, nicht zu sagen, was man meint, ist der "Marktmitgestalter" – als sei der Kampf um Marktanteile ein erregungsfreies Planspiel, das nur Gewinner und keine Verlierer kennt.

Verständlich ist das schon. Konkurrenz ist anstrengend, fordernd und tut auch mal weh. ie zu vermeiden ist allerdings nicht nur evolutionsbiologisch die falsche Wahl: Wo das Ringen um die beste Lösung endet, endet auch der Fortschritt. Und damit das Leben (S. 52).

Horst Weitzmann kann darüber recht plastisch erzählen: Der Mitinhaber eines kleineren Stahlwerks hat die Versuche der Konkurrenzvermeidung und ihre Folgen hautnah miterlebt (S. 122). Weitzmann ist eindeutig für Konkurrenz, Deutschlands Immobilienmakler sind da noch ein wenig gespalten: Seit einer der ihren mit einem unerhörten Angebot aus der harmonischen Marktmitgestalter-Gemeinschaft ausgeschert ist, reden die Anwälte. Doch die Chancen stehen gut, dass sich nach der ersten Aufregung der Fortschritt einstellt, zum Nutzen aller. Vor allem der Kunden.

Denn das darf bei aller Harmonie-Bewegung nicht vergessen werden: Wo sich Marktbegleiter einig sind, zahlt ein anderer die Zeche. Im Sport der Zuschauer, in der Wirtschaft der Kunde. Und auf dem Arbeitsmarkt sind es die Arbeitslosen (S. 78).

Für Konkurrenz zu sein heißt übrigens nicht, den Kampf um jeden Preis zu propagieren. Wer Erster sein will, kann dem Gegner gleichwohl mit Respekt und Fairness begegnen, anerkennen, wo der andere besser ist. Und dort kooperieren, wo es der eigenen wie der gemeinsamen Sache nützt. Wie das geht, das zeigt kaum ein Unternehmen eindrucksvoller als BASF. Um die 1800 große und kleine Kooperationen jonglieren die Manager des Konzerns, manche nur kurz, manche über viele Jahre. Dabei ist Fairness so wichtig wie eine klare Position: BASF ist weltweit in der Chemie die Nummer eins. Und will es bleiben (S. 64).

Intelligenz ist gefragt, wenn Konkurrenz zum Besseren führen soll. Aber auch Bedingungen, die ein Sich-Messen überhaupt erst erlauben. Im namibischen Dorf Otjivero konnte davon keine Rede sein, seit Anfang des Jahres aber beziehen die Dorfbewohner ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das Experiment ist einmalig, der Ausgang offen, die Lektion in Sachen Wettbewerb schon jetzt bemerkenswert: Er entsteht (S. 92). •

Gabriele Fischer,
Chefredakteurin

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